Carl Nielsen: Symphonie Nr. 6, "Sinfonia semplice"

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    • Carl Nielsen: Symphonie Nr. 6, "Sinfonia semplice"

      Anders als erwartet

      Die Reaktionen auf die Uraufführung waren überwiegend reserviert, der Nielsen-Biograph Torben Meyer hielt sie für des Komponisten schwächstes symphonisches Werk, auch Robert Simpson war nach Partiturstudium und einigen Begegnungen mit dem Werk im Konzert zunächst enttäuscht. Die sechste Symphonie von Carl Nielsen hatte es erst einmal schwer.

      Auf den ersten Blick könnte man ja auch durchaus von der abgebrochenen Entwicklung enttäuscht sein. Das Folgewerk nach Nr. 4 und Nr. 5 hätte viel expansiver, noch klanggewaltiger, monumentaler, dramatischer ausfallen können. In formaler Hinsicht hätte man sich nach der ziemlich kondensierten Fünften mit ihren zwei Sätzen vielleicht eine noch weiter verdichtete einsätzige Anlage vorstellen können. Auch eine noch stärkere harmonische Experimentierfreudigkeit hätte im Bereich des Möglichen gelegen.

      Und was findet man vor?

      Vier Sätze, Titel “semplice” (“ich strebte in diesem Werk nach der größtmöglichen Einfachheit”, so Nielsen in einem Interview), Satzüberschriften, die u. a. an Charakterstücke (“Humoreske”) und an barocke Vorbilder (“Proposta Seria”) erinnern, sehr kurze Mittelsätze, oft “kammermusikalische” Anmutung, irgendwie auch nicht so recht geschlossen oder in der Entwicklung zwingend wie die vorangegangenen Symphonien. Beginn mit Glockenspielschlägen, Ende mit einer crescendierenden Fagott-Fermate. Merkwürig.


      Rohdaten

      Nielsen komponierte seine sechste Symphonie in den Jahren 1924 und 1925. In Briefen während des Kompositionsprozesses berichtete er über das Werden eines “idyllischen”, an die Tradition der a capella Kompositionen alter Meister anknüpfenden, “charmanten”, “verspielten”, “liebenswürdigen” Stückes, das sich im Charakter von seinen bisherigen Symphonien unterscheiden werde.

      Er widmete das Werk dem Königlich-Dänischen Orchester, das die Symphonie unter Leitung des Komponisten am 11. Dezember 1925 im Odd-Fellow-Palais in Kopenhagen zur Uraufführung brachte.

      Die Symphonie hat vier Sätze:

      1. Tempo giusto
      2. Humoreske (Allegretto)
      3. Proposta seria (Adagio)
      4. Tema med variationer (Allegro).

      Besetzung mit 2 Flöten, Piccolo, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotten, 4 Hörnern, 2 Trompeten, 3 Posaunen, Tuba, Streichern und viel Schlagwerk (Pauken, Triangel, Becken, kleiner und großer Trommel, Glockenspiel und Xylophon).

      Die Partitur steht auf der Website der Königlichen Bibliothek Dänemark kostenlos zum Download zur Verfügung.


      Aufbau

      Der Kopfsatz ist soweit ich es überblicke als Sonatensatz angelegt, wobei im ersten Abschnitt ein gesangliches Legatomotiv und eine tänzerisch-kecke Melodie verarbeitet werden. Schon früh kommt es zu Störungen der harmonischen Idylle bspw. durch 32stel-Einwürfe der Violinen. Ab Ziffer 3 beginnt wohl die Durchführung(?). Jedenfalls setzt hier ein Fugato über ein Galopp-Motiv ein, auch hier kontrastieren im Verlauf Legato-Linien der Bläser. Eine erste Welle der dynamischen, harmonischen und metrischen Zuspitzung wird aufgebaut - Dissonanzen der Bläser, Marcato-Sechzehnteltriolen der Streicher, alles im Fortissimo mit zusätzlichen Akzenten. Dann es kommt zu einer Beruhigung in Dynamik und Dichte, fast könnte man meinen, die Reprise sei schon erreicht.. Kurz nach Ziffer 11 (Allegro appassionato, T. 171) schlägt jedoch gleichsam das Schicksal zu. Das Legatomotiv des Beginns lässt sich in der drohenden Fanfare (ff, marcato) der Trompeten und Posaunen noch erahnen, Parallel stürzen sich die Streicher in wilde Sechzehntelläufe. Tumult, der in T. 186 (Lento, ma non troppo) in eine über sechs Takte gehaltene Dissonanz der Holzbläser und Hörner mündet, die aus einem dreifachen Forte in der Lautstärke noch gesteigert werden soll - eine Passage, die auch problemlos in einer viereinhalbten Symphonie von Schostakowitsch verortet sein könnte. Die anschließende Reprise baut diese Spannung wieder ab, die Idylle und Naivität des Beginns werden aber nicht mehr wieder erreicht.

