„Und doch ist nie der Tod ein ganz willkommner Gast“ - Endlichkeit, Sterben, Tod

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    • Knulp schrieb:

      Wo gibt es den Tod in der Klaviermusik?
      Chopin: sonate funèbre Nr 2 in b-moll op.35

      Beethoven: Sonate Nr 12 As-Dur mit dem langsamen Satz in as-moll: Marcia funebre sulla morte d’un eroe
      Auch das Largo e mesto d-moll in der Sonate Nr 7

      Schubert: Grande marche funèbre c-moll D859
      Von den Six grandes marches et trios D819 der Nr5 in es-mollTrauermarsch

      youtube.com/watch?v=AF3LSjetK0A
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Knulp schrieb:

      In "Eben gehört" nicht gepostet, obwohl in den letzten Tagen gehört:

      Der Tod eines Mädchens D810. Zentral. Das erste Werk, das mir beim Lesen des Threadtitels in den Sinn kam. Bei mir läuft gedanklich immer Claudius mit: "Gib Deine Hand, du schön und zart Gebild!" Meine ehemalige Cellolehrerin war eine Nachfahrin von Claudius. Wäre die Musik genauso stark, wenn es den Titel und dadurch die Assoziationen nicht gäbe?
      Das Lied heißt "Der Tod und das Mädchen". Ob das Quartett nun den Tod eines Mädchens beschreibt?, glaube ich eher nicht. Es gibt ein Quartett "Das Mädchen und der Tod" von Siegfried Matthus (1996), habe ich zwar auf CD (Petersen Q. mit Schubert), aber nicht präsent.

      Liszt:
      Klavier: Totentanz nach Saint-Saens (und natürlich das Original), Dies irae Paraphrase, Trauergondel... etc.
      Tondichtungen: Heroide Funebre, "Von der Wiege bis zum Grabe"

      Brahms:
      Etliche Lieder: Auf dem Kirchhofe, Der Tod, das ist die kühle Nacht, Immer leiser wird mein Schlummer, Ernste Gesänge, ebenso Chorstücke: Nänie, Begräbnisgesang, zu viele, um sie zu nennen...

      evtl. auch etliche der späten Klavierstücke, eins hat eine Art Dies irae Thema.

      Da oben Beethovens Streichquartette genannt wurden: Das kann ich nicht nachvollziehen, es sei den man nimmt jedlich irgendwie düstere, tragische etc. Musik als Verweis auf den Tod. Die Deutung des Adagios des Quartetts op.18/1 als "Romeo und Julias Abschied" ist meines Wissens nicht ausreichend belegt.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Kater Murr schrieb:

      Da oben Beethovens Streichquartette genannt wurden: Das kann ich nicht nachvollziehen,
      ich denke, da war der "Heilige Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit" aus op. 132 gemeint; den "Genesene" darf man sich ja wohl als dem Tode entronnen vorstellen. Wäre m.E. durchaus als eine spezifische Auseinandersetzung mit dem Thema "Tod" anzusehen.

      Auch das vom Fadenersteller selbst genannte Streichtrio von Schönberg wäre ein ähnlicher Fall.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Dann handelt "Die Bürgschaft" auch vom Tod, denn dem entrinnen mindestens drei Personen teils mehrfach, während andere (die Wegelagerer) erschlagen werden. Das wird dann ein bißchen so wie bei dem Kandidaten, der nur über Würmer gelernt hatte und jede Prüfungsfrage über zwei bis drei Stationen auf Würmer brachte, damit er sein Wissen nutzen konnte.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • meine - die bisherigen Beispiele erweiternden - Hauptideen:

