Tannhäuser-Premiere in Bayreuth im klimatisierten Lichtspielhaus

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    • Tannhäuser-Premiere in Bayreuth im klimatisierten Lichtspielhaus

      Mir sagt die Arbeit von Tobias Kratzer mit all ihren Schwächen letztlich richtig zu und ich habe den Abend im klimatisierten Kino richtig genossen.

      Vom ersten Aufzug war ich regelrecht fasziniert, wie man die Handlung aus dem Wagner-Korsett herausreißen und ihr eine neue Basis geben kann. Wenn sich die künftigen Minnesänger auch noch wie Hipster bewegt hätten und nicht wie Bühnensänger die Arme bewegt, wäre ich restlos zufrieden gewesen. Im zweiten Aufzug war natürlich das Highlight die Einbeziehung der Venus in das Geschehen. Und wir wären nicht in Bayreuth gewesen, wenn nicht die GSG 9 die Opulenz des dramatischen Sängerkriegs aufgelöst hätte.Dass dem Tobias Kratzer dann für den dritten Aufzug die Ideen ausgingen, war kein Wunder. Aber ein Koitus auf der Bühne geht doch immer und hatte zumindest Axel Brüggemann begeistert.

      Die verbindende Figur des Oskar fand ich richtig gut. Die Bedeutung des „Le Gateau Chocolat“ hat sich mir nur begrenzt erschlossen, es sei denn, es war eine der inzwischen üblichen Forderungen nach einer gesamtgesellschaftlichen Anerkennung der zwei plus x-sexuellen Orientierungen.

      Wie wurden denn die in schwarz-weiß ausgestrahlten Rahmenhandlungen den Festspielbesuchern vermittelt? Denn letztlich waren diese doch für das Verständnis des Geschehens erforderlich.

      Gergievs Dirigat fand ich für einen Bayreuther Ersteinsatz richtig gut. Nur das Vorspiel kam etwas lahm daher. Das Orchester fand ich nicht berauschend, aber das müssten die Besucher im Festspielhaus beurteilen, denn die Aufnahmetechnik fand ich verbesserungswürdig. Aber dieser Wunsch zieht sich nun schon über die Jahre.

      Wie im Hause thomathi üblich, waren die Einschätzungen diametral. Trotzdem war ich der Marianne gestern richtig dankbar, dass sie mir in den Arm gegriffen hatte, als es um die Ticketbeschaffung für die Festspiele ging.
    • Bei der letzten Eröffnung der Bayreuther Festspiele mit einer "Tannhäuser"-Neuproduktion gab es hier im Forum eine Art Liveticker und eine rege Diskussion während und nach der Aufführung - unheimlich spannend, man hört dann selbst noch einmal viel genauer hin. Das war 2011 und von den damals beteiligten Mithörern und Mitdiskutanten ist inzwischen kaum jemand (oder niemand?) mehr hier im Forum aktiv. Ich habe die Aufführung gestern im Radio verfolgt und fände einen Austausch über die Eindrücke sehr spannend, ich bin mir nämlich keineswegs bei jedem der Mitwirkenden klar, was ich von seiner/ihrer Leistung halten soll. Vorher aber mal sicherheitshalber die Frage: Hat überhaupt irgendjemand sonst hier im Forum die Aufführung gehört?
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • ICH war per Video-Live-Stream dabei (sah also vermutlich dasselbe wie die Kinobesucher)!

      nu finde ich Richie generell einen emotional sehr anstrengenden Komponisten (für mich "von den Alten" >d.h. vor Mahler< nur von manchen Beethoven-Sachen übertroffen!) - ergo habe >das derzeitige Prügelwetter in den Knochen< vorgestern den 2.Akt der Bayreuther Götz Friedrich-Inszenierung mal wieder gesehen, gestern dann lediglich Akt I. + III. "vollständig", d. h. Akt II. lediglich als Stummfilm.....

      = = > > bin derzeit noch fleißig am Eindrücke verarbeiten; dauert bei mir immer büschen länger.....

      <= für's erste: wie die Rahmenhandlungen für die Besucher vor Ort ankamen?? Ich meine inzwischen irgendwo gelesen zu haben, dass die gesamte obere Bühne eine einzige überdimensionale Kinoleinwand gewesen ist, oder so ähnlich...
      s
      <= falls diese Drag-Queen tatsächlich keinen rechten Sinn machen sollte: so what ;) ;) Eine provokante Note von Gegenkultur ist doch m. E. gerade, dass sich manches von uns "deutschen"-Sinnsuchern nicht recht greifen lässt: it's nothing more than a good joke, you know...

