Operntelegramm Saison 2019/20

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    • Operntelegramm Saison 2019/20

      ...noch kein Bericht aus dieser Saison?

      Das will ich dann mal ändern:

      Tristan und Isolde, Köln, 11.10.2019

      Freitagabend hatte im erstmals im Kölner Staatenhaus richtig Probleme mit der Akustik des Raumes: Für Tristan und Isolde reicht es dort irgendwie nicht. Der Orchesterklang war zurückgenommen und klar, aber die Solisten waren eigentümlich isoliert, es gab meiner Wahrnehmung nach wenig klangliche Verbindung. Das Dirigat von Francois-Xavier Roth hat mir gut gefallen; es war sehr zurückgenommen, über weite Strecken sehr zielgerichtete Piani und Pianissimi. Leider im Blech mehrfaches Geflatter. Aber die Gesamtleistung war tadellos. Die Englischhornsoli des 3. Aufzugs wurden auf mehrere SolistInnen, die im Raum um den Tribünenkorpus verteilt saßen, verteilt. Dadurch sollte vermutlich klangliche Ortlosigkeit erzeugt werden. Hat m.E. nicht überzeugt.

      Heiko Börner, der für den erkrankten Peter Seiffert einsprang (und reguläre Zweitbesetzung, also mit der Inszenierung vertraut ist), hat als Tristan leider gar nicht überzeugt. Ihm fehlte schlichtweg der Bums, und der Raumklang war ihm ein zusätzlicher und unüberwindbarer Gegner. Über Strecken fehlte seinem Vortrag die Sanglichkeit, oft musste er drücken. Leider keine hinhörenswerte Darbietung. Imgela Brimberg als Isolde sang ihre Partie tadellos, allerdings gefiel mir ihr Gesang hier nicht besonders. Sie singt mir eine Spur zu "scharf". Das ist bei einer Elektra super, aber für Isolde gefällt mir das nicht so gut. Vielleicht eine leichte stimmliche Fehlbesetzung? Naja, technisch war es einwandfrei und auch darstellerisch war sie top. Geschenk des Abends war Okka von der Damerau, die ich zum ersten mal live hören durfte, und die mich als Brangäne sehr für sich eingenommen hat. Sie sprang ein für die ebenfalls erkrankte Claudia Mahnke; und wie auch Heiko Börner ist sie reguläre Besetzungsalternative für diese Inszenierung. Samuel Youn als Kurwenal hatte dasselbe Problem mit dem Raum wie Heiko Börner und hatte auch keinen guten Abend in Sachen stimmliche Spurtreue. Er hat mich schon vor rund zwei Jahren in Duisburg als Wanderer im Siegfried nicht für sich gewinnen können. Einziger männlicher Solist, der wirklich überzeugte, war Karl-Heinz Lehner als König Marke, den ich in Dortmund und Essen schon häufig etwas abgesungen fand, aber der Freitag in Topform war und vor allem seine sehr einnehmenden warmen Tiefen zur Geltung bringen konnte.

      Die Inszenierung von Patrick Kinmonth ist nicht weiter der Rede wert. Stilisierte Schiffskabinen einer Kreuzfahrt, eine Schiffsbrücke - hier halten sich die SolistInnen auf. Davor Plexiglaszeltchen, die über weite Strecken in schütter wechselndes Licht getaucht werden und zwischen denen Statisterie im Zweiten Aufzug Gruppengymnastik macht. Ich weiß nicht, was mir das sagen sollte...

