Maria Callas - La Divina

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    • Maria Callas - La Divina

      Zwar gibt es schon zwei Threads zu Maria Callas, aber beide befassen sich mit Ausgaben ihrer Gesangshinterlassenschaft. Was ich hier eher anstrebe, ist der Versuch einer kritischen Würdigung ihrer Gesamtleistung, ihrer Bedeutung innerhalb des Genres 'Oper' und auch darüber hinaus.

      Zunächst einmal die knappen Fakten.

      * 2.12.1923 in New York - + 16.9.1977 in Paris.

      Geboren als zweites Kind griechischer Einwanderer in New York. Die Mutter geht mit den beiden Töchtern nach der Scheidung 1937 zurück nach Athen. Dort erhält Callas ab 1938 Gesangsunterricht bei Elvira de Hidalgo. 1941 dann dort ihr Bühnendebüt in 'Bocaccio' von Franz von Suppé. Nach dem Krieg versucht sie in den USA Fuß zu fassen, scheitert und geht dann nach Italien. Erste Auftritte in Verona, Heirat mit dem Industriellen Meneghini, Sensation in Venedig als sie kurz hintereinander die 'Walküre' und die Elvira in 'I Puritani' sang. Auftritte in mittleren Opernhäusern in Italien bevor sie 1951 ihr offizielles Debut an der Scala gab. Davor allerdings schon erste Aufnahmen für die Cetra und Auftritte in Südamerika. Ab 1953 dann Vertrag mit der EMI, erste Recital- und Gesamtaufnahmen. Steile Karriere in Italien und an den großen Opernhäusern der Welt. 1954/55 Abmagerungskur. 1955 bedeutende Auftritte an der Scala und Berlin. Mindestens in den späten 50iger Jahren deutliche Verfallserscheinungen in der Stimme. Begegnung mit Onassis und Beginn eines Verhältnisses. Bruch mit der MET, der Scala, Ehescheidung. Übersiedelung nach Paris, weitere Aufnahmen mit immer prekärer werdender Stimme. 1964/65 letzte Auftritte als Tosca und Norma. 1973/74 Welttournee mit Giuseppe di Stefano, 1977 Tod in Paris.

      Die Callas verfügte zu ihren Glanzzeiten über eine Dreioktaven-Stimme, beherrschte v.a. das Repertoire der großen romantischen, italienischen Oper, sang mit einer einzigartigen Ausdrucksfähigkeit.

      Dies sind Fakten. Alles andere ist Legende, Verehrung, vielleicht auch Verzerrung.

      Die Callas ist vielleicht, neben Caruso, die Opernlegende des letzten Jahrhunderts, schlechthin die Diva. Ihr Ruhm reicht, reichte weit über die Opernbühne hinaus. Ihre Aufnahmen werde selbst heute noch in diversen Zusammenstellungen immer wieder aufgelegt, ihr Gesang verzückt, verstört immer noch Opernhörer. Wenn man Opern liebt, kommt man an ihr nicht vorbei. Man liebt sie oder man lehnt sie ab, aber sie lässt einen wohl kaum kalt.

      Für mich ist sie diejenige, der ich meinen Eintritt in die Welt der Oper und damit auch in den Kosmos der klassischen Musik verdanke. 1977, an ihrem Todestag, hörte ich sie zum ersten Mal in den 'Heute-Nachrichten' des ZDF und war wie vom Donner gerührt. Pop, Rock, Blues, Punk - das war damals meine Welt. Und dann plötzlich diese Stimme! Das traf bis ins Innerste. Was ich zunächst einmal aufnahm, war die unendliche Schönheit dieser Stimme und deshalb verstand ich die sogenannte 'Callas-Debatte' später überhaupt nicht, eben diese Diskussion, die um die Defekte des schieren Materials ging.