      <= wäre vermutl. vor Ort unter denen gewesen, die beim Erscheinen von Tobias Kratzer & Team Bravo gerufen hätten - auch wenn sie Über-Aktionismus nicht immer vermeiden konnten: zwei, drei Kinozitate weniger wäre m. E. doch mehr gewesen. Die Kameragroßaufnahme auf das schaukelnde Hinterteil der Blondinen-Venus (zu Beginn des Sturms auf den Festspieltempel) war für mich ein deutliches Zitat aus Billie Wilder's Some like it hot - - - nun ja.....Pfote-hinter-Ohr-kratz....

      :wink:
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
      Peter Kessen "Disruptor Amazon"

      Hollywood ist ein Witz - nicht hassenswert...
      Aki Kaurismäki
    • Ich hatte bei der Biogasanlage an den Klimawandel gedacht, passend zum wüstenhaften Wetter. :neenee1:
      Gib dich nicht der Traurigkeit hin, und plage dich nicht selbst mit deinen eignen Gedanken. Denn ein fröhliches Herz ist des Menschen Leben, und seine Freude verlängert sein Leben.

      Parsifal ohne Knappertsbusch ist möglich, aber sinnlos!
    • Biogasanlage war auch gestern (sehr, sehr am Rande, zugegeben) - sonst hätte das Kollege vonHumboldt eben nicht geschrieben ;)
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
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    • Ein paar Gedanken zur Bayreuth-Premiere, ohne dass es sich hier um eine vollständige Rezension handeln soll. Zugegeben: ich habe mir die Inszenierung bisher nur auszugsweise angeschaut. Den Livestream konnte ich erst ab dem 3. Aufzug verfolgen und in den 1. und 2. Aufzug habe ich gestern nur mal reingeschaut.
      Die Inszenierung hat mich im allerersten Moment wenig angesprochen - vielleicht verständlich, wenn man mit dem 3. Aufzug anfängt, der nach meinem Eindruck in großen Teilen schwächer als die ersten beiden ist. Im Nachhinein war ich dann sehr angetan von der Produktion. Zum einen mag ich die Kombination von Film und Oper meistens (auch wenn es hier fast schon ein bisschen "too much" war) und zum anderen bringt dieses Road Movie-Idee unheimlich viel Dynamik rein.

      Ein interessanter Punkt, der in der BR-Gesprächsrunde im Anschluss aufkam: was sehen wir eigentlich am Ende? Um was handelt es sich bei der "Fahrt in den Sonnenuntergang"? Ein Traum? Eine Vision? In der gesamten Inszenierung handelt es sich bei den Filmszenen um Gegenwärtiges, bzw. schließen sie direkt an die Handlung an. Ist dieser Grundsatz am Ende gebrochen worden oder ist diese Szene auch so zu verstehen, dass sie hier und jetzt stattfindet?

      Mit der Drag-Queen hatte ich auch erst etwas meine Probleme und empfand die Einführung dieses Charakters fast schon etwas zu klamaukig und zu sehr (absichtlich) auf Provokation gestrickt. Im weiteren Verlauf hat sich dann für mich herauskristallisiert, wie diese "Venus-Crew" in etwa zu verstehen ist und dann fand ich die Idee eigentlich richtig gut. Handelt es sich bei diesem Trio doch um drei Charaktere, die mit gewohnten Konventionen brechen und nicht in das Raster der Gesellschaft Wolframs, bzw. Hermanns passen. In der Konfrontation dieser Gesellschaft mit diesem Trio wurde es natürlich spannend. Und auch hier kann man es der Inszenierung zugut halten, dass sie sich nicht eindeutig auf eine Seite schlägt, sondern durchaus Interpretationsspielräume offen hält. Schließlich werden auch die Schattenseiten dieses "Trio infernale" über die Oper hinweg deutlich.