      - Brahms Horntrio op. 40, langsamer Satz: in meinen Ohren eine der bewegendsten Reflexionen über die Vergänglichkeit (Brahms schrieb das Werk nachdem er vom Tod seiner Mutter gehört hat)
      - Mozart, Streichquartett d-moll: in meiner Erinnerung in der Bedrängnis der ersten beiden Sätze ist dort etwas sehr Elementares verborgen, das in eine ähnliche Richtung geht ....
      - Mozart, Adagio KV 540 h-moll und Rondo KV 511 a-moll nehmen Ideen auf, die auch in den CPE Bach'schen Klavierstücken immer wieder aufgenommen werden, z.B. Rondo a-moll Wq 56,5 oder die 'Freye Fantasie' fis-moll Wq. 67
      - widerspricht mir jemand, dass das Adagio religioso aus Bartok's 3 Klavierkonzert geschrieben ist 'angesichts der Unendlichkeit'?
      - In Handel'schen Opern und Oratorien sterben sowohl die Guten als auch die Bösen: beliebig herausgegriffen: die große Klage auf Jonathan im dritten Akt des Saul HWV 53 ist sehr erhebend; die große Szene der Cleopatra am Schluss des Alexander Balus ist vermutlich die mich am meisten ergreifende Szene; der Tod des Bajazet im dritten Akt der Oper Tamerlano HWV 18 ist in seiner Intensität in einer halbwegs guten Live-Aufführung absolut atemberaubend;
      - sowohl von Handel als auch Purcell gibt es Begräbnismotetten anlässlich des Todes von Personen aus dem englischen Königshaus
      - Die Schütz'schen Musicalischen Exequien haben mich im Frühjahr sehr erreicht: die Musik auf eine vom Besteller selbst erstellte Textauswahl biblischer Reflexionen über die Endlichkeit ist ein absoluter Höhepunkt der deutschen Musik ....

      Gruß Benno
    • Sibelius' Bühnenmusik "Der Tod (Kuolema)", Op. 44 zum gleichnamigen Schauspiel von Arvid Järnefelt von 1903 wäre noch zu nennen.



      Daraus ist der Valse triste natürlich berühmt geworden. Ein Tanz mit dem Tod selbst.
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • Schubert, Fantasie f-moll D. 940.

      Schubert, D. 960, der langsame Satz. Der langsame Satz aus D. 959 dürfte hier auch zu nennen sein.

      Mahler, 9. Sinfonie, Schlusssatz.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Witzigerweise wurde der Schlusssatz aus Tschaikowskis Pathétique noch nicht genannt. Siegfrieds Tod und Rheinfahrt liefere ich gleich dazu. Und etwas hypothetischer: die Chaconne aus Bachs d-Moll Partita. Das Werk hat für mich den Charakter eines Trauerstücks.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      Witzigerweise wurde der Schlusssatz aus Tschaikowskis Pathétique noch nicht genannt. Siegfrieds Tod und Rheinfahrt liefere ich gleich dazu. Und etwas hypothetischer: die Chaconne aus Bachs d-Moll Partita. Das Werk hat für mich den Charakter eines Trauerstücks.

      Laut Helga Thoene ist dieser Charakter der Chaconne ja sogar objektiv belegbar.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Total supi, dass ihr euch hier einbringt. :thumbup: :thumbup:

      Zu Tschaikowskys 6. (Durchführung vom 1. Satz) und dem fiesen Kadenz-Abschnitt des 2. Teils von Bergs Violinkonzert + Choral (Knulp) würde ich vielleicht noch irgendwas was dazu verzapfen….noch am Grübeln

      Wolfram schrieb:

      Was man vielleicht diskutieren müsste, denn der besagte 'Ist-Status' ist ja ein weites Feld. Ist er wirklich total rausgeplumpst? Oder ist das nur die fassbare, die anfassbare Leiblichkeit, die weg ist?
      Falls mein Brägen das korrekt checkt, dann bezieht sich deine Frage auf Spekulation über etwas geringfügig Selbstständiges, Unvermischtes, das irgendwie rumwest, vor sich hin rottet und nicht kompletto in Leiblichkeit aufginge, nicht in ewige Müllgründe verklappt.
      Dem steht persönliche Begegnung/Erleben mit Sterbenden und deren mentalen Zerfall entgegen, buchstäblich ödes Auseinanderbröseln; diese Erfahrung vermag bisher keine Denke/Theorie zu glätten/beschwichtigen.

