András Schiffs Kampf gegen Steinway

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    • András Schiffs Kampf gegen Steinway

      Gerade habe ich bei FAZ online diesen interessanten Artikel gelesen: faz.net/aktuell/feuilleton/and…chubertiade-16321107.html

      Ich bin zu wenig Experte im Klavierbau/-klang, um die von Schiff benannten Kritikpunkte an Steinway beurteilen zu können. Aber - abgesehen von seiner der Darstellung nach nicht gerade sympathischen Verhalten - würde es mich schon interessieren, wie Klavierspezialisten hier den Sachverhalt einschätzen.
    • Naja, den Artikel selbst finde ich auch nicht gerade sympathisch, weil für mich zu polemisch. Was Schiffs Antipathie gegen Steinway-Klaviere angeht, finde ich dort einigermaßen konkret nur dies:

      Jan Brachmann/FAZ schrieb:

      Seit Jahren schon pestet Schiff gegen Steinway und behauptet, auf einem Bösendorfer seien ganz andere Schattierungen des Pianissimos möglich; außerdem habe sich bei Bösendorfer der Geist der Wiener Hammerflügel aus der Zeit Beethovens und Schuberts erhalten.
      Dagegen:

      Jan Brachmann/FAZ schrieb:

      Immer deutlicher wird nun, dass András Schiff sich mit alternativen Fakten in einen Wahn von der Reinheit der österreichisch-ungarischen Kultur des Klavierspiels hineinsteigert, der nichts mit der geschichtlichen Wirklichkeit zu tun hat.
      Tja. Weiß nicht, was ich davon halten soll. Beurteilen kann ich die Sache nicht, weil auch ich weit entfernt davon bin, Experte zu sein.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Die Äußerungen von Herrn Nachbauer würde ich auf keinem Fall ungeprüft für bare Münze nehmen.
      Hinter den Kulissen brodelt es seit langem in der Schubertiade.
      András Schiff hat auch einen besonderen Humor und kann sich erlauben, nicht nach der Pfeife vom Festivaldirektor zu tanzen.
      Ich weiß, daß er in den Meisterklassen sich abfällig über Steinway geäußert hat, weiß aber nicht genau, in welchem Umfang und Zusammenhang.
      In einem älteren Film über Schubert, den man auf der Tube finden kann, spricht er sich für Bösendorfer und gegen Steinway aus, tut es aber in ziemlich moderaten und unpolemischen Tönen.
      Den Hintergrund der aktuellen Geschichte kenne ich nicht, ich vermute aber stark, daß es einen gibt.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Vielleicht mal allgemein dazu ein paar Anmerkungen:

      Diese bedien Firmen stehen seit Jahrzehnten im Konkurrenzkampf, völlig unabhängig davon, was Herr Schiff für Äußerungen von sich gegeben hat. Auch der großartige Jazz-Pianist Oscar Peterson hat bereits in den 1960-er Jahren auf die Firma Boesendorfer geschworen, sogar einige seiner besten Einspielungen von 1965-1968 im Schwarzwald auf einem Boesendorfer eingespielt. Die Serie ist unter der Bezeichnung "Exclusively for my Friends" bekannt geworden und heute noch erhältlich (8 CD-Box für ca. 75 € zu erwerben).

      Auch Peterson hatte damals bereits Kritik an den Steinway Klavieren geübt. Sie sollen wohl "zu hart" im Anschlag" gewesen sein, wenn ich es richtig in Erinnerung habe. Doch das müsste man genauer nachlesen.

      Es wird immer Pianisten geben, die in Hinsicht der Instrumente ihre eigenen Meriten haben. Die einen mehr, die anderen weniger intensiv. Für mich persönlich sind das oftmals überzogene Eitelkeiten. Ich kann erwarten, dass Profis mit den in der Regel hervorragenden Instrumenten problemlos zurecht kommen, denn Andere können das auch, und machen daraus keine Wissenschaft. Die Veranstalter sprechen das in der Regel vorher mit den Künstleragenturen ab, es ist also nicht so, dass die Musiker vor Ort auf irgend einem Billig-Instrument aus China spielen müssen.