      Über die Leistungen der Sänger kann ich im Detail nicht viel sagen, außer, dass mir Elisabeth (Lise Davidsen) sehr positiv aufgefallen ist. Genervt hat mich nach einer Weile das Klappern zwischen Orchester und Sänger. Auch in Bayreuth kann (und darf eigentlich auch) das mal vorkommen - aber SO oft und so prominent? Manchmal war es fast schon peinlich... Der "Tannhäuser" ist nun keine "Tristan und Isolde", in der die Musik schwelgt und träumt, sondern er ist doch in vielen Teilen noch sehr "vertikal". Das kam in dieser Produktion leider nicht gut zusammen.

      So weit meine Eindrücke ;).
    • Noch drei Ergänzungen: was ich mitunter auch etwas ermüdend finde, ist das Selbstreferentielle in einigen Produktionen der letzten Jahre. Ich denke an die Parsifal-Inszenierung von Herheim, die Meistersinger von Kosky oder auch diese Tannhäuser-Produktion. So langsam weiß ich, dass die Opern Richard Wagners auch mit ihm selbst zu tun haben und so letztendlich indirekt auch mit dem "Grünen Hügel" ;) . Wie gesagt: per se ist die Idee nicht schlecht, aber es kann sich auch etwas abnutzen.

      Die Idee mit der Performance im Park fand ich auch erst etwas übertrieben, war aber eigentlich der Inszenierung gemäß konsequent weitergedacht. Hat mich so ein bisschen an Lachemanns "Mädchen mit den Schwefelhölzern" erinnert, das dann auch vor der Oper in Frankfurt als überlebensgroße Figur stand.

      Und was mich richtig genervt hat: kaum war der Vorhang zu, das Licht aus und der letzte Ton verklungen gab es einen großen, lauten Buh-Ruf von einem (!) Zuhörer. Da mischten sich später noch einige dazu, aber der Applaus, die Begeisterung und vor allem Respekt und Anerkennung gegenüber den Ausführenden überwogen doch bei weitem.
      Sorry, ich kann verstehen, dass man auch Missfallen seinen Ausdruck geben muss (ich kritisiere hier ja auch ein bisschen rum), aber in solcher Weise hat das für mich etwas mit individueller Hybris und Respektlosigkeit zu tun. Schon klar, das Ausbuhen scheint (leider) irgendwie zu Bayreuth gehören, aber ich kann mich jedes Jahr aufs Neue darüber aufregen.
    • Ich habe die Übertragung nicht gehört/gesehen, aber Lise Davidsen habe ich im November 2017 in Wien als Ariadne gehört und hatte einen gemischten Eindruck: eine tolle Stimme, passagenweise wirklich toll, aber manche Stellen klangen "unfertig", und wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, nach mangelhafter Technik. Aber sie kann sich ja seitdem verbessert haben, sie ist ja noch jung.
      Stephen Gould habe ich in Wien dreimal als Tannhäuser gehört, und für diese Rolle ist er eine wirklich tolle Besetzung, meiner Meinung nach.
    • Auch von mir ein paar Gedanken, nachdem ich nun an zwei Tagen die Übertragung in der Mediathek des BR angeschaut habe.

      Am Donnerstag selber sah ich nur ein Szenenbild des I. Aktes und hörte von lautem Lachen während der Aufführung und hatte doch ernsthafte Bedenken. :/

      Ohne mir eine weitere Stellungnahme zu Gemüte geführt zu haben, fing ich dann mitten in der Nacht mit dem Tannhäuser an und nachts um Drei dachte ich, auf die Uhr schauend: 'Mist, der III. Akt muss warten.' ^^

      Ich war von Beginn an, ob der Inszenierung, hin und weg.

      Inszenierte Ouvertüren sind so gar nicht mein Ding, aber hier fand ich den Vorspann großartig, witzig, aber v.a. sinngebend und zur Musik größtenteils passend. Die Verwendung von Videos sollte übrigens viel häufiger praktiziert werden. Wagnersches Gesamtkunstwerk und so. Nun also das Hinzufügen einer weiteren Kunstrichtung. Zudem wurde für mich noch einmal deutlich, wie sehr Wagner auch 'Filmmusik' komponiert hat.

      Großartig und wunderbar umgesetzt diese Idee des verzweifelten Versuchs eines Eindringens neuer künstlerischer und gesellschaftlicher Ideen in den Heiligen Gralstempel Bayreuth (da ging dann auch der stark religiös geprägte Text auf)! Ebenso der Pilgerchor nun aus Zuschauern bestehend, die zum Grünen Hügel pilgern in Erwartung einer quasireligiösen Erlösung. Ein wenig unfreundlich der Verweis auf die 'Biogasanlage'. Ich bin mir nicht sicher, ob sich so etwas gehört. Herzhaft gelacht habe ich trotzdem. ^^ Schön dagegen die Referenz an Schlingensief mit dem Hasen als Gallionsfigur auf dem Wagendeck.

