Florian Boesch

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    • Florian Boesch

      Heute möchte ich einen bemerkenswert vielseitigen Sänger vorstellen, den ich mir sehr gern anhöre. Die Rede ist vom österreichischen Bariton Florian Boesch.

      Zunächst ein ganz kurzer Abriss seiner Biographie:
      Florian Boesch wurde am 17. Mai 1971 in Saarbrücken in eine Künstlerfamilie hineingeboren, wuchs aber in Wien auf, wo er seinen Lebensmittelpunkt hat. Seinen ersten Gesangsunterricht erhielt er bei seiner Großmutter Ruthilde Boesch (1918–2012); auch sein Vater Christian Boesch (geboren 1941) hatte die Sängerlaufbahn eingeschlagen. Florian Boesch studierte in Wien an der Angewandten Produktdesign, außerdem ab 1997 bei Robert Holl Lied- und Oratoriengesang. Sein Debüt hatte er 2002 bei der Schubertiade Schwarzenberg, und seit den darauffolgenden Jahren tritt er auch auf der Opernbühne auf (Zürich, Wiener Volksoper, Stuttgart, Bregenz, Hamburg, Bolschoi, Los Angeles, Tokio, ...).
      Boesch verfügt über ein sehr breites Repertoire und scheut sich nicht, sich Raritäten zu widmen, neue+innovative Wege zu beschreiten (zum Beispiel tritt er regelmäßig gemeinsam mit der österreichischen Musikgruppe Franui auf, zB am 11. Jänner 2019 im Wiener Konzerthaus mit orchestrierten Kunstliedern) und den Dialog mit dem Publium zu suchen (gelegentlich spricht er nach dem Konzert im Foyer über seinen persönlichen Zugang zum eben Gebotenen, also wieso er es so singt, wie er es singt).
      Seit Herbst 2016 hat er an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien eine Professur für Lied- und Oratoriengesang.

      Florian Boeschs Repertoire reicht vom Barock (Händel, Vivaldi, Purcell, ...) über Mozart, Beethoven, dem Liederschaffen u.a. Schuberts, Schumanns, Mendelssohn-Oratorien, Berlioz, Dvořák, bis hin zu Krenek, Berg und Weill und zeitgenössischer Musik.
      Ich habe ihn mermals live gehört, und diese Live-Begegnungen zeugen von seinem breitgefächten Repertoire: Auf der Opernbühne als Wozzeck und als Zoroastro in Händels Orlando, und im Konzertsaal mit Liedern von Schubert, Schumann, Brahms und Schumann, außerdem mit Kreneks "Reisebuch aus den österreichischen Alpen". Boesch tritt in Wien häufig auf. Eine enge Zusammenarbeit verbindet/verband ihn mit Malcolm Martineau und Nikolaus Harnoncourt.

      Boesch verfügt über eine recht rauhe Baritonstimme, mit der ihm aber sozusagen die Quadratur des Kreises gelingt, denn er kann herb singen und gleichzeitig sehr gefühlvoll. Er neigt zum Gröhlen, das setzt er aber durchaus als Stilmittel ein. Seine Tiefe ist auffallend gut, im Piano trägt die Stimme teilweise zu wenig, seine Atmung ist ein kleines bisschen zu laut. Ja, seine Technik ist dezent ausbaufähig, aber noch ausreichend. Besonders gefällt mir sein natürlicher, ungekünstelter Zugang zu Kunstliedern. Wenn Schubert (oder wer auch immer) manieriert gebracht wird, halte ich das überhaupt nicht aus, aber bei Boesch habe ich das Gefühl, dass er mit intaktem Bauchgefühl und gesundem Hausverstand an die Sache herangeht und dann einfach natürlich singt. Vielleicht berührt er mich deshalb im Liedgesang so sehr. Ich habe das Gefühl, dass er sich bei dem, was er singt, etwas denkt. Vokalverfärbungen habe ich bei ihm noch keine bermerkt.

      Ich wäre versucht zu sagen, dass Boesch in vielerlei Hinsicht das Gegenteil eines von mir ebenfalls sehr geschätzten Sängers ist, nämlich von Christian Gerhaher. Gerhaher hat eine sehr hohe, kultivierte Stimme, Boesch eine tiefere, dunkler gefärbte, teilweise rauhe. Gerhaher erweckt den Eindruck, perfekt sein zu wollen, Boesch legt eher Wert auf Natürlichkeit. Gerhaher konzentriert sich auf ein schmales Repertoire, Boesch auf ein breites. Gerhaher tritt als sensibler, in sich gekehrter Sänger auf, Boesch als natürlicher, kommunikativer, allerdings auch nicht minder ernsthafter. Ich möchte die beiden keinesfalls gegeneinander ausspielen, aber der Vergleich drängt sich mir auf, da beide nicht selten mit denselben Werken zu hören sind und sie doch eine ganz andere Heransgehensweise haben. Glücklich die Zeit, die diese beiden sehr guten Sänger hat.

      Außerdem möchte ich erwähnen, dass Boesch am Konzertpodium auffallend sympathisch wirkt, ohne sich dem Publikum anzubiedern. Als zum Beispiel jemand während Kreneks Reisebuch in die kurze Stille zwischen zwei Liedern einen für mich akustisch nicht verständlichen Zwischenruf tätigte, blieb Boesch ganz gelassen und antwortete: "Hab ich nicht verstanden" (der Zwischenrufer verzichtete allerdings darauf, noch etwas verlauten zu lassen). Heute bei einem Liederabend im Wiener Konzerthaus sprach er ein paar wenige Sätze zum Publikum und teilte mit, dass wir alle angekündigte Liszt-Lieder hören werden, allerdings in anderer Reihenfolge als im Programmheft verzeichnet. Er fragte, ob er uns die richtige Reihenfolge mitteilen sollte oder nicht, um uns zu überraschen - das Publikum war sich offenbar nicht einig, aber wie er anhand des Programmheftes, das ihm von einer Frau in der 1. Reihe gereicht wurde, schnell herausfinden konnte, war zwar die angekündigte Reihenfolge durcheinandergekommen, nicht aber die Reihenfolge der weiter hinten abgedruckten Liedtexte. Das alles dauerte keine Minute, er wirkte ganz natürlich und sympathisch - diesen Eindruck habe ich auch aus Interviews gewonnen, privat kenne ich ihn nicht. Besonders gut gefallen hat mir heute, dass er dem Pianisten Malcolm Martineau einen Soloapplaus verschaffte, aber selbst auf einen solchen verzichtete.

      Auf Youtube wird man nach einer schnellen Suche fündig und kann sich zahlreiche Aufnahmen anhören, darunter ganze Liederzyklen.

      Zu guter Letzt möchte ich einige Aufnahmen einstellen, die käuflich erworben werden können:
      (Winterreise 2mal eingespielt, 2011 und 2017).















      Über Eure Meinungen und Ergänzungen würde ich mich sehr freuen!
    • Schön, das freut mich!
      Danke übrigens für den Link, da höre ich momentan hinein! Laut Beschreibung sind es "selten zu hörende Lieder von Schubert, Schumann und Liszt", das passt zu ihm, der auch gerne den Nicht-Mainstream bedient :)