Jean Sibelius - Streichquartett d-Moll, Op. 56 "Voces Intimae" und andere Kammermusik.

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    • Jean Sibelius - Streichquartett d-Moll, Op. 56 "Voces Intimae" und andere Kammermusik.

      Entstehungsgeschichte

      Das Quartett fertig“, steht 1909 in Sibelius‘ Tagebuch. „Ich - mein Herz blutet - warum diese Tragik im Leben. O! O! O! Das es mich noch gibt! Mein Gott - ! Vier Paar Kinderaugen und die einer Frau sehen auf mich, diesen ruinierten Menschen! Und was habe ich gemacht? Nur schön komponiert. Folglich muss ich leiden.“

      Die Entstehung des Streichquartetts in d-Moll (1909, Op. 56) fällt in eine von schweren gesundheitlichen Rückschlägen gezeichnete Zeit Sibelius‘. Schon vorher hatte sich wohl durch starken Alkohol- und Tabakkonsum ein Halstumor entwickelt, der – als die konventionelle Behandlung nicht anschlug – in Berlin schließlich nach mehreren Fehlversuchen operativ entfernt werden musste. Sibelius rechnete mit dem schlimmsten, daher der besonders dunkle und existentielle Tonfall des Quartetts, welcher auch auf die Symphonie Nr. 4 (1910) zutrifft.

      Den Beinamen „Voces Intimae“ (Innere Stimmen) erhielt das Werk nach einem Eintrag Sibelius‘ in der Taschenpartitur. Die Worte stehen dort über einer Stelle des langsamen Mittelsatzes (siehe unten), welcher gleichzeitig das emotionale und formale Zentrum des fünfsätzigen Werkes bildet.

      „Voces Intimae“ spricht für die Sonderrolle, die Sibelius unter seinen Zeitgenossen einnahm. Es ist wohl der einzige Fall, dass einem großen Symphoniker nach Brahms und vor Schostakowitsch auch ein großes Streichquartett gelang. Gleichzeitig kehrte Sibelius zu dieser Gattung nicht mehr zurück. Zu Vergleichen mit anderen zeitgenössischen Quartetten siehe unten.

      Ein besonderes Merkmal ist die Individualität und Unverwechselbarkeit des Tonfalls von „Voces Intimae“. Hier herrscht die größte Freiheit, gleichzeitig wird nichts überfrachtet oder koloristisch verschleiert, alles scheint greifbar zu sein. Die Harmonik ist relativ stabil und wird nur gebrochen, wenn es der Ausdruck verlangt – was hier doch relativ häufig vorkommt. Zur Originalität tragen weiterhin Elemente bei, die die herkömmliche Syntax unterbrechen und für überraschende Wendungen sorgen, ähnlich wie später bei Janácek und Strawinsky. Sibelius konstatiert Schmerzen jedoch mit Objektivität, was das Quartett - und insbesondere das Adagio - in die geistige Nähe der späten Quartette Beethovens rückt.
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
      1. Andante - Allegro molto moderato
      2. Vivace
      3. Adagio di molto
      4. Allegro ma pesante
      5. Allegro
      Wurden in der 4. Symphonie, welche in den gleichen Zeitraum wie das Quartett d-Moll fällt, kammermusikalische Stimmführungsprinzipien in orchestrale Strukturen integriert, so gilt der umgekehrte Fall für „Voces Intimae“. Sibelius‘ Tonsatz wirkt trotz polyphoner Stimmführung und Quartettbesetzung orchestral. Der Komponist sah dies sogar selbst ein wenig kritisch: „Das melodische Material ist gut, aber das Klangliche könnte ‚leichter‘ sein und warum nicht mehr >Quartett< -" Gleichzeitig war Sibelius insgesamt zufrieden, ein paar Tage später notierte er im Tagebuch: „Ich glaube die Gesellenprüfung absolviert zu haben. Suche Deinen Weg auf das offene Meer! Du kannst bereits >etwas<!“. Auch meinte Sibelius zu seiner Frau, dass es ein solches Werk sei, welches auch in der Stunde des Todes noch zum Lächeln zwinge. Wie Schubert in D 810 zeigt der Komponist hier sein d-Moll-Lächeln.

