Die Budapester Wagnertage mit Adam Fischer

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    • Die Budapester Wagnertage mit Adam Fischer

      Die Texte zum „Ring des Nibelungen“ sind zum größten Teil bereits in den 1840-Jahren in Dresden entstanden, nach dem sich Richard Wagner von der deutschen Sagen-Literatur, der griechischen Mythologie und von der Umgebung der Stadt hat anregen lassen. Insbesondere das Elbsandsteingebirge und der Fluss hat den jungen Kapellmeister beeindruckt, so dass die Sachsen, „der Rhein sei eigentlich die Elbe“, reklamieren.

      Im Zürcher „Hðtel Baur au lac“ hat Richard Wagner 1835 sein „tetralogisches Gedicht“ vor Freunden und anderen Interessierten mit großem Erfolg gelesen. Auch in Basel, Paris und Tribschen wurde der Text zum Ring mehrfach vorgelesen. Bereits 2011 hatte Adam Fischer, ob gezielt ist uns nicht bekannt, an diese Lesungen der Wagner-Texte angeschlossen und den „Ring des Nibelungen“ ohne die früheren schwülstigen Theateraufführungen des Beginns des 20. Jahrhunderts sowie gewisser Unsäglichkeiten des Regietheaters aufgeführt.

      Nun haben wir in der Zwischenzeit Richard Wagners wunderbare Musik und viele Möglichkeiten der Videoinstallationen erhalten. Deshalb hat Adam Fischer die Voraussetzungen des Bartok-Saals im Budapester Müvészetek Palotája (Palast der Künste), kurz „MüPa“, für halbszenische Aufführungen Wagnerscher Musikdramen erschlossen. Mit dieser Aufführungsform konzentrierte Adam Fischer sich und seine Zuhörer auf das Wesentliche der Wagnerschen Texte und auf die Musik des Meisters und kupierte damit deren Verfremdungen von zum Beispiel Castorfs Bayreuther oder der des Chemnitzer Feministinnen-Quartetts und anderen.

      Vergleichbar mit einem Restaurator, der unter der Übermalung eines Gemäldes das tatsächliche Bild des Künstlers der Mitwelt erschließt, hat uns Adam Fischer einen neuen und damit eventuell den wahren Richard Wagner nahe gebracht.

      Für 2019 hatte man Hartmut Schörghofer mit einer Überarbeitung des „Ring des Nibelungen“ betraut. Aufgeführt wurde diese Neufassung in zwei Zyklen vom 13. Bis zum 16, Juni und vom 20. Bis zum 23. Juni. Dazu hatte Adam Fischer hervorragende Sängerinnen und Sänger des Wagnerfachs zur Mitwirkung verpflichtet.

      Für die halbszenische Darbietung traten die Sängerinnen im schwarzen Abendkleid und die Sänger, bis auf Ausnahmen, im Frack auf. Gesungen wurde auf hohem Niveau. Natürlich könnte man den hervorragend Gesangder Catherine Foster als Brünnhilde, der Camilla Nylund als Sieglinde, des Gerhard Siegel als Mime und des Stefan Vinke als Siegfried herausheben. Aber das wäre ungerecht, weil eigentlich durchweg Spitzenleistungen geboten wurden. Selten hat man so geschlossene Walküren-Gruppen und so wunderbare Trios von Rheintöchtern und Nornen erleben können.

      Da die Agierenden nur wenige Aktionen auszuführen hatten, wurde überwiegend direkt zum Publikum mit einer ausgezeichneten Textverständlichkeit agiert. Auch fehlte die Ablenkung einer Bühnendarstellung, so dass sich der Wagner-affine Besucher den inneren Zusammenhang des Werkes in einer seltenen Weise erschließen konnte. Soweit erforderlich, standen dem Besucher die Original-Texte sowie in einer ungarischen Übersetzung zur Verfügung.

      Ergänzt wurde die Wagnersche Musik von Video-Installationen von Hochgebirgspanoramen und einigen Gegenwartsbezügen und von Tänzern mit zum Teil hochkreativen Szenen.

