Operntelegramm Saison 2019/20

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    • Operntelegramm Saison 2019/20

      ...noch kein Bericht aus dieser Saison?

      Das will ich dann mal ändern:

      Tristan und Isolde, Köln, 11.10.2019

      Freitagabend hatte im erstmals im Kölner Staatenhaus richtig Probleme mit der Akustik des Raumes: Für Tristan und Isolde reicht es dort irgendwie nicht. Der Orchesterklang war zurückgenommen und klar, aber die Solisten waren eigentümlich isoliert, es gab meiner Wahrnehmung nach wenig klangliche Verbindung. Das Dirigat von Francois-Xavier Roth hat mir gut gefallen; es war sehr zurückgenommen, über weite Strecken sehr zielgerichtete Piani und Pianissimi. Leider im Blech mehrfaches Geflatter. Aber die Gesamtleistung war tadellos. Die Englischhornsoli des 3. Aufzugs wurden auf mehrere SolistInnen, die im Raum um den Tribünenkorpus verteilt saßen, verteilt. Dadurch sollte vermutlich klangliche Ortlosigkeit erzeugt werden. Hat m.E. nicht überzeugt.

      Heiko Börner, der für den erkrankten Peter Seiffert einsprang (und reguläre Zweitbesetzung, also mit der Inszenierung vertraut ist), hat als Tristan leider gar nicht überzeugt. Ihm fehlte schlichtweg der Bums, und der Raumklang war ihm ein zusätzlicher und unüberwindbarer Gegner. Über Strecken fehlte seinem Vortrag die Sanglichkeit, oft musste er drücken. Leider keine hinhörenswerte Darbietung. Imgela Brimberg als Isolde sang ihre Partie tadellos, allerdings gefiel mir ihr Gesang hier nicht besonders. Sie singt mir eine Spur zu "scharf". Das ist bei einer Elektra super, aber für Isolde gefällt mir das nicht so gut. Vielleicht eine leichte stimmliche Fehlbesetzung? Naja, technisch war es einwandfrei und auch darstellerisch war sie top. Geschenk des Abends war Okka von der Damerau, die ich zum ersten mal live hören durfte, und die mich als Brangäne sehr für sich eingenommen hat. Sie sprang ein für die ebenfalls erkrankte Claudia Mahnke; und wie auch Heiko Börner ist sie reguläre Besetzungsalternative für diese Inszenierung. Samuel Youn als Kurwenal hatte dasselbe Problem mit dem Raum wie Heiko Börner und hatte auch keinen guten Abend in Sachen stimmliche Spurtreue. Er hat mich schon vor rund zwei Jahren in Duisburg als Wanderer im Siegfried nicht für sich gewinnen können. Einziger männlicher Solist, der wirklich überzeugte, war Karl-Heinz Lehner als König Marke, den ich in Dortmund und Essen schon häufig etwas abgesungen fand, aber der Freitag in Topform war und vor allem seine sehr einnehmenden warmen Tiefen zur Geltung bringen konnte.

      Die Inszenierung von Patrick Kinmonth ist nicht weiter der Rede wert. Stilisierte Schiffskabinen einer Kreuzfahrt, eine Schiffsbrücke - hier halten sich die SolistInnen auf. Davor Plexiglaszeltchen, die über weite Strecken in schütter wechselndes Licht getaucht werden und zwischen denen Statisterie im Zweiten Aufzug Gruppengymnastik macht. Ich weiß nicht, was mir das sagen sollte...

      Alles in allem ein durchwachsender Abend, der sicher eine weite Anreise nicht lohnt.
      ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...
    • diskursprodukt schrieb:

      Tristan und Isolde, Köln, 11.10.2019
      Da war ich auch.

      diskursprodukt schrieb:

      Freitagabend hatte im erstmals im Kölner Staatenhaus richtig Probleme mit der Akustik des Raumes: Für Tristan und Isolde reicht es dort irgendwie nicht. Der Orchesterklang war zurückgenommen und klar, aber die Solisten waren eigentümlich isoliert, es gab meiner Wahrnehmung nach wenig klangliche Verbindung.
      Das Problem kann ich nicht nachvollziehen - wo hast Du gesessen?

      diskursprodukt schrieb:

      Das Dirigat von Francois-Xavier Roth hat mir gut gefallen; es war sehr zurückgenommen, über weite Strecken sehr zielgerichtete Piani und Pianissimi.
      Zielgerichtet heißt z. B., dass unter einer Gesangsphrase in der oberen Lage (= Stimme kommt gut 'rüber) das Orchester ordentlich "Druck macht", aber exakt mit dem Zielton der Phrase, wo die Gesangsstimme in die Mittellage absinkt (= Stimme trägt nicht so gut) das Orchester wieder im piano spielt - das ging über den ganzen Abend so, für mich eine extraordinär sängerfreundliche Dirigentenleistung! Profitiert haben alle Sänger, vor allem Ingela Brimberg, deren Stimme in der mittleren und tieferen Lage im Volumen abfällt; aber auch Heiko Börner, bei dem das piano gar nicht recht in den Raum tragen will und der an den entsprechenden Stellen sonst untergegangen wäre.

      Brimberg hat mir übrigens ausgesprochen gut gefallen, Schärfen habe ich nicht vernommen. Allen Sängern gemeinsam war ein Problem mit Phrasen, die langen Atem benötigen, das schließt auch die üppige und voluminöse (und ausgesprochen schöne!) Stimme der Okka van der Damerau ein, die bei den Wachrufen ziemlich häufig zwischenatmen musste. Brimberg hat zwar Isoldes letzte Worte ("höchste Lust") nicht durch einen Zwischenatmer zerschnitten, was man häufig ertragen muss, aber um den Preis, dass der ihr der Schlusston aus dem piano ins mezzoforte gerät und arg kurz bleibt. Samuel Youn hatte einen ziemlich schlechten Tag, was bei ihm inzwischen "Bayreuth bark" bedeutet (szenisches overacting kommt hinzu). Lehner hat in der Tat wundervoll gesungen. Schöne Raumwirkung bei der Verteilung der Chorstimmen, der Herrenchor auch bestens aufgelegt. Ich fand das Verteilen der Englischhorn-Stimme auf drei Positionen im Raum ansprechend (wir haben rechts außen, etwa in mittlerer Höhe gesessen).