      Der Kopfsatz besteht aus einem Allegro mit langsamer Einleitung. Eine Phrase der Geige wird vom Cello in exakt derselben Länge beantwortet. Der Tonsatz ist auffällig linear, was die Kadenzharmonik ein wenig bremsen kann. Sibelius versucht dies durch tonale Stabilität auszugleichen. Die Dominante des d-Moll wird ausschließlich durch horizontale Mittel und den melodischen Leitton, ohne Zusammenklänge, repräsentiert. Selbst die Unisonoführung ab T. 9ff ist linear, jede Stimme wird kontinuierlich durchgeführt. Die Kunst der Linienführung zeichnet jedoch nicht das ganze Werk aus. Den Beginn mal ausgenommen, behauptet sich Sibelius eher dank seiner Chromatik und Harmonik, insbesondere der doppeldeutigen Nonenakkorde. Hier gibt es bereits statische, unzusammenhängende Akkorde (wie der „Voces Intimae“ Teil des Adagios und somit auf dieses hinausweisend), z.B. in T. 38: E-Dur nach cis-Moll und in T. 42: C-Dur Nonenakkord nach A-Dur. Der polyphone Fluss wird dadurch immer wieder unterbrochen, auch 22 Takte vor dem Schluss, ein fächerartig gebrochener A-Dur Nonenakkord auf dem Weg nach fis-Moll bei der Fermate, danach entsprechend von F-Dur Nonenakkord nach d-Moll.

      Der erste Satz schließt mit dem Ton a/A in zwei Oktavlagen, welches den tonalen Anschluss an den zweiten Satz gewährleistet. Dieser ist eine Art Scherzo à la Mendelssohn, auch hier bleibt die tonale Basis A-Dur stabil. Sibelius scherzte, dass es der Satz 1½ war, weil der Komponist ihn nahtlos mit dem Seitenthema des ersten Satzes verbunden hatte. Die strukturelle Verbindung weist auf ihre Weise schon auf die Lösung im ersten Satz der Symphonie Nr. 5 hin. Doch auch im Vivace gibt es wieder unerwartete Lücken im polyphonen Gewebe durch statische Akkorde. 40 Takte vor dem Schluss setzt Sibelius 2 pizzicato-Akkorde ein, welche in diesem Satz einmalig sind. Dadurch wird die Intimität des dritten Satzes jedoch effektiv vorbereitet.
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • Zur Musik - Fortsetzung

      Im dritten Satz verwirklicht Sibelius das moderne Prinzip des zentralen Mittelsatzes à la Bartók, ohne sich aber über die satztechnische Routine der Klassik hinauszuwagen. Der Satz und die Linearität (vgl. oben) vollziehen sich hier mit einer fortschreitenden Chromatik. Die 3 isolierten e-Moll Akkorde „piú Adagio“ in T. 21f erklingen in ppp und tragen nun die Überschrift „Voces Intimae“. Nach einer f-Moll Passage wirken sie chromatisch sehr entrückt, dreimal schlägt Sibelius den Akkord an, ohne Konsequenzen für die harmonische Fortsetzung und damit am Rande des Funktionalen. 23 Takte vor dem Schluss wiederholen sich die Akkorde in cis-Moll, wieder ohne Übergang und gefolgt von der Haupttonart d-Moll.

      Als Vorbild des vierten Satzes im ¾-Takt kann Brahms genannt werden. Dies ist neben dem zweiten Satz ein weiteres schwebend inniges Scherzo und basiert wie schon der Großteil des Adagios, auf skalenartigen Intervallen, die nach oben und unten fortschreiten. Hier gibt es keine Trioepisode in Dur, wie gewohnt. Die Themen hängen sowohl mit dem ersten Satz als auch mit dem Adagio zusammen.

      Im fünften und letzten Satz stellt Sibelius wieder einen für sich eigentümlich melancholischen Tonfall her. Relativ einfache Motive werden in einer tonal zwar fundamentalen, aber modal und chromatisch geprägten Umgebung miteinander konfrontiert. Das Finale wird so zu einem nordischen, ekstatischen Tanz. Aufgrund seiner Rondo-Form und der atemlosen Hast der Sechszehntelläufe kann man wieder Vergleiche mit Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ anstellen.