      Diese Feinheiten und Eigenheiten gibt es natürlich bei den anderen Instrumentengruppen ebenso. Der Geiger ist ja auch "sein" Instrument gewohnt oder der Klarinettist "seine" Klarinette. Pianisten haben nun mal das Problem, dass sie zu jedem Auftritt ein anderes Instrument vor sich stehen haben.Gerade DANN weiß der Musiker auch, auf was er sich da eingelassen hat. Sie sind den Kummer quasi gewohnt - oder er muss sich das Instrument immer einschicken lassen. Doch dann müsste es jedes Mal zuvor gestimmt und neu einjustiert werden. Auch dann würde das Instrument immer anders klingen und sich spielen lassen.

      Ich weiß durchaus, was ich schreibe, da ich als Pianist angefangen und mehrere Jahre auch aktiv tätig war. Das ist zwar schon eine Weile her, aber die Klaviere haben immer noch 88 Tasten. Daran hat sich nichts geändert.

      Viele Jazz-Pianisten sind inzwischen auch die "Stage-Pianos" gewöhnt, weil viele Veranstalter keinen Flügel oder kein Klavier mehr vor Ort stehen haben. Nach denen kräht auch kein Mensch, und sie spielen völlig problemlos darauf (ich weiß aber, dass das trotzdem immer noch eine andere Sache ist, an einem "echten" Klavier oder Flügel zu spielen).

      Bitte dieses Posting nicht falsch verstehen. Selbstverständlich soll ein Berufsmusiker und/oder Solist das bestmögliche Instrument zur Verfügung haben. Er soll sich darauf auch wohl fühlen, keine Frage. Doch auch weiß jeder Pianist auch, auf was er sich da eingelassen hat. Er wacht also nicht auf und stellt voller Überraschung fest, dass er am Abend mal wieder auf einem anderen Instrument spielen muss. Für sie ist das Alltag, Standard, keine Ausnahme. Ob das nun gut oder schlecht ist, braucht man nicht zu diskutieren, es gehört zum Musikerleben dazu wie Hotels, Einsamkeit und die üblichen Abend-Dinner nach der Veranstaltung.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Maurice schrieb:

      Es wird immer Pianisten geben, die in Hinsicht der Instrumente ihre eigenen Meriten haben.
      Lieber Maurice , wenn Du die Eigenheiten meinst - ABMichelangeli reiste zeitweise mit zwei ! Flügeln , wenn ich es recht erinnere . ( Na ja , er hob ja auch manchmal ab ).

      Maurice schrieb:

      aber die Klaviere haben immer noch 88 Tasten. Daran hat sich nichts geändert.
      Bösendorfer hat Modelle mit 92 und 97 Tasten .
      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " - Don't all thank me at once (Scott Miller) - Ich behalte mir das Recht vor , Fehler zu machen .
    • Nun ja, Steinway hat, warum auch immer, eine starke Dominanz aufbauen können. Aus meinen Hörerfahrungen heraus kenne ich durchaus Unterschiede im Klang von Flügeln der Firmen Steinway, Bösendorfer, Ibach und Bechstein. Ein Konzertpianist sollte mit allen diesen Flügeln klarkommen können - seine Präferenzen seien ihm trotzdem gegönnt. Aber eine herstellerabhängige Klavierschule anzunehmen ..... na, ich weiß nicht ....

      (Es gibt vielleicht ein paar Marotten von Starpianisten, die da ihrem Einfluß hatten ... ich denke beispielsweise an die zeitweilig i.m.O. schon unangenehm harte Brillanz, die Horowitz von seinem Klavierbauer gefordert hat. Die Aufnahme von Rachmaninov KK3 mit Ormandy kann da als Beispiel gelten. Das ist dann in der Tat sehr weit von einem weichen und voluminösen Klang eines Bösendorfers oder dem eines Bechstein entfernt und treibt den "glasklaren" Steinway-Klang ins Absurde. Hat aber wenig mit russischer, österreichisch-ungarischer oder deutscher (oder welcher auch immer) Klavierschule zu tun)

      ... und die Festival-Interna, die im Hintergrund wirken .... keine Ahnung, wird ja auch nichts detailliertes zu gesagt.
    • Maurice schrieb:

