Stummfilme mit Live-Musik

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    • Stummfilme mit Live-Musik

      Vor wenigen Wochen erlebte ich in der Stadthalle Heidelberg - ich hatte mich kurzfristig und spontan entschlossen hinzugehen - ein ästhetisches Erlebnis besonderer Art - besonders, da es für mich eine Erstbegegnung war und ich auf diesem Gebiet bislang keine eigenen Erfahrungen habe: einen Stummfilm mit Live-Orchester. Derartige Veranstaltungen sind anscheinend in den letzten Jahren wieder beliebter geworden und es hat, wie ich feststellen konnte, schon einen ganz eigenen Reiz, diese Verbindung von Kino und Konzert selbst zu erleben. Die Veranstaltung in Heidelberg war allerdings alles andere als ausverkauft - Sommerzeit!

      Es handelte sich um den Stummfilmklassiker Nosferatu. Eine Symphonie des Grauens (Deutschland 1922, Regie: Friedrich Wilhelm Murnau). Über den Film selbst (ich kannte ihn vom Fernsehen) muß ich hier wohl nicht allzuviel verraten: Es handelt sich um einen Film nach dem bekannten Klassiker aller Vampirromane Dracula von Bram Stoker. Im Film heißt der blutsaugende Protagonist Orlok, aufgrund von urheberrechtlichen Streitigkeiten mit den Erben des Dracula-Autors, die, glücklicherweise erfolglos, versucht hatten, alle Filmkopien vernichten zu lassen. Der Film gilt als Klassiker und Urbild aller Horrorfilme bis heute.

      Der Soundtrack, der der Heidelberger Aufführung zugrunde lag, entstand erst 75 Jahre nach den Dreharbeiten und stammt von James Bernard (1925-2001). 1955 wurde er vom Musikdirektor der Produktionsfirma Hammer Films entdeckt; für einige Horrorfilme dieser Gesellschaft komponierte er die Filmmusik. Das Programmheft vermerkt, daß Nosferatu die letzte Filmmusik Bernards und damit der krönende Abschluß seines erfolgreichen Schaffens gewesen sei.

      James Bernard über seine Musik:
      Murnau nannte den Film 'Eine Symphonie des Grauens', also musste ich eine Filmmusik schreiben, die wie eine Symphonie zusammengehalten wird - das Ergebnis ist ein Netz verschiedener Themen. Die Kraft von Orloks Bosheit muss stark fühlbar sein. Sein Thema ist unnachgiebig und es wird von einer vergrößerten Blechbläsergruppe gespielt: 4 Posaunen, 4 Trompeten und eine Tuba. Ich nahm seinen Namen, um das Thema zu entwickeln - Nos - fe - ra - tu - wie ich es oft in meinen Filmmusiken gemacht habe, zum Beispiel in 'Dracula'. Ellen hat ein romantisches Thema, das von einer großen streichergruppe gespielt wird. Wenn die Krähe ruft, wird Ellens Thema immer wichtiger und zwingt Orloks Thema, zum Thema der Tugend zu werden. Es erreicht seine Finalkadenz erst, wenn sie stirbt.
      Mir noch in Erinnerung ist das unbeschwerte, heitere Thema, das den tragischen Held Thomas Hutter (der nach Transsylvanien reist und damit unfreiwillig das Böse in sein Leben holt). An der Erläuterung des Komponisten wird auch deutlich, wie Richard Wagners Leitmotivtechnik bis ins 20. Jahrhundert wirkt. Daß Filmkomponisten sich auch heute noch gern an klassische Vorbilder halten, ist ihnen ja auch schon zum Vorwurf gemacht worden (Trivialmusik?), aber das muß vermutlich differenzierter betrachtet werden: Schließlich hat diese Art von Musik konkrete Rahmenbedingungen und Anforderungen, die sich von "absoluter Musik" unterscheiden. Doch an dieser Stelle möchte ich den Stab gern an die Kenner/innen weiterreichen.