      Es folgt der vielleicht problematischste Satz der Symphonie, die Humoreske. Den Aufsatz Avo Sõmers zu diesem Satz fand ich interessant. Es werden dort Verbindungen zu anderen musikalischen und Strömungen der bildenden Kunst hergestellt. Nielsen, der seine Sechste als “absolute Musik” aufgefasst haben wollte, notierte andererseits selbst auf einem Entwurf zu diesem Satz ein Programm, in dem er eine nächtliche Szene beschreibt, in der Glockenspiel, Trommel und Triangel die anderen im Satz beteiligten Instrumente (Piccolo, Klarinette, Fagott, Posaune) aufwecken und deren Unmut (v. a. den der Posaune, die sich in Glissandi über die Störung beklagt) aufwecken. Bemerkenswert kurz, bemerkenswerte Besetzung, auffallende (satirische?) Anspielungen an die Zwölftonmusik. Insgesamt grotesk, surreal und auch ein wenig platt? Oder doch ein gelungener musikalischer Scherz? Jedenfalls zunächst mal etwas befremdlich, zumal im Gegensatz zur Entwicklung des Kopfsatzes.

      Das Adagio, laut Robert Simpson “one of Nielsen’s most profound and concentrated utterances”, erfüllt mit seinem ernsten, strengen und klagenden (Sekundfälle) Thema schon eher die Erwartungen an einen konventionellen langsamen symphonischen Satz, ist aber nicht länger als die Humoreske. War die Humoreske als einziger Satz dieser Symphonie frei von jedem Ernst, findet sich hier im Adagio gleichfalls im Gegensatz zu allen anderen Sätzen keine Spur von Humor. Der Ernst der Stimmung wird allenfalls durch die im Verlauf kontrapunktisch eingeführten Sechzehntel-/Zweiunddreißigstelumspielungen um eine bedrohliche Note ergänzt.

      Dann das Finale. Ein Variationssatz, der die ernste Atmosphäre erst einmal wieder auflöst. Nach einer mehr gewollt als gekonnt auftrumpfenden Fortissimo-Sechzehnteleinleitung der Holzbläsergruppe wird das Thema, fröhlich, simpel gestrickt, vom Fagott vorgetragen. Die folgenden fünf Variationen bringen ab und an bereits gewisse Trübungen der fröhlichen Stimmung. Variation 6 ist dann ein Walzer oder eher eine Walzerparodie, die in Variation 7 in eine Passage mündet, die auch von Ives sein könnte: Gegen den fortgesetzten ⅜-Takt werfen sich Posaunen und Tuba in einem 4/16-Takt ins Geschehen, die große Trommel wummert dazu im Viertelrhythmus. In T. 266 erreicht diese Variation ihren Höhepunkt in einer Posaunenfanfare, die die “Katastrophe” aus der Durchführung des Kopfsatzes wieder aufnimmt. Variation 8 danach ist der einzige durchgehend ernste Abschnitt des Satzes, in dem das Legato-Motiv des Kopfsatzes abgewandelt wieder aufgenommen wird. Danach die Schlussvariation, die mit einer Reminiszenz an die Humoreske beginnt (es sind Tuba, Triangel, kleine und große Trommel und Xylophon beteiligt) und mit einem fröhlichen Kehraus endet.


      Eine einfache Symphonie?