      Pianisten haben nun mal das Problem, dass sie zu jedem Auftritt ein anderes Instrument vor sich stehen haben.Gerade DANN weiß der Musiker auch, auf was er sich da eingelassen hat. Sie sind den Kummer quasi gewohnt - oder er muss sich das Instrument immer einschicken lassen. Doch dann müsste es jedes Mal zuvor gestimmt und neu einjustiert werden. Auch dann würde das Instrument immer anders klingen und sich spielen lassen.
      Es ist nicht so, daß Pianisten "den Kummer" wortlos hinnehmern. Unzählige Anekdoten zeugen von dem komplizierten Umgang der Pianisten mit den Instrumenten: Horowitz spielte auf seinem persönlichen Klavier, Benedetti-Michelangeli bestand oft darauf, auf seinem eigenen Hamburger Steinway zu spielen, in jedem Fall reiste "sein" Klavierstimmer mit ihm. Andere Pianisten haben auch einen bevozugten Klavierstimmer. Über Sokolov wird erzählt, er nehme Klaviere auseinander und notiere akribisch in einem Heft, was ihm auffalle. Brendel ist auch für seine besonderen Anforderungen bekannt, und so weiter und so fort...
      Viele Pianisten spielen bevorzugt auf Instrumenten eines besonderen Klavierbauers, teilweise aus vertraglichen Gründen.
      In jedem Fall wird das Klavier unbedingt "jedes Mal zuvor gestimmt und neu einjustiert", sei es das eigene oder das (eventuell vertraglich festgelegte) zur Verfügung gestellte.

      Die Grenze zwischen extremer Sorgfalt und "überzogenen Eitelkeiten" ist fließend. Künstler sind eben halt Künstler. Das sollte Herr Nachbauer von der Schubertiade auch wissen, wo solche Anekdoten nicht rar sind.

      Hier ist der Film, wo Schiff über Schubert spricht (auf Englisch mit ungarischen Untertiteln) und sich auch über Bösendorfer und Steinway äußert:
      youtube.com/watch?v=G4R-qf6E7XI
      (ab ca 13' 33'')

      Was den Artikel von Jan Brachmann betrifft, muß man sagen, daß Fairneß anders ausschaut.
      Vieles beruht auf Hörensagen.

      Schiffs Bemerkungen während der Meisterklassen waren mir von einem belgischen Festspielbesucher bekannt, der auch einen Blog führt - auf niederländisch: ist er etwa der "niederländische Kritiker"?
      Hier die entsprechende Blogseite:
      gopera.com/igi/?id=2038

      und hier die Google-Übersetzung des relevanten Absatzes:

      Il Grand Inquisitor schrieb:

      Schiff versäumte es nicht, in diesen drei Tagen seine Abneigung gegen Steinway-Klaviere zu äußern: klingt hässlich, man kann nicht leise (und daher kein Schubert) darauf spielen, tote Töne, ein schwarzer Sarg, der Name stammt von "ein Stein tut Weh "und so weiter ... deshalb wurde das Konzert dieses Abends auf einem Bösendorfer statt auf dem üblichen Steinway aufgeführt.
      Man muß wissen, daß es kein Vortrag war, keine Konferenz, sondern Meisterklassen (3 Meisterklassen von je 3 Stunden), die in einer ziemlich lockeren Atmosphäre stattfanden. Im gelinkten Film versäumt Schiff nicht, über Steinway zu sagen: "although it's a magnificent instrument". Wir sind weit von dem, was Brachmann ihm in den Mund setzt.

      Der Journalist erwähnt einen "offenen Brief" von Herrn Nachbauer.
      Nun, offene Briefe von Herrn Nachbauer sind keine Seltenheit.
      2013 schrieb er schon in einem solchen Brief an die Gemeinde Schwarzenberg :"Ab 2014 werden keine Schubertiade-Veranstaltungen mehr in Schwarzenberg stattfinden." (Gesamter Text hier: kulturzeitschrift.at/kritiken/…er-gemeinde-schwarzenberg)