      Insgesamt war ich beeindruckt und fasziniert: ein großer Abend war das für mich, weitere Erfahrungen in diesem Genre möchte ich unbedingt machen! Das Philharmonische Orchester der Stadt Heidelberg unter Dietger Holm spielte expressiv und präzise - man merkte, daß die Musiker Lust an ihrer Arbeit hatten.

      Der Film für sich genommen hat mich nicht so sehr begeistert, auch wenn ich seine filmhistorische Bedeutung gern anerkenne, aber ich bin nun einmal kein Freund von Horrorfilmen.

      Nun ein paar Fragen in die Runde (da ich kein Kenner von Filmmusik bin, möchte ich das Thema möglichst offen lassen):
      • Welche Erfahrungen habt Ihr mit Stummfilm-Aufführungen mit Live-Musik?
      • Was haltet Ihr allgemein für wissenswert, z. B. über die Geschichte dieser Art von Aufführungen?
      • Handelt es sich dabei um eine eher fragwürdige Art von Historismus oder ist es im Gegenteil verdienstvoll und lohnenswert, alte Stummfilme in dieser Weise wiederzubeleben?
      • Veranstaltungstips?
      • ...?!
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Lieber Gurnemanz,

      ab und zu treffe ich mal einen Schlagzeuger der BSO in der SBahn, wenn wir beide auf dem Weg zur Oper sind und da kann ich mich noch gut an ein Gespräch erinnern, als er mir begeistert von so einem Unternehmen berichtete. Bei Google kann man da auch recht gut fündig werden, denn die Begleitung von Stummfilmen scheint in zu sein.

      Liebe Grüße
      Ingrid
    • Lieber Gurnemanz, zuPunkt ... .?! :

      mein Grossvater war in jungen Jahren Stummfilm-Pianist und ich fände es wunderbar, mal einen Film mit Live-Begleitung ansehen zu können, um mir ein Bild davon zu machen.

      Leider gibt es keinerlei Dokumente mehr, da im Krieg zweimal in Köln komplett ausgebombt.



      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • RE: Stummfilme mit Live-Musik

      Gurnemanz schrieb:


      Nun ein paar Fragen in die Runde (da ich kein Kenner von Filmmusik bin, möchte ich das Thema möglichst offen lassen):
      • Welche Erfahrungen habt Ihr mit Stummfilm-Aufführungen mit Live-Musik?
      • Was haltet Ihr allgemein für wissenswert, z. B. über die Geschichte dieser Art von Aufführungen?
      • Handelt es sich dabei um eine eher fragwürdige Art von Historismus oder ist es im Gegenteil verdienstvoll und lohnenswert, alte Stummfilme in dieser Weise wiederzubeleben?
      • Veranstaltungstips?
      • ...?!
      In den 60/70er Jahren war ich Programmassistent im Frankfurter Amerika Haus und wurde dort so etwas wie ein Spezialist für (natürlich vorwiegend amerikanische) Stummfilme. Der Höhepunkt meiner Aktivitäten in dieser Beziehung war eine Reihe von 50 Veranstaltungen mit amerikanischen Stummfilmen, eine Art Spezialfestival also, für das ich einen jungen Musikstudenten und Korrepetitor namens Joachim Bärenz engagierte, der ein sehr gutes Improvisationstalent hatte und so viel zum Erfolg des Festivals beitrug, dass er fortan eine eigene Karriere auf dieser Beschäftigung aufbauen konnte, für die er 2003 sogar den Preis der deutschen Flmkritik erhielt. Er ist noch heute aktiv, und seiner Homepage kann man auch seine aktuellen Termine entnehmen: stummfilm.info/musikbegleitung/baerenz/2009/index.html.