      An jedem Abend wurden die Agierenden frenetisch gefeiert. Nach der Götterdämmerung wollte das Stakkato-Klatschen und die stehenden Ovationen insbesondere für Adam Fischer kein Ende nehmen
    • Hi, danke für den Bericht! Ich hätte zwei Fragen:
      1) Wie darf man sich eine Überarbeitung von Hartmut Schörghofer vorstellen? Also worin unterschied sich die Aufführung von einer üblichen?
      2) Wie haben sich Christian Franz als Loge und Walter Fink als Fafner geschlagen? Können sie noch singen? (Fink habe ich früher sehr geschätzt, aber ich habe ihn seit 2014 nicht mehr gehört, also keine Ahnung, wie er jetzt tönt.)
      Die Dame heißt übrigens Catherine Foster (nicht: Förster :D )
    • Auch das Weglassen, besser das Konzentrieren ist Kunst. Um Missverständnissen vorzubeugen, der Opernausstatter Hartmut Schörghofer hatte bereits die „Ringe“ der früheren Wagnertage ausgerüstet. Nach der Pause im Vorjahr hat er die Inszenierung lediglich mit neueren Video-Möglichkeiten ausgestattet und einige Verschlimmbesserungen eingearbeitet.

      Das Konzept Adam Fischers besteht letztlich im Weglassen aller Aspekte, die nicht zum Verständnis der Texte und der Musik Richard Wagners notwendig sind. Deshalb die nahezu einheitliche Kleidung der Solisten. Diese sitzen auch an den beiden Seiten eines Mittel-Podestes . Nur wenn es für die Singendenzweckmäßiger ist, sich beim Singen zu bewegen, betreten sie die Plattform. Ggf. singen sie sich auch auf der Fläche an oder nutzen eine Treppe, die auf einen Laufgang hinter den Sängerplätzen führt. Dort agieren die Tänzer, die pantomimisch das zu Hörende ergänzen.

      Die Videowand wird überwiegend für die Stimmung betonende Szenen genutzt. Aber auch erläuternde Szenen werden da gezeigt. Unterwasseraufnahmen der Rheintöchter oder der Gesang der Erda sind zwar nicht konsequent der Minimalisierung untergeordnet, entsprechen aber unseren modernen Hör- und Sehgewohnheiten. Wer ist derzeit noch in der Lage, über fünf Stunden nur zuzuhören. Insofern ist Schörghofers Arbeit eine Konzession an den Zeitgeschmack.

      Das Singen des Fafners von Walter Fink war erstaunlich kräftig. Er hat aber frontal zum Publikum gesungen. Letztlich trifft das auch auf den Loge von Christian Frank zu. Adam Fischer hat bei den Einsätzen der betagten Herren auch das Orchester deutlich zurück genommen. Ich hatte von meinem Platz in Reihe 6 den Dirigenten in Sichtweite. So konnte ich auch sehen, dass Fischer seine Sänger ständig im Blick hatte und seltener die Musiker beobachtete.

      Den Fehler mit Frau Forster hatte mir mein Auto-Korrekturprogramm eingebrockt. Und ich habe lediglich schlampig gegengelesen.
    • Danke für die Erklärung! Wenn ich Dich richtig verstanden habe, handelt es sich um keine musikalische Reduktion, sondern nur um eine szenische, oder? Dass Opern mit Bildern/Animationen unterlegt werden, finde ich doch in Ordnung, denn Opern sind ja nicht fürs bloße Zuhören gedacht.
      Danke für die Auskünfte! Frontal zum Publikum singen ist doch ohnehin normal, wie sollte er denn sonst dastehen? :D
      Ja, Ádám Fischer ist ein sehr sängerfreundlicher Dirigent!
    • Du hast mich richtig verstanden. Adam Fischer hatte ursprünglich vor, den Ring bis auf Wagners Texte und seine Musik (Gesang und Orchester) einzudampfen. Die Videoinstallationen und die Tänzer sind tatsächlich eine Konzession auf die derzeitigen "Sehgewohnheiten".