      Vieles in Sibelius‘ Musik allgemein wirkt zunächst unerklärlich, ohne vermeintliche übergeordnete Funktion, obgleich diese Stellen auch immer Spannung tragen bzw. übertragen. Mit dem Quartett weist Sibelius damit bereits auf Schostakowitsch hin, bei welchem dies ebenfalls auffällig ist. Mit der Zeit und einigem wiederholten Hören wirken diese unerklärlichen Stellen jedoch, auf eine eigene und unnachahmliche Art und Weise, unersetzlich und logisch, wie es das Emerson String Quartet in einem Interview zur Aufnahme schön ausdrückt.
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • Vergleich zu anderen zeitgenössischen Quartetten

      Wie steht „Voces Intimae“ nun im Vergleich zu anderen Gattungsbeiträgen seiner Zeit da? Mahler hat sich an dieser Gattung nicht versucht, Strauss nur als Sechzehnjähriger. Alexander Glasunow hat zwar mit seinen Quartetten, insbesondere dem 5., satztechnisches Können bewiesen, allerdings ohne die packende und nachhaltige Wirkung des d-Moll Quartetts. Carl Nielsen darf natürlich nicht unerwähnt bleiben, dessen Streichquartett F-Dur (op. 44) vielen seiner Zeitgenossen aufgrund der willkürlich wirkenden Modulationen Probleme bereitet hat. Und doch erreicht Nielsen hier nicht die unmittelbar durchdringende Wirkung seiner Symphonien.

      1909 wurde auch Wilhelm Stenhammars Streichquartett Nr. 4 in a-Moll vollendet, welches sogar Sibelius gewidmet ist. Beethoven ist auch für Stenhammar der entscheidende Einfluss gewesen, aber die großartige Verbindung des subjektiven mit dem objektiven wie in „Voces Intimae“ erreicht auch dieser nicht.

      Noch „Deutscher“ in dieser Hinsicht ist Max Regers Quartett Es-Dur (Op. 109), ebenfalls zur selben Zeit entstanden. Beide Stücke schaffen einen fast orchestralen Klangraum und beide Stücke kultivieren Einwürfe, Pausen und rhythmische Störungen. Man kann allerdings auch hier wieder einwenden, dass Regers ausdrucksstarkes Werk keine persönliche Not schildert, sondern eher die Tragik der deutschen Spätromantik. Sibelius‘ persönliche Meinung zu Reger klang ungefähr so: „National, deutsch, verschnörkelt und langatmig, aber gerade wegen des deutschen Charakters gut.

      Debussys Streichquartett g-Moll, welches Sibelius in Berlin hören konnte, hielt er für „raffiniert gemacht“. Ravels Gattungsbeitrag von 1904 in F-Dur kannte er wohl nicht.

      Wo wir auch schon bei der 2. Wiener Schule sind. Schönberg entzog sich Sibelius auf keinen Fall. Dessen Quartett Op. 10 wird gelobt: „Es gab mir viel zu denken. Erinnert an neue Rechtschreibung. Er interessiert mich unerhört.“ Das orchestrale in dem d-Moll Quartett gibt auch Anlass zum Vergleich mit Schönbergs Artikulation des Klanges in dessen Sextett „Verklärte Nacht“. Auch teilt Sibelius' Quartett denselben Zeitgeist, wie Alban Bergs Quartettsätze Op. 3 von 1911, wobei natürlich klar wird, in welch unterschiedliche Richtungen sich diese entwickelt haben und werden.

      Bartók sollte Sibelius später als einen der Größten rühmen, dessen frühes Quartett Op. 7 (auch 1909) kannte er aber wohl nicht.


      Quellen:

      Tomi Mäkelä - Jean Sibelius und seine Zeit; Laaber-Verlag; Auflage: 2 (25. März 2013)

      Volker Tarnow – Sibelius; Henschel; Auflage: 1 (25. August 2015)

      sibelius.fi

      wikipedia.de
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • Die Überrumpelung bitte ich zu entschuldigen, aber ich wollte das unbedingt noch schreiben, bevor ich morgen für 2 Wochen in die Highlands wandern gehe ^^ .
      Ein Wort vielleicht noch zu erhältlichen Aufnahmen: Großartig und durchdacht ist die des Emerson String Quartets, Link scheint aber gerade nicht zu funktionieren?
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • Danke für diesen sehr interessanten und informativen Thread zu Sibelius Streichquartett "Voces Intimae". Insgesamt hat Sibelius Kammermusik sehr viel zu bieten wenn man sich z. B. die umfangreiche Sibelius-Edition bei BIS anschaut. Schon vor einigen Jahren habe ich mich damit viel befasst. Die Bandbreite der diversen Werke vom salonhaften Charakter bis zu herber Expressivität ist da schon enorm und das Sibelius-Bild ist unvollständig, wenn man sich "nur" mit den Sinfonien und sinfonischen Dichtungen sowie noch dem Violinkonzert beschäftigt.

