Maria Callas - La Divina

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    • Mir sind nur monokausale Erklärungen suspekt
      Mir auch:
      Es ist die Frage, ob ohne Callas diese gesamte Bellini-, Donizetti-, Rossini-Renaissance stattgefunden hätte, denn erst sie schaffte es, die Modernität dieser Werke wieder akustisch ins Bewusstsein zu rücken und sie für ein breites Publikum verständlich zu machen.
      Sie hat sicher auch ihren Abteil gehabt, aber mir ist das zu pauschal und zu monokausal, auch wenn's wohl eine Bachmann schreibt. Was ich von letzterer kenne, sind nun nicht gerade Musterbeispiele an differenzierter Betrachtungsweise und sorgfältiger Analytik.
      Ich sehe die Ursachen ganz woanders, nämlich in einer grundlegend geänderten Musik- und Gesangsästhetik, vor allem nördlich der Alpen und da besonders nach dem Krieg, verbunden mit einer ideologischen "Entkrustung". Seit spätestens dem letzten Viertel des 19.Jh. wurde nämlich das, was man als Belcanto im engeren Sinne versteht, als hohler Tand gesehen, als Demonstration seelenloser Virtuosität, eben als
      Ziervogelgesang
      In diesem Sinne sind im deutschsprachigen Raum (fast) alle einschlägigen Publikationen in dieser Zeit geprägt von einer mehr oder weniger beißenden Polemik gegen die "welsche Seichtheit", im Gegensatz zum "deutschen Tiefsinn". Das bedeutet ja nicht, daß das so war, sondern daß das so -aus welchen Gründen auch immer- gesehen oder vielleicht sogar nur behauptet wurde, zumindest von der Kritik und den übrigen Autoren, die darüber geschrieben haben. Zurückverfolgen läßt sich diese Abgrenzung des "Welschen" bis zu den Befreiungskriegen. Auch schon Weber hat sich entsprechend abfällig geäußert. Hier Weber, der auch ein durchaus professionelles Interesse hatte, die italienische Konkurrenz (z.B. Morlacchi) schlecht zu machen:

      Das Bollwerk des reinen Sangs ist gefallen,
      Italien ist in des Feindes Krallen,
      weil der Komponist liegt im Bequemen,
      höhnt die Natur, läßt sich wenig grämen,
      kümmert sich mehr um den Knall als den Schall,
      pflegt lieber die Narrheit als die Wahrheit,
      hetzt die Hörer lieber toll im Gehirn,
      hat das Honorar lieber als das Honoriern. [Man beachte den Reim!]
      Die Kunstfreunde trauern in Sack und Asche,
      der Direktor füllt sich nur die Tasche.
      Der Kontrapunkt ist worden zu einem Kunterbunt,
      die Lernenden sind ausgelassene Lärmende,
      die Melodien sind verwandelt in Maladien,
      und allen gesegneten klass’schen Genuß
      verkehrt man uns in Knall-Fidibus.
      (...)
      Es ist ein Gebot: du sollst den alten
      und reinen Satz nicht unnütz halten,
      und wo hört man ihn mehr blasphemieren,
      als jetzt in den allerneusten Tonquartieren?
      Wenn man für jede Oktav und Quint,
      die man in euren Partituren find’t,
      die Glocken müßt’ läuten im Lande umher,
      es wär’ bald kein Glöckner zu finden mehr,
      und wenn auch für jeden falschen Akzent,
      der aus eurer ungewaschnen Feder rennt,
      ein Härlein ausging aus eurem Schopf,
      über Nacht wär’ er geschoren glatt,
      und wär er so dick als Absalons Zopf.

