Schubert - Klavierstücke D946 - "zwischenzeilig Unsagbares"

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    • Schubert - Klavierstücke D946 - "zwischenzeilig Unsagbares"

      Der Untertitel, der Mauerblümchen zu verdanken ist, paßt eigentlich in mehrerer Hinsicht zu diesen Werken.
      Folgendes ist die überarbeitete und übersetzte Version eines Artikels, den ich woanders veröffentlicht habe.

      Um sich den Klavierstücken D946 zu nähern, muß man zuerst Richtung Erstveröffentlichung schauen. Sie erfolgte im Mai 1868 bei Rieder-Biedermann in Winterthür.

      Sie war das Ergebnis einer joint venture zwischen dem Verleger Rieder-Biedermann, Schuberts Neffen Eduard Schneider und Johannes Brahms.
      Die 1863 geborene Idee war, weitere Kompositionen von Schubert, deren Manuskripte nach dem Tod seines Bruders Ferdinand (1859) mehrheitlich in den Besitz des Neffen Eduard Schneider gekommen waren, dem Publikum bekannt zu machen.

      Das Projekt geriet in Schwierigkeiten, weil
      * Der Wiener Verleger Diabelli (und sein Nachfolger Spina) hatte sich vertraglich die Rechte an den vermarktbaren fertigen Kompositionen Schuberts gesichert
      * Brahms sehr kritisch in der Auswahl der zu veröffentlichenden Stücke war. Nicht einmal Stücke, die er selbst in Konzert spielte, waren ihm ispo facto veröffentlichungswürdig
      * Schneider leicht zur Selbstüberschätzung tendierte. Er hatte zum Beispiel den Klavierauszug der Es-Dur Messe realisiert, Dieser war aber so fehlerhaft, daß Brahms ihn gründlich revidieren und teilweise neu schreiben mußte.

      Dies resultierte darin, daß Schneider 1867 Rieder-Biedermann direkt ein paar Klavierstücke zur Veröffentlichung schickte. Der nachträglich informierte Brahms reagierte im August:
      .

      Johannes Brahms schrieb:

      Dr. Schneider hat Ihnen jetzt wirklich die Schubertschen Sachen geschickt! Doch muß jedenfalls Ordnung und alles Mögliche recht sorglich bedacht werden. Ich habe aus Rücksicht nicht redigiert, weiß aber auch nicht, was und wie er es gemacht hat.

      Ende 1867 bekam er womöglich die Stichvorlage, wahrscheinlich sogar schon die Druckfahnen, zu Sicht. Es war zu spät für ihn, um substantiell einzugreifen. Er meinte, ein zweiter Redakteur wäre vonnöten und riet, die Veröffentlichung zu verzögern, um "das genannte Versehen [das Weglassen des ursprünglich vorgesehenen Adagio in C-Dur (D612)] oder andere mögliche gut zu machen". Die Drei Klavierstücke erschienen jedoch im Mai 1868, das Adagio D612 ein Jahr später.

      Soviel zur Tatsache, daß Brahms der - nicht erwähnte - Herausgeber der Stücke gewesen wäre.

      Die Alte Gesamtausgabe hielt sich weitgehend an den Erstausgaben für die bereits veröffentlichten Stücke und so fanden die "Drei Klavierstücke" Einzug darin. Otto Erich Deutsch hielt sich weitgehend an der Alten Gesamtausgabe, was die Werke betrifft. Sein Hauptanliegen war deren Chronologie. So bekamen die Drei Klavierstücke die gemeinsame Nummer D946, unter welcher sie jetzt noch bekannt sind.

      Tatsächlich beginnt die Existenz von D946 als Werk im Mai 1868. Sie werden in keinem einzigen Dokument zu Schuberts Lebzeiten und auch danach erwähnt. Dies nicht, um deren Authentizität in Frage zu stellen: die Manuskripte sind vorhanden (online sichtbar unter schubert-online.at), aber die Manuskripte sind die einzige Information, die wir darüber haben.

      Es sind eigentlich zwei Manuskripte: das erste ist mit May 1828 datiert und enthält die Stücke, die wir als D946,1 und D946,2 kennen. Das zweite ist undatiert und enthält das dritte Stück. Diese Manuskripte sind auf unterschiedlichem Papier in unterschiedlichem Format geschrieben, mit wenigstens einem leeren Blatt nach den beschriebenen Blättern. Das zweite Manuskript ist undatiert aber mit der Bemerkung "Pianoforte" versehen, eine Instrumentangabe, die Schubert in der Regel am Anfang einer Komposition schrieb.

