Tannhäuser-Premiere in Bayreuth im klimatisierten Lichtspielhaus

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Cherubino schrieb:

      Wie gesagt, das wäre eine ganz eigene Diskussion, eine, bei der es um Wagner und um seine Partitur gehen würde. Mit der szenischen Umsetzung dieser Partitur hat das überhaupt nichts zu tun, deshalb auch weder mit Katzers Inszenierung in Bayreuth noch mit der Haltung zum Regietheater.
      Mit der szenischen Umsetzung wohl nichts, aber damit, dass ein Werk in seiner Gesamtheit, das aus der damalig aktuellen Sicht geschaffen und gedeutet wurde, nun heute auch aus unserer aktuellen Sicht gedeutet werden kann. So wie Wagner frei mit dem Mittelalter umging, kann Katzer das heute ja auch. Wie Wieland es ja auch schon gemacht hat. Also die Interpretation einer Interpretation. :)

      :wink: Wolfram
    • Cherubino schrieb:

      Ganz genau, und deshalb kann es unheimlich interessant und erhellend sein, nach den Geschichtsbildern der Autoren und ihres Publikums zu fragen und danach, wie sich dieses Geschichtsbild konkret im Text und in der Musik wiederfindet.
      Das stimmt schon. Aber das war wohl nicht die Fragestellung, die Kratzer interessiert hat. Man kann sicher auch tolle Inszenierungen machen, in denen der Tannhäuser auf Geschichtsbilder befragt wird. Nur hat Kratzer das halt
      anders gemacht.

      Kratzer hat eine - mich sehr amüsierende, teilweise auch sehr berührende - Arbeit über Anarchie und Konformität in der Natur einer Künstlerpersönlichkeit fabriziert.

      Es macht m.E. generell wenig Sinn zu bedauern, welche Fragen eine Inszenierung dem Werk nicht gestellt hat. Denn bei einer durchdachten Regieleistung bleibt - wie bei allen Kreativaufgaben - zwangsläufig die überwältigende Mehrzahl anderer Werkoptionen unverfolgt. Es machte nur Sinn, das Fehlen einer Auseinandersetzung mit dem Mittelalter als Zeitmatrix der Erzählung zu bemängeln, wenn man die Auffassung verträte, dass Tannhäuser nicht sinnvoll ohne den historischen Kontext, den Wagner dem Libretto gegeben hat, inszeniert werden könne. Aber schon alleine die musikalische Struktur des Tannhäuser - mit einem steten Wechsel zwischen Pastoral und Bacchanal - widerlegt für mich dieses Interpretationserfordernis.

      Das Kunstwerk, das in so einer Diskussion sinnvollerweise zu befragen ist, ist die Inszenierung, nicht der musikalische und literarische "Urtext".
      ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...
    • diskursprodukt schrieb:

      Es macht m.E. generell wenig Sinn zu bedauern, welche Fragen eine Inszenierung dem Werk nicht gestellt hat. Denn bei einer durchdachten Regieleistung bleibt - wie bei allen Kreativaufgaben - zwangsläufig die überwältigende Mehrzahl anderer Werkoptionen unverfolgt.

      diskursprodukt schrieb:

      Das Kunstwerk, das in so einer Diskussion sinnvollerweise zu befragen ist, ist die Inszenierung, nicht der musikalische und literarische "Urtext".
      Völlig d'accord, denn letztlich ist dies (Kratzer) eine unter vielen Deutungsmöglichkeiten. In Hamburg läuft immer noch eine inhaltlich völlig anders gelagerte Kupfer-Inszenierung, die ich sehr bewundere und immer wieder gerne sehe. Beide sind völlig verschieden und beide haben mit dem Mittelalterbild Wagners wohl eher weniger zu tun, aber beide liegen auf dem Text und der Musik (nach meinem Empfinden) und bleiben damit im für mich notwendigen Rahmen. Und geben mir v.a. neue, interessante Einblicke in das Werk. Und das hat Kratzer mit Sicherheit gemacht, in dem er den Tannhäuser als einen weiteren Teil der Auseinandersetzung mit 'Bayreuth' präsentiert.

      Übrigens möchte ich in diesem Zusammenhang auch einmal Katharina Wagner erwähnen, die doch eigentlich a) eine ziemlich gute Hand in der Auswahl ihrer Regisseure der letzten Jahre beweist und b) offensichtlich an der fälligen, künstlerischen Auseinandersetzung mit ihrem 'eigenen' Haus und der Wirkungsgeschichte ihres Urgroßvaters interessiert ist.