      Alles in allem ist die Sechste für mich eher rätselhaft als einfach. Einfach sind allenfalls die Themen, ob nun in Kopfsatz, Adagio oder Variationssatz. Diese Einfachheit wird aber nie lange durchgehalten. Höhepunkte im Kopfsatz wie im Finale oder auch der gesamte Adagiosatz haben einen ernsten bis verstörenden Charakter. Andererseits kommen humoristische Elemente zuhauf vor, deutlich mehr als z. B. in den “Vier Temperamenten”. Die oft prägnante Rolle des Glockenspiels etwa könnte man in diesem Zusammenhang schon fast als Selbstironie des Komponisten auffassen, wenn man gedanklich den Einsatz der Pauken in der vierten oder den der kleinen Trommel in der fünften Symphonie gegenüberstellt. Zudem sind der gesamte zweite Satz und weite Strecken des Finales burlesk. Ein Kaleidoskop der Stimmungen, Experimente mit (klar: parodierter) Dodekaphonie, Polyrhythmik. Wohl doch kein Schritt zurück, das Ganze. Schade, dass Nielsen keine Siebte komponiert hat!


      Wie kommt die Symphonie bei Euch an? Was habt Ihr für Ergänzungen? Was sind Eure Lieblingsaufnahmen? Ich bin gespannt!
    • Hier Anregungen von b-major, zusammengefasst aus "Eben gehört":

      b-major schrieb:

      Auch wenn Sibelius meinte , Nielsen wäre der geborene Sinfonienkomponist , so habe ich es doch nicht einfach mit der 6. , der 'Sinfonia semplice' (1925) . Die Meinungen über das Werk gingen weit auseinander , und noch in der Erstauflage seine Buches 'Carl Nielsen symphonist' konnte der anerkannte Nielsen-Spezialist Robert Sinpson nicht viel mit dem Werk anfangen . Er hat seine Meinung dann aber gründlich revidiert und vertrat später die Auffassung , daß es sich um die beste Sinfonie des Dänen handeln würde . Mir gefällt sie -inzwischen- auch sehr , aber mit den Einspielungen ...also hier geht es erstmal um die 1952 entstandene Studioaufnahme für das Label Tono von Thomas Jensen und seinem treuen Dänischen Radio-Sinfonieorchester .Damit ist der Zyklus der Nielsen-Sinfonien unter der Stabführung von Thomas Jensen komplett . Und für mich ist diese selbst zusammengestellte Gesamteinspielung sowohl bei den einzelnen Werken als auch im Ganzen , nicht nur durch ihre Nähe zum Komponisten , sehr befriedigend .- Und nun zu meinem Problem mit den Aufnahmen der 6. Sinfonie . Irgendwie habe ich das Gefühl , daß noch keiner alles erfaßt hat , was sie zu bieten hat . Darauf gekommen bin ich auch durch den Vergleich einiger Aufnahmen , die mir gefallen . Da ist zum einen Eugene Ormandy mit dem Philadelphia Orchestra aus 1966 . Eine klare Aussage , meine Grundlage . Jensen interpretiert das Werk anders , Stokowski mit dem New Philharmonia Orchestrea (Live 1965) klingt auch wieder anders , und Horenstein mit dem Halle Orchestra (Live 1971) nochmal anders . Mein Ideal wäre vielleicht eine Aufnahme , welche Ormandy als Grundlage nimmt und den spezifischen Deutungen von Jensen , Stokowski und Horenstein Rechnung trägt . Und daraus dann eine Neue formt . Oder wieder etwas hinzufügt . Denn die Interpretationen zeigen ja , wie viel das Werk hergibt . Aber so lange nichts Neues daherkommt , bin ich auch mit 4 Aufnahmen zufrieden . ( Die Aufnahme von Gilbert habe ich erst einmal gehört , damit muss ich mich noch beschäftigen ).


      b-major schrieb:

      Nachgang zu meinem Nielsen / Jensen Zyklus . Die 6.Sinfonie erwähnte ich als für mich noch nicht 'erledigt' , und stellte Jensen die Aufnahmen von Horenstein und Stokowski sowie , etwas entfernter , Ormandy an die Seite . Jetzt gesellt sich noch Ole Schmidt mit dem LSO hinzu . Für mich die beste Interpretation aus dem Schmidt-Zyklus . -