      Aufführungen von Stummfilmen mit Live-Orchester oder wenigstens Klavierbegleitung sind keineswegs verfehlter Historismus, sondern eigentlich die einzige Art, Stummfilme angemessen zu präsentieren - wenn man so will, eine Art HIP der frühen Filmkunst. Ich hatte mir schon im alten Forum vorgenommen, einmal einen Überblick über die Entwicklung zur Filmmusik vor hundert Jahren zu geben, kam aber nie dazu. Ich werde das Projekt aber gerne etwas nach oben ziehen. Deshalb nur kurz die Anmerkung, dass es bis zur Durchsetzung des Tonfilms nicht nur üblich, sondern in allen Erstaufführungshäusern unabdingbar war, dass neue Filme nicht nur koloriert, sondern auch mit großem Orchester vorgeführt wurden. Dafür lieferte die Produktion eigens ausgearbeitete Partituren, von denen heute leider kaum mehr welche erhalten sind. Erhalten ist natürlich die von Richard Strauss für den ROSENKAVALIER-Film komponierte Orchesterfassung seiner Oper mit vielen Ergänzungen, ohne die der stocksteife Film heute kaum mehr zu ertragen wäre.

      Nur mittlere Häuser beschieden sich mit kleinen Ensembles oder der großen Wurlitzer Kinoorgel, mit der ich einmal einen von Harold Lloyds "Hauskomponisten" Gaylord Carter dargebotenen Live-Soundtrack zu dessen THE KID BROTHER in Los Angeles aufnehmen konnte, der später im ZDF gesendet wurde. Pianisten kamen meist nur in Nachmittagsvorstellungen und Nachspielhäusern zum Einsatz. Das Aufkommen des Tonfilms war nicht zuletzt eine große finanzielle Katastrophe für viele Kinomusiker, die nicht in den neu geschaffenen Tonfilmorchestern unterkommen konnten.

      Man kann also durchaus behaupten, dass man keinen Stummfilm richtig gesehen hat, wenn nicht mit Live-Musikbegleitung. Gerade dieses Element des Live-Charakters machte viel von seinem Reiz aus, weil eine Filmvorführung auf diese Art, ähnlich wie eine Opernaufführung, nie zweimal ganz dasselbe Erlebnis bot. Natürlich sind die Soundtracks, die man heute Stummfilmen mitgibt, ein Ausgleich, allerdings nur ein schwacher, und leider verkennen zu viele heutige Komponisten solcher Soundtracks ihre Aufgabe, indem sie den Auftrag zu einer Eigenprofilierung auf Kosten des Films nutzen und ihr kompositorisches Können (oft auch nur dessen Grenzen) in den Vordergrund stellen oder, fast schlimmer noch, den Film aufzupeppen versuchen, wie das viele Soundtracks zu den klassischen Filmkomödien tun oder - ein schlimmes Extrembeispiel - wie es Giorgio Moroder mit seinem aufgepopten Soundtrack zu Fritz Langs METROPOLIS getan hat, der zwar eine gewisse Popularität genoss, den Film aber erheblich verflachte, weil er ihn dominierte und verfremdete.

      Das nur zur Information vorab, denn den wenigsten ist heute noch bewusst, was für eine reichhaltige Kultur damit untergegangen ist und größtenteils unrettbar verloren ging, weil nach dem Aufkommen des Tonfilms natürlich niemand daran dachte, das Material aufzuheben.

      Aber davon mehr ein andermal.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Ingrid schrieb:

      [...] die Begleitung von Stummfilmen scheint in zu sein.

      FairyQueen schrieb:

      [...] ich fände es wunderbar, mal einen Film mit Live-Begleitung ansehen zu können, um mir ein Bild davon zu machen.

      Rideamus schrieb:

      [...] den wenigsten ist heute noch bewusst, was für eine reichhaltige Kultur damit untergegangen ist und größtenteils unrettbar verloren ging [...]
      Vielen Dank für Eure schnellen Antworten, die mir - nicht ganz unerwartet - zeigen, daß das Thema hier Interesse findet. Und besonderen Dank Dir, lieber Rideamus, für die schöne Einführung (auf die ich schon beim Absenden meines ersten Beitrags leise gehofft hatte)!

