C.W.Gluck Alceste Bayrische Staatsoper München

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    • C.W.Gluck Alceste Bayrische Staatsoper München

      Bonjour ringsum an alle Opernfreunde,
      hat jemand von euch Glucks Alceste in München gesehen und gehört und könnte etwas dazu sagen? Mein Lieblingschoreograph, der von mir schon vor vielen Jahren hier hochgelobte und inzwischen berühmte Sidi Larbi Cherkaoui inszeniert die Aufführung und ich habe eine ziemlich miserable Kritik im Deutschlandfunk gehört. Dorothea Röschmann soll total überfordert sein und der Dirigent die Sänger und das Orchester mit unmotivierten und unpassenden Tempi durch die Oper jagen. Der Ritter gluck würde sic h im Grabe umdrehen..... Die kurzen Ausschnitte die ich im Netz gesehen habe, fand ich choreographisch allerdings spitzenmässig. Hat jemand einen persönlichen Eindruck zu teilen? :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Ich bin jetzt live dabei, habe gerade eingeschaltet... und gespannt , wie es Dir , lieber Giovanni, gefällt! Unseren gemeinsamen Rameau hab ich ja noch in sehr schöner Erinnerung.Leider bin ich mittlerweile bei meinen Besuchen in Augsburg als Omi von mittlerweile 4 Zwergen so eingespannt, dass ich es nicht mehr nach München geschafft habe. nichtmal in Augsburg selbst war ich in der Oper..... nun hör ich aber weiter... der Tenor bzw die Tenöre scheinen Spitze zu sein :clap: :fee:
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    • Allererster unmittelbarer Eindruck: Mit der Einschränkung, dass ich leider nicht Alles gesehen habe, stelle ich mir die Frage, ob der Kritiker des DLF dieselbe Oper gesehen hat wie ich????? Ich kann diese negative Kritik jedenfalls nicht nachvollziehen . Natürlich ist Dorothea Röschmann keine zweite Callas, aber sie ist m.E. der Rolle stimmlich gewachsen und nicht überfordert. Sie hat zwar kein besonderes Charisma und ist auch nicht das Idealbild einer griechischen Heldin, aber wenn man die Ansprüche der Rolle bedenkt, finde ich ihre Leistung gut. Leider habe ich die Paradearie "Divinités du Styx" nicht gehört :heul1:
      Hervorragend besetzt in jeder Hinsicht fand ich Charles Castelnuovo als Admetos- das ist mal ein toller Tenor ! Ich hatte ihn vorher nie gehört und bin sehr angetan :clap: Der Herr wird sicher noch viel von sich reden und hören machen.
      Entweder war ich zu sehr von der Inszenierung gefangen oder ich bin taub, aber ich kann auch die herbe Kritik an Manacordas Dirigat nicht nachvollziehen . Vielleicht war der Kritiker in der Premiere, wo alle noch arg nervös waren? Keine Ahnung .....;
      Sidi Larbi Cherkaoui hat mich trotz hoher Erwartungen nicht enttäuscht. Es macht immer wieder grosse Freuden, seinen Ideen und Inspirationen zu folgen. Für meinen Geschmack könnte in jeder Oper der Tanz ein Spiegelbild der gesungenen Emotionen sein .Bei den Duo-Szenen des Ehepaars war das besonders gut gelungen. Da glückliche Paare ja angeblich langweilig sind, ist es eine besondere Herausforderung, Eheglück überzeugend auf die Bühne zu bringen. Betrug, Verrat, Eifersucht und Gewalttaten eignen sich als dramatische Objekte natürlich besser. Cherkaoui sieht das offenbar nicht so- genausowenig wie Gluck. Allein schon das macht mir diese Oper sympathisch <3 Schade dass Puccini und Wagner sich da nicht mal haben inspirieren lassen. Wie wäre es, wenn Butterfly und Pinkerton oder Mimi und Rodolfo sich streiten, wer sich opfern darf? Oder Kundry und Parsifal oder Senta und der Holländer ? Das täten sich mal ganz neue interessante Perspektiven auf :pfeif:
      Besonders gut hat mir die Unterweltsszene gefallen: die Toten bzw Untoten als schauriges Ballett in Schwarz und auf Stelzen, als überdimensionaler Horrortrip. Dazwischen die beiden Protagonisten in Gelb- schon rein ästhetisch sehr ansprechend. Den Chor und das Ballet gleichzeitig und oft miteinander verschmelzend als Chor im griechischen Sinne einzusetzen, hat mir auch sehr gut gefallen.Ich schicke einen liebevollen Gedanken zum verstorbenen leidenschaftlichen Gluck-Liebhaber Per Brixius-er wäre sicher begeistert! :fee: Bin sehr auf weitere Eindrücke gespannt.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Hallo zusammen,

      ich bin gestern in der Aufführung während der Opernfestspiele gewesen und mag kurz berichten. Es war meine erste Live-Begegnung mit dem Stück, aber ich kenne die Oper recht gut von der Gardiner-Aufnahme.