      Mucke/Muckendrama kreist aber um selbige Frage.
      Wird in Wagners Tristan im 2. und 3. Akt gestreift/verhandelt.

      By the way, das verleitet einen dazu, irgendwie zu grübeln, ob Abklemmen/Askese/Absage von Antwort in Gustav Mahlers Spätmucke derartiger Chose letztlich viel näher sich zuneigt zeigt, als wirkmächtiges Verkündigungs-Finale seiner zweiten Sinfonie mit Choreinsatz „Aufersteh’n, ja aufersteh’n wirst du,mein Staub, nach kurzer Ruh’ “
      Im super-geilen Gielen-Mitschnitt von Mahlers 2. aus Cincinatti (15.11.80) kommt einen, nachdem Mucke aus Erstarrung entfleuchte, - zugegeben recht subjektives - Feeling rüber, dass sie sich „Aufersteh‘n ja aufersteh‘n “ versichern, bekräftigen müsste; es zu beschwören versucht…

      Wolfram schrieb:

      Was ist mit der Erinnerung, dem Spüren, dem Geruch des Verstorbenen in seinen Kleidern, den geteilten Orten usw.
      … beträfe wohl einzig Überlebende.

      Wolfram schrieb:

      Beispiele für Endlichkeit, Tod, Sterben in der Musik? Fast möchte man sagen, dass vielleicht jedes Musikstück damit umgeht, da es immer einen Beginn hat und dann auch ein Ende (ASLSP von John Cage in Halberstadt wird schließlich auch mal enden. ), egal wie es dazwischen mit der verstreichenden Zeit umgeht. Auch da heißt es irgendwann Abschied nehmen, bleibt nur eine Erinnerung, ein Gefühl zurück.
      Danke für ASLSP-Hinweis, weil mir Impuls sich Cagerei One 7 und Four 6 mit Tastenquälerin Sabine Liebner unter dieser Perspektive wieder reinzuziehn, diese Cagerei so neu erfahrbar sich zu machen….

      Wolfram schrieb:

      Hat Bruckner nicht jedes Mal dieses Thema in seinen Sinfonien?
      Seine 7., 8, und 9. nimmt darauf Bezug (seine frühere Mucke hab ich kaum auf Schirm).

      Das Ende vom 1. Satz seiner 8. dockt ans Ende von Schuberts D-Moll-Quartett (Der Tod & das Mädchen) an.
      Dein Hinweis auf Cages ASLSP drängt Brägen über die ellenlange Coda vom Adagio selbiger Bruckner-Mucke zu zocken. Coda-Mucke scheint mit ihrer verstreichenden Zeit umzugehen, als fiele es ihr mega-schwer von sich irgendwann Abschied nehmen zu müssen, von sich loszukommen. Wie würden wir uns 8. Brucknerei einschmeißen, gäbe es gar nicht das Finale…

      und in Coda des Adagios (3. Satz) von Bruckners 9. kommen Zitate vom Adagio seiner 8. sowie dem 1. Thema vom ersten Satz aus seiner Siebenten rüber. Aber höchst verhalten im Piano-Modus: schier unendlich verkleinert, entfernt wie in Perspektive eines umgedrehten Fernglases.

      Wolfram schrieb:

      Ich frage mich, in welcher Oper der Tod als ein reines Sterben dargestellt wird. Meistens ist es doch Mord und Totschlag, immer gewalttätig, mal auf der Bühne, wahlweise durch einen Schrei und ein Innehalten in der Musik gekennzeichnet oder andererseits sozusagen aus dem Off sich im Gesang anderer Protagonisten widerspiegelnd. Aber 'schlichtes' Sterben? Aber vielleicht ist die Oper in ihrer klassischen Ausrichtung dafür auch nicht geeignet.
      So isses. Sterben ohne Fremd- und/oder Eigeneinwirkung ist in diesem Mucken-Genre vergleichsweise rar gesät.
      Auf die Schnelle hat Brägen lediglich folgende Open auf Schirm:

      Reimann: Lear
      youtube.com/watch?v=sZ5srOEgJFQ

      Krenek: Karl V.
      Auschecken von Karl V. bildet Stoff dieser Oper.
      youtube.com/watch?v=ftv1wS4gdVQ
      youtube.com/watch?v=OOKuGrCFZ8o

      Mucke von Strings leider fies gekürzt, Krenek war damals darüber echt sauer
      Dazu Text:
      dicoseunpo.it/K_files/Karl_V.pdf (S. 54)

      Vec Makropulos: Leos Janacek
      youtube.com/watch?v=jQqp1pUIZ0…j9PtZEAl5Ivo8hUB&index=12

      (Ja, ja, Okay, Okay, Okay, da könnte man drüber auch streiten, ob nicht doch Fremd/Eigeneinwirkung, weil Krista die Formel verbrennt).

      Mussorgsky: Boris
      youtube.com/watch?v=hUJAV6UqlaI
      ~ 2:10:02 ff

      Puccini: La Boheme
      youtube.com/watch?v=B4EPQlQpTl0

      Puccini: Manon Lescaut
      youtube.com/watch?v=zLsGd60jx-k

      Verdi La Traviata
      youtube.com/watch?v=7RYsbUcqKSM
      Irgend eine Traviata-Inszenierung kommt dabei mit Pisspott rüber. RT-Phobe zeigten darüber höchst wütend und boten mit ihrem Eifern cooles RT 2.0.

      musica schrieb:

      Mariettas Lied aus der Oper die tote Stadt, „Glück, dass mir verblieb.
      Und Danke an Musica für Hinweis auf mir bisher kaum vertraute Korngold-Oper: Die passt vom Stoff her echt super in diesen Thread.
      youtube.com/watch?v=vpaJt4Rvhvo
      youtube.com/watch?v=4xjLDTTJZxI
      Libretto:
      rodoni.ch/FENICE-VENEZIA/tote-stadt.pdf

      @ zabki
      Auch Danke an Zabki für Connection zwischen Schönbergs Streichtrio und dem 3. Satz von Beethovens op. 132…. .....hatte bei op. 132 connection-mäßig bisher bloß Nonos Streichquartett auf Schirm gehabt..
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Symbol schrieb:

      Felix Meritis schrieb:

      Witzigerweise wurde der Schlusssatz aus Tschaikowskis Pathétique noch nicht genannt. Siegfrieds Tod und Rheinfahrt liefere ich gleich dazu. Und etwas hypothetischer: die Chaconne aus Bachs d-Moll Partita. Das Werk hat für mich den Charakter eines Trauerstücks.
      Laut Helga Thoene ist dieser Charakter der Chaconne ja sogar objektiv belegbar.

      LG :wink:
      was ich davon mitgekriegt habe (eine recht ausführliche Radiosendung mit Tonbeispielen), halte ich für eine völlig haltlose Konstruktion. Das sage ich als selber passionierter Reminiszenzenjäger.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Amfortas09 schrieb:

      Auch Danke an Zabki für Connection zwischen Schönbergs Streichtrio und dem 3. Satz von Beethovens op. 132…. hatte bei op. 132 connection-mäßig bisher bloß Nonos Streichquartett auf Schirm gehabt..
      der Zusammenhang von op. 132/III mit dem hier auch schon erwähnten Adagio aus Bartoks KK3 dürfte noch viel enger sein ... letzteres ein regelrechtes Remake des Beethoven...
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • zabki schrieb:

      Adagio aus Bartoks KK3
      ganz ganz ganz weit entfernt klingelt da irgendwas bei mir connection-mäßig .. hatte mir Bartoks KK3 zuletzt vor mehr als 10 Jahren reingezogen... ich glaub sogar eine CD mit Michael Gielen.. muss ich demnächst mal nach-checken...
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Amfortas09 schrieb:

      Seine 7., 8, und 9. nimmt darauf Bezug (seine frühere Mucke hab ich kaum auf Schirm).
      ein Punkt beim gegenwärtigen Thema ist es, wie weit man geht. Handelt jedes leise Verklingen in der Musik von der Vergänglichkeit, vom Sterben? So ganz von der Hand zu weisen wäre das m.E. nicht, aber es wäre doch offenbar auch nicht sinnvoll, das alles aufzählen zu wollen.