      Es gibt übrigens noch einen weiteren Stummfilm-Livemusik-Fan, der sich hier sicher noch zu Wort melden wird: Johannes (Guercoeur), der mich bereits vor Monaten auf eine besondere Veranstaltung im nächsten Jahr aufmerksam gemacht hat: Am 12. und 13. 03.2010 wird der Hessische Rundfunk in Frankfurt Fritz Langs zweiteiligen Stummfilm Die Nibelungen präsentieren, in einer restaurierten Fassung mit der live gespielten originalen Begleitmusik von Gottfried Huppertz (hr-Sinfonieorchester, Leitung: Frank Strobel). Näheres hier. Auch das liegt musikalisch in der Tradition Wagners:
      Ganz dem Erbe Wagners verpflichtet, stattete Huppertz in seiner Musik jede Person und jeden Gegenstand von Bedeutung mit Leitmotiven aus und schuf so gewissermaßen einen zweiten »Ring des Nibelungen«.
      Interessant?
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Ja, lieber Gurnemanz,

      als großer Liebhaber dieser glücklichen Verbindung des Mediums Stummfilm mit einer Konzertaufführung kann ich Deine Begeisterung über die von Dir besuchte Veranstaltung nur allzu gut nachvollziehen.

      Zu meinen zahlreichen Konzerterlebnissen gehörten inzwischen etliche Stummfilm- mit Live-Musik-Konzerte, die mich immer wieder stark fasziniert haben. Unter anderem waren dabei:

      The Wind. USA 1928
      Regie: Victor Sjöström (1879-1960)
      Musik und Leitung: Carl Davis (*1936)
      Alte Oper Ffm., 04/1989

      Ben Hur. USA 1924-26
      Regie: Fred Niblo (1874-1948)
      Musik und Leitung: Carl Davis (*1936)
      Alte Oper Ffm., 04/1989

      Der müde Tod. D 1921
      Regie: Fritz Lang (1890-1976)
      Musik: Karl-Ernst Sasse (1923-2006)
      Alte Oper Ffm., 02/1996

      Metropolis. D 1926
      Regie: Fritz Lang (1890-1976)
      Original-Musik: Gottfried Huppertz (1887-1937)
      HR-Sendesaal, Ffm., 12/2005

      Das neue Babylon. UdSSR 1928/29
      Regie: Grigori Kosinzew (1905-1973) & Leonid Trauberg (1902-1990)
      Original-Musik: Dmitri Schostakowitsch (1906-1975)
      HR-Sendesaal, Ffm., 03/2000

      Odna (Allein). UdSSR 1930/31
      Regie: Grigori Kosinzew (1905-1973) & Leonid Trauberg (1902-1990)
      Original-Musik: Dmitri Schostakowitsch (1906-1975)
      HR-Sendesaal, Ffm., 12/2006

      Außerdem habe ich in den 90ern in der Alten Oper einige Charlie Chaplin-Filme in dieser Form erleben dürfen wie z. B. City Lights, The Idle Class, The Kid.

      Einschränkend muß ich jedoch, was meine Vorliebe betrifft, hinzufügen, daß die Musikbegleitung möglichst eine (groß-)orchestrale sein sollte, da mir bei Veranstaltungen mit Klavierbegleitung das Klaviergeklimper doch ziemlich schnell auf den Senkel geht.

      Was die Musik betrifft, so bevorzuge ich auf jeden Fall die jeweils im Zusammenhang mit dem Film entstandene Originalkomposition und stimme mit Rideamus vollkommen überein, daß viele nachträglich geschriebene Musiken den Charakter des Films unnötig verfälschen können.

      Die von Gurnemanz genannten beiden Abende mit Fritz Langs zweiteiligem (ca. fünfstündigen!) Monumentalwerk mit der Originalmusik von Gottfried Huppertz kann ich jedem dieser Aufführungsform gegenüber aufgeschlossenen nur wärmstens empfehlen - handelt es sich gewiß um eine der interessantesten Veranstaltungen dieser Art der letzten Jahre!