      Die Original - Langspielplatten dieses Zyklus erschienen auf Unicorn . Mit dabei war eine weitere LP , auf der Robert Simpson , der bei den Aufnahmen zugegen war , über die Sinfonien spricht , mit Klangbeispielen aus den Einspielungen . Dauer über eine Stunde .(Hat nichts zu tun mit seinen Kommentaren anläßlich der 5. mit Horenstein ). Bei Interesse PN .


      b-major schrieb:

      Ich komme nochmals auf die Sechste von Nielsen zurück . Das ist für mich das Glanzstück der GA von Douglas Bostock . Die unbelasteten Liverpooler passen gut dazu . Da ich einen ähnlichen Ansatz wie bei Ormandy wahrnehme - der aber zu ordentlich und geschliffen ist - mimmt Bostock bei mir nun dessen Stelle - knapp hinter Stokowski , Horenstein und Jensen , aber unverzichtbar auf ihre Art - ein . ( Die anderen Sinfonien außer der 6. und der 3. in dieser GA finde ich nicht so gut gelungem ) .
      - Die Sechste mit Gilbert habe ich nach mehrmaligen Hören auch abgeschrieben . Nicht der von mir gesuchte große Wurf , das Irrritierende dieses Werkes trifft er nicht . Aber mir wurde die 6. mit Oramo empfohlen . Kennt die jemand ?



      Die erwähnte Ormandy-Aufnahme gibt es z. B. hier:

    • Sehr schön, werter Braccio, dass Du Dich dieser Letzten von Nielsen angenommen hast, und vielen Dank für die wertvolle Einleitung. Dank auch an b-major!

      Seltsamerweise habe ich einst länger für die Vierte gebraucht als für die Sechste, und nur die Fünfte ist mir seit Langem unverändert die liebste.

      Semplice ist für mich an dieser Sinfonie gar nichts - ich kann den Titel eigentlich nur ironisch verstehen. Vielleicht trifft das auf die Komposition als Ganzes zu. Jedenfalls ist sie in ihrer absonderlichen Mischung aus DADA und Tradition zumindest der Entstehungszeit weit voraus. Für mich wiederum, versteht sich. Man kann diese Musik mit den folgenden Komponisten nicht verwechseln, aber es scheint, als hätte Nielsen sie alle nach Mitternacht getroffen und selbst am meisten von den bereitgestellten Drogen konsumiert: Webern, Schnittke, Schostakowitsch Nr. 15, einen unbekannten Janacek-Bruder, ein paar russische Futuristen ...

      Anders als erwartet, schreibst Du. Einverstanden, solange Du damit auch noch diverse ganz andere Andere andenkst.

      Und doch klingt eigentlich jeder Takt nach Nielsen Carl.

      Aufnahmen besitze ich eine ganze Reihe .. also im Sinne des Breiten- und keineswegs des Tiefensammlers. Keine zehn, aber kaum weniger, hätte ich gesagt. Vielleicht später mehr.

      :cincinbier: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • andréjo schrieb:

      Und doch klingt eigentlich jeder Takt nach Nielsen Carl.
      Das auf jeden Fall, lieber Wolfgang. Melodik, Stimmführung, Einsatz der Instrumente, alles typisch Nielsen. Auch die von Dir hergestellten Bezüge zu anderen Komponisten - volle Zustimmung. Verblüffend eben auch die Ähnlichkeit mancher Stelle mit Schostakowitsch (Webern kenne ich zu schlecht). Und mir ist nicht bekannt, dass die beiden einander oder ihire Musik gekannt hätten. Ohnehin befand sich ja DSCH zu diesem Zeitpunkt noch ganz am Anfang.

      Was Aufnahmen betrifft, bin ich auf CD schon gut eingedeckt und habe im Streaming ja ohnehin auf sehr vieles Zugriff. Bislang habe ich bei der Nr. 6 aber noch keinen klaren Favoriten.
    • Braccio schrieb:

      (Webern kenne ich zu schlecht).
      Ich werde mich hüten, zu behaupten. ich würde Webern gut kennen. (Die Gesamtausgabe steht im Schrank - also die richtige, das sind dann schon doppelt so viele Scheiben wie bei der bloßen Berücksichtigung der Opuszahlen, also 6 statt 3 ...)