      Den Wortlaut des offenen Briefes gibt Brachmann nicht wieder, nur Kommentare wie "Schiff passt also das Publikum nicht, ihm passen die Kollegen nicht, vor allem aber passt es ihm nicht, dass die übrigen Pianisten auf einem Flügel der amerikanischen Firma Steinway spielen und ihn auch noch loben." Dies ist freie Interpretation von Brachmann.
      Eigentlich handelt es sich bei dem "offenen Brief" um eine Mitteilung des Geschäftsführers der Schubertiade Gerd Nachbauer in der Rubrik "Besetzungs- und Programmänderung", die man hier lesen kann:

      schubertiade.at/de/news/schube…nd-programmaenderung.html

      Was man auf jedem Fall nicht wissen wird, ist, was Schiff tatsächlich Nachbauer gesagt oder geschrieben haben mag - und sowieso nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, was folgenden Worten Nachbauers:

      Gerd Nachbauer schrieb:

      Sir András Schiff reagierte mit der Ankündigung, daß er auf alle zukünftigen Auftritte bei der Schubertiade verzichte, stellte die Beurteilungskompetenz des Schubertiade-Publikums in Frage und äußerte sich abschließend noch sehr negativ über eine ganze Gruppe von bei uns regelmäßig auftretenden Künstlern.
      ein gewisses Gschmäckle beschert. Es ist keineswegs überraschend, daß sich jemand negativ "über eine ganze Gruppe von bei [der Schubertiade] regelmäßig auftretenden Künstlern" äußert, nun sollte man auch den Kontext beachten.
      Wenn X oder Y sagen würde: "die meisten kommen eh nur, um gesehen zu werden" - wer hat sowas nie gehört? - könnte es auch als "die Beurteilungskompetenz des Schubertiade-Publikums in Frage"-Stellen dargestellt werden, nun war es eben eine persönliche Auseinandersetzung zwischen Schiff und Nachbauer gewesen.

      Ob der Schubertiade-Steinway "von allen anderen Pianisten täglich gelobt und sehr geschätzt wird", ist auch zu relativieren. Ich selber habe von anderen Pianisten als Schiff auch kritische Worte darüber gehört.
      Es sieht aus, als wenn Schiff etwas überreagiert hätte. Aber, wie man in Frankreich sagt: "wer nur eine Glocke hört, hört auch nur einen Ton". Brachmann macht aus diesem einzigen Ton sehr schnell eine Calunnia -Arie.

      Die Süddeutsche Zeitung berichtet auch über den Vorfall, und zwar in einem viel sachlicheren Ton als die FAZ:

      sueddeutsche.de/kultur/klassik…nd-ihre-geister-1.4548631

      Die erwähnte Schubert-Matinee mit D845, D850 und D894 habe ich selber in Schwarzenberg nicht erlebt, wohl aber ein paar Tage später Schiff mit demselben Programm in Düsseldorf im Rahmen des Ruhr-Klavierfestivals, wo er auch auf seinem feuerroten Bösendorfer gespielt hat - obwohl Steinway zu den Sponsoren des Festivals gehört - und dies ohne großen Rummel.

      Der Rest von Brachmanns Ausschweifungen ist ziemlich am Thema vorbei. Der letzte Satz:

      Jan Brachmann schrieb:

      Die Schubertiade tut gut daran, einem derart ressentimentbesessenen Künstler keine Träne nachzuweinen.
      weicht erheblich davon ab, was in der Süddeutschen geschrieben wird:

      Hermann Unterstöger schrieb:

      Wenn auch Schiff 2020 durch Elisabeth Leonskaja sowie Lucas und Arthur Jussen ersetzt wird, so wird sein Fehlen altgedienten Schubertiadegängern vorkommen, als wär's ein Stück von ihnen. Seit 1984 gehört András Schiff - damals noch ohne "Sir" - zu den prägenden Künstlern dieses in seiner Qualität ebenso gediegenen wie beständigen Festivals.
      Mit anderen Worten: Jan Brachmann bewegt sich auf Manuel Brug-Niveau.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • b-major schrieb:

      Bösendorfer hat Modelle mit 92 und 97 Tasten .
      Ich weiß, dass es auch solche Ausnahmen gibt. Doch in der Regel sind es selbst 2019 noch 88 Tasten.


      b-major schrieb:

      Lieber Maurice , wenn Du die Eigenheiten meinst - ABMichelangeli reiste zeitweise mit zwei ! Flügeln , wenn ich es recht erinnere . ( Na ja , er hob ja auch manchmal ab ).
      Ja, auch das war mir bekannt. Das sind in der Tat "Eigenheiten", aber ich kann es ja auch durchaus nachempfinden. Ich spiele ja auch MEINE Trompete(n) und nicht irgend eine Kanne vom Veranstalter. Klar ist aber auch, dass ich diese Trompete theoretisch ebenfalls spielen könnte.


