Auf der Suche nach einem Zugang zu Chinesischer Kunstmusik

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    • Auf der Suche nach einem Zugang zu Chinesischer Kunstmusik

      Liebe Forumsmitglieder,


      in den letzten Wochen treibt mich immer der Wunsch um, ein für mich neues musikalisches Gebiet kennenzulernen: Chinesische Kunstmusik.

      Ausgangspunkte für diese Neugier sind einerseits Ostasien-Reisen in den letzten Jahren - bei denen ich immer wieder erschauderte ob der extrem melodischen und streicherlastigen Heile-Welt-"Klassik", die mir aus allfälligen Lautsprechern dort entgegenschallte - und eine "Zeitinsel" mit Musik von der Seidenstraße, die im Frühjahr im Dortmunder Konzerthaus lief. Die Musik, die ich bei dieser Zeitinsel hörte, hatte auch wieder viel über-kitischiges. Und so dachte ich: das kann doch nicht alles sein in der Musikkultur östlich des Urals und nördlich des Himalaja... (bevor Anmerkungen kommen: Ich weiß, Mittelasien und Sibirien sind nicht China).

      Bei youtube fand ich dann das hier:

      youtube.com/watch?v=B-Y4ncLy9LA

      Und da hat mir vieles sehr gut gefallen. Interessante Instrumente, durchaus ansprechende Klangsysteme... Mir fehlt naheliegenderweise die Urteilsfähigkeit, ob es sich hier um gute oder gar herausragende InterpretInnen handelt.

      Ich würde gerne mehr chinesische/ostasiatische Kunstmusik kennenlernen.

      Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Was kennt ihr von der ostasiatischen Musik? Kennt ihr Orte in Mitteleuropa, wo diese gepflegt wird? Welche InterpretInnen oder Genres schätzt ihr?

      Ich freue mich auf eure Inspirationen, den Austausch und die Hörerlebnisse!
      ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...
    • kann ich alles gut nachvollziehen. Zitiere mal kl. Dialog anderwoher hier:

      zabki schrieb:

      putto schrieb:

      heute ist die chinesische Geige Erhu wieder halbwegs populär
      auf youtube kann man sich da einiges zu Gemüte führen, u.a. von einer Erhu-Spielerin Yu Hong Mei, hier nur als Beispiel:
      youtube.com/watch?v=T2LIJb6O9KM

      keine Ahnung, inwieweit das "traditionell" oder modernisiert-neuerfunden ist, kommt mir jedenfalls musikalisch sehr interessant vor, was da mit Tonbildung, Übergängen, Schattierungen, Artikulation so gemacht wird.

      putto schrieb:

      Wirklich traditionell (im Sinne von aus der Zeit vor der Orientierung am Westen) ist für das Erhu ohnehin gar nichts überliefert. Aber das wird jetzt zu OT.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Ein sehr weites Feld - ich selber habe nur am Rande einiges mitbekommen, habe mehr vom Südostasiatischen Raum gehört (Indonesien, Burma, Laos usw.) und weiß, daß sich da uralte Traditionen auftuen, die uns praktisch nie tangieren.

      Nur eines: da gibt es eine Menge Großartiges zu entdecken. Du mußt dich nur reinknien: allein über Youtube bekommst du schon eine Menge geliefert.

      [Tut mir leid, daß ich nicht konkrete Empfehlungen geben kann, aber ich mußte es einfach mal los werden... ;) ]
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Nabend,

      stimmt, da gibt es ganz viel zu entdecken - Suchworte bei YT z.B. "peking opera", "gamelan", "shakuhachi", "gagaku"...
      Vieles ist pentatonisch, aber nicht unbedingt in unserer gleichschwebenden Stimmung, auch nicht unbedingt in reiner (pythagoräischer) Stimmung... kann zu Beginn ziemlich schräg klingen.
      Schöne Grüße, Helli


      Immer cool bleiben.
    • Sicherlich leicht off-topic, hoffentlich für ein paar von euch aber dennoch spannend: Traditionelle chinesische Oper meets Zombie-Hiphop.

      Im Jahr 2007 hat die englische Band Gorillaz die chinesische Oper Monkey: Journey to the West kreiert und zur Aufführung gebracht. "Häh?" Also kurz von vorne:

      Gorillaz sind eine Zeichentrick-Band, die aus vier fiktiven Mitgliedern besteht. "In echt" verbergen sich hinter der Cartoon-Fassade der Musiker Damon Albarn (ursprünglich Frontmann der Britpop-Band blur) und der Zeichner Jamie Hewlett.

      2007 taten sich die beiden mit dem chino-amerikanischen Theater- und Filmregisseur Chen Shi-Zheng (hierbei Reihenfolge: Familienname, Vorname) zusammen, der für die Oper sowohl das Libretto schrieb als auch den Regisseur darstellte. Die Textgrundlage stellte einer der vier klassischen Romane der chinesischen Literatur: Die Reise nach Westen von Wú Chéng'ēn (Reihenfolge wie oben). Damon Albarn komponierte die Musik, Jamie Hewlett designte die Sets und Kostüme (beide inspiriert von einer gemeinsamen Chinareise). Die vier Hauptcharaktere der Oper finden Entsprechungen in den vier fiktiven Bandmitgliedern von Gorillaz.