      :wink: Wolfram
    • Wolfram schrieb:

      Übrigens möchte ich in diesem Zusammenhang auch einmal Katharina Wagner erwähnen, die doch eigentlich a) eine ziemlich gute Hand in der Auswahl ihrer Regisseure der letzten Jahre beweist

      Das gilt dann allerdings mit der nicht ganz unbedeutenden Ausnahme des Regisseurs für den "Parsifal". Da wurde erst Meese rangeholt, der es natürlich nicht konnte, und dann als Meese-Ersatz Laufenberg, der eine üble Zurichtung des "Parsifal" auf die Bühne gebracht hat.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • diskursprodukt schrieb:

      Das stimmt schon. Aber das war wohl nicht die Fragestellung, die Kratzer interessiert hat.
      Natürlich nicht, der ist ja auch nicht Theaterwissenschaftler oder Musikhistoriker, der ist Regisseur, seine Aufgabe ist es nicht, Wagners Arbeitsweise und Texte zu erforschen, sondern eine möglichst überzeugende szenische Umsetzung für diese Texte zu finden - und das ist ihm offenbar ja sehr, sehr gut gelungen.
      Ich glaube schon, dass man sehr klar auseinanderhalten sollte, ob man über die historischen Texte redet und versucht, diese Texte zu verstehen und zu interpretieren - und dann auch versucht, sie so gut es geht aus ihrer Zeit heraus zu erklären, oder ob man über konkrete Theaterelebnisse für ein heutiges Publikum spricht, aber

      diskursprodukt schrieb:

      Das Kunstwerk, das in so einer Diskussion sinnvollerweise zu befragen ist, ist die Inszenierung, nicht der musikalische und literarische "Urtext".
      beides hat seine Berechtigung, denn wenn man dieses Diktum zugrunde legt, könnten alle Literaturwissenschaftler und Musikhistoriker, alle Theaterwissenschaftler und Kulturhistoriker den Laden zusperren und sich mit ihren Forschungsfragen begraben gehen.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Symbol schrieb:

      Das gilt dann allerdings mit der nicht ganz unbedeutenden Ausnahme des Regisseurs für den "Parsifal". Da wurde erst Meese rangeholt, der es natürlich nicht konnte, und dann als Meese-Ersatz Laufenberg, der eine üble Zurichtung des "Parsifal" auf die Bühne gebracht hat.
      Ob er es 'nicht konnte' wissen wir nicht. Ich befürchte es auch, aber es bleibt hypothetisch.

      Ansonsten würde ich jedem Menschen auch das Recht auf Fehlentscheidungen zuerkennen, zumal wir nicht wissen, was sie sich bei dieser Wahl gedacht haben könnte.

      :wink: Wolfram
    • Wolfram schrieb:


      Völlig d'accord, denn letztlich ist dies (Kratzer) eine unter vielen Deutungsmöglichkeiten.
      Das trifft sich auch mit einer Äußerung aus einem Interview mit Kratzer (sueddeutsche.de/kultur/tobias-…aeuser-bayreuth-1.4538473), die ich sehr sympathisch finde:
      "Zusammen mit meinem langjährigen Kostüm- und Bühnenbildner Rainer Sellmaier arbeite ich tatsächlich so, dass wir meistens verschiedene Stränge parallel verfolgen, manchmal drei oder vier verschiedene Interpretationsansätze. Irgendwann muss ich mich dann entscheiden."
      Er tut nicht so, als gäbe es zu einem bestimmten Zeitpunkt für einen Regisseur nur EIN mögliches Konzept, dass sich geradezu aufzwingt (wobei er das im Bezug auf den aktuellen Tannhäuser dann insofern etwas relativiert, als es hier ausnahmsweise für ihn so gewesen sei).
    • Cherubino schrieb:

      Oh doch, das hat überhaupt sehr viel mit Mittelalter-Nostalgie-Feeling zu tun!
      Dass Tannhäuser im 2. Akt vehement gegen die Verklemmtheit und Konvention der Wartburggesellschaft belfert, hat nix mit Mittelalter zu tun.
      Zum mal es m.E. fraglich ist, ob Jungdeutsche überhaupt noch Bock hatten, sich mit derartigen Nostalgie-Feeling zu identifizieren.
      Und „Wenn unser Schwert in blutig ernsten Kämpfen stritt für des deutschen Reiches Majestät,“ (Landgraf) passt doch ooch nicht ins Spät-Mittelalter.

      Cherubino schrieb:

      Ich glaube schon, dass die Musik von Wagner etwas mit dem Mittelalter zu tun hat (Fußnote, weil irgendwer mich bestimmt wieder falsch verstehen möchte: Natürlich nicht in dem Sinne, das die Musik klingen würde wie original mittelalterliche), gerade bei ihm, bei dem Musik und Text und Szene so eng miteinander verwoben sind
      Dann müssten zumindestens irgendwelche Mucken-Anleihen rüberkommen, die enge Verwobenheit wenigstens mit "Pseudo"mittelalter imaginieren. Finde da bisher nix.