      Wie ja die Inszenierung überhaupt anspielungs- und detailreich ist und immer wieder einen Diskurs über die Rolle Bayreuths als eine zentrale Stätte von 'Hochkultur' einfordert. Dazu wunderbar passend der II. Akt mit der zwar nie reaktionär wirkenden, aber um so mehr in sich ruhenden Hofgesellschaft und den (noch?) in schwarzweiß gefilmten Einblicken in die Aktivitäten des 'gegnerischen' Lagers. Passend dazu das Auftreten von Venus und Co. Natürlich im Libretto nicht vorgesehen, aber konsequent bei einer Inszenierung, die sowieso in weiten Teilen eine ganz andere Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die für mich aber nie aufgepfropft war, sondern eine Lesart unter vielen darstellt.

      Enttäuscht war ich vom III. Akt, der doch relativ bieder daherkam, was vielleicht auch an den Vorgaben durch Musik und Text liegen mag. Menschlich war das Spiel und der Gesang sehr ergreifend, aber insgesamt hätte ich mir eine radikalere Schlussversion gewünscht. Zudem habe ich den Pilgerchor nicht verstanden. Ich rechnete eigentlich damit, dass nun die Zuschauer aus ihrem 'Tempel' wieder zurückkommen würden. Aber letztlich ist Bayreuth auch Werkstatt. Vielleicht fällt dem Regisseur da in den nächsten Jahren noch mehr ein. ^^

      :wink: Wolfram
    • Da ich nicht wie im deutschen Feuilleton üblich ganz, ganz, ganz viel über die Inszenierung, ein wenig über den Dirigenten und einen Halbsatz für alle Sänger schreiben wollte :D , nun also ein extra Beitrag zu meinem Empfinden bzgl. der musikalischen Seite.

      Gergiev hat mich doch arg enttäuscht. Ich habe ihn schon Jahre nicht mehr live gehört. Erstbegegnung war ein Gastspiel des damaligen Kirow-Theaters in Hamburg, bei dem er in wenigen Tagen 5 große Opern dirigierte und uns alle von den Sitzen riss. In folgenden Konzerten blieb dieser Eindruck, erst beim Verdi-Requiem entdeckten wir, dass er auch schwächere Momente hatte. Aber so uninspiriert wie nun in Bayreuth habe ich ihn persönlich noch nicht erlebt und war demzufolge höchst erstaunt. Zudem all die Koordinationsprobleme zwischen Bühne und Graben und dieses Empfinden: Wo ist eigentlich die Musik? Nein, das war für mich kein großer Wurf. Und wenn ich aus dem anderen Thread über ihn seinen Terminkalender anschaue, denke ich, dass es sich da jemand zu leicht macht. Bayreuth ist keine x-beliebige Konzertstation auf einer längeren Tournee. Dafür hat alleine die Akustik zu viele Tücken für einen Debütanten. Das kann man nicht mal so nebenbei abhaken.

      Einen Tannhäuser zu besetzen wird wohl immer schwieriger. Von daher muss man Stephan Gould dankbar für diese Leistung sein, zudem er die Romerzählung sehr differenziert und in der Tongebung als ein quasi entmannter Wanderer zwischen den Welten sehr intelligent und überzeugend angelegt hat. Ich hatte auch das Gefühl, dass er im Laufe des Abends eigentlich immer besser wurde. Im I. Akt fand ich nämlich seine Verweigerung eine Phrase auch einmal Legato zu singen, fast eine Neuentdeckung des Bayreuther Bell-Cantos, mehr als irritierend.

      Elena Zhidkova hat an sich eine beeindruckende Stimme, aber auch von ihr hätte ich gerne einmal eine wirklich gebundene Gesangslinie gehört. Sie verweigerte dies leider auch noch im III. Akt. ^^ Zudem war ihre Stimme alles, aber leider nicht erotisch. Gut, Einspringerin und so, aber für mich ein ziemlicher Ausfall.