      ...

      dokumentarisch belegt sind bei Bruckner Bezüge zum Thema m.W. nur im Fall von VII und VIII. Aber es ist schon richtig, bei IX kann man sich kaum dessen erwehren, in jedem der vollendeten Sätze eine Art apokalyptischer Dimension mit wahrzunehmen.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • zabki schrieb:

      Symbol schrieb:

      Felix Meritis schrieb:

      Witzigerweise wurde der Schlusssatz aus Tschaikowskis Pathétique noch nicht genannt. Siegfrieds Tod und Rheinfahrt liefere ich gleich dazu. Und etwas hypothetischer: die Chaconne aus Bachs d-Moll Partita. Das Werk hat für mich den Charakter eines Trauerstücks.
      Laut Helga Thoene ist dieser Charakter der Chaconne ja sogar objektiv belegbar.

      LG :wink:
      was ich davon mitgekriegt habe (eine recht ausführliche Radiosendung mit Tonbeispielen), halte ich für eine völlig haltlose Konstruktion. Das sage ich als selber passionierter Reminiszenzenjäger.

      Ich werde unseren hiesigen Musikwissenschaftler beizeiten mal darauf ansprechen - mal sehen, wie er Thoenes Thesen einschätzt.

      Im Übrigen bezweifle ich, ob das Hören einer Radiosendung mit Tonbeispielen geeignet ist, um eine musikwissenschaftliche Arbeit zu beurteilen. In der Regel sollte man dafür die Arbeit gelesen und das zugrundeliegende Notenmaterial studiert haben.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Amfortas09 schrieb:

      ganz ganz ganz weit entfernt klingelt da irgendwas bei mir connection-mäßig .
      der Grundcharakter bei Bartok ist dem beethovenschen so ähnlich, daß es einem vorkommt, sogar die Unterschiede wären beteichnend.

      Wo Beethoven das auf- und zusammenraffende "Neue Kraft fühlend" hat, löst sich bei Bartok die Musik in ein Naturgeschwirre auf.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • zabki schrieb:

      ein Punkt beim gegenwärtigen Thema ist es, wie weit man geht. Handelt jedes leise Verklingen in der Musik von der Vergänglichkeit, vom Sterben? So ganz von der Hand zu weisen wäre das m.E. nicht, aber es wäre doch offenbar auch nicht sinnvoll, das alles aufzählen zu wollen.
      Im Adagio der 9.zitiert er ja aus seiner D-moll-Messe. Ich will diese Chose allerdings auch nicht platt programmatisch mir reinziehn und Mucke nicht einzig darauf festnageln wollen... Das meinst du vielleicht aber auch gar nicht..
      Beim Kadenzabschnitt (2. Teil) von Bergs VK drängt sich einerseits Vorstellungen von Angst, Todeskampf auf. Assoziation wär einerseits nicht kompletter Käse, Aber andererseits sollte Bergs VK-Mucke nicht darauf geschrumpft werden.. hab dabei auch allgemein Autonomie-Status :D von Mucke auf Schirm, der simultan versucht Realbezüge irgendwie Arschkarte entgegenzuhalten.
      Im Thread geht es um Mucke als Kunst d.h. Mucke als Zweck an sich selber. Die kann Bezüge zu Endlichkeit, Sterben, Tod als Teil ihrer Gestaltung tragen. Aber sie wäre nicht gleichzusetzen mit einer bloß zweckgebundenen Mucke von Friedhofskapelle.
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Symbol schrieb:

      Ich werde unseren hiesigen Musikwissenschaftler beizeiten mal darauf ansprechen - mal sehen, wie er Thoenes Thesen einschätzt.


      ich bin gespannt.


      bis dahin kann ich wohl ein paar Stellungnahmen aus der musikwissenschaftlich-fachlichen Ecke zitieren:

      Helga Thoene has proposed on the basis of largely numerological speculations that Bach's violin chaconne was intended as a tombeau for his first wife Maria Barbara (others have suggested a similar intention for his Chromatic Fantasy); see her "Johann Sebastian Bach. Ciaccona-Tanz oder Tombeau. Verborgene Sprache eines berfihmten Werkes," Festschrift zum Leopoldsfest (I5. Köthener Bachfesttage), Cöthener Bach-Hefte 6, Ver-öffentlichungen des Historischen Museums Köthen/Anhalt XIX (K6then, 1994), 14-81. In further support of her argument she claims that Bach imbedded phrases from various sacred works, such as BWV 4, Christ lag in Todesbanden, in the chaconne. For several rea- sons her hypothesis of Bach's chaconne serving as a tombeau is not credible; it seems to come out of a post-18oo conception of the chaconne genre.

      Silbiger, Alexander. “Bach and the Chaconne.” The Journal of Musicology, vol. 17, no. 3, 1999, pp. 358–385. JSTOR, jstor.org/stable/764098. S. 374, Fußn. 34

      Whatever the positive features of the performances it con- tains, J. S. Bach: Morimur (ECM New series, 461 895-2, rec 2000) stands as a monument to the kind of irresponsibility which gives the worst excesses of Bach pseudo-scholarship a bad name. Its underlying thesis is found in a series of articles by Helga Thoene, who claims in the accompanying booklet that the works for unaccompanied violin embody a religious programme which can be elucidated by fitting the lines of various chorales against the violin's polyphony. As a demonstration of this theory, the movements of Bach's D minor violin partita, played by Christoph Pop- pen, alternate with various chorale verses, sung a cappella by members of the Hilliard Ensemble with the soprano Minoka Mauch. The disc also includes a version of the chorale Auf meinen lieben Gott accompanied by a mean- dering violin obbligato, and an 'analytical' second perfor- mance of the final chaconne in which Bach's original is combined with a series of chorale lines that are subjected to a series of truncations and rhythmic distortions which make Procrustes look like Florence Nightingale. A series of mysterious little wisps drawn from a verse of Christ lag in Todesbanden (based on a fragment of Cantata no.4) embody the suggestion that its opening notes (D-C#-D) are connected with the opening motivic cell of the move- ments from the partita. The reader is asked to believe that Bach intended the work, and the chaconne in particular, as a meditation on death and resurrection connected with the death of Maria Barbara Bach [...]

      Humphreys, David. “Esoteric Bach.” Early Music, vol. 30, no. 2, 2002, pp. 307–307. JSTOR, jstor.org/stable/3519266. S. 307


      Im Übrigen bezweifle ich, ob das Hören einer Radiosendung mit Tonbeispielen geeignet ist, um eine musikwissenschaftliche Arbeit zu beurteilen. In der Regel sollte man dafür die Arbeit gelesen und das zugrundeliegende Notenmaterial studiert haben.


      ich fand diese Radiosendung (die Thoenes These positiv sah, soweit ich mich erinnere) als hinreichend informativ.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • zabki schrieb:

      dokumentarisch belegt sind bei Bruckner Bezüge zum Thema m.W. nur im Fall von VII und VIII.
      ich muß ergänzen:

      auch zu III gibt es eine einschlägige Äußerung Bruckners:

      Sehen Sie, hier im Haus ein großer Ball, daneben liegt der Meister auf der Totenbahre. So ists im Leben, und das habe ich im letzten Satz meiner dritten Symphonie schildern wollen - die Polka bedeutet den Humor und Frohsinn in der Welt, der Choral das Traurige, Schmerzliche in ihr.


      (zit. nach Bruckner-Handbuch S. 63)
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).