      Weitere wertvolle Hintergrundinformationen zu diesem Unterfangen finden sich hier: en.wikipedia.org/wiki/Monkey:_Journey_to_the_West

      2008 erschien das Soundtrack-Album zur Oper. Aus vertragsrechtlichen Gründen wurde Damon Albarn und Jamie Hewlett von ihrem Label leider verweigert, es als Gorillaz-Album zu vermarkten.

    • motiaan schrieb:

      "gamelan", "shakuhachi", "gagaku"...


      Gamelan ist indonesische Musik, Shakuhachi eine japanische Flöte, Gagaku japanische höfische Musik (wurde von Messiaen in seinen "japanischen Skizzen" quasi nachgeahmt). Chinesisch ist das alles nicht, ostasiatisch natürlich schon.

      @diskursprodukt: Satie (Nils Günther), der das Klassikforum administriert (aber auch hier eingeschriebenes Mitglied ist) kennt sich in diesem Bereich mW sehr gut aus, vielleicht kannst Du ihn dort oder hier mal fragen...
      zwischen nichtton und weißem rauschen
    • Guten Morgen,


      vielen lieben Dank für eure schönen Impulse!

      Es haben einige hier geantwortet und mir eher enzyklopädische Empfehlungen in Sachen Youtube gegeben.

      Gibt es denn auch Videos mit ostasiatischer Musik, die ihr konkret empfehlen könnt? Etwas, das euch z.B. in Sachen Ensemblemusik hat überzeugen können?

      Oder kennt ihr gar Live-Auftritte mit ostasiatischer Musik in den Häusern in eurer Region?

      Liebe Grüße

      Diskursprodukt
      ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...
    • Ja,

      mich haben zB. diese Videos beeindruckt:
      japanisches "Ballett": youtube.com/watch?v=3BLJqtSSmy0
      (ein anderes, dreiteiliges Manzairaki, was mir sehr gut gefiel, ist leider nicht mehr da)
      Peking-Oper: Affenkönig (Die Hauptperson aus 'Die Reise nach Westen', de.wikipedia.org/wiki/Die_Reise_nach_Westen): youtube.com/watch?v=DP0VjP1YYK0&t=267s
      indonesischer Gamelan, als Beispiel: youtube.com/watch?v=sZZTfu4jWcI
      Shakuhachi/Shamisen (Japan): youtube.com/watch?v=f7s-wXZWT5o
      Koto (Japan): youtube.com/watch?v=4oZYk6RLMWc

      Gefunden habe ich auch dies (aber noch nicht gehört): youtube.com/watch?v=pBOKeVsiJho - Hier scheint es eine ganze Reihe von CDs zu geben
      Schöne Grüße, Helli


      Immer cool bleiben.
    • diskursprodukt schrieb:

      Gibt es denn auch Videos mit ostasiatischer Musik, die ihr konkret empfehlen könnt? Etwas, das euch z.B. in Sachen Ensemblemusik hat überzeugen können?

      Oder kennt ihr gar Live-Auftritte mit ostasiatischer Musik in den Häusern in eurer Region?
      Vielleicht mal nach Düsseldorf schauen, da existiert ja eine "Japantown".

      An Videos habe ich spontan das hier gefunden:

      youtube.com/watch?v=ujzMHLac404
      zwischen nichtton und weißem rauschen
    • diskursprodukt schrieb:

      Die Musik, die ich bei dieser Zeitinsel hörte, hatte auch wieder viel über-kitischiges. Und so dachte ich: das kann doch nicht alles sein
      Das große Problem ist, dass seit dem späten 19. Jahrhundert China so sehr bestrebt war, vom Westen zu lernen, dass die eigene Tradition sehr verbogen wurde, als dann noch der Kommunismus dazukam, auch verboten. Was an klassischer chinesischer Kunstmusik überlebt hat, sind, soweit ich bislang weiß, neben Peking- und anderer regionaler Opern Stücke für die Gelehrten-Instrumente Zheng und Pipa. Obwohl ich ein paar davon inzwischen ganz gut im Ohr habe, bin ich nichtmal in der Lage, den Aufbau im Sinne einer "erzählten Geschichte" oder Bilderfolge einzuordnen (Mond, Boot, etc.). Für uns Europäer, die wir uns an der Verwestlichung neuerer chinesischer Musik stören (Kitsch), ist daher auch eher noch die Volksmusik interessanter als die aktuellere massentaugliche "Kunstmusik", denn in der Volksmusik lebt eher noch etwas von den Prinzipien chinesischer Musikpraxis fort (Varianten von Mustern, die man beim Meister gelernt hat). Insofern ist der Threadtitel auch leicht irreführend, vielleicht besser "traditionelle chinesische Musik" statt "chinesische Kunstmusik". Es gibt da Ensembles, die bei religiösen Zeremonien spielen, das klingt auch heute noch sehr unkitschig und "schräg" sozusagen für uns Westler.