      Robert Winter, der das Papier analysierte, kam zum Schluß, daß

      Robert Winter schrieb:

      the datings of May-June 1828 put forward by both Hilmar and D2 [Deutsch-Verzeichnis Ausgabe 1978] cannot be reconciled easily with the evidence of the paper, which places the composition [of the third piece] at least eight months earlier”
      Dies wäre ungefähr September 1827.

      Das Manuskript (beide Manuskripte) ist keine Reinschrift. Es ist eine Erste Niederschrift, mit Abkürzungen, Vermerken, gestrichenen Takten, übergeschriebenen Takten, usw ... Um eine Druckvorlage zu bekommen, war eine ziemlich umframgreiche editorische Arbeit notwendig, die Schubert nicht hat leisten können und die - zum Zorn Brahms' - von Eduard Schneider oder einem Mitarbeiter des Hauses Rieter-Biedermann erledigt wurde. Die Stücke sind unbetitelt und in Abwesenheit von jeglicher Information sind die Vermutungen, die man über Schuberts Absichten ausdrücken kann, reine Spekulation.

      Was man sagen kann, ist, daß ab 1827 Schubert vermehrt (wieder)anfängt, Klavierstücke in freier Form zu komponieren. Das sind die Impromptus D899 und D935 (diese zuerst als Nr5-8 der Sammlung gedacht), einige Stücke der Moments Musicaux D780 (Nr 3 und Nr 6 waren bereits einzeln veröffentlicht worden), das Allegretto D915, Skizzen für zwei Stücke D916B und D916C. Dies vielleicht unter dem Einfluß von Rezeptionsproblemen und der Tatsache, daß die Sonate in G-Dur D894 vom Verleger als vier Stücke dargestellt wurde. Im Frühjahr 1828 kommt er aber mit der Trilogie D958-960 zur Sonate zurück.

      In diesen Stücken ist Schubert mit der Form ziemlich erfinderisch. Hier, für die Stücke 1 und 2, nimmt der die Menuett/Scherzo-Form als Ausgang.
      Menuett mit Trio: M-T-M. Dabei ist jedes der Teile in der Form ABA', die mit Wiederholungen AA-BA'BA' werden. Das Neue dabei, ist, daß der Inhalt nicht der erwartete ist. Jede Sektion ist um einiges länger als die entsprechende in einem "richtigen" Minuett, dazu in einem fast improvisatorischen Charakter. Etwas Ähnliches hätte man bei Schubert höchstens im ausgedehnten Scherzo der D-Dur Sonate D850.
      Das zweite Klavierstück hat zwei Trios, so daß man mit allen Wiederholungen auf AA-BA'BA'- xx-yx'yx' - ABA' - tt-ut'ut '-ABA' kommt.

      Das erste Stück hatte ursprünglich eine ähnliche Form. Nun kommt aber ein weiteres Problem: auf seinem Manuskript hat Schubert das zweite Trio unmißverständlich durchgestrichen. Aber ... und da kommt das "unvollendete" des Stückes zu Tage, in seiner abgekürzten Schreibweise hatte Schubert die Wiederholungen des Minuett-Teils nur mit DC (oder DC al segno) notiert. Abschließende Takte sind im zweiten Stück mit Zum Schluß und einem * am Ende des Blatts notiert. Ein * im Hauptteil zeigt, wo man überspringen muß. Fast gleich im ersten Stück ... nur das die Schlußtakte nach dem * vor der zweiten Episode notiert wurden und mit ihr durchgestrichen sind.

      In der Erstausgabe hat man sich dafür entschieden, alles zu drucken. Prompt wurde gesagt, "Brahms hätte eine von Schubert durchgestrichene Episode wiederhergestellt". Tatsächlich hatte, wie gesehen, Brahms ziemlich wenig Einfluß auf die Erstveröffentlichung und Andrea Lindmayr-Brandl, die das ganze Vorgehen recherchiert hat, ist zum Schluß gekommen, daß Brahms' Beitrag sich auf das Hinzufügen einer Fußnote: "NB. Der Theil von A bis B wurde im Original-Manuskripte von Schubert wieder gestrichen" beschränkt hat.