      Stephen Milling als Landgraf fand ich ok, hätte ihn mir gerne noch ein wenig prägnanter gewünscht, was aber vielleicht auch an der Rollenanlage lag.

      Schön der Hirt von Katharina Konradi, ok die Sänger, wenn auch für mich nicht immer auf Festspielniveau.

      Sehr schön singend, beeindruckend, ausdrucksvoll dann der Wolfram von Markus Eiche. Nein, nicht nur beeindruckend, sondern v.a. auch berührend. Zudem endlich jemand, der von Beginn an seine Stimme fließen ließ (wenn vielleicht auch nicht in dem Maße, in dem man es von früher gewohnt ist, aber das ist wohl auch ein Zeichen der Zeit), der aber v.a. im III. Akt zu großer Form auflief und mit dem alten Hit des Abendsterns wirklich Eindruck machen konnte.

      Und dann Lise Davidsen als Elisabeth. Nun habe ich so und so viele Elisabeths live und als Konserve gehört und hatte selber schon oft die Befürchtung des 'Früher war es besser' und denke immer, dass ich auf keinen Fall auf diese Schiene geraten möchte und höre manch junge Sängerin an und denke dann 'Früher war es besser' und dann denke ich, dass ich auf keinen Fall auf diese Schiene geraten möchte und so weiter....und dann kommt diese Sängerin daher und haut mich um. Und haut mich so etwas von um. Zunächst ist es bei mir immer der Stimmklang und der hat mich sofort getroffen. Dann aber auch ihre stimmliche Präsenz, ihr Legato, ihr wunderbares Singen in der Maske, der Ausdruck, die sichere Höhe und...und...und... Ein fantastisches Debüt einer wunderbaren Sängerin, die hoffentlich diese Qualitäten noch lange in diesem Geschäft sich bewahren kann.

      Insgesamt also musikalisch für mich ein zwiespältiger Abend, der aber mit Davidsen und Eiche zwei absolute Highlights bot. Vielleicht zu wenig, wenn man bedenkt, dass es sich um Bayreuth handelt. Aber schließlich geht es um den Tannhäuser und der ist einfach schwer zu besetzen.

      :wink: Wolfram
    • figure humaine schrieb:

      was ich mitunter auch etwas ermüdend finde, ist das Selbstreferentielle in einigen Produktionen der letzten Jahre. Ich denke an die Parsifal-Inszenierung von Herheim, die Meistersinger von Kosky oder auch diese Tannhäuser-Produktion.
      Und genau das finde ich eigentlich interessant, dass sich die Bayreuther Inszenierungen unter der Leitung von Katharina Wagner immer häufiger mit Bayreuth und seiner gesamten Wirkung auseinandersetzen. Vielleicht der Beginn einer künstlerischen Vergangenheits- und Gegenwartsbewältigung?

      Wenn ja, könnte es nach meinem Geschmack durchaus noch radikaler ausfallen. Aber immerhin ein Anfang!

      :wink: Wagner
    • Hab's gestern abend auch gesehen und gehört und stimme Wolfram weitgehend zu.

      Die Ouvertüre hat mir (anders als thomati) noch ganz gut gefallen; aber danach ... Am schlimmsten war Gergievs Dirigat in den großen Ensembleszenen am Ende von Akt 1 und 2, das war nicht nur uninspiriert, das war einfach schlecht - keinerlei Linienführung der oder Hervorhebung von Stimmen (Solisten/Chor), Fehleinsätze (sowohl Chor als auch Solisten), dynamischer Einheitsbrei.

      Die beiden genannten Aktschlüsse zähle ich allerdings auch zum schwächsten, was Wagner geschrieben hat; das bleibt hinter Vorbildern wie Weber oder Meyerbeer um einiges zurück. Dazu sind sie dramatisch völlig misslungen. Im ersten Akt gelingt es der Regie hervorragend, dadurch etwa aufkommende Langeweile zu überbrücken, im zweiten klappt das dann nicht mehr - der Polizeieinsatz reißt es auch nicht 'raus (und ist auch nicht sonderlich motiviert. - NB: War das Katharina Wagner, die da die 110 wählt?). Die Rückkehr der Pilger hab' ich auch nicht kapiert. Ansonsten finde ich nicht, dass der Regie im 3. Akt die Ideen ausgehen; dass sie sich eben nicht auf ein Ideenfeuerwerk beschränkt, gefiel mir ausgesprochen gut. Die Sexszene (wenn man das überhaupt so nennen kann) war vielleicht der ergreifendste und traurigste Moment der Inszenierung.