      Philbert schrieb:

      Die Grenze zwischen extremer Sorgfalt und "überzogenen Eitelkeiten" ist fließend. Künstler sind eben halt Künstler. Das sollte Herr Nachbauer von der Schubertiade auch wissen, wo solche Anekdoten nicht rar sind.
      Ja, aber auch Mimosen. :D
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Philbert schrieb:

      Es sieht aus, als wenn Schiff etwas überreagiert hätte.
      ... finde ich nicht.


      Lieber András Schiff,

      ich schlage vor, dass Sie zukünftig Bach, Beethoven, Schubert, Schumann etc. nur noch auf periodischen (nachgebauten) Instrumenten wiedergeben. Einverstanden? Mein nachhaltiges Interesse darf ich Ihnen versichern.

      Liebe Grüße

      Ihr Y.
    • Man sollte die Kirche im Dorf lassen.
      Tatsächlich spielt Schiff Schubert auch auf einem Brodmann-Hammerklavier von 1820 (kein Nachbau), das er von Jörg-Ewald Dähler erworben hat, der selber zuvor hochgeschätzte Einspielungen auf eben diesem Instrument realisiert hat. Kammermusik von Mozart hat er auf Mozarts Walter-Hammerflügel von 1780 eingespielt.
      Im Film über Schubert (youtube.com/watch?v=G4R-qf6E7XIab ca 13' 33'') erklärt Schiff nachvollziehbar (auch wenn man seine Meinung nicht teilen muß), warum er Schubert lieber auf einem Bösendorfer als auf einem Steinway spielt (kurz zusammengefaßt: "der Unterschied zwischen Steinway und Bösendorfer ist wie der Unterschied zwischen Hochdeutsch und dem Wiener Dialekt").
      Auf dieser live in Zürich aufgenommenen CD: spielt er Schumann auf einem Steinway. Das beim Werbepartner gezeigte Bild legt nahe, daß er es auch auf dieser 2011 erschienenen CD tut: . Hier spielt er Bach auf einem Steinway: youtube.com/watch?v=00s8KunOj-U, hier Brahms: youtube.com/watch?v=0a3REsRnotY
      Man kann sicher nicht von einer pauschalen Abneigung Schiffs gegen Steinway sprechen oder gar von einer Weigerung seinerseits, auf Steinway zu spielen.

      Es sieht so aus, als hätte es einen Meinungsunterschied zwischen Schiff und Nachbauer über die künstlerische Besetzung der Schubertiade gegeben hätte (ob begründet oder nicht, sei dahingestellt).
      Die Steinway-Polemik ist dabei von Nachbauer auf den Tisch gebracht und aufgebauscht worden.

      Der "niederländische Kritiker" wird nirgends namentlich genannt und ich bin beinahe überzeugt, daß es um den belgischen Blogger geht, den Grand' Inquisitor, der wohlgemerkt die Bilder auf seinem Blog von der Pressestelle der Schubertiade bezieht (weiß ich von ihm selber). Wie könnte ein anonymer Blogger auf Niederländisch tatsächlich so einflußreich sein, daß - laut Jan Brachmann - "die Schubertiade in Schwierigkeiten kam, nachdem ein niederländischer Kritiker die Diffamierungen publik gemacht hatte" ? Im Ernst? Waren die sogenannten "Diffamierungen" nicht publik genug, wenn sie schon coram publico erfolgt waren? Und zwar nicht auf Niederländisch oder Ungarisch, sondern auf Deutsch?

      Nachbauer hat in seiner Mitteilung einen verbalen Austausch zwischen ihm und Schiff öffentlich gemacht. Aus seiner eigenen Perspektive und in seinen eigenen Worten. Das "In-Frage-Stellen der Beurteilungskompetenz des Schubertiade-Publikums" könnte ein hastig am Telefon hingeworfenes "Die haben eh' keine Ahnung" sein. Wir wissen es nicht, es sollte uns auch nicht interessieren. Solche Auseinandersetzungen zwischen Festspielleitern und Künstlern passieren täglich unter Ausschluß der Öffentlichkeit.

