Operntelegramm Saison 2019/20

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    • Tristan und Isolde in Hildesheim

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      Gestern Abend war ich mal wieder in Tristan und Isolde - und das in Hildesheim! Ich war schon häufiger dort im Theater, ziehe aber Braunschweig und Hannover wegen der Qualität durchaus dem kleinen Haus vor. Eigentlich habe ich ein Fiasko erwartet, aber - und da war meine Begleitung der gleichen Meinung - besser als der Tristan von Katharina Wagner in Bayreuth war es alle Mal - abgesehen von Rene Papes Marke sowie Christian Thielemanns überirdisches Dirigat!
      Es war schon erstaunlich, was dieses kleine Haus auf die Beine stellen konnte. Aufgrund des defekten Orchestergrabens musste das Orchester auf der Bühne spielen, die Bühnenwand fiel deshalb weg. Dennoch wurde es ein ganz guter Abend.
      GMD Florian Ziemen, der laut Programmheft mit 53 Musikern die originale Orchesterstärke ins Theater holte, lieferte einen guten Job, fiel durch zügige Tempi und einer sehr sängerfreundlichen Orchesterführung auf. Er verlor sich nicht in großen Rubati (die ich dennoch manchmal vermisste), sondern drängte stets nach vorne, ließ das Orchester auch klangvoll ausbrechen. Mit Hugo Mallet als Tristan wurde jedoch ein Totalausfall geholt - stimmlich im letzten Akt absolut überfordert, seine Vorderzungenvokale unkultiviert artikulierend, fiel der Applaus für ihn auch sehr schwach aus. Julia Borcherts Isolde war zwar noch keine Isolde in Perfektion, doch strebt ihre Stimme zum Dramatischen hin. Sehr gute Diktion sowie eine strahlende Höhe machten ihre fast nicht vorhandene Tiefe wett. Auch Levente György als Kurwenal konnte ein stimmlich solides Porträt abliefern. Sein stählender, etwas unflexibler Klang, manchmal mit zuviel Vibrato versehen, passte gut zu dem naiven Tristan-Verehrer. Hoch anzurechnen ist auch die zu 100% vorhandene Textverständlichkeit. Uwe Tobias Hieronimi stellte König Marke dar. Eine sehr voluminöser Bass mit dünner Höhe - da habe ich mir doch noch Rene Papes Bayreuth-Auftritt zurückgewünscht. Aber schlecht war er nicht!
      Das Highlight, sowie die Überraschung der Aufführung war die Brangäne von Neele Kramer, einer hübschen jungen Dame, von der man sicher noch einiges hören wird - es würde mich nicht wundern, wenn sie in einer der kommenden Aufführungen als Rollenvertreterin entdeckt wird. Perfekte Diktion, strahlende Höhe, absolute Textverständlichkeit sowie der typische Wagnerklang in der wohlgeformten Mittellage als auch in dramatischen Höhenausbrüchen, machte sie zum Publikumsliebling des Abends! In weiteren Rollen fiel Jesper Mikkelsen in den 4-Takten des Steuermanns positiv auf. Der Männerchor - einstudiert von Joachim Falkhausen - meisterte die Bühnenmusik sehr gut. Lediglich das Finale zum ersten Akt mießriet völlig. Schade. Ansonsten bin ich mit einen sehr positiven Eindruck, besonders aufgrund der wirklich guten Textverständlichkeit - aus der gut besuchten Vorstellung gegangen. Die Regie und Personenführung von Tobias Heyder war belanglos, langweilig und teils auf Slapstick ausgelegt. Mein Fall war es nicht!
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      Bei mir letzte Woche (also eher: "Wo wir so hingingen"):

      Le nozze di Figaro

      die Neuinszenierung an der Stuttgarter Oper.