      :wink:
      Johannes
    • Guercoeur schrieb:


      Odna (Allein). RUS 1930/31
      Regie: Grigori Kosinzew (1905-1973) & Leonid Trauberg (1902-1990)
      Original-Musik: Dmitri Schostakowitsch (1906-1975)
      HR-Sendesaal, Ffm., 12/2006
      Zwar nicht das Live-Erlebnis, immerhin aber eine optimale Konserve mit der von der "Basel Sinfonietta" im Auftrag von ZDF und ARTE eingespielten, originalen Filmmusik zu einer liebevoll restaurierten Fassung des Films selbst enthält diese Edition:


      Überhaupt haben sich die Herausgeber, Absolut Medien, ganz enorm um die Pflege des Stummfilms in möglichst authentischen Fassungen verdient gemacht.
      Außerdem habe ich in den 90ern in der Alten Oper einige Charlie Chaplin-Filme in dieser Form erleben dürfen wie z. B. City Lights, The Idle Class, The Kid.

      Als eine seiner letzten Taten hatte Chaplin eine Gesamtedition seiner großen Filme aufbereitet, zu denen er bekanntlich auch die Musik geschrieben hatte. Diese liebevolle Edition ist heute leider nur noch antiquarisch und meist zu Mondpreisen erhältlich, aber wer sich eine davon sichern kann, sollte das tun, denn die Edition ist eine der authentischsten, die wir heute zu den großen Stummfilmen und ihrer Musik haben.



      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Guercoeur schrieb:

      Einschränkend muß ich jedoch hinzufügen, daß die Musikbegleitung möglichst eine (groß-)orchestrale sein sollte, da mir bei Veranstaltungen mit Klavierbegleitung das Klaviergeklimper doch ziemlich schnell auf den Senkel geht.

      Naja, ich würde sagen, das hängt davon ab, wie gut der Pianist ist. Es gibt in Deutschland einige hervorragende und sehr begehrte Könner (der in diesem Thread bereits erwähnte Joachim Bärenz ist nur einer von ihnen), deren Klavierbegleitungen ein echter Genuss sind. Das abwertende Wort "Geklimper" ist da durchaus unangebracht. (Es sei denn, man mag generell den Klavierklang nicht, aber das wäre etwas anderes.) Ein großes Orchester ist m.E. einem erstklassigen Pianisten keineswegs grundsätzlich vorzuziehen, aber zugegebenermaßen mögen hier auch individuelle Vorlieben eine gewisse Rolle spielen.


      Natürlich ist es immer ein großes Glück, wenn Originalpartituren von Stummfilmmusiken wieder auftauchen. Doch können auch diese unter Umständen ungeahnte Probleme bereiten. So die Partitur von Gottfried Huppertz zu Fritz Langs "Metropolis". Huppertz macht offenbar Tempovorgaben, die nur zu einer Laufgeschwindigkeit des Films von 25 Bildern pro Sekunde passen. Dementsprechend wurde die Bildgeschwindigkeit auf der neuen und bestrestaurierten "Metropolis"-DVD in der Edition der Fa. Transit auf 25 B./sec. heraufgesetzt. Jetzt sind zwar Bild und Musik synchron, aber die Bildgeschwindigkeit ist in einigen Sequenzen eindeutig zu hoch, die Personen im Film bewegen sich dann schneller als im normalen Leben, der berüchtigte "Zappeleffekt" ist nicht weit. Bisher hat mir noch kein Experte dieses merkwürdige "Huppertz-Phänomen" aufklären können.