      Mir scheint aber - und ich glaube, das auch gelesen zu haben -, als ließe sich der sonderbare zweite Satz wie eine Parodie Weberns hören. Mit Musikwissenschaft dürfte eine derartige Äußerung allerdings nichts zu tun haben. :D
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    • andréjo schrieb:

      der sonderbare zweite Satz wie eine Parodie Weberns

      In dem oben von mir verlinkten Aufsatz heißt es hierzu:

      Avo Sõmer schrieb:

      The Humoresque opens with two references to the modernist music of his day; [...] the atonal, “ugly twisted melody” of the clarinet and its immediate contrapuntal continuation recall something like the Peripetie, the fourth of the Five Pieces for Orchestra, Opus 16, of Schoenberg.

      [...]

      It is a distorted, cumbersomesplash of atonality, that is, a deliberately awkwardpretense of serialism, in eff ect a parody (orsatire!) which could hardly be taken seriously asan attempt to compose “modernist” atonality.
    • Yeah, ein Nielsen-Thread :thumbup:

      andréjo schrieb:

      Semplice ist für mich an dieser Sinfonie gar nichts - ich kann den Titel eigentlich nur ironisch verstehen. Vielleicht trifft das auf die Komposition als Ganzes zu.
      Ja, das sehe ich ähnlich. Besonders den 2. Satz kann man schwer anders (erfolgreich) deuten. Hier gibt es so einiges, was derb und dilettantisch klingt, gleichzeitig erinnert die Musik aber auch an simple Zirkusnummern zur "humorvollen" Untermalung des Geschehens. Ist es dadurch vielleicht doch wieder ganz 'simple' Musik, und gar nicht anders gemeint von Nielsen?
      Der Rückgriff auf alte Formen oder Formbilder (“Proposta Seria”) stellt vielleicht ein Begehren des Komponisten nach einer einfacheren und klaren formalen Anlage dar. Aus diesem Grunde und auch aufgrund Nielsens Aussage:

      Braccio schrieb:

      Vier Sätze, Titel “semplice” (“ich strebte in diesem Werk nach der größtmöglichen Einfachheit”, so Nielsen in einem Interview)
      muss ich immer an Sibelius' eigene Sechste denken. Hier wollte der Komponist schließlich auch "klares Quellwasser", und an der Musik ist außer der formalen Anlage überhaupt nichts klar und eindeutig. Ich sehe daher in beiden Kompositionen eine Art Protest gegen die mitteleuropäische zeitgenössische Musik.
      Nielsen war schwer herzkrank und ist wenig später gestorben, er hat sich sicherlich genau die Frage gestellt, welche Art Musik er schreiben und hinterlassen möchte.

      Bei der Sechsten sind meine Lieblingsaufnahmen diejenigen von Blomstedt und Salonen:




      Paavo Järvi hat aber auch einen interessanten Zugriff:

      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • Auf die Thomson-Aufnahme wurde ich mit sanfter Gewalt durch b-major gestoßen:





      Sie hat mich nach anfänglichem Zögern nun doch sehr angesprochen. Nach meinem Empfinden betont Thomson die düsteren, ernsten, hintergründigen Aspekte der Musik. Der Kulminationspunkt des Kopfsatzes erlangt so eine ungewöhnlich bohrende Intensität, die Sechzehntelbewegungen der Streicher klingen hier geradezu panisch. Noch auffälliger vielleicht der letzte Satz. Das Fagottthema klingt hier weniger burlesk und ungelenk, sondern strahlt schon fast etwas wie Melancholie aus. Auch die Walzerepisode kommt bei mir in dieser Aufnahme weniger parodistisch an. Beeindruckende Alternativsicht, wie ich meine. Und der Klang ist alles andere als historisch.
    • andréjo schrieb:

      Sicher auch eine echte Empfehlung:

      die Göteborger Sinfoniker unter der Stabführung von Myung-Whun Chung.
      Für manche vielleicht , aber die Sechste wird in dieser Box von Järvi dirigiert .
      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " - Don't all thank me at once (Scott Miller) - Jung sterben , aber so spät wie möglich ( F. Jourdain )
    • andréjo schrieb:

      Sicher auch eine echte Empfehlung:

      die Göteborger Sinfoniker unter der Stabführung von Myung-Whun Chung.