      "Besetzung
      Musikalische Leitung Roland Kluttig
      Regie Christiane Pohle
      Bühne Natascha von Steiger
      Kostüme Sara Kittelmann
      Video Anna-Sofie Lugmeier
      Licht Reinhard Traub
      Chor Bernhard Moncado
      Dramaturgie Ingo Gerlach
      Graf Almaviva Johannes Kammler
      Gräfin Almaviva Sarah-Jane Brandon
      Susanna Esther Dierkes
      Figaro Michael Nagl
      Cherubino Diana Haller
      Marcellina Helene Schneiderman
      Basilio Heinz Göhrig
      Don Curzio Christopher Sokolowski
      Bartolo Friedemann Röhlig
      Antonio Matthew Anchel
      Barbarina Claudia Muschio
      Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart"

      Licht und Schatten. Das Orchester war stark, einige Solisten ebenso. Johannes Kammler als Graf, Sarah-Jane Brandon als Gräfin und Diana Haller als weiblicher (!) Cherubino hatten einen sehr guten Auftritt. Michael Nagl, der in den Kritiken sehr gut wegkam, gefliel mir weniger. Er ging stellenweise regelrecht unter im Orchester.

      Ganz und gar grauenhaft und völlig uninspiriert war das Bühnenbild: die Bettenabteilung im IKEA-Einrichtungshaus, deren Einzelbilder komplett wirr auf der Bühne hin und her geschoben wurden. Völlig sinnlos, je weiter die Oper voranschritt, desto planloser wirkte das. Figaro maß das Bett aus statt das Zimmer, Komparsen lagen überall in den Betten Probe, die späteren Szenen wirkten noch viel bizarrer und deplatzierter in dieser Kulisse. Ich fand die Inszenierung ernüchternd.

      @Wieland Falls Du vorhast, diesen Figaro anzuschauen, würde ich mich freuen zu lesen, welche Eindrücke bei Dir haften blieben.
      :wink:
    • Oper Frankfurt - Gabriel Fauré: Pénélope

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      Mittwoch, 11.12.2019, 19:30 Uhr
      Oper Frankfurt

      Gabriel Fauré: Pénélope
      Poème lyrique in drei Akten
      Text von René Fauchois nach Homer

      Inszenierung: Corinna Tetzel
      Bühnenbild: Rifail Ajdarpasic
      Kostüme: Raphaela Rose
      Licht: Jan Hartmann
      Video: Bibi Abel
      Chor. Markus Ehmann
      Dramaturgie: Stephanie Schulze

      Pénélope. Paula Murrihy
      Ulysse: Eric Laporte
      Euryclée: Joanna Motulewicz
      Eumée: Božidar Smiljanić
      Antinous: Peter Marsh
      Eurymaque. Sebastian Geyer
      Léodès: Ralf Simon
      Ctésippe: Dietrich Volle
      Pisandre: Danylo Matviienko
      Cléone: Nina Tarandek
      Mélantho: Angela Vallone
      Alkandre: Bianca Andrew
      Phylo: Julia Moorman
      Lydie: Monika Buczkowska
      Eurynome: Julia Katharina Heße
      Ein Hirte: Anna Sophia Beller
      Chor der Oper Frankfurt
      Frankfurter Opern- und Museumsorchester
      Musikalische Leitung: Joana Mallwitz

      Ich war in der 3. Vorstellung; Premiere war am 1.12.2019.

      Zur Inszenierung gleich vorweg: Ich verstand kaum, worauf die Regie hinauswollte (hatte auch vorab nichts darüber gelesen); vieles war mir schlicht unklar. Dessen ungeachtet: Diese Inszenierung hat mich schwer beeindruckt und am Schluß gerührt. Das Geschehen war auf dem Dach eines Hochhauses angesiedelt, soviel ließ sich ahnen: Es gab drei Abgänge, alle Wege führten nach unten. Die 5 Freier konnte man sich als min die weiße Rosen bzw. Pfeile gesteckt wurden. Die Bogenprobe fiel aus, d. h. die Fehlversuche der Freier fielen aus: die erstarrten mehr oder weniger, während der Boden sich spaltete und eine zickzack geformte Schlucht auftauchte. Ulysses' Überlegenheit und Kraft zeigte sich nicht darin, daß er Pfeil und Bogen beherrschte, sondern Pénélope in die Arme nahm: Er war als Liebender überlegen. Aber dann verschwand er in der Schlucht und sie blieb zurück.

      Das mag für Leser/innen, die nicht dabei waren, merkwürdig, vielleicht überdreht erscheinen, doch ich hatte den Eindruck einer vollkommenen Stimmigkeit, auch bei Details, deren Sinn mir nicht einleuchtete. Die Personenregie fand ich gelkungen, das wirkte alles sehr durchdacht.