      In jedem Fall, darauf hat Rideamus ja schon hingewiesen, gehört eine musikalische Begleitung essentiell zum Stummfilm. Wer will, kann ja mal die Probe machen, und bei einer Stummfilm-DVD den Ton abschalten. Wirklich stumme Bilder, die dann an einem vorübergleiten, sind wie seelenlose Schatten, man kann ihnen nur mühsam folgen, sie berühren einen nicht. Die Musik fügt eine Ebene hinzu, die für das Filmerlebnis unentbehrlich ist. Und darum hat es auch vor der Erfindung des Tonfilms niemals ganz stumme Vorführungen gegeben.
    • Rideamus schrieb:

      .....- ein schlimmes Extrembeispiel - wie es Giorgio Moroder mit seinem aufgepopten Soundtrack zu Fritz Langs METROPOLIS getan hat, der zwar eine gewisse Popularität genoss, den Film aber erheblich verflachte, weil er ihn dominierte und verfremdete.


      Ich kenne eine Begleitmusik mit modernem Jazz des Mike Westbrook Orchestra:



      Mike Westbrook hat dies in Britain wohl auch so oder so ähnlich live zum Film mehrere Male aufgeführt. Die CD finde ich toll, aber ob es live wirklich zum Film passt, kann ich nicht beurteilen.

      Wenige Schritte von meiner Berliner Wohnung entfernt ist übrigens das Alhambra. Wo heute ca. 5 kleine Kinos drin sind, war früher ein großes Uraufführungskino, das zur Weimarer Zeit für sein Kammerensemble mit "ultra-moderner", - einem Lieblingswort der Zeit - , Begleitmusik berühmt war. Die "Block-Buster" der Zeit liefen am Kudamm mit großem Orchester an, aber vieles andere lief hier an. Um für dieses Kammerorchester oder kleinere kammermusikalische Formationen zu schreiben und sie zu leiten, waren u.a. zeitweilig Kurt Weill, Stefan Wolpe u.a. ernsthafte Komponisten der Zeit am Alhambra angestellt. Da würde ich schon gerne mal eine kurze Zeitreise antreten.

      :wink: Matthias
    • Ich habe mal Panzerkreuzer Potemkin von Eisenstein mit Liveorchesterbegleitung vor 15 Jahren in Basel gehört. Das war absolut umwerfend. Die Wirkung des bekanntermassen fantastischen Films, hat sich durch die LiveOrchesterbegleitung eines Herrn Meisels wirklich vervielfacht- allein die Schlusssequenz in der zwei russische Schiffe (eins davon dei Potemkin) aufeinander zulaufen und es darum geht, ob sich das andere Schiff der Revolution anschliesst oder das Schiff beschiesst, ist wirklich Wahnsinn. Man sieht in einer irrsinnigen Schnittfolge Die Kanonen und die entsetzen Gesichter der Matrosen, dazu eine Musik, die fast nur aus regelmässigen Paukenschlägen besteht, die das Tempo am Schluss verdoppeln und die Spannung bis zum Happy End extrem in die Höhe treibt. Sehr zu empfehlen !
      Gruss
      Syrinx
      Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen, Wenn es nicht aus der Seele dringt Und mit urkräftigem Behagen Die Herzen aller Hörer zwingt.
      Goethe, Faust 1
    • Hallo Syrinx,

      Syrinx schrieb:

      Ich habe mal Panzerkreuzer Potemkin von Eisenstein mit Liveorchesterbegleitung vor 15 Jahren in Basel gehört. Das war absolut umwerfend. Die Wirkung des bekanntermassen fantastischen Films, hat sich durch die LiveOrchesterbegleitung eines Herrn Meisels wirklich vervielfacht - . . .

      vielen Dank für Deinen enthusiastischen Bericht von der Baseler "Potemkin"-Aufführung. Ein ebenso mitreißendes Erlebnis hatte ich vor 16 Jahren während der Darbietung des Films mit derselben Musikfassung. (Vielleicht waren es bei der jeweils von Dir und von mir besuchten Aufführung sogar die gleichen Interpreten, die das berühmte Meisterwerk in mehreren europäischen Städten aufgeführt haben.)