      (aus: Tonkünstlers Leben)
      Balzac karikiert die deutsche Position wie folgt (nein, das ist nicht seine Meinung):
      Diese monotonen Wendungen, diese banalen Kadenzen, diese Zufälligkeit der hingeworfenen Koloraturen, dieses einförmige Crescendo, das seit Rossini so beliebt ist und das heute zu allen Kompositionen gehört; diese Koloraturen sind eine Art musikalischer Schwatzhaftigkeit, die nur Wert hat durch eine gewisse Leichtigkeit des Sängers und durch Leichtigkeit der Vokalisation
      (aus: Gambara)
      Hanslick im Nachruf auf Rossini:
      Rossini war jeder tiefere Herzenston versagt. Seine Musik ist immer glänzend, geistreich, tändelnd, auch da, wo wir sie innig, rührend oder leidenschaftlich wünschen.
      Im Übrigen hat auch G.B. Shaw (pro Wagner und contra italienischem Wohlklang) geschrieben, daß schließlich jeder eine Melodie erfinden könnte.
      Und was die deutschsprachigen Musikjournale in den Zwischenkriegsjahren über Rossini et al. schrieben, läßt sich an Polemik, an Ignoranz und arroganter Herablassung kaum noch überbieten.
      Das ist der Hintergrund, vor dem hierzulande die Rossini-Renaissance stattfand. Ich finde es bemerkenswert, das so etwas auch noch heute kolportiert wird, wie der von Wolfram zitierte Radio-Essay, der ja vermutlich erst vor nicht allzu langer Zeit verfasst wurde, nämlich daß es an Callas lag, "dass das empfindsame Ohr nicht mehr durch eine Art Ziervogelgesang angeödet wurde". Das setzt voraus, daß das, was die Journaille über zwei bis drei Generationen bezüglich italienischem Belcanto im Allgemeinen und über Rossini im Besonderen verbreitet hat, tatsächlich auf objektiv feststellbaren Tatsachen beruht und nicht auf ideologisch angehauchter polemischer Meinungverbreitung. Ich bezweifle auch nachdrücklich, daß die damaligen Sängerinnen und Sänger "es nicht mehr konnten", wie gerne behauptet wird, allenfalls als blanke Technik. Natürlich konnten sie es. Es wurde nur nicht angemessen wahrgenommen. Wenn (z.B.) Rossinische Koloratur per se als Showeffekt ohne künstlerischen Wert gebrandmarkt wird, dann wird das natürlich auch nicht entsprechend gewürdigt. Manche Leute glauben das dann nämlich (anderes Beispiel: von Telemanns Minorität ist sogar heute noch der eine oder andere überzeugt.) Wir können aber feststellen, daß sich ab den 20er Jahren die diesbezügliche Einstellung langsam geändert hat (z.B. wurden alle 3 deutschen Händelfestspiele zwischen 1920 und 1922 gegründet. Händel wurde hier zwar als Deutscher vermarktet, nichtsdestoweniger hat aber eine Händelsche Barockoper eine andere Ästhetik als eine deutsche romantische Oper, inkl. Wagner. Genaugenommen ist er Opernitaliener). Als dann '45 auch noch die ideologische Untermauerung der Ablehnung allen Welchen weggefallen ist, war der Weg zu einem Neubeginn offen, auch wenn manches natürlich noch nachgewirkt hat.
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Zunächst nur kurz zur Klarstellung:

      bustopher schrieb:

      auch wenn's wohl eine Bachmann schreibt.
      Das Zitat auf das sich dein Einwand bezieht, stammt nicht von Bachmann, sondern das habe ich geschrieben. Die arme Bachmann hat mit dieser Pauschalität nichts zu tun. ^^

      bustopher schrieb:

      Ich finde es bemerkenswert, das so etwas auch noch heute kolportiert wird, wie der von Wolfram zitierte Radio-Essay, der ja vermutlich erst vor nicht allzu langer Zeit verfasst wurde,
      Aus einem Radio-Essay von Claudia Wolff, SWR 1987.

      :wink: Wolfram
    • bustopher schrieb:

      Hanslick im Nachruf auf Rossini:
      "Rossini war jeder tiefere Herzenston versagt. Seine Musik ist immer glänzend, geistreich, tändelnd, auch da, wo wir sie innig, rührend oder leidenschaftlich wünschen."


      Im Übrigen hat auch G.B. Shaw (pro Wagner und contra italienischem Wohlklang) geschrieben, daß schließlich jeder eine Melodie erfinden könnte.
      Und was die deutschsprachigen Musikjournale in den Zwischenkriegsjahren über Rossini et al. schrieben, läßt sich an Polemik, an Ignoranz und arroganter Herablassung kaum noch überbieten.
      Da hat sich nicht allzuviel geändert. Was Peter Jungblut vom Bayerischen Rundfunk über Rossinis Mosè in Egitto schreibt, ist ein Meisterwerk an Ignoranz und arroganter Herablassung. Z.B.