      In der Gesamtausgabe von 1888 wurden die Stücke von Julius Epstein betreut - aber Brahms war der spiritus rector - und die gestrichene Episode wurde nicht übernommen. Sie wurde separat 1894 im Revisionsbericht gedruckt (Editor: Eusebius Mandyczewski).

      Das dritte Stück hat eine einfachere Form: A-B-A' mit einer umfangreichen Coda. Während die Nummern 1 und 2 Sektionen mit liedhaftem Charakter einthalten (beinahe Singstimme + Begleitung), ist Nr 3 eher an den Tanz orientiert und dies, zusammen mit der Tonart C-Dur (1 ist in es-moll, 2 in Es-Dur), bringt es in die Nähe der Entwürfe D916B und D916C (resp. in C-Dur und c-moll). Das Manuskript zeigt, wie der Übergang von A zu B von Schubert in mehreren Etappen gestaltet wurde. Es sind noch ein paar Fragen offen, z.B. was die Temporelation zwischen A und B betrifft.

      Das wäre für die editorischen Fragen. Mehr über die Musik selber in einem weiteren Posting.
      Die Drei Klavierstücke D946 sind unfertige Stücke (es fehlt ihnen der finish, den Schubert für die Reinschrift reservierte), über deren Bestimmung man nichts weiß und die wahrscheinlich nicht als eine Einheit gedacht waren. Aber die Coda des dritten Stücks macht einen effektvollen Abschluß und die Musik ist halt Schubert der letzten Phase ...
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Die ersten zwei Stücke

      Die Drei Klavierstücke sind, wie gesehen, kein eigenständiges Werk, sondern zwei zusammengefügte Erste Niederschriften, bei denen der Kompositionsprozeß im Gange war. Walther Dürr bemerkte in der Neuen Schubert-Ausgabe:

      Walther Dürr schrieb:

      Allen drei fehlt offensichtlich eine Überarbeitung [und es ist] nicht auszuschließen, daß es sich bei diesen Klavierstücken nur um Entwürfe handelt, deren definitive Ausformung nicht mehr erfolgt ist.
      Wenn man sie mit den Entwürfen D916B und D916C oder mit dem erhaltenen Entwurf von D899,1 vergleicht, stellt man schon fest, daß sie sich in einem fortgeschritteneren Kompositionsstadium befinden. Die erwähnten Entwürfe sind mit Bleistift notiert und schwer deziffrierbar, was für unsere Klavierstücke nicht der Fall ist. Der Entwurfcharakter zeigt sich hingegen dadurch, daß man in den Korrekturen, Überschreibungen, ..., Schubert am Werk sehen kann. Von anderen Werken weiß man, daß er bis in die Reinschrift in die Komposition eingriff, so daß man nicht sicher sein kann, wie die endgültige Form ausgesehen hatte. Vieles bleibt denn "zwischenzeilig" und es ist die Aufgabe des Herausgebers und besonders des Interpreten, dem ganzen eine feste Gestalt zu geben.

      Einstein äußerte sich sehr kritisch über die Klavierstücke. Er hatte sie womöglich nicht gehört und seine Kenntnis basierte auf der gedruckten Ausgabe. Das "Unsagbare", das nur der Pianist ausdrücken kann, war ihm entgangen.

      Das erste Stück fängt allegro assai in es-moll, 2/4 an.
      Der "Menuett"-Teil ist ABA', nur besteht die Wiederholungsangabe hier nur für die BA' Sektion. A ist ein rhythmisches Thema, das man sich als Vorspiel für ein lebendiges Lied denken kann. Zuerst p, es wird dann eine Oktave höher f wiederholt. Die Triolenbegleitung wird (fast) im ganzen Teil präsent sein.
      B intensiviert diese Triolenbewegung, zuerst p und in eine Halbe fz mündend, dann pp mit 4 wiederholten Achteln als Ziel (diesmal nur ein Akzent auf der ersten). Wie wenn die rhythmische Energie abnehmen würde ... und tasächlich kommt, mit den Triolen in der rechten Hand, eine Liedmelodie in der linken, die dann nach Es-Dur moduliert.
      Dies für A', das eine ausgedehnte Variante von A ist. Denn im Anschluß steigert sich die Energie zu zwei Takten, dann acht Takten wiederholter Achtel crescendo, bis dann die Triolenbewegung aufhört und,beide Hände parallel den energischen Rhythmus mit vielen Akzentuierungen befestigen.

