Operntelegramm Saison 2019/20

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    • Fauré: Pénélope - Oper Frankfurt, 17.01.2020

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      Es ist immer wieder spannend, eine noch ganz unbekannte Oper das erste Mal auf der Bühne zu erleben. Fauré ist ein Komponist, den ich aufgrund seiner kammermusikalischen Werke, seiner Lieder und natürlich seines Requiems sehr schätze. Und so war ich wirklich neugierig auf seine "Pénélope", die eine absolute Rarität auf den heutigen Spielplänen darstellt. Zu Unrecht, wie ich nach Besuch dieser Aufführung sagen kann. Musikalisch hat Fauré hier einen ganz eigenen Stil entwickelt, der sich sowohl vom dem seines Lehrers und Freundes Saint-Saëns unterscheidet wie auch von Debussys "Pelléas" und Dukas' "Ariane". Interessanterweise habe ich mich an der einen oder anderen Stelle an den "Tristan" erinnert gefühlt. Auf jeden Fall eine Oper, die ich mir öfter aufgeführt wünsche.

      Zur Besetzung und Inszenierung hat Gurnemanz schon einiges geschrieben, das ich nicht wiederholen muss:

      Operntelegramm Saison 2019/20

      Paula Murrihy in der Titelrolle und Eric Laporte als Ulysse ragten aus einem durchweg guten Ensemlble heraus und wurden zu Recht mit viel Beifall bedacht. Die Inszenierung von Corinna Tetzel hat mir sehr gut gefallen, eine exzellente Personenregie, zeitgenössisiche Business-Outfits der Freier und ein reduziertes, ästhetisch ansprechendes Bühnenbild, das durch maßvolle Video-Einblendungen ergänzt wurde, nichts lenkte vom Wesentlichen ab. Ich stelle immer wieder fest, dass ich diese Art von Produktion viel mehr mag als die mit hinzuerdachten Rahmenhandlungen, ständigen Video-Einspielungen und Referenzen an alles mögliche überfrachteten Inszenierungen à la Warlikowski, die eine Konzentration auf Musik und eigentliche Handlung kaum noch möglich machen. Eine interessante Idee war es, Pénélope das Leichentuch, an dem sie webt und das sie in jeder Nacht wieder auftrennt, als Kleid am eigenen Körper tragen zu lassen. Ebenfalls stimmig fand ich, dass sie sich am Ende einer Rückkehr in die alte Rolle als fremdbestimmte Ehefrau verweigert. Die musikalische Leitung hatte an dem Abend der junge Dirigent Takeshi Moriuchi, der kurzfristig für die erkrankte GMD Joana Mallwitz einsprang. Ich kannte ihn schon von der Frankfurter "Manon Lescaut". Am Anfang glaubte ich ein paar Wackler im Orchester zu hören, aber da mir das Werk völlig unbekannt war, kann ich mir dazu kein Urteil anmaßen. Die Aufführung wurde aufgezeichnet und wird bei Oehms auf CD erscheinen. Schade, dass es keine Video-Aufzeichnung gibt, mir Opern nur anzuhören bringt mir leider nichts.

      Es gibt noch eine weitere Vorstellung am 23. Januar, ich kann einen Besuch nur wärmstens empfehlen.
      Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.
    • Fr., 24. Jänner 2020: WIEN (Staatsoper): Richard Strauss, Salome

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      Derzeit kann man sich des Wiener Kultur-Überangebots der Salome kaum erwehren – aber die Produktion im Theater an der Wien wird von mir trotz der grandiosen Marlis Petersen ignoriert, denn eine Orchesterfassung, die die Anzahl der Musiker von über 100 auf knapp die Hälfte reduziert, höre ich mir auch nicht an, wenn man mit 50 Euro drauflegt. (Wem ist denn dieser Blödsinn eingefallen? Typisch Theater an der Wien!)

      Insofern habe ich mir heute wieder einmal die Staatsopern-Salome angehört. Nein, das war heute keine solide Repertoireaufführung, das war eine insgesamt indiskutabel. Ich hätte auf den Freund hören sollen, der mir am Montag „W A R N U N G vor der Salome“ schrieb… Naja, im nachhinein ist man immer gescheiter.