      Alles in allem ein durchwachsender Abend, der sicher eine weite Anreise nicht lohnt.
      ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...
    • diskursprodukt schrieb:

      Tristan und Isolde, Köln, 11.10.2019
      Da war ich auch.

      diskursprodukt schrieb:

      Freitagabend hatte im erstmals im Kölner Staatenhaus richtig Probleme mit der Akustik des Raumes: Für Tristan und Isolde reicht es dort irgendwie nicht. Der Orchesterklang war zurückgenommen und klar, aber die Solisten waren eigentümlich isoliert, es gab meiner Wahrnehmung nach wenig klangliche Verbindung.
      Das Problem kann ich nicht nachvollziehen - wo hast Du gesessen?

      diskursprodukt schrieb:

      Das Dirigat von Francois-Xavier Roth hat mir gut gefallen; es war sehr zurückgenommen, über weite Strecken sehr zielgerichtete Piani und Pianissimi.
      Zielgerichtet heißt z. B., dass unter einer Gesangsphrase in der oberen Lage (= Stimme kommt gut 'rüber) das Orchester ordentlich "Druck macht", aber exakt mit dem Zielton der Phrase, wo die Gesangsstimme in die Mittellage absinkt (= Stimme trägt nicht so gut) das Orchester wieder im piano spielt - das ging über den ganzen Abend so, für mich eine extraordinär sängerfreundliche Dirigentenleistung! Profitiert haben alle Sänger, vor allem Ingela Brimberg, deren Stimme in der mittleren und tieferen Lage im Volumen abfällt; aber auch Heiko Börner, bei dem das piano gar nicht recht in den Raum tragen will und der an den entsprechenden Stellen sonst untergegangen wäre.

      Brimberg hat mir übrigens ausgesprochen gut gefallen, Schärfen habe ich nicht vernommen. Allen Sängern gemeinsam war ein Problem mit Phrasen, die langen Atem benötigen, das schließt auch die üppige und voluminöse (und ausgesprochen schöne!) Stimme der Okka van der Damerau ein, die bei den Wachrufen ziemlich häufig zwischenatmen musste. Brimberg hat zwar Isoldes letzte Worte ("höchste Lust") nicht durch einen Zwischenatmer zerschnitten, was man häufig ertragen muss, aber um den Preis, dass der ihr der Schlusston aus dem piano ins mezzoforte gerät und arg kurz bleibt. Samuel Youn hatte einen ziemlich schlechten Tag, was bei ihm inzwischen "Bayreuth bark" bedeutet (szenisches overacting kommt hinzu). Lehner hat in der Tat wundervoll gesungen. Schöne Raumwirkung bei der Verteilung der Chorstimmen, der Herrenchor auch bestens aufgelegt. Ich fand das Verteilen der Englischhorn-Stimme auf drei Positionen im Raum ansprechend (wir haben rechts außen, etwa in mittlerer Höhe gesessen).

      Über die traurige Regie hat diskursprodukt fast schon zuviele Worte verloren. Der herausragenden Darstellerin (hat sie am gleichen Ort als Salome bewiesen) Ingela Brimberg wäre ein besseres in-Szene-Setzen zu wünschen gewesen. Roths Dirigat fand ich exzeptionell in jeder Hinsicht, tolle Orchesterleistung, die paar Kiekser in den Bläsern kann ich leicht verschmerzen!
      Bernd

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    • Quasimodo schrieb:

      diskursprodukt schrieb:

      Tristan und Isolde, Köln, 11.10.2019
      Da war ich auch.

      diskursprodukt schrieb:

      Freitagabend hatte im erstmals im Kölner Staatenhaus richtig Probleme mit der Akustik des Raumes: Für Tristan und Isolde reicht es dort irgendwie nicht. Der Orchesterklang war zurückgenommen und klar, aber die Solisten waren eigentümlich isoliert, es gab meiner Wahrnehmung nach wenig klangliche Verbindung.
      Das Problem kann ich nicht nachvollziehen - wo hast Du gesessen?
      Reihe 16 oder so, allerletzter Platz rechts, direkt an der Absturzsicherungswand. Vielleicht ist das auch des Rätsels Lösung, weil ich von einer Seite schlecht schallversorgt worden sein könnte...