      :wink: Wolfgang
      Göteborger Sinfoniker ja, aber (wie bei Nr. 4 in dieser Box) unter Neeme Järvi, werter Wolfgang. Es scheint die gleiche Aufnahme von Anfang der 1990er zu sein wie auch in der DG-GA:




      Edit: Hat sich mit b-majors Beitrag überschnitten
    • Braccio schrieb:

      Alles in allem ist die Sechste für mich eher rätselhaft als einfach.
      Du sagst es überdeutlich . Oder , was mich betrifft , ich finde sie irritierend . Einfache Sinfonie - ja , sie geht zurück zu alten , einfachen Formen . Aber nimmt auch Bezug auf Grieg . Nielsen war sich wohl dessen bewußt , daß dieses seine letzte Sinfonie sein würde . War das vermeintliche Zurückgehen nur ein : von hier aus nochmal neu ansetzen ? Und warum gibt es so viele Deutungsmöglichkeiten , von denen ich mir natürlich die heraussuche , die meiner Auffassung nahe kommen , ohne aber "die" Aufnahme zu finden ?
      Zur Zeit gibt es bei mir ein Sixpack : Vorne an Jensen und Thomson , gefolgt von Horenstein , Ole Schmidt und Bostock . Und ein wenig left field Stokowski , der die Sinfonie nur einmal dirigierte und einräumte , sie nicht zu verstehen . Aber das Ergebnis ist hörenswert . Also diese 6 Sechsten brauche ich irgendwie . - Und dann sind da noch die vielen anderen Einspielungen - genug Nielsen für alle . Für mich ist es schwierig mit der Sinfonia semplice .
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    • Ich danke Euch, b-major und Braccio, für die Korrektur. Zum einen habe ich Depp die Sternchen auf der Cover-Rückseite im Netz übersehen, zum anderen besitze ich die Gesamtausgabe ohnehin nicht. Ein Cover der Einzelausgabe habe ich auf die Schnelle nicht gefunden. (Die gibt's aber schon - oder? Sonst bricht mein Gebäude in sich zusammen und ich muss genauer in den Schrank gucken. Denn die von Braccio soeben verlinkte DG-Ausgabe habe ich mit Sicherheit nicht. :evil: )

      :) Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • andréjo schrieb:

      Ich danke Euch, b-major und Braccio, für die Korrektur. Zum einen habe ich Depp die Sternchen auf der Cover-Rückseite im Netz übersehen, zum anderen besitze ich die Gesamtausgabe ohnehin nicht. Ein Cover der Einzelausgabe habe ich auf die Schnelle nicht gefunden. (Die gibt's aber schon - oder? Sonst bricht mein Gebäude in sich zusammen und ich muss genauer in den Schrank gucken. Denn die von Braccio soeben verlinkte DG-Ausgabe habe ich mit Sicherheit nicht. :evil: )

      :) Wolfgang
      Järvi schon:



      Chung eher nicht. Aber mach Dir nichts draus, Baukredite sind ja derzeit sehr günstig. :)
    • Braccio schrieb:

      Es scheint die gleiche Aufnahme von Anfang der 1990er zu sein wie auch in der DG-GA: [...]
      Ich bin mir nicht sicher, ob die in der DGG-Box enthaltenen Aufnahmen der Symphonien 4 & 6 mit denen in der BIS-Box identisch sind. Zwar beide Male Neeme Järvi mit Göteborgs Symfoniker, aber die Spieldauer einzelner Sätze unterscheidet sich z. T. deutlich (mehr in der 4. als in der 6.).