      Inzwischen habe ich festgestellt, daß Nachbauer seine Mitteilung nicht nur auf der Website der Schubertiade veröffentlicht hat, er hat sie auch rund um die Welt verschickt: siehe hier: slippedisc.com/2019/07/exclusi…oycotts-the-schubertiade/ (Norman Lebrecht) , hier: klassik-heute.com/4daction/www_aktuelles_meldung?id=22526 (Klassik heute).

      Noch einmal: die einseitige Darstellung eines privaten verbalen Austauschs.
      Jan Brachmann schlägt in die gleiche Kerbe und tut noch eins drauf, indem eine konstruierte Argumentation bemüht, um darauf zu kommen, daß "Immer deutlicher wird nun, dass András Schiff sich mit alternativen Fakten in einen Wahn von der Reinheit der österreichisch-ungarischen Kultur des Klavierspiels hineinsteigert, der nichts mit der geschichtlichen Wirklichkeit zu tun hat.", was aber gar nichts mehr mit Schiffs Äußerungen zu tun hat.

      In der Süddeutschen Zeitung analysiert Hermann Unterstöger es so:

      Hermann Unterstöger schrieb:

      Der Konflikt zwischen Schiff und der Schubertiade hat zwei Wurzeln. Zum einen ging es laut Gerd Nachbauer darum, dass ein anderer Pianist im Juni 2020 das Programm spielen wird, das eigentlich Schiff spielen wollte; die Überschneidung komme daher, dass diesem anderen Pianisten schon zugesagt worden war, als Schiffs Angebot noch gar noch [sic - recte wohl: noch gar nicht] vorlag. Zum anderen steht die alte Sache Steinway contra Bösendorfer im Raum
      und ich wiederhole meine Ansicht, daß das erste Element ("Personalfragen", wie Unterstöger schreibt) der Stein des Anstoßes gewesen sei und das zweite nur hinzugefügt worden sei. Bevor Nachbauer seine Meldung verteilt hat, hat nämlich niemand - trotz "niederländischen Kritikers"- Schiffs Steinway-Tiraden während der Meisterklassen eine besondere Aufmerksamkeit jenseits des Unterhaltungswerts geschenkt. Die Worte, die der belgische Blogger zitiert hat, hat er nicht erfunden (er hat's mir am Abend des Konzerts mit Holl, Schiff and friends in ähnlichen Worten erzählt), es fehlt aber der ganze Zusammenhang - noch einmal: die lockere Atmosphäre einer Meisterklasse, die sicher nicht so angespannt war, wie Schwarzkopfs es waren.

      Daraus "Schiffs Kampf gegen Steinway" zu machen, ist eine deutliche Verzerrung der Realität.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Ich kenne die Aussendung der Schubertiade an die Besucher/Interessenten, deren eMail-Adresse dort aufliegt. Wenn allgemeines Interesse besteht, kopiere ich ihn gerne (aber der Inhalt wurde hier ja schon bekannt gegeben).

      Ich teile die Ansicht von Philbert, dass sich hinter dem veröffentlichten Konflikt zwischen Schiff und der Schubertiade mehr verbirgt, als bisher öffentlich bekannt ist. Ob künstlerisch oder zwischenmenschlich bedingt (wozu ich neige) oder eine Mischung daraus, kann ich nicht beurteilen und auf Spekulationen ohne belastbare Hintergrundinformationen möchte ich mich nicht einlassen.

      Das Publikum in Schwarzenberg ist sicher ein ganz spezielles, das - so mein sehr subjektiver Eindruck - nicht jenen Smoking- oder Abendkleidvorführern zählt, wie man sie häufig bei den prominenten Festspielen findet. In Schwartenberg wie auch in Hohenems findet man vor allem Besucher, die primär wegen der Musik kommen und Liebhaber von Kammermusik und/oder Liedgesang sind. Es ist also in der Tat ein sehr spezielles Publikum, dem ich - auch wieder sehr subjektiv - eine Kenntnis des gebotenen Genres nicht grundsätzlich absprechen möchte. Und ich unterstelle Andras Schiff einmal, dass er das SO auch nicht gemeint oder gesagt hat. Im Brief der Schubertiade wird er ja auch nicht wörtlich zitiert und, wie weiter oben schon geschrieben, in einem emotional geführten Gespräch können schon missverständliche Worte fallen.