      Über die traurige Regie hat diskursprodukt fast schon zuviele Worte verloren. Der herausragenden Darstellerin (hat sie am gleichen Ort als Salome bewiesen) Ingela Brimberg wäre ein besseres in-Szene-Setzen zu wünschen gewesen. Roths Dirigat fand ich exzeptionell in jeder Hinsicht, tolle Orchesterleistung, die paar Kiekser in den Bläsern kann ich leicht verschmerzen!
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Quasimodo schrieb:

      diskursprodukt schrieb:

      Tristan und Isolde, Köln, 11.10.2019
      Da war ich auch.

      diskursprodukt schrieb:

      Freitagabend hatte im erstmals im Kölner Staatenhaus richtig Probleme mit der Akustik des Raumes: Für Tristan und Isolde reicht es dort irgendwie nicht. Der Orchesterklang war zurückgenommen und klar, aber die Solisten waren eigentümlich isoliert, es gab meiner Wahrnehmung nach wenig klangliche Verbindung.
      Das Problem kann ich nicht nachvollziehen - wo hast Du gesessen?
      Reihe 16 oder so, allerletzter Platz rechts, direkt an der Absturzsicherungswand. Vielleicht ist das auch des Rätsels Lösung, weil ich von einer Seite schlecht schallversorgt worden sein könnte...

      Beim nächsten mal sollten wir uns verabreden! ^^
      ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...
    • Bizet: Carmen - Oper Köln, Premiere am 10.11.19

      Besuchte Vorstellung am 14.11.19

      Einen zwiespältigen Eindruck hinterließ die neue Carmen-Produktion der Kölner Oper. Die Grundidee von Regisseurin Lydia Steier ist, Carmen als chancenlose Außenseiterin in einer Machismo-Gesellschaft - nach den Frisuren und Kostümen (Gianluca Falaschi) vielleicht ein Spanien der frühen Franco-Zeit? - zu zeigen, die nicht bereit ist, ihre Freiheit aufzugeben (und sich morgens erstmal den Kampfanzug anzieht), und weiß, dass sie letztlich auf verlorenem Posten steht, überzeugt durchaus; es gibt viele Ungereimtheiten in diesem Konzept, die einigermaßen aufstoßen; vor allem ist die Art und Weise ihres letzendlichen Untergangs überhaupt nicht plausibel. Daneben ist die Regie bestrebt, ein opulentes Schaustück (allerdings wenig herkömmlicher Weise :D ) zu bieten; das gelingt, nicht zuletzt aufgrund der prächtigen, detailreichen Bühnenbilder (Momme Hinrichs), lenkt aber durch ein Zuviel der äußerlichen Reize von genannter Grundidee ab. Daneben schwankt die Regie zwischen drastisch-naturalistischen Darstellungen (mit einer Vorliebe für ausgesprochene Grausamkeiten) und ironischen Brechungen ein wenig ziellos umher.

      Auch musikalisch bleibt die Produktion zwiespältig. Claude Schnitzler am Pult gelingt mit dem Gürzenich-Orchester ein transparenter "Opéra-comique"-Klang; da geht Adriana Bastidas-Gamboa in der Titelrolle recht gut mit. Die Regie zwingt sie allerdings zu einigem Verismo-haftem Geschrei - aus dem eigentlichen Gesangspart kann sie das weitgehend heraushalten; diese gewisse Zwiespältigkeit in ihrer sängerischen Darstellung ist vielleicht am ehesten, was ihr an diesem Abend zu einer ganz herausragenden Sängerleistung fehlt - dennoch ist sie eine ganz fabelhafte Carmen mit satter Tiefe und samtiger Höhe und fraglos die Hauptattraktion des Abends, zumal sie auch eine ganz exzellente Schauspielerin ist! Martin Muehle als Don José kann nur teilweise überzeugen; ihm fehlt es für die lyrischeren Teile der Partie an mezzavoce, an sauberem piano. Dem Duett mit Micaëla (er muss am Ende in ein ziemlich unschöners Falsett) und der Blumenarie (zuviel forte) bleibt er einiges schuldig. Erheblich besser wir es im zweiten Teil, wo er die dramatische Seite seines klangschönen, nie forcierten Tenors ausspielen kann, aber eigentlich ist er in der Rolle hart an der Fehlbesetzung (OK, sind die meisten Josés auf Platte auch ;) ). Auch die übrigen Sänger passen stimmlich nicht so recht in dieses Stück, auch wenn das nicht heißen soll, sie hätten schlecht gesungen (Micaëla: Ivana Rusko, Escamillo: Oliver Zwarg). Großartig allerdings Chor und Extrachor der Oper Köln sowie die Schülerinnen und Schüler des Mittelstufenchores am Max Ernst Gymnasium Brühl (mit den Kindern des Kölner Domchors alterierend).


      Die insgesamt trotz der Bedenken sehenswerte Produktion läuft noch bis zum 7. Januar '20; die Carmen ist dreifach besetzt (ab 28.11. auch mit Stéphanie d'Oustrac), die drei anderen Hauptrollen doppelt. Da fährt das Opernhaus wahrscheinlich ein Gutteil seiner Jahreseinnahmen ein!
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Mi., 11. September 2019: WIEN (Staatsoper): Jacques Offenbach: Les Contes d’Hoffmann / Hoffmanns Erzählungen

      Heute fand mein seit längerer Zeit (seit Ende Mai) erster Besuch in der Staatsoper statt, und für längere Zeit wird es auch der letzte gewesen sein. Seit ich vermehrt ins Konzert gehe, halte ich die meisten Opern (sofern sie nicht aus dem 20. oder 21. Jahrhundert stammen) nicht mehr aus, außerdem ist mir die Staatsoper einfach zu groß (und ich frage mich, wie um alles in der Welt man auf die Idee kommt, dort in wenigen Wochen ein so zartes, lyrisches Stück wie Brittens Sommernachtstraum, das erst vor kurzem im Theater an der Wien zu erleben war, zu spielen, wo man doch einen Peter Grimes oder Billy Budd aus dem Depot wieder ausgraben könnte!!). Das neue Stehplatzsystem ist jedenfalls schon aktiv, und WENN es so bleibt, bin ich ein ganz großer Fan dieses Systems, aber natürlich ist eine Preiserhöhung absehbar. Ein besonders positiver Effekt: Zum erstenmal seit JAHREN habe ich am Stehplatz nicht massenhaft Leute gesehen, die sich augenscheinlich gar nicht für die Aufführung interessieren. Eine Preiserhöhung hat auch seine positiven Seiten, von manchen (nicht von mir) prophezeite Katastrophen traten nicht ein.

      Zur Aufführung: Mittelmaß, typisch für den glücklicherweise den Posten bald freimachende Meyer.

      Aber ich will nicht unter den Tisch fallen lassen, dass es ja zwei ausgezeichnete Leistungen gab. Es waren das die des Einspringers (!) Dmitry Korchak in der Hauptrolle und des Michael Laurenz in den Dienerrollen. Korchak könnte man zum Vorwurf machen, dass seine scharfe, grelle Stimmfarbe nicht unbedingt zum verliebten und schwärmerischen Poeten stammt. Dieser Meinung bin ich allerdings nicht, ich schätze sein Timbre sehr. Die Stimme ist nicht übermäßig laut, er singt vergleichsweise leise, aber völlig ausreichend, außerdem kann er an passenden Momenten zu genügend Lautstärke aufdrehen, ohne in billige Effekthascherei abzugleiten. Er sang ohne Ermüdungserscheinungen die Rolle wunderschön und exakt, was will man mehr? In Zeiten, in denen Eyvazov, Kaufmann, Schager, Villazón, Vogt etc. völlig zu Unrecht als Tenorstars gehandelt werden, ist Korchak die bessere Wahl und ein Geheimtipp. Eine wirklich ausgezeichnete Leistung. Ebenfalls positiv hervorstechend war Michael Laurenz, der mir schon in der letzten Saison sehr positiv aufgefallen ist. Heute in den Dienerrollen erbrachte er eine sehr gute Leistung (allerdings sind diese Partien ja wirklich unproblematisch).