      Hier der Link zur Aufnahme mit dem Emerson String Quartet:

      (AD: November & Dezember 2004, American Academy of Arts and Letters, New York)
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • Tichy1988 schrieb:

      „Voces Intimae“ spricht für die Sonderrolle, die Sibelius unter seinen Zeitgenossen einnahm. Es ist wohl der einzige Fall, dass einem großen Symphoniker nach Brahms und vor Schostakowitsch auch ein großes Streichquartett gelang. Gleichzeitig kehrte Sibelius zu dieser Gattung nicht mehr zurück. Zu Vergleichen mit anderen zeitgenössischen Quartetten siehe unten.
      Ich denke, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging der Trend eindeutig in Richtung "wenige Streichquartette, aber die richtig gewichtig". Auch Saint-Saens schrieb nur zwei, wobei er bei seinem ersten seine Symphonien, darunter auch die bedeutende 3. (eigentlich fünfte), bereits geschrieben hatte. Tschaikowski, zweifellos einer der führenden Symphoniker, schrieb auch nur drei Streichquartette, welche alle drei von sehr hoher Qualität sind. Grieg war natürlich kein großer Symphoniker aber mit seinem einzigen (vollendeten) SQ hat er dennoch einen Volltreffer im Repertoire gelandet. Dvorák ist der einzige, der da aus dem Rahmen fällt. Deshalb denke ich, dass Sibelius da gar nicht so auffiel mit seinem Solitär.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      Ich denke, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging der Trend eindeutig in Richtung "wenige Streichquartette, aber die richtig gewichtig". Auch Saint-Saens schrieb nur zwei, wobei er bei seinem ersten seine Symphonien, darunter auch die bedeutende 3. (eigentlich fünfte), bereits geschrieben hatte. Tschaikowski, zweifellos einer der führenden Symphoniker, schrieb auch nur drei Streichquartette, welche alle drei von sehr hoher Qualität sind. Grieg war natürlich kein großer Symphoniker aber mit seinem einzigen (vollendeten) SQ hat er dennoch einen Volltreffer im Repertoire gelandet. Dvorák ist der einzige, der da aus dem Rahmen fällt. Deshalb denke ich, dass Sibelius da gar nicht so auffiel mit seinem Solitär.
      Insgesamt sind das treffende Beispiele. Das tolle Grieg SQ ist ebenfalls auf der obigen CD des Emerson String Quartet. Ich bezog mich aber eher auf die großen Symphonisten Anfang des 20. Jahrhunderts, welche nunmal neben Sibelius v.a. Mahler, Strauss und Nielsen waren. Dabei sollte es auch eher um die direkten Vergleiche um die Zeit von 1909 gehen :) .
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • Für mich ist die 1950 entstandene Deutung der 'Voces intimae' durch das Griller Quartet noch nicht übertroffen worden .

      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " - Don't all thank me at once (Scott Miller) - Jung sterben , aber so spät wie möglich ( F. Jourdain )
    • Sibelius schrieb anscheinend 3 weitere Quartette in seiner Studienzeit in Es-Dur, a-moll und B-Dur (op.4, allerdings wohl erst in den 1980ern veröffentlicht), sowie Einzelsätze, die in der BIS-Box auch mit drin sind. Mithin ist es streng genommen kein "Solitär".
      Nielsen schrieb 4 Quartette und 6 Sinfonien, auch keine starke Diskrepanz in der Anzahl, wobei die Quartette durchweg nicht so bekannt zu sein scheinen wie Sibelius' op.56.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Kater Murr schrieb:

      Sibelius schrieb anscheinend 3 weitere Quartette in seiner Studienzeit in Es-Dur, a-moll und B-Dur (op.4, allerdings wohl erst in den 1980ern veröffentlicht), sowie Einzelsätze, die in der BIS-Box auch mit drin sind. Mithin ist es streng genommen kein "Solitär".
      Das stimmt, die Quartette in a-Moll sowie B-Dur (1889 bzw. 1890) kann man sich durchaus einmal anhören. Es bleiben allerdings Studienwerke, welche einen eigenständigen Stil noch vermissen lassen. Erst das Klavierquintett g-Moll (1890 als Abschlusswerk aufgeführt) verdient vielleicht auch hier im Thread eine nähere Betrachtung, teilweise lässt sich darin erstmals ein gewisser sibelianischer Tonfall erkennen. Ich höre es ab und zu wirklich gerne, besonders die letzten beiden Sätze.