      Ich bin als Wiener im berühmten Goldenen Saal (und auch im daneben liegenden Brahms Saal) gleichsam aufgewachsen und habe dort einige der bedeutendsten Pianisten ab den späten 60er Jahren hören können. Und ich habe daher viele Werke der Klavierliteratur in verschiedenen Interpretationen gehört. Manche auf Bösendorfer, manche auf Steinway, manche auch auf anderen Instrumenten. Ich bin kein Experte und habe auch nie Klavier gespielt, kann also nur von einem durch sehr persönliches Musikempfinden geprägtes Hörerlebnis sprechen. Ganz unabhängig davon, dass es immer schon Pianisten gegeben hat, die eine bestimmte Marke/einen bestimmten Flügel bevorzugt haben (deshalb stehen in den bedeutenden Konzerthäusern ja auch mehrere Instrumente zur Auswahl), habe ich den Eindruck, dass der Klangunterschied zwischen Bösendorfer und Steinway früher größer war - Bösendorfer eher weich und Steinway eher härter. Wenn Schiff erklärt, zu Schubert passe ein Bösendorfer besser, kann ich das - jedenfalls für ein älteres Instrument - nachvollziehen. Ich habe aber in den letzten Jahren sehr wohl den Höreinduck, dass sich der Klang eines Bösendorfer dem von Steinway angenähert hat (und vor ich glaube zwei Jahren hätte ich in einem Konzert jede Wette verloren, dass ein Pianist auf einem Steinway und nicht auf einem Bösendorfer spielt).

      Der Klang eines Konzerflügels hängt natürlich von verschiedenen Komponenten ab. Neben der Stimmung vor allem auch von den beim Bau verwendeten Materialien - Holz, Saiten, Belag der Hämmer, … Und jeder Pianist hat seine sehr persönliche Klangvorstellung. Wie auch schon in einem anderen Beitrag ausgeführt, reisen/reisten daher manche Pianisten mit ihrem eigenen Instrument oder mit ihrem eigenen Stimmer.

      Womit ich wieder bei der Schubertiade bin und bei einem anderen möglichen Konfliktpunkt zwischen Schiff und dem Veranstalter.
      In Schwarzenberg gibt es ein Konzert am Nachmittag und eines am Abend. Das Zeitfenster, in dem ein Instrument auf die Bedürfnisse des Spielers eingerichtet werden kann, ist also extrem klein. Und jetzt kann ich mir schon vorstellen, dass dieses Zeitfenster nicht ausreichend ist, um einen Steinway so einzurichten, dass er sich klanglich (oder auch spieltechnisch) einem Bösendorfer annähert. Ich kann es nicht beweisen, aber auch das könnte ein Hintergrundaspekt der Konfrontation sein.

      So ganz nebenbei und diesen Beitrag beendend: als Musikfreund hätte ich es spannend gefunden, innerhalb weniger Tage ein weitgehend gleiches Programm von zwei verschiedenen Pianisten zu hören und die unterschiedlichen Interpretationen zeitnah vergleichen zu können.
    • Philbert schrieb:

      Daraus "Schiffs Kampf gegen Steinway" zu machen, ist eine deutliche Verzerrung der Realität.
      Da hast du recht - ich hätte den Tenor des doch sehr subjektiven FAZ-Kommentars nicht gleich in solch eine Eindeutigkeit implizierende Überschrift übersetzen sollen oder zumindest noch ein Fragezeichen dahintersetzen sollen. Aber interessant, wie eindeutig mir die Sache nach dem Brachmann-Kommentar erschien und wie sich das Bild nun - nach den sehr differenzierten Beiträgen hier - relativiert.
    • Fragezeichen hin, Fragezeichen her: Ich finde es gut, daß Du dieses Thema angesprochen hast, denn mir waren die ganzen Diskussionen um Schiff und Steinway bislang noch gänzlich unbekannt. Ob Schubert sich besser mit Steinway oder besser mit Bösendorfer verträgt - oder noch besser mit einem älteren Instrument -, finde ich durchaus spannend zu verfolgen, auch wenn ich selbst kaum etwas dazu beitragen kann.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Meine Bemerkung über die Formulierung sollte auch überhaupt nicht als Seitenhieb auf den Threadstarter empfunden werden.
      Wenn man Brachmanns FAZ-Bericht liest, kann man kaum auf einen anderen Schluß kommen.