      Nichtsdestoweniger habe ich die Vorstellung als enorm mühsam und belanglos empfunden. Hauptschuldig war der Dirigent Frédéric Chaslin, der großteils langweilte durch Entbehrung eines jeden Spannungsbogens, es wurde einfach so lieblos herunterdirigiert, zeitweise zu schnell, aber meistens zu langsam. Gestaltung Fehlanzeige. Wirklich ärgerlich war, dass er mit dem Chor einige Male ganz deutlich auf Kriegsfuß stand (wobei es auch eine selten depperte Idee ist, den Chor im Olympia-Akt schräg hinten auf der Bühne zu positionieren). Zweites Hauptproblem war Luca Pisaroni in den Bösewicht-Rollen. Eine Fehlbesetzung ersten Ranges, völlig überfordert mit der Partie. Jedesmal, wenn er stimmlich aufdrehen müsste, kommt nichts mehr, und über sein Französisch wollen wir ebenfalls den Mantel des Schweigens breiten. Seinetwegen war der Antonia-Akt ziemlich zum Schmeißen (und ich erinnere mich jetzt Ildar Abdrazakovs in der vorigen Serie – der Unterschied ist wie Tag und Nacht). Dass er auch die Diamanten-Arie verhaute, war dann auch schon egal.

      Die restlichen Mitwirkenden pendelten sich großteils im Mittelmaß ein. Es ist natürlich eine große Schnapsidee, die drei Frauenrollen von ein- und derselben Sängerin verkörpern zu lassen, aber Olga Peretyatko hat diese Herkulesaufgabe mit Anstand gemeistert. Ja, es ist ein Schmarrn, wenn die Olympia-Arie hinuntertransponiert wird, und ja, es ist ein Schmarrn, wenn die Triller überhaupt gar nicht funktionieren, aber dafür waren ihre Leistungen als Antonia und Giuletta annehmbar; nicht mehr, und nicht weniger. Die mir völlig unbekannte Gaëlle Arquez war als Niklausse völlig in Ordnung, sie stach nicht positiv hervor, aber auch nicht negativ (ein auffallend starkes Vibrato störte mich nicht). Schlimm waren allerdings viele der Nebenrollen: Auffallend gut Dan Paul Dumitrescu als Crespel (wenngleich natürlich nicht einmal halb so gut wie Walter Fink, der in der letzten Serie gesungen hat); Samuel Hasselhorn als Hermann und Clemens Unterreiner als Schlémil sind nicht weiter aufgefallen. Keineswegs überraschend extrem schlecht waren Alexandru Moisiuc als Luther (hat er JEMALS akzeptabel gesungen?? Doch, denn für den Großinquisitor passt sein massives Stimmgewabere. Aber sonst??) und Zoryana Kushpler als Stimme der Mutter (einfach nur grauenhaft, dieses Gekreische) und auch überhaupt nicht gut war Lukhanyo Moyake als Nathanaël. Ebenfalls sehr schlecht war Igor Onishchenko, aber wieso musste sich dieser Bariton mit der Tenorrolle des Spalanzani herumschlagen??

      Das Stück ist, wie schon angedeutet, für mich nur schwer erträglich, wenngleich ich persönlich etwas damit verbinde, weil ich als Kind einen deutschsprachigen Querschnitt zu Hause gehört habe und der Hoffmann somit eine meiner allerersten Opern war (auch die zweite live gesehene). Auf Französisch ist der Charakter des Stückes jedenfalls ganz anders als auf Deutsch, und ich bekenne mich eindeutig zur deutschen Übersetzung, denn was soll der weitverbreitete Unsinn überhaupt, ein Stück in einer Sprache aufzuführen, die nicht zu den Landessprachen des jeweiligen Landes gehört? Man kann das selbstverständlich auch anders sehen, und ich respektiere jede andere Meinung, aber ICH will in der Oper etwas unmittelbar verstehen. Und nur die Muttersprache geht ins Herz. Daher super, dass es in Wien die Wahl zwischen Französisch (Staatsoper) und Deutsch (Volksoper) gibt.

      Die Inszenierung von Andrei Serban, Richard Hudson und Niky Wolcz ist (von der bereits angesprochenen zeitweisen schlechten Positionierung des Chores abgesehen) ausgezeichnet – der phantastische Charakter der E.T.A.-Hoffmann-Stücke wurde genau treffend eingefangen, und insbesondere den Prolog und den Antonia-Akt halte ich für besonders gelungen. Wenn doch nur alle Neuinszenierungen nur halb so gut wären... Gespielt wird meines Wissens eine Misch-Fassung, mit dem aus meiner Sicht komplett verzichtbaren Septett/Sextett im Giuletta-Akt, das in der Volksoper komplett fehlt. Naja. Man sollte es auch in der Staatsoper streichen, dann wäre die ohnehin viel zu lange Oper wenigstens ein bisschen kürzer und prozentuell gesehen besser. Nichtsdestoweniger heute zwei sehr gute Leistungen in den Tenorrollen: Ich kann nur empfehlen, sich die Namen Korchak und Laurenz zu merken.

      So, und jetzt hör ich mir „Auf dem Wasser zu singen“ mit Ian Bostridge und Julius Drake an, das ist wenigstens Musik, die mich berührt – auf das Operngebrülle kann ich mittlerweile weitgehend verzichten.
    • Do., 26. September 2019: WIEN (Theater an der Wien): Antonín Dvořák, Rusalka

      Dass heuer Dvořáks Rusalka auch im Theater an der Wien gespielt wird, begrüße ich: Zwar gab es in letzter Zeit auch Rusalka-Vorstellungen an der Staats- und Volksoper, aber zum einen kann es kaum genügend Rusalka-Aufführungen geben (nachdem diese hervorragende Oper sträflicherweise sehr lang in Wien ignoriert worden war!), und zum anderen hat das Theater an der Wien erwartungsgemäß eine „unkonventionelle“ Produktion auf die Bühne gestellt, an der ich zwar gute Ansätze erkenne, die mich aber in ihrer Gesamtheit nicht überzeugt.