      Aber nicht alles war schlecht, und die vergleichsweise beste Leistung kam von Michael Volle – ich bin nicht unbedingt ein Fan seiner etwas langweiligen, eindimensionalen Stimme, aber der Jochanaan IST ja auch ein eindimensionaler Charakter, das haut hin! Dass er zwischendurch mal zu früh einsetzte, sich nicht exakt an den Notentext hielt – geschenkt! Insgesamt passte seine Leistung. Ebenfalls in Ordnung war die Salome von Lise Lindstrom: Ja, die Stimme ist nicht schön, ihr Gesang entbehrt einer durchgehenden Linie (sie setzt die Töne großteils dorthin, wo sie hingehören, aber halt auch nicht mehr), die Stimme hat kein tiefes Fundament, aber immerhin war’s halbwegs effektvoll. Gut ist freilich was anderes.

      Der Rest war mehr oder weniger zum Schmeißen: Herwig Pecoraro ist ein sehr verdienter Ensemblesänger, der dem Vernehmen nach heute seinen letzten Herodes gesungen hat – gut so. Er kennt die Partie, weiß, worauf es ankommt, und an den richtigen Stellen schimmerte noch der tenorale Glanz der vergangenen Jahre durch, aber in Summe war das viel zu wenig. Seine Technik ist nach wie vor hervorragend, deshalb hat er (geboren 1957) auch kein Wobble etc., sondern wird einfach nur immer leiser, und mittlerweile ist er deutlich ZU leise, darüber kann auch ein perfekt hinausgehautes und lang ausgehaltenes hohe b bei „Man töte dieses Weib“ nicht hinwegtäuschen (auch wenn er danach Luft holen musste). Abgesehen davon finde ich Pecoraro ohnehin nicht ideal, weil ich für den Herodes (zweifelsohne die wichtigste Rolle in dieser Oper) einen Heldentenor will, keinen Charaktertenor. (Gerne erinnere ich mich an Wolfgang Schmidt oder Jörg Schneider letztens.)

      Eine wirklich ganz üble Katastrophe war Waltraud Meier als Herodias, die uns Wiener seit ein paar Jahren als vollkommen indiskutable Klytämnestra und Waltraute belästigt (demnächst beide Rollen wieder), muss sie das jetzt auch als Herodias tun? Einfach furchtbar, die Stimme ist überhaupt nicht mehr da, sie kann aber auch mit Ihren Stimmresten überhaupt keinen Effekt erzeugen. Da darf man gar nicht dran denken, was Iris Vermillion, Linda Watson, Jane Henschel, Elisabeth Kulman etc. unlängst aus dieser Rolle machten – hat es Frau Meier wirklich notwendig, im Spätherbst ihrer Karriere ihren Ruf so dermaßen zu beschädigen?! Das war heute ohne Übertreibung beinah so schlimm, als sich Gwyneth Jones weiland einbildete, die Herodias singen zu müssen (damals plante ein mittlerweile Ex-Stehplatzler, nach „Achte nicht auf die Stimme Deiner Mutter“ laut „Bravo!“ zu rufen).

      Aus dem restlichen Ensemble sind einzig und allein Thomas Ebenstein (1. Jude) als positiv und Ulrike Helzel (Page) und Marcus Pelz (1. Soldat) als neutral zu nennen – ALLE anderen Sänger boten INFERIORE Leistungen, und dieses Desaster ist die Schuld des Noch-Direktors. Es waren Carlos Osuna (ein Narraboth so, als ob er gar nicht gewesen wäre), Peter Jelosits (2. Jude, mittlerweile vollkommen ausgesungen), Pavel Kolgatin, Benedikt Kobel, Ryan Speedo Green, Alexandru Moisiuc, Hans Peter Kammerer und Dan Paul Dumitrescu. Gut so, dass der neue Direktor einen Kahlschlag im Ensemble plant, denn was sich heute so auf der Staatsopernbühne tummelte, war ihrer in keiner Weise würdig. Da gibt’s in JEDEM Stadttheater viel bessere Leute!!

      Meine Freude war groß, als ich vom Einspringen des von mir außerordentlich geschätzten Michael Boder erfuhr, aber heute hatte er es mit einem neben sich stehenden Orchester zu tun (vielleicht vom gestrigen Philharmoniker-Ball nicht fit?). Dass ganz am Ende das gesamte Orchester hinausgeflogen ist, hat wirklich JEDER mitbekommen (auch meine Stehplatznachbarn, die mit Oper nichts am Hut haben), aber auch sonst hab ich die Salome schon viel besser vom Staatsopernorchester gehört. Boder bemühte sich merklich um Balance und Dynamik, stand aber auf verlorenem Posten. Schade – aber das war heute auch schon wurscht. Man kann nur auf eine Besserung ab September 2020 hoffen.