      Das Thema ist an sich spannend, und andere Pianisten, etwa Paul Badura-Skoda, haben sich auch damit beschäftigt. Badura-Skodas Meinung deckt sich auch mit Brunellos zusammen und er spielt auch lieber auf älteren Instrumenten (dabei seien nicht "historische" Hammerklaviere gemeint, die er auch selbstverständlich spielt, sondern traditionelle Flügel, die aber im frühen bis mittleren 20sten Jahrhundert gebaut wurden).

      In diesem Zusammenhang bin ich auf ein älteres Interview mit Schiff gestoßen (2015), wo über dies und jenes gesprochen wird, aber auch über das Thema dieses Threads. Dort äußert er sich auch ausführlicher:
      fr.de/kultur/musik/meisten-pia…t-neugierig-11672412.html

      Ehrlich gesagt empfinde ich Brachmanns Artikel als eine Zumutung und die Zwischentöne (etwa "der Wahn von der Reinheit der österreichisch-ungarischen Kultur des Klavierspiels") mehr als grenzwertig, sogar beleidigend, in jedem Fall nicht das, was man von der FAZ erwarten würde.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Philbert schrieb:

      András Schiff hat sich nun selber zu Wort gemeldet.
      In der Süddeutschen Zeitung berichtet Hermann Unterstöger darüber:

      sueddeutsche.de/kultur/instrum…ays-zu-objektiv-1.4557117

      Leider konnte ich bislang den gesamten Text seiner Erklärung nicht finden.
      Auf BR Klassik äußern sich jetzt sowohl András Schiff als auch Gerd Nachbauer in knapp fünfminütigen Interviews zum Thema. Im wesentlichen werden die bekannten Positionen wiederholt.

      br-klassik.de/aktuell/news-kri…r-gerd-nachbauer-100.html

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Danke Zwielicht für die Verlinkung.

      Nun ist es klar, daß es beim "niederländischen Kritiker" um den belgischen Blogger geht, den ich zitiert habe. Er ist Hobby-Kritiker (ich bin sicher, von dieser Bezeichung fühlt er sich nicht beleidigt, wir in diesem Forum sind auch hauptsächlich pseudonyme Hobby-Kritiker), weder Journalist, Berufsmusiker noch Musikschriftsteller.
      Der kleingeistige Opernidiot und er treffen sich öfter in Hohenems und Schwarzenberg und fachsimpeln immer gerne miteinander.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Ich halte den im Eingangsposting verlinken Artikel für alles andere als unparteisch, und ich halte auch den Threadtitel " András Schiffs Kampf gegen Steinway" für polemisch.

      So wie es dargestellt wird, ist András Schiff ein Irrer, der das Publikum beschimpft und sich in einen Wahn hineinsteigert. So ein Blödsinn.

      Da wird es sicher eine uns nicht bekannte Hintergrundgeschichte geben. Der Schiff wird seine Gründe haben, den Bösendorfer bei Schubert zu bevorzugen, und wenn er meint, dass Schubert besser zu Bösendorfer passt als zu Steinway, dann ist das seine Meinung und selbstverständlich in Ordnung.

      Und was soll es überhaupt, den privaten Mailverkehr zu veröffentlichen und den Künstler somit schlecht hinzustellen?? Eine ganz grobe Verfehlung des Geschäftsführers Gerd Nachbauer!!!

      Inwiefern sich Schiff abfällig über Künstler und Kollegen geäußert haben soll, habe ich auf die Schnelle nicht gefunden, aber ich denke, er wird dafür schon seine Gründe haben.

      Gefragt sind nicht (mehr) eigenständige Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten, sondern kritiklose Automaten. DAS ist das eigentliche Problem.