      Auch musikalisch war es nur teilweise erfreulich. Gut gefallen hat mir Maria Bengtsson in der Titelrolle. Man kann Details bekritteln (zum Beispiel dass ihr das tschechische Idiom trotz hörbarer Sorgfalt nicht natürlich über die Lippen kommt, so hörte man zum Beispiel ein „nemohu šít“ statt des „nemohu žít“ („ich kann nicht leben“), und da frage ich mich schon, wieso man dafür nicht eine slavische Sängerin aus einem unserer Nachbarländer verpflichtet hat), aber insgesamt hat mir ihre Leistung zugesagt: Es war erfrischend, eine Rusalka-Interpretin zu hören, die sowohl schön singen als auch Dramatik zeigen kann. Das war's aber auch schon mit den positiven Leistungen. Wieso Günther Groißböck (Wassermann) von manchen so gelobt wird, erschließt sich mir nicht. Ja, er hat eine recht schöne Stimme, kann gewaltig an Lautstärke aufdrehen, ist wortdeutlich, singt ohne hörbare technische Probleme – das ist doch schon mal mehr als viele andere seiner Kollegen, obendrein schaut er vorteilhaft aus. Aber WIE er singt, gefällt mir nicht. Er ist in dieser Hinsicht wie Stephen Gould: Jeder Ton für sich, Bögen und Phrasierung gibt es einfach nicht (bzw. wenn, dann ist der Bogen nach längstens drei Tönen schon wieder aus) – und mal ernsthaft, was soll das?? Das ist doch nie und nimmer Weltklassegesang. Wer einen tollen Wassermann hören will, möge so wie ich im Februar 2020 nach Bratislava fahren und sich dort Peter Mikuláš anhören, der zwar nicht mehr der Jüngste ist, aber perfekt singen kann (auf Aufnahmen das Maß aller Dinge ist der heute unbekannte Eduard Haken, 1910–1996). Fast ein Totalausfall war Ladislav Elgr als Prinz. Dass seine (kleine) Stimme generell unschön ist (und als Prinz braucht man eine schöne Stimme – auch wenn ihn die Inszenierung als gewaltbereiten, hyperaktiven Psychopathen zeigt), ist nicht seine Schuld. Dass er sich aber so irgendwie durch die Partie schummelt (dass er da mal einen Ton deutlich kürzer aushält als verlangt, dass er dort mal bei kurzen Noten ungenau ist, merken die meisten nicht, das fällt mir aber auf, weil ich in der Rusalka jeden einzelnen Takt kenne) und außerdem massive Technikprobleme hat, sodass er die Höhen allesamt kehlig herausquetschen muss (sofern sie ihm überhaupt gelingen), fällt aber in seine Verantwortung. Insgesamt ist er dieser Partie nicht gewachsen, nicht einmal an einem kleinen Haus wie dem Theater an der Wien. Völlig unauffällig waren Natascha Petrinsky als Ježibaba und Kate Aldrich als Fremde Fürstin, derer Leistungen ich mich schon eine Viertelstunde nach Ende der Aufführung nicht mehr erinnern konnte, was ja auch einiges aussagt. Beide haben ziemlich scharfe Stimmen und waren textundeutlich unterwegs. Die kleinen Rollen waren in Ordnung, das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter David Afkham hatte nicht den besten Abend. Die Klangqualität war eher herb, ein Schwelgen in den Streichern vermisste man weitgehend, zusätzlich leisteten sich die Hörner und die Trompeten so manchen falschen Ton. Der Arnold-Schoenberg-Chor erledigte das Wenige, das ihm in der Rusalka aufgetragen ist, sehr zufriedenstellend.

      So, und die Inszenierung. Naja. Eine Pseudo-Märchenwelt war – glücklicherweise – nicht zu erwarten, und ich bin der Meinung, dass man der Rusalka massiv Unrecht tut, wenn man mit einer verkitschten Inszenierung anrückt. Das haben Amélie Niermeyer (Inszenierung), Christian Schmidt (Bühnenbild) und Kirsten Dephoff (Kostüm) auch nicht getan. Bühnenbild ist ein völlig unästhetisches weißes ehemaliges Schwimmbad (?), das im zweiten Akt dann auch den Palast darstellt. Gut, kann man machen. Die Personenführung möchte Rusalka wohl als armes, unterdrücktes Hascherl sehen, das von einem psychisch kranken Prinzen (der sie zu (Oral-)Sex zwingt) und einem brutalen Wassermann (der sie abwatscht, worauf sie allerdings zurückschlägt) ins Unglück gestürzt wird. Diese Interpretation teile ich aber nicht. Ein Problem ist, dass der rote Faden einfach nicht konsequent durchgezogen ist: Wieso benimmt sich der Prinz so gestört? Welchen Einfluss hat der Wassermann? Welche Motive hat die Fremde Fürstin? Alles für mich völlig unklar, Personen kommen und gehen, zwischendurch ein paar Videoeinspielungen, der Prinz zeigt sich splitterfasernackt, die Kostüme von Rusalka (weiß) und der Fremden Fürstin (schwarz) sind genau gegensätzlich – ja gehts noch platter?? Im dritten Akt ist dann das ehemalige Schimmbad noch stärker von der Natur zurückerobert, was auch irgendwie oberflächlich ist. Hauptproblem ist meiner Meinung nach, dass mit dem Brecheisen über die Musik drübergefahren wurde: Dort, wo es in der Musik hörbar knistert, findet auf der Bühne genau gar nichts statt. Das in Kombination mit merkwürdigen Aktionen in einem merkwürdigen Bühnenbild, in das man alles mögliche hineininterpretieren kann oder auch nicht kann, ist einfach nicht überzeugend. Denken wir lieber nicht darüber nach, wie viel die Produktion den österreichischen Steuerzahler gekostet hat...

      So, und jetzt höre ich grad Dvořáks Symphonische Dichtung „Vodník/Wassermann“ – die Kenntnis dieses Werks bereichert das Rusalka-Verständnis. Es ist anzunehmen, dass der (kindermordende) Orchesterwerk-Wassermann einige Eigenschaften mit dem scheinbar gutmütigen Opern-Wassermann gemein hat...
    • Fr., 27. September 2019: LINZ (Musiktheater, Blackbox): Benjamin Britten, The Rape of Lucretia / Die Schändung der Lucretia

      Das Landestheater Linz nimmt seit einigen Saisonen immer wieder Britten-Opern ins Programm, worüber ich mich sehr freue, zumal Britten einer meiner Lieblingskomponisten ist (umso mehr schmerzt mich, dass erst heute die Vorstellung am 1. Dez. dieses Jahres von „Noahs Flut“ in Passau abgesagt wurde – aber alles halb so wild, fahr ich halt an diesem Tag statt dessen nach Ostrava zu Janáčeks Osud, das ist ein ganz wunderbares Kleinod der Opernliteratur). The Rape of Lucretia ist nicht Brittens bestes Werk, aber nichtsdesotweniger sehr anhörbar und erfrischend unkonventionell. Hauptrollen sind ja bekanntlich „The male chorus“ und „The female chorus“, und von diesen beiden Sängern werden die Ereignisse kommentiert und reflektiert – das bringt mit sich, dass nur ein Teil dieser Oper wirkliche Handlung beeinhaltet, ein großer Teil wird der Reflexion gewidmet (so ähnlich wie in Death in Venice). Da muss man sich mal darauf einlassen und erkennen, wie meisterhaft Britten die verschiedenen Figuren musikalisch zueinander in Beziehung gesetzt hat, dann wird man diese Oper auch sehr genießen. Aus dem sehr klein besetzten Orchester (13 Musiker?) kommen typische Britten-Klänge, und ich liebe die Musiksprache Brittens.