      Die BIS-Box habe ich; dort wird als Aufnahmedatum der 9.3.1992 angegeben (für die 4.: 8./9.9.1990). Bei der DGG-Box habe ich die Aufnahmedaten nicht gefunden.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Braccio schrieb:

      Es scheint die gleiche Aufnahme von Anfang der 1990er zu sein wie auch in der DG-GA: [...]
      Ich bin mir nicht sicher, ob die in der DGG-Box enthaltenen Aufnahmen der Symphonien 4 & 6 mit denen in der BIS-Box identisch sind. Zwar beide Male Neeme Järvi mit Göteborgs Symfoniker, aber die Spieldauer einzelner Sätze unterscheidet sich z. T. deutlich (mehr in der 4. als in der 6.).
      Die BIS-Box habe ich; dort wird als Aufnahmedatum der 9.3.1992 angegeben (für die 4.: 8./9.9.1990). Bei der DGG-Box habe ich die Aufnahmedaten nicht gefunden.

      :wink:
      Aufnahmedaten der DGG-Box:
      - Sinfonie Nr. 4, op. 29: Oktober 1990
      - Sinfonie Nr. 6: März 1992
      Studioaufnahmen aus dem Göteborger Konzerthaus.

      Demzufolge scheint es sich bei der Sinfonie Nr. 4 in beiden Boxen um unterschiedliche Aufnahmen zu handeln, weil es unterschiedliche Monate sind (September [BIS] und Oktober [DGG]), weil Gurnemanz auch erwähnte, dass die Spielzeiten sich z. T. deutlich unterscheiden:
      BIS: Satz I: 11:33 / Satz II: 04:27 / Satz III: 08:37 / Satz IV: 09:19
      DGG: Satz I: 11:49 / Satz II: 04:09 / Satz III: 09:12 / Satz IV: 08:46

      Bei den Aufnahmen der Sinfonie Nr. 6 bin ich mir nicht sicher, ob das trotz der möglicherweise identischen Aufnahmedaten, d. h. zumindest Monat und Jahr stimmen überein, um zwei verschiedene Aufnahmen handelt, weil die Spielzeiten nicht deutlich voneinander abweichen:
      BIS: Satz I: 12:11 / Satz II: 03:54 / Satz III: 05:16 / Satz IV: 10:36
      DGG: Satz I: 12:20 / Satz II: 04:02 / Satz III: 05:23 / Satz IV: 10:41

      Bei den BIS-Aufnahmen und bei der DGG-Box wirkten jeweils der Produzent Lennart Dehn und als Editor Michael Bergek (bei BIS nicht komplett; bei einigen Aufnahmen war auch Robert von Bahr als Editor beteiligt) mit. Diese beiden scheinen zu BIS zu gehören, weil sie bei vielen BIS-Aufnahmen mitwirkten, z. B. bei Neeme Järvis Sibelius-Aufnahmen.

      Allerdings waren Dehn/Bergek z. B. auch bei der DGG-Box mit den Sinfonien und Orchesterwerken von Rimsky-Korsakow mit Neeme Järvi beteiligt.
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • Im Nielsen Jubiläumsjahr 2015 gab es auf BBC 3 eine Sendung im Rahmen der Reihe 'Building A Library' , in der Stephen Johnson sich durch eine Reihe von Aufnahmen der 6.Sinfonie hörte . Es wurden ca. 1minütige Schnipsel von folgenden Aufnahmen zu Gehör gebracht :
      H.Blomstedt / SFSymphony
      Colin Davis / LSO
      Sakari Oramo / Royal Stockholm PO
      Paavo Berglund / Royal Danish Orchestra
      Michael Schonwandt / Danish National Radio Symphony Orchestra
      Osmo Vänskä / BBC Scottish SO
      Neeme Järvi /Gothenburg SO
      Alan Gilbert / NYPO
      Ole Schmidt / LSO
      Erwähnt wurden noch kurz Tor Mann und Douglas Bostock .
      Ich habe die Sendung vor einiger Zeit nachgehört und konnte - wie meist mit solchen Sendungen - nicht viel damit anfangen . Johnson hat seine Idee , was er da in der Musik ausgedrückt hört , und belegt es dann mit Hörschnipseln . Notiert habe ich mir eine Anmerkung zum 1.Satz , nachdem die Sinfonie vielleicht dem Komponisten aus der Hand gerät , sich verselbständigt , so wie der Schriftsteller Forester mal beschrieb , daß seine Romanfiguren sich selbständig machen würden . Ein interessamter Aspekt , wie ich finde . Zum 2.Satz bemerkte Johnson, der klänge wie 'Tchaikovky's Nutcacker by Tim Burton' . Und das wahre Herz der Sinfonie ist für ihn die Variation 8 im 4.Satz . - Zu Ole Schmidt habe ich noch notiert , daß dieser die Traurigkeit besser als alle anderen trifft , damit aber zu einseitig wäre . - Ach ja , der Gewinner war Blomstedt knapp vor Oramo . ( War er in der alten Folge von Building A Library auch schon - den Briten gilt Tradition noch was , in manchen Bereichen zumindest ) .
      Nachhören : stitcher.com/podcast/bbc/recor…en-symphony-no-6-43106353