      Lise Davidsen ist in der Tat großartig - wenn es was zu bemäkeln gibt, dann dass die Stimme in der tiefen Lage doch ein wenig abfällt. Der Wolfram muss nach meiner Erwartung irgendwie immer besonders schönstimmig sein - das ist das einzige, was Markus Eiche vielleicht ein wenig fehlt. Aber sonst gebe ich Wolfram auch hier vollkommen recht! Elena Zhidkova verlässt sich mE zu sehr auf ihr voluminöses Organ (im dritten Akt kam aber auch das an seine Grenzen), hatte sie erst neulich in Hamburg als Eboli gehört, da war das ähnlich.

      Eine Frage stellt sich mir in diesem Zusammenhang: Wenn Frau Zhidkova Einspringerin war, wie funktioniert das dann, dass sie in den umfangreichen Filmsequenzen ebenfalls zu sehen ist? Das kann man doch nicht so kurzfristig produzieren? (Wer war denn ursprünglich vorgesehen?)
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • <= bzgl. **Aktschlüsse I + II: der Götz Friedrich - Tannhäuser (Premiere 72, TV-Aufzeichnung 78) ist meine einzige Wagner DVD und dementsprechend häufig gesehen... ...dann liegt es viell. gar nicht hauptsächlich an mir, dass ich **da immer das Gefühl habe, dass ich "ästhetisch nicht ganz durchsteige"?? :P

      <= YEPP, war Kathi Wagner höchstselbst, die da die grüne Minna geholt hat (hab's irgendwo aufgeschnappt - ich meine, sie hatte auch während der letzten Pressekonferenz vor der Premiere "zwischen den Zeilen" durchblicken lassen, dass sie (über-?)morgen ein paar Sekunden mitspielen darf!) Hat sie auch m. E. richtig gut gemacht - dieses leichte Zucken der Oberlippe, kurz bevor sie die 110 wählt, halb Wut, halb Ekel … hey, das war schon was... ...who knows, viell. hat sie sich ein wenig detaillierter was abgucken können, als sie für den letzten Franken-Tatort auch im Festspielhaus gedreht haben...

      <= dass Zhidkova einspringen muss, stand wohl mindestens 5, 6 Tage davor fest: in der Zeit glaube ich eigtl. schon, dass sich das mal eben "nachproduzieren" lässt - wenn ich daran denke, dass mittlerweile ein 90min. Tatort innerhalb von 4 Wochen im Kasten sein muss.....

      <= die Erwartung, dass W.v.Eschenbach ein Schönsänger sein sollte, habe ich gleichfalls - und sehr viele andere vermutl. ebenso! Das könnte (u. a.) auf den jungen Fischer-Dieskau zurückgehen, der den Wolfram bereits im ersten Bayreuther Nachkriegs-Tannhäuser 1954 gesungen hat . . . . .

      :wink:
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
      Peter Kessen "Disruptor Amazon"

      Hollywood ist ein Witz - nicht hassenswert...
      Aki Kaurismäki
    • wes.walldorff schrieb:

      die Erwartung, dass W.v.Eschenbach ein Schönsänger sein sollte, habe ich gleichfalls - und sehr viele andere vermutl. ebenso! Das könnte (u. a.) auf den jungen Fischer-Dieskau zurückgehen
      :D Jo, bei mir ist das auch so! Aber man kann sich ja von sowas auch mal frei machen - der Eiche war jedenfalls klasse!

      wes.walldorff schrieb:

      dass Zhidkova einspringen muss, stand wohl mindestens 5, 6 Tage davor fest: in der Zeit glaube ich eigtl. schon, dass sich das mal eben "nachproduzieren" lässt
      OK - aber was machen die bei einem kurzfristig notwendig werdenden Ersatz?
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Quasimodo schrieb:

      Hab's gestern abend auch gesehen und gehört und stimme Wolfram weitgehend zu.
      Hab mir eben 1. Akt via DVD reingezogen

      Quasimodo schrieb:

      Am schlimmsten war Gergievs Dirigat in den großen Ensembleszenen am Ende von Akt 1 und 2, das war nicht nur uninspiriert, das war einfach schlecht - keinerlei Linienführung der oder Hervorhebung von Stimmen (Solisten/Chor), Fehleinsätze (sowohl Chor als auch Solisten), dynamischer Einheitsbrei.
      Leider nicht ganz selten bei Tannhäuser-Mitschnitten. Fand ich auch schade. :(

      Quasimodo schrieb:

      Die beiden genannten Aktschlüsse zähle ich allerdings auch zum schwächsten, was Wagner geschrieben hat; das bleibt hinter Vorbildern wie Weber oder Meyerbeer um einiges zurück. Dazu sind sie dramatisch völlig misslungen. Im ersten Akt gelingt es der Regie hervorragend, dadurch etwa aufkommende Langeweile zu überbrücken, im zweiten klappt das dann nicht mehr - der Polizeieinsatz reißt es auch nicht 'raus (und ist auch nicht sonderlich motiviert
      Hab bisher keinen Schimmer von Meyerbeer. Wenn was im 2. Akt an Wagners Mucke nervt, dann ist es der Einzug der Gäste. Das Finale des 2. Aktes kommt mir, was Mucke betrifft, dagegen vielfältiger und fetziger rüber, wenn es entsprechend genau, durchsichtig und dynamisch rüberkommt. Hinter Weber (allerdings bisher bloß Freischütz eingeschmissen) braucht sich diese Final-Chose vom Akt 2 nicht verstecken. Find ich jedenfalls. :) Ja, ja, okay, okay, okay. Das Final-Ensemble im 2. Akt-Lohengrin („Welch ein Geheimnis muß der Held bewahren?“) finde ich mucken-mäßig sehr viel spannender…….. auf den Polizeieinsatz jetzt neugierig.

      Quasimodo schrieb:

      Die Sexszene (wenn man das überhaupt so nennen kann) war vielleicht der ergreifendste und traurigste Moment der Inszenierung.
      Das werd ich mir noch reinziehn.
      1. Akt kommt auch schon düster rüber. Meinem Brägen beeindruckte bereits Depri-Feeling im Citroën nach dem Polizist totgeplättet wurde, was mir eher an Godards Außer Atem als Schlöndorff andockt. Simultan die Pilgerchorreprise vom Vorspiel als Kontrast, was bereits Schatten auf den 2. Akt und vor allem 3. Akt wirft. Da hätte ich mir das Orchester deutlicher, dynamischer und schärfer gewünscht. :(
      Cool die Tischdecke zum öden Fastfood, was Spießigkeit der „Outlaws“ unterstreicht. In ihrer Verweigerungshaltung reproduzieren sie Gewalt/ Zwänge/Verhaltensweisen der herrschenden Wartburggesellschaft => kommen als Revers davon rüber.

      Meine Lieblingsszene aus 1. Akt, was Mucke betrifft, bildet die mit dem Hirten; bei Tobias Kratzer eine empathische Radfahrerin. Deren Hosenklemme erinnerte beinahe an elektronische Fußfessel. Indem der Chor lediglich aus beflissenen Festspielgästen sich rekrutiert, also Kunst angekettet mit sehr augenscheinlichen Fiktionscharakter das Pilger-Ziel bildet, eiert die Chose (Glück auf! Glück auf nach Rom! Betet für meine arme Seele! ) mir grandios und bewegend zwischen Illusion und Desillusion.. ….
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Quasimodo schrieb:

      wie funktioniert das dann, dass sie in den umfangreichen Filmsequenzen ebenfalls zu sehen ist? Das kann man doch nicht so kurzfristig produzieren?
      Wenn ich den Fernsehheini richtig verstanden habe, wurde das tatsächlich nachgedreht.
      "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms
    • Quasimodo schrieb:


      wes.walldorff schrieb:

      dass Zhidkova einspringen muss, stand wohl mindestens 5, 6 Tage davor fest: in der Zeit glaube ich eigtl. schon, dass sich das mal eben "nachproduzieren" lässt
      OK - aber was machen die bei einem kurzfristig notwendig werdenden Ersatz?
      ...die abgedrehten Szenen mit Ekaterina Gubanova sind jedenfalls wohl nicht für die Tonne: bei den letzten beiden Aufführungen soll sie wieder die Venus darstellen. Ich bin gespannt darauf, Zhidkova hat mir sanglich wie darstellerisch extrem gut gefallen.
      ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...