      Von 1884 gibt es auch mehrere Klaviertrios sowie ein Klavierquartett d-Moll, welche zur Hausmusik für die Familie komponiert wurden. Bedenkt man dabei, dass Sibelius diese ohne jeglichen Kompositionsunterricht als Autodidakt geschrieben hat, sind die gar nicht mal so übel.

      Einen Überblick über sämtliche Kammermusik für Trios, Quartette und Quintette bekommt man hier:
      sibelius.fi/deutsch/musiikki/kamari_triot.htm
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • Ja, das B-Dur besitze ich auf der CD mit dem Tempera Qt., dazu einen langsamen Einzelsatz. Habe ich vorhin gehört. Mal hörenswert, aber auch in meinen Ohren kaum Sibelius-typisch und viel verpasst man nicht dabei. Das Klav.quintett besitze ich ebenfalls in der BIS-Aufnahme, hat hier im Forum mal jemand empfohlen. Das habe ich nun lange nicht gehört und keine genaue Erinnerung. Insgesamt muss ich aber sagen, dass bei Sibelius meinem Eindruck nach die kaum bekannten Stücke nicht ganz zu Unrecht obskur geblieben/geworden sind. Muss die Fans nicht stören und es ist schön, dass BIS jede Skizze aufgenommen hat, aber der "normale Hörer" braucht das nicht alles.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Empfehlenswert finde ich diese Aufnahme, die das Streichquartett d-moll, op. 56 in einer Bearbeitung für Streichorchester enthält:

      (AD: 03. - 06. Mai 2016, Chapelle des Cordeliers, Clermont-Ferrand)

      Die Bearbeitung basiert auf der originalen Partitur der Quartettfassung. Der Kontrabass-Part wurde von Pekka Kuusisto adaptiert. Streichorchesterbearbeitungen von Streichquartetten betrachte ich skeptisch und finde die meist nicht überzeugend und/oder die Aufnahmen klingen einfach "zu fett". Das ist hier anders, nämlich besser: Energisch-zupackende Interpretation kombiniert mit einer transparenten und gleichzeitig direkten Aufnahmetechnik überzeugen mich.

      Tschaikowskys Streicherserenade fügt sich nahtlos ins positive Gesamtbild ein.

      Zu Sibelius Streichquartett B-Dur, op. 4:
      Für ein Konzert, das Sibelius am 17. Februar 1894 in Turku dirigierte fertigte er eine Fassung des Scherzos aus op. 4 für Streichorchester an und nannte es "Presto". Davon gibt es einige Aufnahmen, u. a. natürlich auch in der BIS-Edition enthalten. Wer sich dafür interessiert wird bestimmt fündig werden.
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • Für diejenigen Freunde der Voces intimae , die schon alles kennen und das Besondere suchen : Das Quatuor Pascal war nach dem II.Weltkrieg das wohl führende Streichquartett in Frankreich und zählte auch InternationaL zur Spitze . Gegründet vom Namensgeber Leon Pascal , der zuvor im Quatuor Calvet die Viola spielte , blieb es in seiner Besetzung unverändert .
      Es existieren zahlreiche Schallplatteneinspielungen , hauptsächlich aus den 50er Jahren , die ein weites Repertoire widerspiegeln , darunter natürlich auch , sozusagen als Spezialität des Hauses , viele Werke französischer Komponisten . Aber auch Grieg und Hindemith tauchen auf , und 1962 dann noch Prokofiev , Stravinsky und Shostakovich . Nur Sibelius fehlte . Doch diese Lücke wurde durch eine für den Rundfunk mitgeschnittene Live-Aufnahme des Quartetts aus dem Jahr 1955 geschlossen . Natürlich von Forgotten Records . ( Das ebenfalls enthaltene Ravel Quartett finde ich übrigens noch spannender als die ohnehin schon gute Studioeinspielung ) . Sibelius , gespielt von einem französischen Spitzenquartett vor mehr als 60 Jahren - da klingt einiges anders , übrigens auch im Vergleich zum Griller Quartet , aber das Ergebnis lohnt das Hören .

      forgottenrecords.com/en/Quatuo…Ravel-Sibelius--1116.html
      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " - Don't all thank me at once (Scott Miller) - Jung sterben , aber so spät wie möglich ( F. Jourdain )
    • Danke für die tolle Einführung in dieses interessante und schöne Werk!