      Bei dieser Gelegenheit : Ich erinnere mich , daß vor Jahren viel über die Nielsen-Aufnahmen von Salonen und Saraste in der Presse geschrieben wurde . Was ist da passiert ? Haben die ihr Verfallsdatum überschritten ? (Okay , Salonen wurde oben erwähnt . Aber sonst ? ).
      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " - Don't all thank me at once (Scott Miller) - Jung sterben , aber so spät wie möglich ( F. Jourdain )
    • Danke! So schaut meine Einzel-CD aus und ich habe sie wohl nicht nur einmal gehört und für gut befunden. Ich such sie mal raus und betätige mich im Sinne dieses Threads und in Nachfolge einiger hier. :top:

      (Dass man beim Partner vieles nicht gleich findet, wenn man nicht zufällig die richtige Mischung an Begriffen eingibt, ist keine neue Erfahrung.)

      Und um noch etwas Konstruktives beizutragen: Ich besitze außer Järvi non Chung auf jeden Fall Aufnahmen mit Blomstedt, Schönwandt, Gilbert, Bostock und Berglund. (Ob's alle sind? Und Kassetten müsste ich nachsehen.)

      Blomstedt verehre ich vor allem als Person; die Aufnahme dieser Nielsen-Sinfonie mag nicht absolute Spitze sein - auch aufnahmetechnisch. Gilbert - erst in letzter Zeit erworben - hat mich etwas weniger gepackt als erwartet und war vor allem ein pfiffiges Schnäppchen.
      Mit Berglund bin ich damals eingestiegen in den Kosmos. Schönwandt kann man zusätzlich in der Box auch auf DVD erleben. Bostock war ebenfalls ein Schnäppchen und ist vielleicht wiederum nicht die allererste Wahl.

      Vielleicht.

      Fazit: Vielleicht bleibt Järvi dann doch mein Spitzenplatz. Aber ich müsste nachhören, um ernsthaft mitreden zu können. (Warum eigentlich nicht?)

      Noch ein paar Links. Im Fall meiner Schönwandt-Gesamtaufnahme nebst DVD stimmt das Cover nicht. Nach obiger Erfahrung möchte ich mich daher auch nicht für eine Übereinstimmung der Produktionen verbürgen, obgleich ich das vermute.

      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Gurnemanz schrieb:

      Ich bin mir nicht sicher, ob die in der DGG-Box enthaltenen Aufnahmen der Symphonien 4 & 6 mit denen in der BIS-Box identisch sind. Zwar beide Male Neeme Järvi mit Göteborgs Symfoniker, aber die Spieldauer einzelner Sätze unterscheidet sich z. T. deutlich (mehr in der 4. als in der 6.).
      Das klingt interessant, Meister Gurnemanz, selbst wenn die Erfahrung in solchen Fällen - also nicht gerade bei Beethoven-Sinfonien mit Karajan oder Furtwängler - lehrt, dass es typischerweise doch die gleichen Einspielungen und eher die Zahlen fehlerhaft sind. Immerhin ist es der gleiche Verlag und es schaut schon sehr nach Einzelausgaben aus, die später zu einer Box versammelt wurden.

      Aber das sage ich jetzt halt so vor mich hin ... ;) :)

      PS/ EDIT: Danke für Lionels akribische Ergänzung, die ich jetzt erst gelesen habe. Sie macht mein obiges Gschmarri nicht völlig nutzlos, aber von Neuwert konnte schon vorher keine Rede sein, fürchte ich ... :versteck1:
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