      Die aktuelle "Kunstmusik"-Produktion teilt sich in zwei Lager: Die "guoyue"-Orchester-Komponisten, die eine Art "westlich verbesserte" "typisch chinesische" Musik schreiben, für westliche Hörer eher "Kitsch", und die im westlichen Sinne modernen Gegenwartskomponisten, die versuchen, die chinesische Identität auf andere Art fortzuschreiben. Obwohl diese beiden Lager weitgehend unversöhnt nebeneinander herleben, hat der bedeutendste chinesische Komponist, Tan Dun, beides gemacht.

      Man sieht also, dass das Feld recht unübersichtlich und schwer verständlich ist. Was das traditionelle Repertoire betrifft, habe ich nur Tonträger aus dem asiatischen Raum und kann daher jetzt auch nichts verlinken. Leider sind dann auch etwa auf den Veröffentlichungen des Palastmuseums Taipehs die weitgehend "unverfälschten" und die krass verwestlichten Klangbeispiele zusammengemischt, sodass man als nicht-Eingeweihter immer im Unklaren bleibt, was jetzt wie "echt" ist. Wobei man bezüglich Letzterem sowieso in die gelehrten Streitereien gerät.
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    • Klassische chinesische Kunstmusik wäre z.B. das Pipa-Stück
      塞上曲
      Da kann man dann auf youtube Interpretationsvergleiche durchführen (deshalb oben die chinesischen Schriftzeichen, einfach ins youtube kopieren und die verschiedenen Versionen anhören).


      z.B.:
      youtube.com/watch?v=-9gRhzxDS0I
      youtube.com/watch?v=PImQ7BddYa0
      youtube.com/watch?v=-jp2G0pQEV4
      youtube.com/watch?v=zVMlssjjcvU
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    • Einerseits hat die Verwestlichung zu großen Verlusten chinesischer Musikkultur geführt, andererseits aber auch zu einer Verschriftlichung an der Schnittstelle von Volksmusikfortführung und ihrer Transformation in Konzertmusik. So sind die Kompositionen des Erhu-Spielers Liu Tianhua noch nahe dran an der Tradition und konnten sie somit in das Museum des Konzertsaals transferieren. Die typischen glissandi werden etwa durch die notierten Fingersätze erkennbar. Typisch sind auch deslriptive Titel, Reihungsform, Triller. Aus dem Westen übernahm er Techniken wie saltando und tremolo und übernimmt das Material weniger durchgehend von Vorlagen, als es in der Volksmusik üblich ist, außerdem gibt es unveränderte Wiederholungen. Das Stück auf dem Video ist von 1928.
      youtube.com/watch?v=TEGglKc0PEE
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    • putto schrieb:

      Und wie gefällt Euch das, was man da auf den Links zu hören bekommt?
      ich finde das sehr interessant, "wieviel" von dieser Art Musik ich auf die Dauer hören könnte, mal offengelassen.

      Spannend finde ich, wie sehr durchgeformt und diszipliniert die Tonbildung gehandhabt wird, auf einer Ebene, die "bei uns" eher dem subjektiven Ausdruck zugerechnet wird.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
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    • Es ist ein bißchen OT, weil es hier ja dezidiert um chinesische Musik gehen soll, aber motiaans youtubelink betreffs indonesische Gamelanmusik hat mich doch ziemlich an die Wand geblasen. Ein bißchen so: was ich bei Minimalisten a la Reich, Glass seinerzeit gesucht aber nicht recht gefunden habe das ist hier in Vollendung da, auch emotional gesehen, nicht so kalt. ... Wenn da jemand entsprechende CD Tips hätte :D

      Die Pekingopersachen fand ich eher schmerzhaft, wie auch die japanischen Ballettgeschichten, da merk ich wieder daß meine Faszination für diese Kulturen eher auf bildender Kunst aufbaut und auf religiös / philosophischen Denkmodellen. Manchmal auf Literatur. Sicher nicht auf der Musik. Dazu bin ich nicht gebaut, leider.

      Aber diese Gamelanmusik: wow :clap:


      OT Ende


      LG :)
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • Als Info:

      In dem Thread "Traditionelle Musik weltweit" hier unter "Traditionelle Musik weltweit" geht es ab Beitrag #79 auch um asiatische Musik, auch um chinesische traditionelle Musik.
      In der Rubrik "Weltmusik und Folk" ebenfalls hier unter "Musik global" geht es in einem Thread um neue Musikstücke im chinesischen traditionellen Stil.
      Evtl. könnte dies von Interesse sein.

      :wink:

      amamusica
      Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
      all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

      ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
      Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...