      Gespielt wird in der Black-Box im Keller des Musiktheaters, und dorthin passt das Werk auch, in einem großen Saal würden die ganzen Feinheiten völlig untergehen. Das Orchester befindet sich abseits, in der Mitte des Geschehens ist die Bühne, auf den beiden Längsseiten sitzen in vier und drei aufsteigenden Reihen die Zuschauer (hinter dem Orchester kann man auch sitzen). Ärgerlich ist, dass die Plätze numeriert sind und so der vorgesehene Sitzplatz reines Glücksspiel ist – aber zumal nicht alle Plätze besetzt waren, gab es durchaus Gestaltungsspielraum. Durch die Wahl des Spielortes ergibt sich natürlich die Möglichkeit zu einer offenen Inszenierung, in der keine Distanz zwischen Zuhörer und Bühne vorhanden ist; gleichzeitig gibt es die Möglichkeit, die Partien mit schlechten Sängern zu besetzen, nämlich mit solchen, die im kleinen Rahmen durchaus reüssieren können, in einem normalen Saal aber hoffnungslos verloren wären.

      Es handelte sich um eine Produktion des Oberösterreichischen Opernstudios, und da es sich um in Ausbildung befindliche Sänger handelt, schraubt man natürlich die Erwartungen hinunter. Und ehrlich gesagt: Was ich so gehört habe, bestätigt zahlreiche negative Meinungen: Alles nette Stimmen, aber halt alles so durchschnittlich, so austauschbar – KEIN EINZIGER Sänger mit einer markanten, einprägsamen Stimme. Alles wurde brav und nett gesungen, aber bitte, vor allem in der Vergewaltigungsszene und in der Selbstmordszene muss man doch Gestaltung zeigen. Heute war's aber ziemlich flach. Am besten gefallen haben mir die Sänger der beiden Hauptrollen (die beiden „Chöre“): Svenja Isabella Kallweit mit durchschnittlicher, aber immerhin sehr ordentlicher Sopranstimme, und Rafael Helbig-Kostka, der zwar hörbare Tiefenprobleme hatte, aber trotzdem eine gute Leistung bot. Florence Losseau war eine gute Lucretia, zu einer sehr guten fehlt noch Schärfe in der Stimme und vor allem Ausdrucksfähigkeit (wieso macht die Kulman derzeit nur Blödsinn und nicht was Gscheits, z.B. eben die Lucretia?) Timothy Connor war als Tarquinius in Ordnung, zeitweise hätte er mehr Farben in der Stimme einsetzen können statt Lautstärke, aber was soll's. Rollendeckend waren Seunggyeong Lee als Junius, Sinja Maschke als Bianca und Etelka Sellei als Lucia, wobei die beiden Damen eine merkwürdige englische Aussprache präsentierten. Fast ein Ausfall war Philipp Kranjc als Collatinus, der eine fahle, glanzlose Stimme ohne Kern/Metall hat, und wer eine solche Stimme verwaltet, sollte nicht Sänger werden.

      Großer Pluspunkt des Abends war das Bruckner-Orchester-Linz (oder zumindest die paar eingesetzten Musiker) unter Leslie Suganandarajah (wohlbekannt von der hervorragenden Penthesilea in der vergangenen Spielzeit). Die Inszenierung von Gregor Horres (Bühne und Kostüme von Jan Bammes) ist erkennbar mit geringen finanziellen Möglichkeiten hergestellt, passt aber sehr gut zum Ambiente (abgesehen davon, dass die Türen oftmals geräuschvoll geöffnet wurden, und nicht selten genau während schöner Stellen im Orchester, die ich gern ohne Nebengeräusche gehört hätte). Die Vorstellung hat mir insgesamt ausgezeichnet gefallen, was aber dem Stück, dem Ambiente und dem Orchester zuzuschreiben ist. Die Sänger waren insgesamt passabel, aber halt nicht mehr als das.
    • Di., 1. Oktober 2019: WIEN (Staatsoper): Richard Strauss, Salome

      Heute war ich in der Salome. Richard Strauss hat darin gezeigt, dass er wirklich supergut komponieren und instrumentieren konnte. Schade, dass er’s danach so selten getan hat (hin und wieder hat auch ein Mahler unrecht!) und nach der Elektra (subjektiv) nur mehr großteils Langeweile produzierte. Die heutige Aufführung war halbwegs in Ordnung, litt aber nicht nur unter lästigen Stehplatzbesuchern hinter, schräg hinter mir und neben mir, sondern auch unter einer mangelhaften Titelrollensängerin.