      Im Grunde ist es ja ein schwieriges Stück: eigentlich gibt es nur drei Rollen, von denen eine (Hercule) erst im dritten Akt auftritt, die andere (Admète) erst im zweiten Akt auf der Bühne zu sehen ist. Alles weitere Personal sind Funktionsträger (Apollon-Priester) und die Coryphee. Chor und Ballett sind in vielen Tableau-artigen Szenen vertreten. Auf dieser Basis liegt sehr viel Verantwortung auf den Sängern von Alceste und Admète, die große Passagen des Stücks mit ihren Emotionen gestalten müssen.

      Die Idee bei einem Stück, in dem viele Ballettszenen enthalten sind, die Handlungsszenen aber auch wenig echte Interaktion verlangen, Sidi Labi Cherkaoui als Regisseur anzufragen, fand ich sehr gelungen. Großenteils fand ich auch alle, nicht nur die Ballettszenen recht gelungen inszeniert. Sehr lächerlich fand ich die Inszenierung der ersten Szene im ersten Akt und die der Kampfszene im dritten Akt zwischen Hercule und den Dämonen der Unterwelt. Das war auf Schultheater-Niveau in meinen Augen.

      Leider war ich gerade am Anfang des ersten Akts auch von der musikalischen Qualität des Dargebotenen wenig begeistert. Sowohl der in meinen Ohren zu klein besetzte Staatsopernchor als auch das Orchester haben ordentlich gewackelt, die kleineren Fugati klangen schlechter als mancher durchschnittliche Kirchenchor, da haben sich bei mir schon ein paar Nackenhaare aufgestellt. Aber es wurde schon mit der zweiten Szene im Apollontempel deutlich besser mit Präzision und Charakterisierung im Orchester sowie der Logik der Inszenierung.

      Gesanglich wie darstellerisch hat mich Dorothea Röschmann nicht überzeugen können: die Alceste ist eine klassische Mezzo-Rolle mit einigen hohen Tönen: viele Passagen liegen recht tief für einen Sopran, das hörte man immer wieder. Aber das ist in meinen Ohren nicht das große Problem gewesen: die Rolle der Alceste ist voll mit unterschiedlichsten Emotionen, auch der Text verweist ununterbrochen darauf: diese muss man in dieser Rolle in meinen Ohren hörbar machen. Mich hat das Angebotene leider überhaupt nicht überzeugt. Selbst in den besten Szenen von Röschmann habe ich immer wieder gedacht: was würde eine Veronique Gens, eine Emily Fons oder eine Joyce di Donato aus diesen Passagen machen können (und von der verstorbenen Lorraine Hunt Lieberson mag ich gar nicht träumen). Sängerisch schien mir das französische Barocktimbre überhaupt nicht getroffen zu sein.

      Mit Charles Castronovo war ich deutlich zufriedener, wobei seine Stimme eigentlich auch kein HauteContre ist, er in der hohen Tessitura der Partie aber immerhin überzeugende Töne produzieren kann. Aber letztlich gilt auch hier, er hat hier an vielen Stellen einen Proto-Verdi-Ton produziert, der mit HauteContre gar nichts zu tun hat: viel mehr Lyrik, viel weniger Kraft wäre nötig gewesen.

      Von den übrigen Partien verdient eigentlich nur Anna El-Khashem in der Partie der Sopran-Coryphee eine (lobende) Erwähnung: jedesmal, wenn sie sang, war ein herzerwärmender Ton zu hören, sie konnte sich bewegen, alles perfekt. Auch beim Applaus war der Jubel für sie deutlich größer als für die Sänger der Hauptrollen .....

      Auch das Dirigat von Antonello Manacorda hat mich nicht überzeugen können: ich nehme an, dass auch er in der Premiere aufgeregt war, weswegen dort die schnellen Tempi erwähnt worden sind. Grundsätzlich war mir die Gesamtleitung der Musik viel zu unbeteiligt, klanglich wirkte das Ganze viel zu ungestaltet, manchmal regelrecht strohig. Mein Gesamteindruck bei Manacorda war, dass er die Schönheiten der Musik gar nicht begriffen hat.

      Für den Juni des kommenden Jahres sind vier weitere Aufführungen angekündigt, mit Stanislas de Barbeyrac ist immerhin für den Admète eine vielversprechende Neubesetzung geplant.

      Insgesamt ist das für mich eine vertane Gluck-Chance. Da hat sich die Staatsoper nicht mit Ruhm bekleckert.

      Gruß Benno