      Peter Jungblut schrieb:

      Das schaffte wohl nur Gioachino Rossini: gut gelaunt durch das Alte Testament zu schunkeln. Er komponierte eine Art Bibel zum Mitwippen. Egal, ob die Heuschrecken über Ägypten herfallen, die Finsternis, Hagel oder Feuerstürme - Rossini klingt immer beschwingt und tanzbar, selbst wenn es um Tod und Vernichtung geht. Mag sein, dass das mit der typisch italienischen Einstellung zur Religion zu tun hat. Dort dürfen Pfarrer ja alles sein, nur nicht langweilig. Rossini wusste vermutlich gar nicht, was das ist: Langeweile.
      Das ganze hier zu lesen: br-klassik.de/aktuell/news-kri…n-egitto-bregenz-100.html
      In Italien hatte wohl diese Abneigung gegen den Ziergesang weniger tiefe Wurzeln, so daß schon in den 20er-30er Jahren das Blatt sich anfing zu drehen und Conchita Supervia in Rom Erfolge mit Il Barbiere, La Cenerentola und L'Italiana in Algeri feierte.

      Es war Serafins Verdienst, Callas' Eigenschaften zu merken und sie für diese Belcanto-Renaissance einzuspannen.
      Ob jemand über die richtige Belcanto-Technik verfügt oder nicht, wird immer eine heiße Diskussion sein, zumal es die richtige Belcanto-Technik gar nicht gibt. In der deutschen Wikipedia wird Supervia in dieser Hinsicht kritisiert, so wie heute Bartoli es wird und vor 200 Jahren Colbran es wurde. "Koloratursopran" war hierzulande gleichbedeutend wie zwitschernder Kanarienvogel - was wohl mit der oben beschriebenen Haltung zum Ziergesang zu tun hat. Callas war definitiv keiner, und deshalb wurde sie als Erscheinung gefeiert.

      Anderswo aber war der Begriff nicht so restriktiv. Gina Cigna hat sowohl in Norma, La Straniera, Mosè als auch Aida, Turandot und Tannhäusers Elisabeth gesungen. Virginia Zeani (die 1952 Callas nach 2 Aufführungen als Elvira in I Puritani ersetzte), hat neben vielen Belcanto-Partien auch z.B. Blanche in Les Dialogues des Carmélites 1957 gesungen ... Das war die Zeit, wo in Deutschland der Inbegriff des Koloratursoprans Erika Köth war ...
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Über die Callas gibt es übrigens einen hervorragenden Radio-Essay von Claudia Wolff aus dem Jahr 1987:



      Natürlich ist es eine uneingeschränkte Huldigung, aber sprachlich und intellektuell hervorragend und sehr überzeugend. (Für mich in der Qualität vergleichbar mit denen von Arno Schmidt aus den späten 50igern.) Um noch einmal die Bedeutung der Callas weit über die Opernbühne hinaus kennen zu lernen, (wenn man sie noch nicht kennt ^^ ) sollte man diesen Essay wirklich einmal hören.

      :wink: Wolfram
    • Wolfram schrieb:

      Natürlich ist es eine uneingeschränkte Huldigung, aber sprachlich und intellektuell hervorragend und sehr überzeugend. (Für mich in der Qualität vergleichbar mit denen von Arno Schmidt aus den späten 50igern.) Um noch einmal die Bedeutung der Callas weit über die Opernbühne hinaus kennen zu lernen, (wenn man sie noch nicht kennt ) sollte man diesen Essay wirklich einmal hören.


      Ich glaube Dir alles, was Du darüber geschrieben hast. Nur ein kleiner Einwand: Wenn ich etwas über die wahre Bedeutung von jemanden erfahren möchte, sind Panegyriker normalerweise nicht die erste Wahl: "Natürlich ist es eine uneingeschränkte Huldigung"...
      Ich tu mich immer schwer mit monokausalen Erklärungen komplexer Phänomene. Aber das ist vermutlich mein Problem.
      :cincinbier:
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Neu

      bustopher schrieb:

      "Natürlich ist es eine uneingeschränkte Huldigung"...
      Ich tu mich immer schwer mit monokausalen Erklärungen komplexer Phänomene.
      Lieber Bustopher, mein Statement scheint darauf hinzuweisen, dass das Phänomen Callas ziemlich 'monokausal' erklärt wird. Dem ist aber nicht so. Es wird schon eine komplexe Annäherung versucht, es werden auch natürlich stimmliche wie charakterliche Schwächen thematisiert. Nur das Ergebnis ist dann trotzdem eine 'uneingeschränkte Huldigung' was v.a. ihre Bedeutung und auch ihre nachhaltige Wirkung bei Hörern angeht. Das Ergebnis ist an sich von vornherein klar. Es gibt eine Verehrerin und einen von ihr erfundenen Skeptiker, den sie zum Verschwinden bringen möchte. Welch Wunder, das schafft sie dann auch. ^^ Aber der Weg dahin ist, wie gesagt, keine schlichte Verklärung, sondern eine intelligente und sprachlich faszinierende Annäherung.

      :wink: Wolfram