Ein Theatermann inszeniert "Tristan und Isolde" in Leipzig

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    • Ein Theatermann inszeniert "Tristan und Isolde" in Leipzig

      Warum fahren Wagner-Verrückte und C.T.-Verehrer aus Dresden zu Ulf Schirmers Tristan-Premierenach Leipzig?

      Da wäre zunächst der Regisseur Enrico Lübbe, ansonsten Intendant des Schauspielhauses Leipzig und damit Nachfolger des „Skandal -Regisseurs“ Sebastian Hartmann, meines Großneffen. Und es war natürlich interessant,wie uns die Tristan-Dirigate Ulf Schirmers nach zwei Bayreuth-Erlebnissen angreifen werden. Und außerdem waren wir gespannt, wie Daniel Kirch, dessen Siegfried uns in Chemnitz extrem begeistert hatte, den Tristan bewältigt.

      Wäre ich unvorbereitet in die Premiere gekommen, so wäre ich sicher gewesen, dass als Regisseur ein Filmschaffender die Inszenierung zu verantworten habe. Aber dank der Partnerschaft mit dem hochkreativen österreich-schweizerischen „Bühnenbildner“ Etienne Pluss und dem Co-Regisseur Torsten Buß war ein faszinierendes Bühnenereignis entstanden. Ein simpler Lichtrahmen übernimmt als wesentlichstes Element die Aufgabe in der eigentlich klassischen Inszenierung, eine Abgrenzung der Protagonisten von der realen Welt vorzunehmen.

      Die Bühne fesselte vom ersten Augenblick. Mit faszinierend wechselndenBildern einer Videoinstallation, der Drehbühne und den handelnden Personen wurde der Betrachter über einen grauen Schiffsfriedhof geführt, bis der Bilderlauf in der Kabine eines Seglers zur Ruhe kam. Für die erste Szene der Isolde mit Brangäne, fast etwas ablenkend, um vom Vorspiel und dem Lied des jungen Seemanns nahtlos in die Handlung zu kommen. Die Video-Drehbühnenkombination erlaubt der Regie, die Besucher auf beliebige Plätze des Schiffes zu führen.

      Mit dem zweiten Akt gelang Enrico Lübbe im schierendlosen Liebesduett jenen Rausch Richard Wagners am freien Flug seinem exzessiven Ausnahmezustand gerecht zu werden. Seine wechselnden Befindlichkeiten, das psychologisch eigentlich Unerklärbare, den Tag zur Ursache allen Übels zu erklären und die Nacht, den Tod als ultimatives Lebensziel zu beschwören, wurde mit raffinierter Bühnentechnik, dem Einsatz eines Double-Paares und einer partiell schwarzen Umgebung bewältigt, so dass die Wandlungen der Gefühlswelten mit dem Wechsel von Körpernähe und -ferne auch bildhaft wurden.

      Für den dritten Akt hatte Lübbe das Wrack eines verlassenen Schiffes gewählt und überließ einer Vielzahl Isolde- Statistinnen Tristans Fieberphantasien bildlich werden zulassen. Gefangen in der unerfüllten Todessehnsucht leben Isolde und Tristan weiter mit ihrem Wunsch im Tode vereint zu sein. Die Lichtgestaltung und die Videoinstallationen waren beeindruckend im Konzept umgesetzt. Die Kostüme der Linda Redlin waren als einzige Komponente der Arbeit Lübbes zeitübergreifend gestaltet.

      Als Isolde war die stimmstarke amerikanische Sopranistin Meagan Miller mit ihrem Sinn für dramatische Situationen gewonnen worden. Ihre volle kräftige Stimme mit ihrer hervorragenden Höhe findet aber auch mezzopiano Stimmfarbeben, durchaus auch zynisch und selbstironisch. Sie weiß sich auf der Bühne zu bewegen und vermag die Ideen des Schauspiel-Spezialisten umsetzen.

      Der Tristan von Daniel Kirch enttäuschte unsere Erwartung nicht. Aber ein „großer Tristan“ ist er noch nicht. Da benötigt seine leicht brüchige Tenorstimme noch etwas Entwicklung, wenn ihn der durchsetzungsfähige Sopran der Amerikanerin gelegentlich überstrahlt.

      Die Mezzosopranistin Barbara Kozelj aus Slowenien war als die Stimme der Vernunft als Brangäne eineideale Partnerin der Isolde auf Augenhöhe. Stimmlich mit Meagan Miller gut abgestimmt, bietet sie dank ihrer starken Präsenz ein echtes Erlebnis.

      Der König Marke, mit dem Ensemble-Mitglied Sebastian Pilgrim bestens besetzt, war von der Regie von vornherein als schwacher Herrscher und wenig sympathisch angelegt. Mit profundem sicher geführtem Bass bewältigte er seine Aufgabe, in die Psyche von Isolde und Tristan einzugreifen.

      Das Ensemblemitglied Matthias Stier, trifft als Melotgeifernd mit seiner schneidenden Charakterstudie genau den richtigen Ton des Verräters.

      Jukka Rasilainen ist als Kurwenal erst im letzten Moment in die Inszenierung einbezogen worden, verfügt aber über ausreichend Erfahrung, um den Vertrauten Tristans wacker gesanglich und spielerisch prägnant darzustellen.

      Auch die „kleineren Rollen“ waren leistungsfähigen Sängern anvertraut. Der Steuermann von Franz Xaver Schlecht mit seinem elegant-dunklem Bariton und der Hirte des erfahrenen Oratorien-Tenors Martin Vogel waren schon beeindruckend. Der junge Seemannvon dem lyrisch geprägten Tenor Alvaro Zambrano gesungen, war fast eine Luxusbesetzung.

      Die Oboistin des GewandhausorchestersGundel Jannemann-Fischer bot mit ihren in der Szene integrierten Bassklarinetten-Soli eine berückende Besonderheit der Inszenierung.

      Der Chor präsentierte sich kräftig und transparent, aber nicht unbedingt klangschön.

      Zum Orchester möchte ich mich nicht unbedingt äußern, weil ich doch dem Dresdner Klang zu stark verhaftet bin. Das bedeutet aber keinesfalls eine Einschränkung der Orchesterqualität, denn es wurde hervorragend musiziert. Die Klangentfaltung im Leipziger Opernhaus ermöglicht allerdings keinen extrem emotionsgeladenen Tönerausch.

      Ulf Schirmer leitete die Aufführung straff, facettenreich aber nicht immer freundlich unterstützend den Sängern gegenüber. Ich empfand, dass er mit seinem Dirigateinen etwas kühleren Eindruck vermittelte. Das mag an der Premieren-Nervositätgelegen haben, denn an der Darbietung der Musik Richard Wagners gab das keine Einschränkung. Schwieriger war da schon der Eventcharakter der bilderbetonten Regie, der gelegentlich ablenkte. Aber das mag meine persönliche Auffassung zur Arbeit Lübbes sein und sich aus dem Eindruck halbszenischer Wagner-Aufführungen bei den Budapester Wagnertagen speisen.

      Von den Freunden der Musik des in Leipzig geborenen Meisters wurde die Leistung der Künstler um Enrico Lübbe und Ulf Schirmer stürmisch bejubelt und mit stehenden Ovationen bedacht, an denen ich mich mit viel Überzeugung beteiligte.