      Die Titelrolle ist zwar die Salome, aber die Hauptrolle ist unbestreitbar der Herodes, und in dieser Partie konnte man Jörg Schneider kennenlernen, der vor einem knappen halben Jahr noch ein ausgezeichneter Narraboth war und sich jetzt zu einem zwar nicht ausgezeichneten, aber sehr guten Herodes entwickelt hat. Einziger Kritikpunkt ist, dass er recht leise unterwegs war und an ein paar wenigen Stellen (zum Beispiel bei „mit einem Feuer, kalt wie Eis“) zu wenig Kraft hatte, was aber fast gar nichts ausmachte, da er immer (sehr wortdeutlich!) zu hören war. Er hat sich von einem lyrischen Tenor (!) zu einem sehr guten Herodes entwickelt (der noch ausstehende Feinschliff wird noch mit der Zeit kommen), die Stimme spricht nicht nur in der hohen, sondern auch in der tiefen Lage gut an. Es war eine verheißungsvolle Neubesetzung, ich bin auf die weitere Entwicklung des jetzt 50jährigen Sängers gespannt. Bester Sänger der Aufführung war Linda Watson als Herodias, an der wirklich alles passte: Ihre laute, keifende Stimme ist wie geschaffen für die Herodias-Schreckschraube, wobei sie es glücklicherweise nie übertrieb. Pech hatte man mit der Hausdebütantin Aušrinė Stundytė. Vergangenen Freitag hatte sie abgesagt, worauf meine Lieblingssängerin Camilla Nylund eingesprungen war, und es wäre besser gewesen, wäre das heute wieder passiert. Frau Stundytė mag für kleinere Häuser genügen, aber für die Wiener Staatsoper ist sie zu klein, sorry. Was ihr fehlt, versucht sie durch Lautstärke wettzumachen (wenn sie nicht grad VIEL zu leise singt wie bei „...es war ein bitterer Geschmack auf deinen Lippen.“), das Ergebnis ist aber unbefriedigend: Ein paar schöne Passagen, aber großteils eher unkontrollierte gekreischte Töne, und das muss nicht sein. Traurig der Jochanaan von Alan Held, der einst ein toller Sänger war, wovon aber jetzt kaum mehr etwas übrig ist. Nicht gefallen hat mir Lukhanyo Moyake, der einen kehlig-gepressten Narraboth gab (ja, der Narraboth ist schwierig, weil er stimmlich ganz deppert liegt, aber trotzdem, wir sind an der Wiener Staatsoper und nicht irgendwo); Margaret Plummer als Page ist mir gar nicht aufgefallen. Die kleinen Rollen waren gut bis so lala, aber ein echtes Desaster waren die beiden Nazarener! HILFE!! Diese wunderschöne Passage so dermaßen scheußlich zu singen wie es Alexandru Moisiuc und Hans Peter Kammerer heute getan haben, das grenzt schon an Gotteslästerung. Ziemlich medioker war Dennis Russell Davies am Pult, der der einzige Dirigent ist, den ein bestimmter Freund von mir jemals im Musikverein ausgebuht hat, und ich verstehe, warum er das getan hat: Der ganze Abend war so beiläufig dirigiert, da ein bissl schneller, dort ein bissl langsamer, ohne durchgehenden Spannungsbogen (und wenn ich daran denke, wie packend der enorm unterschätzte Michael Boder die Salome vor einem halben Jahr dirigiert hat, der Vergleich ist wie Tag und Nacht). Ärgerlich waren auch Kleinigkeiten: Zu Beginn dirigiert er Passagen („Dein Leib ist weiß wie...“) von Salomes Monolog zu langsam, worauf die Salome-Sängerin aber in passendem Tempo fortsetzt und ihm so zu verstehen gibt, dass er auf gut Wienerisch onzahn soll. Das gleiche Spiel dann im Schlussmonolog bei einer ähnlichen „Leib“-Stelle – bissl mitdenken wäre ja vom Dirigenten nicht zu viel verlangt. Insgesamt war das Staatsopernorchester besser als der Dirigent.

      Ein Besucher (nicht ich) machte seinem Ärger unmittelbar gleich nach Verklingen des letzten Tones mit einem Buhruf Luft (wohl der Salome-Interpretin geltend), und das fasst’s gar nicht mal schlecht zusammen. Anmerkungen zur Inszenierung von Boreslaw Barlog und Jürgen Rose im Bericht vom 22. April 2019.
    • So., 24. November 2019: WIEN (Staatsoper): Pjotr Iljitsch Tschaikowski, Eugen Onegin

      Nach einer Forumspause habe ich beschlossen, auch in Zukunft kurze Berichte über ausgewählte Opernaufführungen zu schreiben. Ja, was ich so verzapfe, ist natürlich „laienhaft“ und unprofessionell, aber schließlich setzt sich der Großteil der Forenschreiber aus Laien zusammen. Allerdings werde ich die Texte aus Zeitgründen VIEL kürzer als bisher halten, außerdem gehe ich derzeit nur mehr ganz selten in die Oper, dafür mehrmals pro Woche ins Konzert (das Konzertprogramm in Wien ist viel spannender als das Opernprogramm, und mittlerweile mag ich fast keine Musik mehr, zu der auch gesungen/gegrölt wird – wieviel mehr vermag doch reine Orchestermusik zu vermitteln! Schon ziemlich bezeichnend, dass tolle Komponisten wie Bruckner und Mahler keine einzige Oper schrieben).

      Eine durchaus sehr gute Eugen-Onegin-Vorstellung gab es am vergangenen Wochenende in Wien zu hören! Größte Überraschung war für mich der Dirigent Michael Güttler, den ich ziemlich übel in Erinnerung hatte. Aber diesmal war es eine behutsame, rücksichtsvolle, umsichtige Leistung. Das Staatsopernorchester hat mir sehr gut gefallen.

      Eine positive Erstbegegnung hatte ich mit Boris Pinkhasovich, der zwar körperlich großteils steif und ungelenk wirkte (was aber womöglich als schauspielerische Leistung gemeint war), aber mit einer dunkel timbrierten Stimme aufwartete; im Russischen fühlte er sich deutlich wohler als Marina Rebeka, die mich als Tatjana nicht zu berühren vermochte, obwohl man ihr objektiv gesehen nichts vorwerfen kann. Schwach der Lenski von Pavol Breslik: schön gesungen, aber halt ein Krawattltenor (da war der Korchak letztens ein ganz anderes Kaliber). Ferruccio Furlanetto hat im Gremin seine wohl beste Altersrolle gefunden, in der er trotz stimmlicher Abnützungserscheinungen mit seiner kultivierten Art glänzen kann (außerdem spielt er hier ja einen alten Mann, der auch auf Tatjana in Wahrheit nicht wirklich attraktiv wirkt, da „darf“ er ausgesungen klingen). Durchschnittlich waren die übrigen (Margarita Gritskova als Olga, Monika Bohinec als Larina, Aura Twarowska als Filipjewna und Pavel Kolgatin als Triquet), nur Igor Onishchenko wie immer extrem schlecht: In DIESER Wurzn negativ aufzufallen, das muss man auch einmal schaffen.

      Die Inszenierung von Falk Richter gefällt mir sehr gut (die kalte, herzlose Atmosphäre spiegelt natürlich das kalte Innenleben Onegins wider und vermutlich auch die innere Traurigkeit Tatjanas), zumal die Bühne auch nicht mit überflüssigem Krempel voll ist. Allerdings soll die Produktion in absehbarer Zeit ersetzt werden (und da muss ich gleich mal fragen: Muss man schon wieder einen Tschaikowski neu herausbringen? Es gibt viel bessere Komponisten, deren Opern man endlich mal spielen sollte...! Wie wäre es – um beim slavischen Repertoire zu bleiben – beispielsweise mit der Julietta des zu Unrecht kaum beachteten Bohuslav Martinů?)

      Ebenfalls gut gefallen hat mir mein voriger Opernbesuch, nämlich Smetanas Libuše am 26. Oktober im Janáček-Theater in Brünn. Smetana hat mehr und Besseres geschrieben als die Verkaufte Braut!
    • Lohengrin in Dortmund, 30.11.2019

      Gestern war Premiere von Lohengrin in Dortmund.