      Auch sängerisch bewegte sich alles auf hohem Niveau, besonders in den beiden Hauptparten: lyrisch, schön, gut eingefügt in den Orchesterklang. Hier fremdelte ich zunächst ein wenig, denn ich hatte gerade diese Tage die spätromantisch-herbstliche schwelgende Aufnahme mit Charles Dutoit gehört. Joana Mallwitz dagegen betonte die Konturen, fast scharf und klar strukturiert, mit einem Orchester, das auch diesmal wieder sein hohes Niveau bewies. Gerade zum Schluß hin steigerte sich das Expressive. Hier erinnerte mich die Musik überraschenderweise etwas an Szymanowskis Król Roger, eine Oper, die ich erst vor wenigen Monaten kennengelernt und ebenfalls in Frankfurt erlebt habe. Fauré offenbarte in Mallwitz' Lesart auffallend moderne Züge, die über die Romantik hinauswiesen.

      Im Dezember und Januar gibt es noch weitere Aufführungen: Unbedingt empfehlenswert!

      oper-frankfurt.de/de/spielplan/penelope/?id_datum=1775

      :wink:

      PS: Ich habe ein paar kritische Besprechungen gelesen: Offensichtlich gibt es da auch sonst Verständnisschwierigkeiten, die dann (wie ich finde, zu Unrecht) der Regie angelastet werden. Dagegen gibt diese Besprechung meine Eindrücke ungefähr wieder: fr.de/kultur/theater/gabriel-f…elope-musik-13264579.html.
      Es grüßt Gurnemanz
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      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Fr., 13. Dezember 2019: WIEN (Staatsoper): Wolfgang Amadé Mozart, Die Zauberflöte

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      Ich bin ja nicht gerade als großer Mozart-Liebhaber bekannt. Die Zauberflöte hingegen hör‘ ich mir ab und zu aber gern mal an (das Stück ist viel besser als man auf den ersten Blick denken könnte), und die heutige Besetzung ließ einen interessanten Abend erwarten. Nun denn!

      Im Mittelpunkt meines Interesses stand Andreas Schager als Tamino (!). Schager hat im Dezember 2017 als Apollo an der Staatsoper debütiert (als er mehrmals zwischen Wien/Apollo und Berlin/Tannhäuser hin- und herpendelte, das allein ist schon ein Irrsinn) und konnte damals einen Sensationserfolg für sich verbuchen – man meinte schon, einen Sänger gefunden zu haben, der Johan Botha (mit dem der Apollo in dieser Produktion auf ewig verbunden bleiben wird und der wohl auch für jene Serie geplant gewesen war) das Wasser reichen könne. Nun, Schager kann das jedenfalls nicht: Sein Max ein paar Monate später war dann nicht mehr das Gelbe vom Ei, sein Lohengrin eine Saison später gar nicht mehr überzeugend, und sein Kaiser unlängst soll ja ganz furchtbar gewesen sein (da war ich aber nicht drinnen). Sein Problem ist immer dasselbe: Das Stimmmaterial ist ja wirklich prachtvoll (ein Naturtenor mit Metall in der Stimme), aber wie er damit umgeht, passt gar nicht: Auffallende Schlampigkeit hinsichtlich der richtigen Töne mischt sich mit mangelhafter Technik, und zumindest letztere war heute zu merken (besonders deutlich in der Bildnisarie und Kieckser bei „Vielleicht sah er Paminen schon, vielleicht eilt sie…“). Man darf den Tamino nicht unterschätzen, der hat es zumindest vor der Pause schon in sich. Des weiteren: Manchmal hat er sich ja wirklich bemüht, angemessen zu singen, aber generell ist sein Gesang stilistisch ziemlich daneben (Jung-Siegfried als Tamino), wenngleich es eine willkommene Abwechslung war, einen Tamino zu hören, der zu viel statt zu wenig gibt. Dennoch war Benjamin Bernheim letztes Jahr um Welten besser. Andreas Schager ist halt so wie Hubschrauberfliegen im Wohnzimmer: kann man mögen, muss man nicht.