      Tichy1988 schrieb:

      Ein besonderes Merkmal ist die Individualität und Unverwechselbarkeit des Tonfalls von „Voces Intimae“.
      Das ist für mich ebenfalls ein herausragendes Merkmal dieses Quartetts.

      Tichy1988 schrieb:

      Sibelius konstatiert Schmerzen jedoch mit Objektivität, was das Quartett - und insbesondere das Adagio - in die geistige Nähe der späten Quartette Beethovens rückt.
      Ja, empfand ich beim heutigen Wiederhören ganz genau so. Von der Stimmung (vielleicht auch wegen der wiederholten Anläufe in der Entwicklung des Satzes) fühlte ich mich beim Adagio sogar an den "Dankgesang" erinnert.

      Tichy1988 schrieb:

      Sibelius scherzte, dass es der Satz 1½ war, weil der Komponist ihn nahtlos mit dem Seitenthema des ersten Satzes verbunden hatte.
      Ups, diesen engen Bezug habe ich gar nicht wahrgenommen. Shame on me.

      Tichy1988 schrieb:

      Wie Schubert in D 810 zeigt der Komponist hier sein d-Moll-Lächeln.
      D-Moll-Lächeln? Wirklich? Bei Sibelius noch eher als bei Schubert, finde ich, aber in Op. 56 ja eigentlich auch nur im zweiten Satz, oder?

      Tichy1988 schrieb:

      Im dritten Satz verwirklicht Sibelius das moderne Prinzip des zentralen Mittelsatzes à la Bartók,
      Eben. Und das doch deutlich früher, wobei die Bezugnahmen zwischen den Sätzen bei Bartók schon noch deutlicher sind und dessen Bogenform-Werke dadurch auf mich noch geschlossener wirken. Gib es eigentlich Beispiele für solche Bogenformen von vor Sibelius?

      Tichy1988 schrieb:

      Das Finale wird so zu einem nordischen, ekstatischen Tanz. Aufgrund seiner Rondo-Form und der atemlosen Hast der Sechszehntelläufe kann man wieder Vergleiche mit Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ anstellen.
      Das fand ich beim Hören auch, einschließlich der Stretta ganz am Ende.

      b-major schrieb:

      Für mich ist die 1950 entstandene Deutung der 'Voces intimae' durch das Griller Quartet noch nicht übertroffen worden .
      Die muss ich dann demnächst mal hören!

      Mit meiner derzeit einzigen CD-Aufnahme des Werkes bin ich jedenfalls schon ziemlich zufrieden:

    • b-major schrieb:

      Für mich ist die 1950 entstandene Deutung der 'Voces intimae' durch das Griller Quartet noch nicht übertroffen worden .


      Die Aufnahme ist u. a. auch in dieser Box enthalten:



      Völlig andere Klangwelt als bei den Leipzigern. Herber, noch stärkere dynamische Kontraste, das Adagio noch entrückter, vom Ensembleklang ein wenig patiniert anmutend. Aufnahmetechnisch opulentes Mono, rauschfrei, auch für verwöhntere Ohren gut anzuhören. Spieltechnisch nicht immer ganz state of the art, was für mich den Genuss nicht trübt. Passt schon gut zum Titel der Box.


    • Die Darstellung durch das Engegård Quartet wollte nach der archaischen Version des Griller Quartet gestern so gar nicht bei mir zünden. Im unmittelbaren Vergleich erschien mir das zwar sauber und klangschön, aber letztlich zu glatt und kontrastarm, vor allem im Adagio.


      Ungleich intensiver, schärfer, eruptiver, im Adagio mit viel mehr Atem und insgesamt spannungsreicher dann diese 2010er Aufnahme des Tetzlaff Quartetts:



      Anders als Griller, aber auch sehr hörenswert, meine ich.