      Ich fand die Regieleistung gelungen (womit ich wohl nicht allein stand, denn es gab für eine Wagnerpremiere ohne Ritterrüstungen bemerkenswert zurückhaltende Buhs). Insbesondere die knifflige Personenführung war geschickt gelöst: Die jeweils relevanten Darsteller wurden auf der weitgehend freigeräumten Bühne jeweils ins Licht gesetzt und wieder ausgeblendet, sodass Friedrich von Telramund der Blödsinn erspart blieb 10 Minuten wütend, aber tonlos herumzustehen. Die Bühne wurde ergänzt vor allem durch eine Schaubühnenminiatur, die ein Schlafzimmer mit kleinbürgerlichem Interieur abbildete. Ich fand das sehr geschickt, weil so der erste Akt zum Kammerspiel werden konnte. Das gelang auch, weil der Chor im 1. Aufzug und im zweiten Teil des 3. Aufzuges von den Rängen sang - eine auch klanglich überraschend gute Idee. Der Klang des Chores war dadurch pastoral-ortlos und auch dem Personenregie tat es enorm gut, nicht 60 Menschen zusätzlich verschieben zu müssen. Die Chorleistung insgesamt war außerordentlich gut. Lediglich bei der Ankunft des Schwanenbootes fielen die Chorherren klanglich etwas auseinander...

      Die Regieinterpretation selbst fand ich inhaltlich recht beliebig. Ich habe keine lesbare über das Werk hinausgehende Erzählung betont erlebt. Wenn es etwas gibt, was hier hängen bleibt, dann die formale Idee "Lohengrin als Kammerspiel mit (antikisierendem) Kommentarchor". Diese Idee fand ich allerdings stark genug, um Ingo Kerkhof und Team hierfür zu danken. Es hat mir viel Freude bereitet und mich inspiriert.

      Die Dortmunder Philharmoniker unter Leitung von GMD Gabriel Feltz waren gestern in Bestform. Geradezu phantastisch war der Blechsound, der trotz der kniffligen Raumgruppierung (vieles von Hinterbühne, Seitenfoyers und Rang) stets konsonant und frei allen Geflatters war. Feltz, den ich als Wagnerdirigenten bislang nicht schätzte, hat mich gestern sehr für sich eingenommen: Schon das Orchestervorspiel war gelungen. Den Streichern war kaum Vibrato gegönnt, sodass ein enorm transparenter und wunderbar entschnulzter Klang entstand. Insgesamt hat Feltz die Philharmoniker sehr zurückgenommen, was der musikalischen Gesamtleistung enorm zuträglich war.

      Die Oper Dortmund hat sich ein paar Solisten zusammengekauft, ich fand das Ergebnis überzeugend. Den Lohengrin gab in seinem Rollendebut Daniel Behle. Seine Stimme ist m.E. einfach ein wenig zu klein für die großen Heldentenorpartien, dafür aber sehr melodisch, tonklar und jugendlich-warm. Gabriel Feltz tat ihm, wie erwähnt, den Gefallen, die Dortmunder Philharmoniker sehr zurückzunehmen. Dadurch konnte Behle auch wundervolle Pianissimi gestalten, die in meinem Ohren für diese große Tenorpartie sehr ungewohnt, aber berückend klangen. Shavleg Armasi als Heinrich der Vogler war klanglich stets solide und tragfähig, wenn auch nicht ganz textfest (was ich bei der inhaltlich unsäglichen Königspartie aber auch eigentlich ganz witzig finde...). Christina Nilsson, die als Elsa ebenfalls ihr Rollendebut gab, hat ebenfalls überzeugen können. Überraschung des Abends war für mich Stéphanie Müther, Ensemblemitglied der Oper Dortmund, die eine erstklassige Ortrud hingelegt hat.

      Eine sehr gelungene, ungewöhnlich besetzte Produktion, die ich sehr weiterempfehlen kann.
      ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...
    • diskursprodukt schrieb:

      Eine sehr gelungene, ungewöhnlich besetzte Produktion, die ich sehr weiterempfehlen kann.
      Lieber dispro, danke für den Bericht aus meiner Nachbarschaft! Den Dortmunder "Lohengrin" hatte ich mir schon vorgemerkt, auch weil ich neugierug auf Daniel Behle bin. Ich wollte aber erst einmal die Premiere abwarten, sicher ist sicher. Nun habe ich aber eine Kare gekauft.
      Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.
    • Gaspare Spontini: La Vestale - Theater an der Wien, 23. November 2019

      Es ist schon eine Woche her, aber vielleicht doch noch von Interesse, über meinen Besuch von Spontinis „La Vestale“ im Theater an der Wien zu berichten. Spontini hat ja erfreulicherweise eine gewisse Renaissance erlebt. So wurde im letzten Jahr in Erfurt seine „Agnes von Hohenstaufen“ mit großem Erfolg ausgegraben; ich bedaure es inzwischen sehr, dass ich damals die weite und umständliche Anreise gescheut habe. Dafür habe ich 2018 Spontinis Frühwerk „Le Metamorfosi di Pasquale“ beim Festival Pergolesi Spontini in Jesi erlebt. Das wohl bekannteste Werk Spontinis, „La Vestale“, wurde, wenn ich richtig informiert bin, zuletzt 2013 am Pariser Théâtre des Champs-Élysées aufgeführt und nun in einer Neuproduktion am Theater an der Wien gezeigt.

      Kurz zusammengefasst: Musikalisch war es ein Genuss, szenisch eher eine Enttäuschung. Elza van den Heever in der Titelrolle und Michael Spyres als Licinius meisterten ihre Partien bravourös, und auch die kleineren Rollen waren sehr gut besetzt. Auch der Arnold Schönberg Chor war gewohnt gut. Es spielten die Wiener Symphoniker unter Betrand de Billy. Der Regisseur Johannes Erath hat dem Stück leider allzu viele, teils krude Ideen übergestülpt. Die Übertragung des Vesta-Kults auf den Katholizismus (Vesta-Statue als Maria, die heilige Flamme ist ein leuchtendes rotes Herz, der Pontifex maximus trägt ein Bischofs-Ornat etc.) wäre vielleicht noch halbwegs plausibel gewesen, auch wenn manches dann im Ergebnis unstimmig wirkte. Die Hinzufügung einer weiteren Ebene, die die repressive familiäre Situation der Julia darstellen sollte, trug dann allerdings für mich nur zur Verwirrung bei, und warum Cinna als manischer Sportler dargestellt wurde, hat sich mir trotz der Lektüre der Texte im Programmbuch nicht erschlossen. Ich bin sehr aufgeschlossen gegenüber modernen Deutungen von Opern, aber diese hier war misslungen und hat keine neuen Aufschlüsse erbracht. Und auch wenn ich meinem Sitznachbarn zustimme, der meinte, dass er schon Schlimmeres gesehen habe, wäre hier doch weniger mehr gewesen. So blieb ein zwiespältiger Eindruck zurück, wobei ich es trotzdem nicht bereut habe, für diese Aufführung nach Wien gekommen zu sein. Und von Spontini gerne mehr!
      Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.
    • Danke für Deinen Bericht! :D Es freut mich, dass Du dafür nach Wien gefahren bist! Wir haben uns knapp verpasst, weil ich auch in diese Vorstellung gehen wollte (aber dann aus Zeitgründen nicht war).