      Beim nächsten mal sollten wir uns verabreden! ^^
      ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...
    • Bizet: Carmen - Oper Köln, Premiere am 10.11.19

      Neu

      Besuchte Vorstellung am 14.11.19

      Einen zwiespältigen Eindruck hinterließ die neue Carmen-Produktion der Kölner Oper. Die Grundidee von Regisseurin Lydia Steier ist, Carmen als chancenlose Außenseiterin in einer Machismo-Gesellschaft - nach den Frisuren und Kostümen (Gianluca Falaschi) vielleicht ein Spanien der frühen Franco-Zeit? - zu zeigen, die nicht bereit ist, ihre Freiheit aufzugeben (und sich morgens erstmal den Kampfanzug anzieht), und weiß, dass sie letztlich auf verlorenem Posten steht, überzeugt durchaus; es gibt viele Ungereimtheiten in diesem Konzept, die einigermaßen aufstoßen; vor allem ist die Art und Weise ihres letzendlichen Untergangs überhaupt nicht plausibel. Daneben ist die Regie bestrebt, ein opulentes Schaustück (allerdings wenig herkömmlicher Weise :D ) zu bieten; das gelingt, nicht zuletzt aufgrund der prächtigen, detailreichen Bühnenbilder (Momme Hinrichs), lenkt aber durch ein Zuviel der äußerlichen Reize von genannter Grundidee ab. Daneben schwankt die Regie zwischen drastisch-naturalistischen Darstellungen (mit einer Vorliebe für ausgesprochene Grausamkeiten) und ironischen Brechungen ein wenig ziellos umher.

      Auch musikalisch bleibt die Produktion zwiespältig. Claude Schnitzler am Pult gelingt mit dem Gürzenich-Orchester ein transparenter "Opéra-comique"-Klang; da geht Adriana Bastidas-Gamboa in der Titelrolle recht gut mit. Die Regie zwingt sie allerdings zu einigem Verismo-haftem Geschrei - aus dem eigentlichen Gesangspart kann sie das weitgehend heraushalten; diese gewisse Zwiespältigkeit in ihrer sängerischen Darstellung ist vielleicht am ehesten, was ihr an diesem Abend zu einer ganz herausragenden Sängerleistung fehlt - dennoch ist sie eine ganz fabelhafte Carmen mit satter Tiefe und samtiger Höhe und fraglos die Hauptattraktion des Abends, zumal sie auch eine ganz exzellente Schauspielerin ist! Martin Muehle als Don José kann nur teilweise überzeugen; ihm fehlt es für die lyrischeren Teile der Partie an mezzavoce, an sauberem piano. Dem Duett mit Micaëla (er muss am Ende in ein ziemlich unschöners Falsett) und der Blumenarie (zuviel forte) bleibt er einiges schuldig. Erheblich besser wir es im zweiten Teil, wo er die dramatische Seite seines klangschönen, nie forcierten Tenors ausspielen kann, aber eigentlich ist er in der Rolle hart an der Fehlbesetzung (OK, sind die meisten Josés auf Platte auch ;) ). Auch die übrigen Sänger passen stimmlich nicht so recht in dieses Stück, auch wenn das nicht heißen soll, sie hätten schlecht gesungen (Micaëla: Ivana Rusko, Escamillo: Oliver Zwarg). Großartig allerdings Chor und Extrachor der Oper Köln sowie die Schülerinnen und Schüler des Mittelstufenchores am Max Ernst Gymnasium Brühl (mit den Kindern des Kölner Domchors alterierend).


      Die insgesamt trotz der Bedenken sehenswerte Produktion läuft noch bis zum 7. Januar '20; die Carmen ist dreifach besetzt (ab 28.11. auch mit Stéphanie d'Oustrac), die drei anderen Hauptrollen doppelt. Da fährt das Opernhaus wahrscheinlich ein Gutteil seiner Jahreseinnahmen ein!
      Bernd

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