      Allerdings könnte dieser Abschnitt alleine schon ein Moment musical sein.
      Eine Überleitung diminuendo führt zum ersten Trio, Andante in H-Dur alla breve, in der Form AA-BA'BA'. Die erste Sektion ist fast ein Nocturne mit Chopin-artigen Pianismen. Der B-Teil intensiviert diesen Charakter in einer improvisatorischen Art, mit Sechzehntel-Girlanden pp und Tremoli. A' ist wieder eine erweiterte Version von A.
      Eine schöne modulierende Überleitung pp, dann ppp, bringt die Triolenbewegung zurück und führt zum es-moll des "Menuetts". Interessant in die Sorgfalt zu bemerken, mit der Schubert alle Überleitungen in diesen Stücken gestaltet hat.

      Das ursprüngliche zweite Trio ist Andantino in As-Dur, 2/4. Dessen A-Teil ist ruhig, fast träumerisch. Der B-Teil bringt eine Moll-Eintrübung und kommt zurück zu As-Dur für A', auch eine erweiterte Version von A , mit Verzierungen, die langsam in die Tiefe sinkt. Eine weitere schöne Überleitung führt zurück zum Menuett.

      Warum hat Schubert dieses zweite Trio unmißverständlich gestrichen? Das kann man nicht wissen. Einige vermuten, es sei wegen dessen schwächeren Qualität (was eine self fulfilling prophecy sein kann: wer's nicht mag und trotzdem spielt, wird es problemlos beweisen), Ein Pianist sagte mit hingegen, für ihn sei es "das poetische Herz des Stückes" und wenn man Maria-Joao Pires hört, wird man davon überzeugt.

      Das zweite Stück schließt sich an. Dessen Menuett-Teil ist in der Linie der Trios des ersten Klavierstücks: ein ruhiges Lied in Es-Dur, Allegretto in 6/8, eine der Schubertschen Melodien, von denen man glaubt, man habe sie immer gekannt.
      Die zwei Trios kontrastieren stark. Das erste fängt in c-moll an mit grummelnden Bässen. Die 14 Takte des A-Teils bringen und von c-moll über cis-moll, d-moll nach D-Dur. Nach dem ruhigen, sonnigen Menuett ist es wie ein Tauchen in die Finsternis, in die Atmosphäre der Winterreise (Im Dorfe) und des Lieds Der Zwerg. Der B-Teil fängt in einem nicht geschriebenen d-moll an, um über f-moll und as-moll zum C-Dur für A' zu führen.
      Hatte das erste Trio keine richtige Melodie (es präfiguriert sozusagen den zentralen Teil des Andantinos der A-Dur Sonate D959), so hat das zweite (L'istesso tempo, alla breve) eine Melodie, die, wiederum wie in Der Zwerg, vom "Schicksalsmotiv" begleitet wird (drei Achtel, eine Halbe/Viertel). Diese Melodie ist aber nicht lyrisch wie im Menuett, sondern dramatisch und obsessiv vom Schicksalsmotiv gedrängt. Der A-Teil ist in as-moll und endet in Ces-Dur. B fängt enharmonich in b-moll an, steigert noch die Dramatik, bis as-moll wieder für A' zurückkehrt, auch hier eine ausgedehnte Variation von A.
      Noch einmal bemerkt man die Sorgfalt Schuberts für die Überleitungen, wie hier bei der Rückkehr zum Menuett.

      Diese zwei Stücke sind fast spiegelbildlich und eng miteinander verbunden. Die hergebrachte Menuett-Trio Form wird von Schubert hier transfiguriert. Die Entwicklung, die man im unvollendeten Menuett der Reliquie bemerkte, ist weitergetragen worden und gibt den Eindruck eines "Matrjoscha-Rondos". Die Kunst der Überleitungen zeigt, wie wichtig für Schubert der formale Aufbau war. Stylistisch ist man in der Nähe der Winterreise, der letzten Sonaten, des Streichquintetts mit Vorahnungen von Chopin, Schumann ...
      Alles, wie immer, IMHO.