      Bronenossez Potjomkin (Panzerkreuzer Potemkin). UdSSR 1925
      Regie: Sergej Eisenstein (1898-1948)
      Musik: Edmund Meisel (1894-1930)
      Interpreten: Südwestfälische Philharmonie, Mark Andreas
      Staatstheater Darmstadt, 04/1993

      Ursprünglich war für den Film gar keine Originalmusik vorgesehen, er gelangte aber dennoch nicht stumm, sondern mit einem Potpourri aus Ausschnitten klassischer Kompositionen (z. B. von Beethoven und Tschaikowski) zur Uraufführung.

      Die Begleitmusik Edmund Meisels war dann eigens für die deutsche Fassung 1926 komponiert worden.

      Die 1999 auf 3sat gesendete Version, in der Ausschnitte aus Symphonien Schostakowitschs verwendet wurden, fand ich zwar auch recht interessant, konnte aber dennoch nicht die fesselnde Wirkung der furiosen Musik Meisels entfalten.

      :wink:
      Johannes
    • Den Potemkin mit der Musik von Meisel habe ich damals in den 90ern in der Südwestfälischen Philharmonie einige male mitaufgeführt.

      Ich fand die Musik sehr interessant und mitreißend.

      Im Augenblick bereiten wir nun einige Aufführungen des Filmes im hiesigen Cineplex vor, allerdings mit einer von Frank Strobel neu zusammengestellten Musikfassung, welche großen Gebrauch von Schostakowitsch's 4.,5., 10. und 11. Sinfonie macht.

      Diese Fassung ist noch nie aufgeführt worden und heute haben wir sie zum ersten male durchgespielt.
      Ich denke, daß es sehr gut funktionieren wird und auch recht eindrucksvoll ist, allerdings hätte ich trotzdem viel lieber nochmal die orginale Musik von Edmund Meisel gespielt.

      LG,
      Michael
    • Gerade in der letzten Zeit erschienen/erscheinen ja sehr gute und sehr verdienstvolle DVD Produktionen, in denen die Musik in bester Qualität neu eingespielt und meistens restauriert wurde, wobei größter Wert auf Authentizität gelegt wurde. Ich kenne die schon genannten DVDs Odna, Das neue Babylon (beide Schostakowitsch) und Panzerkreuzer Potemkin (mit der Musik von Meisel). (In letzter Zeit sind auch viele sehr gute Ballett-DVDs erschienen.) Eine tatsächliche Live-Aufführung wäre natürlich noch ein ganz anderes Erlebnis. Ich selbst habe vor vielen Jahren mal eine Liveveranstaltung im lokalen Kino erlebt (habe den Namen des Stummfilms vergessen) mit etwa einem halben Dutzend Musiker, das war recht anregend. Johannes' Erlebnisse in diesem Bereich mit großen Orchestern stehen aber sicherlich noch ein paar Stufen höher.

      Nachtrag: Die "Treppe von Odessa" im Panzerkreuzer Potemkin ist m. E. sowohl rein filmisch, aber auch besonders mit Meisels Musik, eine der genialsten Szenen in der Filmgeschichte.

      :wink: maticus
      Bartolo hatte Recht. --- Andreas März
      This is Bartolo, King of the King of Wines. --- Alan Tardi
    • Gurnemanz schrieb:

      Veranstaltungstips?


      Lieber Gurnemanz,

      ich war schon sehr lange nicht mehr da, aber zu meiner Bonner Studentenzeit war ich ein regelmäßiger Gast hier:


      "http://www.film-ist-kultur.de/sommerkino/soki_2009.shtml"


      Dort werden (in diesem Jahr) an 11 Tagen Stummfilme mit Live-Klavierbegleitung gezeigt. Geleitet wurden und werden diese von Stefan Drößler, zu meiner Zeit Leiter des Programmkinos Brotfabrik in Bonn, jetzt Leiter des Filmmuseums in München. Ich habe an dieses Festival beste Erinnerungen, da ich dort viele komplett unbekannte, aber sehr beeindruckende Filme gesehen habe. Leider kann ich mich bei den meisten nicht mehr an die Namen erinnern. Sehr wohl kann ich mich aber an die begeisterten Berichte von Stefan Drößler erinnern, wenn er mal wieder von irgendeinem japanischen Sammler die einzige (oder einzige vollständige, oder einzige in guter Qualität vorhandene) Kopie für das Festival besorgen konnte.