      Ich möchte nur hinzufügen, dass mir ein Chorsänger erzählt hat, dass Dirigent und Regisseur oft aneinander geraten sind bzw. dass bei den Proben ersterer letzteren behindert und provoziert hat. Keine Ahnung, wie es wirklich war - aber gut möglich, dass in einer angespannten Atmosphäre keine gute Arbeit herauskommt.

      Ich halte das Theater an der Wien für das interessanteste der drei Wiener Opernhäuser, aber alles ist halt dort auch nicht gut. In dieser Saison freue ich mich dort besonders auf den Feurigen Engel von Prokofjew!
    • Naja, die "eigentliche" Kammeroper ist leider Geschichte, sie ist ja mittlerweile eine Art zweite Spielstätte des Theaters an der Wien - wobei ich nur selten hingehe, weil mich die Bearbeitungen großer Opern für Kammerorchester unter Weglassung des Chores etc. kein bisschen interessieren. Aber im heurigen März habe ich dort Ravels "L’enfant et les sortilèges" sehr genossen!

      Schade, dass die sehr interessante Neue Oper Wien finanziell so kämpft (da war ich letztens bei Eötvös' "Angels in America") und EntArteOpera wegen massiver Subventionskürzungen komplett Geschichte ist. Das Sirene-Operntheater gibts auch noch, aber das ist mehr als zweifelhaft...

      Wann bist Du wieder in Wien?
    • Sadko schrieb:

      Naja, die "eigentliche" Kammeroper ist leider Geschichte, sie ist ja mittlerweile eine Art zweite Spielstätte des Theaters an der Wien - wobei ich nur selten hingehe, weil mich die Bearbeitungen großer Opern für Kammerorchester unter Weglassung des Chores etc. kein bisschen interessieren. Aber im heurigen März habe ich dort Ravels "L’enfant et les sortilèges" sehr genossen!
      Ich kenne die Kammeroper erst, seitdem sie vom Jungen Ensemble des Theaters an der Wien bespielt wird. Ich habe dort in den letzten Jahren einige sehr gute Produktionen von Barock-Opern gesehen. Bearbeitungen großer Opern für Kammerorchester interessieren mich auch nicht.

      Sadko schrieb:

      Wann bist Du wieder in Wien?
      Vorerst steht kein weiterer Wien-Besuch an. Die nächsten Opern-Reisen führen mich nach Brüssel (Les contes d'Hoffmann mit Patricia Petibon) und dann wieder nach Berlin (Cherubinis Médée).
      Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.
    • Saint-Saëns: Samson et Dalila - Deutsche Oper am Rhein, Düsseldorf, 1. Dezember 2019

      Ursprünglich hatte ich Karten für die Vorstellung am 27.11., die aber wegen eines Wasserschadens aufgrund einer Fehlauslösung der Sprinkleranlage ausfiel. So war ich froh, dass ich die Karte gegen eine für die letzte Vorstellung in dieser Spielzeit eintauschen konnte.

      „Samson et Dalila“ ist nicht gerade eine Rarität, aber allzu oft gegeben wird diese Oper auch nicht. Meines Erachtens ist das ganz unbegründet, denn die Oper kann mit einer wahrlich "opernreifen", dramatischen Story, Erotik und Exotik und schöner und eingängiger Musik aufwarten. Die Produktion in Düsseldorf fand ich trotz kleinerer Kritikpunkte bei der szenischen Umsetzung sehr gelungen. Die inzwischen auch international erfolgreiche Mezzosopranistin Ramona Zaharia ist immer eine sichere Bank (im nächsten Jahr singt sie ihre Paraderolle, die "Carmen", sogar an der Met), und optisch kann sie die männermordende Verführerin auch sehr glaubhaft verkörpern. Der Samson, Michael Weinius, ließ sich zwar ansagen, meisterte aber seine Rolle dennoch ohne größere Probleme. Beide ernteten am Ende den verdienten frenetischen Applaus. Simon Neal hat den Oberpriester als fanatischen, skrupellosen Einpeitscher überzeugend gestaltet, stimmlich eindringlich und auf der Bühne beeindruckend agil. Ein Sonderlob gebührt dem fast immer exzellenten Chor der Deutschen Oper am Rhein, und Saint-Saëns Musik war bei GMD Axel Kober und den Düsseldorfer Symphonikern in guten Händen. Der Regisseur Joa Anton Rechi hat die Handlung konsequent in die Gegenwart verlegt. Die unterdrückten Hebräer traten als Minenarbeiter im Blaumann auf, die Philister als ausbeutende Minenbesitzer im Business-Outfit. Eine solche kapitalismuskritische Lesart ist nun alles andere als neu, manche Kritiker fanden sie klischeehaft, aber sie ist auch nicht abwegig und tut dem Stück keine Gewalt an. Die Philisterinnen im 1. Akt als Prostituierte und Dalila als eine Art „Puffmutter“ auftreten zu lassen, fand ich dann allerdings allzu platt, ebenso wie die wortwörtlich genommene Geldanbetung der Philister. Unverständlich blieb mir, dass Dalila am Ende Mitlied mit dem gequälten und geblendeten Samson zeigt, nachdem sie vorher als eiskalte Rachegöttin dargestellt wurde, die ihm die Gefühle nur vorspielt. Von diesen kleineren Mängeln abgesehen hat mir die Umsetzung aber gut gefallen, zumal auch die Personenregie stimmte. Es wäre interessant, diese Produktion mit der zu vergleichen, die gerade an der Berliner Staatsoper läuft (mit Elīna Garanča).

      Das Düsseldorfer Opernhaus war höchstens zu 2/3 gefüllt, und das an einem Sonntag. Wodurch das geringe Interesse begründet war, erschließt sich mir nicht, wahrscheinlich lag es an dem eher unbekannten Werk. Umso voller war das sonst zu dieser Zeit leere Parkhaus, die Massen strömten wohl auf den Weihnachtsmarkt.
      Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.
    • Gut, dass der Wasserschaden in Düsseldorf keine langen Folgeschäden mit sich gezogen hat! In Duisburg schaut es ja leider weniger gut aus, meines Wissens.

      Ansonsten: Danke für die Schilderung! Samson et Dalila habe ich 2018 in Wien kennengelernt und war dann gleich viermal im selben Monat dort, weil mir die Aufführungen wirklich gut gefallen haben! Ich weiß auch nicht, wieso das Werk nicht wirklich der große Reißer wurde (ich finde es zum Beispiel viel viel besser als die landauf, landab gespielte "Carmen"!), die Musik ist doch wirklich wunderschön (ich liebe zB besonders die choralartigen Stellen des ersten Aktes) und gleichzeitig spannend.

      Wieso hast Du den Sänger des Oberpriesters gar nicht erwähnt? Die Rolle ist doch auch wichtig.