      Die beste gesangliche Leistung kam von der mir vorher völlig unbekannten und kurzfristig eingesprungenen Hausdebütantin Federica Guida als Königin der Nacht, und vor ihr kann man nur den Hut ziehen. In der ersten Arie war stellenweise noch Unsicherheit zu merken, wenngleich alle Töne vorhanden waren, aber die zweite Arie war hervorragend, und viel mehr hat die Königin der Nacht ja nicht zu tun. Ebenfalls erfreulich war Andrea Carroll als eine Pamina mit zwar leiser, aber schöner und ordentlich geführter Stimme. Eher enttäuschend hingegen Jongmin Park als Sarastro: Erstens sind die Vokalverfärbungen („Stöh auf, örheitrö düch, o Lübe“, …) zum Davonlaufen, und zweitens hat er für diese Rolle zu wenig Tiefe, basta. Er ist ein sehr guter, junger, fleißiger Sänger, aber für den Sarastro geht es sich noch nicht aus. (Wer einen tollen Sarastro erleben möchte, dem sei geraten, nach Bratislava zu fahren und sich zum Beispiel gleich morgen in der dortigen Oper die Zauberflöte mit Peter Mikuláš anzuhören – ein hervorragender Sänger, den aber bei uns keiner kennt, weil er die Karriere großteils in Osteuropa macht / gemacht hat.) Rafael Fingerlos war ein passabler Papageno, allerdings ist mir seine Blödelei auf den Wecker gegangen, und überhaupt geht mir der Papageno in seiner Gesamtheit auf den Wecker – das Stück wäre VIEL besser, wenn man diese schwachsinnigen Papageno-Stellen ersatzlos striche!!!!).

      Die Nebenrollen zeigten sich unerfreulich, abgesehen von der unauffälligen Ileana Tonca als Papagena und dem positiv auffallenden Peter Jelosits in der kleinen Rolle des ersten Priesters. Es ist schlimm, den stimmlichen Niedergang von Adrian Eröd zu beobachten: Von der Stimme, so wie sie war, ist kaum mehr etwas da, das reicht ja nicht einmal mehr für den Sprecher/zweiten Priester (und diese kurze Rolle ist wichtig: Ich bin letztes Jahr 17 Stunden mit dem Nachtbus gefahren, um Franz Grundhebers wohl letzten Opernauftritt zu erleben, und der fand als Zauberflöten-Sprecher in Trier statt). Die drei Damen (Fiona Jopson, Ulrike Helzel und Zoryana Kushpler) klangen allesamt unschön, zu Benedikt Kobel muss man nichts erklären, der Name spricht für sich (wobei der Monostatos zu seinen erträglichen Rollen gehört), und skandalös überhaupt die beiden geharnischte Männer: Herbert Lippert brüllte irgendwas Falsches, wohingehen Ryan Speedo Green akustisch kaum zu vernehmen war. Über die drei Sängerknaben breitet man überhaupt besser den Mantel des Schweigens.

      Dass die Vorstellung (an einem Freitag, dem Dreizehnten) trotzdem erfreulich war, ist zu einem Gutteil Verdienst des Mannes am Pult: James Conlon hat das ganz hervorragend gemacht, ich hätte ihn gern öfters in Wien und auch gleich mit spannendem Repertoire (Zemlinsky!), das er ja auch aufgenommen hat. Orchester und Chor in gewohnt guter Qualität. Ein Wort noch zur Inszenierung: Die Produktion von Moshe Leiser und Patrice Caurier hab‘ ich immer für Schwachsinn gehalten. Das muss ich jetzt teilweise revidieren: Nicht, dass ich die Arbeit gut finde, aber ganz so übel ist sie nicht. Ja, das Bühnenbild ist uninspiriert, die Kostüme sind generell an Einfallslosigkeit kaum zu überbieten, aber immerhin gibt es den Versuch, die Story etwas gegen den Strich zu bürsten: Der Chor als gleichgekleidete, gleichgeschaltete, gehirngewaschene Sektenmitglieder (deren graues Gewand am Ende auch Tamino und Pamina tragen), Sarastro nicht als strahlender Sonnenherrscher, sondern als finster und gewissermaßen brutal (wie er zum Beispiel das tote Tier von seinen Schultern in die Ecke schmeißt). Insgesamt interessante Ansätze, aber trotzdem zu wenig und unter‘m Strich nicht zufriedenstellend. (Ich würde mir eine Produktion wünschen, die viel radikaler vorgeht). Viel los am Stehplatz, unter anderem auch die grauenhaft nervende lautstark wimmernde Frau im Rollstuhl (glücklicherweise war ich auf der anderen Seite; wäre ich daneben gestanden, hätte ich sie ganz bestimmt zum Verlassen der Aufführung bewegt).