      Leider hilft Dir das gerade weder zeitlich, noch örtlich, aber wer immer mal zu dieser Zeit in Bonn ist, sollte sich da auch die unbekannten Sachen anschauen.

      Viele Grüße,

      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • In Heidelberg gibt es demnächst wieder einmal einen berühmten Stummfilm mit Live-Orchester:
      Charlie Chaplin: „Lichter der Großstadt”

      Ort: Heidelberg, Stadthalle
      Zeit: 31.07. und 01.08. jeweils 20:00-21:30 Uhr

      Das Philharmonische Orchester der Stadt Heidelberg wird geleitet von GMD Cornelius Meister. Welche Musik erklingen wird (gibt es da mehrere Versionen?), geht aus den Angaben auf der Homepage nicht hervor ("http://www.theaterheidelberg.de/servlet/PB/menu/1341418_l1/index.html").

      Im letzten Jahr gab es Nosferatu (Murnau, s. o.). Vielleicht wird es wieder so beeindruckend?

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Oh wie schön! Abermals ein toller Klassiker des Stummfilmkinos!!! :sev:

      Diesen Film habe ich vor ziemlich genau 14 Jahren, im Juni 1996, in der Alten Oper Ffm. mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg unter Leitung von Frank Strobel gesehen. Ein zutiefst anrührendes Erlebnis!

      Die damals gespielte Originalmusik von Charlie Chaplin (1931) wird auch in der Heidelberger Aufführung unter Cornelius Meister zu hören sein.

      :wink:
      Johannes
    • Am 20.08.2010 wird das Bundesjugendorchester im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt unter der Leitung von Frank Strobel eine neu komponierte Filmmusik zum Stummfilm "Nathan der Weise" live aufführen. Die Musik wurde von Rabih Abou-Khalil komponiert, der auch als Solist mitwirken wird:


      Stummfilm mit symphonischer Musik von Rabih Abou-Khalil

      Nathan der Weise, Deutschland, 1922
      Regie: Manfred Noa
      Dauer: 123 Min.

      Young Euro Classic öffnet sich erstmals für die Welt des Films und präsentiert ein altes Meisterwerk in heutiger „Übersetzung“: Der restaurierte Stummfilm "Nathan der Weise" (1922), nach Lessings berühmtem Drama, mit neu komponierter Filmmusik.
      Man stelle sich mal vor, entwirft Lessing in „Nathan der Weise“, alle Religionen akzeptieren einander. Was daraus resultiert? Toleranz und Miteinander! Die Hauptrolle des Nathan spielte der berühmte Werner Krauss.

      Mit seiner neu komponierten Filmmusik vollzieht der libanesisch-deutsche Komponist Rabih Abou-Khalil den historischen Brückenschlag zwischen den drei Religionen auf musikalische Weise: Er verbindet europäische mit arabischer und jüdischer Tradition, er bezieht in seine symphonische Filmmusik für großes Orchester den altertümlichen Serpent, die arabische Kurzhalslaute Oud und moderne Percussion mit ein. Auf diese Weise entsteht ein außerordentlich spannungsvoller Dialog zwischen Film und Musik, Alt und Neu, Okzident und Orient.

      Quelle: h**p://www.young-euro-classic.de/programm/details/2010-08-20-neu-bundesjugendorchester-nathan-der-weise-446


      Leider werde ich nicht zu der Veranstaltung kommen können.

      Viele Grüße
      Frank