      In Pfitzners Oper kommen einige Mucken-Zitate vom historischen Palestrina rüber. Möglicherweise auch ganz kurze Anspielung auf gregorianischen Choral. Und das Lied bzw. die Fragmente davon, womit sich Silla ganz zu Beginn (nach dem Vorspiel) frustriert abquält ( "Schönste, ungnäd'ge Dame .. Nymphe mit Sternenaugen… ,Des treusten Schäfers Klagen .. Laß erweichen... ") versucht möglicherweise quasi Ambiente der Mucke des Bardi aus Florenz (Giovanni de’ Bardi ? 1534 - 1612 ) rüberwachsen zu lassen, zu dem Silla ja dann stiften geht. Da geht es aber m.E. gar nicht um genaue Original-Mucke aus 16. Jahrhundert, und Pfitzners Bezeichnung „Legende“ macht bereits deutlich, dass er mit dieser Oper keinesfalls historische Authentizität auf Schirm hatte.

      Aber im Tannhäuser kommen mir bisher nicht mal vergleichbare Anleihen (wie bei Pfitzner) rüber, die Mittelalter-Nostalgie-Feeling aufkommen lassen.
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Bereits am Sonntag sah ich den Bayreuther Tannhäuser, komme aber erst jetzt dazu hier ein paar Eindrücke zu teilen:

      Die Inszenierung ist wirklich großartig; das bereits beschriebene Abfallen im dritten Aufzug hat m.E. mehr mit dem Erzähler Wagner als mit dem Exegeten Kratzer zu tun. In der ersten Pause wird am Teich am unteren Ende des Festspielhügels ein Happening mit Gateau Chocolat und Manni Laudenbach unter strenger Aufsicht von Venus Elena Zhidkova. Sehr schönes, sehr informiertes performatives Wirken (Zhidkova macht Handyfilme von den Zuschauern, während die Handyfilme von den "bunten Freaks" machen). In der zweiten Pause findet man die zuvor von den Einsteigern verwendete Leiter am Festspielhaus, ebenso wie das Plakat. Mir hat das insgesamt auch deshalb sehr gut gefallen, weil hier Regieansätze, die im Sprechtheater normal geworden sind, auch für die Oper enttabuisiert werden. Und zwar so, dass es die meisten dort ertragen können. Ich halte diese Inszenierung für einen Meilenstein auf dem Weg der Verschmelzung von Wagner und Popkultur. Und besonders genial ist, dass auch genau diese Verschmelzung aus dem Tannhäuserstoff entwickelt werden kann.

      Musikalisch war alles sehr ordentlich. Valery Gergiev hat zwar als einziger erneut auch hörbare Buhs geernet, aber m.E. zu unrecht. Er hat sich mit dem Festspielorchester scheinbar dann doch noch kalibrieren können. Ich hatte auch sehr schöne "So hab ich das noch nie gehört"-Momente, zum Beispiel bei einer intimen Orchesterbegleitung des Venusliedes im 1. Aufzug (Geliebter, komm, sieh' dort die Grotte). Auch die Dynamik war tadellos. Wechsel der Lautstärke wirken durchdacht, aus dem musikalischen Material entwickelt und sehr kontrolliert umgesetzt. Ich hatte hier den Eindruck, dass es eine erhebliche Leistungssteigerung seit der Premiere gegeben hat. Lise Davidsen ist ein absoluter Hammer. Ich teile die bereits irgendwo gelesene Einschätzung, dass ihre Stimme für die Elisabeth im klassischen Sinne eigentlich zu groß ist. Für diese Inszenierung passte sie hingegen nicht nur darstellerisch hervorragend, sondern auch stimmlich, da die Kratzer-Elisabeth keine keusche Muttergottes ist, sondern eine von Konventionen Eingezwängte, eine Abgründige, eine Venus im Pelz(harnisch). Elena Zhidkova ist eine exzellente Ersatzbesetzung als Venus. Sie überzeugt stimmlich und fast noch mehr darstellerisch und ist mit dem "Görenhaften", das sie auch stimmlich abbilden kann, eine Idealbesetzung für diese Inszenierung. Markus Eiche ist ein wundervoller Wolfram gewesen, der ebenfalls darstellerisch brilliert. Stephen Gould fiel für mich persönlich in der Titelrolle etwas ab, was aber vielleicht an meinem Klangideal mit Peter Seiffert liegen mag. Ich habe Gould vor zweieinhalb Jahren an der DOB schon als Tannhäuser gehört und war begeistert. Den Kirsten-Harms-Tannhäuser werde ich dort nächstes Jahr erneut (und ebenfalls mit Gould) sehen, und ich bin gespannt, wie ich ihn dann erleben werde. Stephen Milling macht eigentlich immer Freude; als Hermann war er wieder mal eine Idealbesetzung. Dieser Typ ist für das deutsche Fach einfach ein Glücksfall. Ich möchte ihn unbedingt einmal als Hagen sehen. Aber das wird sich sicher noch ergeben...

      Ich kann die Inszenierung denen, die sich in den nächsten Jahren in Bayreuth tummeln mögen, allerwärmstens empfehlen. :clap:
      ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...