      Das kam erst später und natürlich höre ich das jetzt auch. Aber es hat mich nie gestört. Was mich immer getroffen hat, war, dass da jemand mit Wahrhaftigkeit sang, keine Rollen darstellte, sondern diese war und lebte, dass absolute Ehrlichkeit und Authentizität auch eine Schönheit in sich tragen kann.

      Ich poste jetzt zunächst einmal keine Aufnahmen, sondern möchte viel lieber eure Einschätzung erfahren. Was haltet ihr von Callas, welche Bedeutung misst ihr ihr bei? Ist sie verdient Legende oder nicht und warum? Ist alles um sie herum übertrieben oder eben auch nicht? Hat sie vielleicht eine Bedeutung über Oper hinaus? Woher kommt anhaltende Ruhm?

      :wink: Wolfram
    • Es gibt dieses Bachmann-Zitat, nach dem Maria Callas die einzige Künstlerin sei, die jemals rechtmäßig eine Bühne betreten habe.

      Das trifft es, ungeachtet der Zuspitzung, für mich noch heute. Maria Callas hat unmittelbar erfahrbar gemacht, dass Oper nicht Geträller für Reiche ist, sondern eine unmittelbare, existentielle, für das eigene Selbst wichtige Erfahrung sein kann. Oft ist von Sing-Darstellern die Rede, wenn das Vermögen zur Figurendarstellung über die gesangtechnische Beherrschung hinaus thematisiert wird. Callas steht weit darüber. Sie zu hören, bedeutet im Innersten getroffen zu werden. Frappierend ist, dass ihre Bühnenpräsenz gerühmt wird, wir aber nur wenige, hinlänglich bekannte Video-Dokumente besitzen, ihre stupende Fähigkeit, die Zuhörer mit dem jeweiligen Anliegen der von ihr verkörperten Bühnenfiguren ins Mark zu treffen, vielmehr mit gesanglich erzeugt wurde und daher auch mittels reinen Audiodateien transportiert wird.
    • Lieber Wolfram,

      Für mich ist die Callas sicher verdient eine Legende, wenngleich diese Legende zweifellos durch das Gesellschafts- und Medien-Tamtam um ihr verhatschtes Leben und ihr tragisches Schicksal gestützt wurde. Gestört hat mich daran freilich, daß ihr berechtigter Ruhm und ihr außerordentliches Talent andere Sängerinnen ihrer Zeit zu sehr zudeckten. Dafür kann man die Callas selbst natürlich nicht verantwortlich machen. Zumindest nicht nach dem, was ich weiß.
      Ihre bleibende Wirkung beruht sicher wesentlich auf ihrer Wandlungsfähigkeit im Ausdruck und ihrer absoluten Hingabe, solange sie in Form war. Es war weniger die Stimmschönheit als die Überzeugungskraft, die mich beeindruckten und es klarerweise noch immer tun. Sie stellte ihre Rollen nicht dar, sie war die Norma, Santuzza usw.

      :wink: Waldi
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      Homo sum, ergo inscius.
    • Waldi schrieb:

      wenngleich diese Legende zweifellos durch das Gesellschafts- und Medien-Tamtam um ihr verhatschtes Leben und ihr tragisches Schicksal gestützt wurde.
      Aber wird sie dadurch noch heute gestützt? Mich norddeutsch nüchternen Kopf stört dieses Tamtam sehr. Bei der Callas habe ich das aber nie so wahrgenommen. Als ich begonnen habe, klassische Musik zu hören (bin 1970 geboren), war sie lange tot und fand sie in den Medien nicht mehr auf die geschilderte Weise statt. Stattdessen war sie eine Stimme von früher wie auch Caruso, Björling oder Ponselle, die ich zumeist vermittelt durch Kesting kennen lernte. Einige Stimmen ragten heraus. Callas gehörte dazu. Vermutlich ging es den später Geborenen ebenso, zählte auch für sie in erster Linie die Stimme.

      Allerdings erinnere ich mich an großformatige Bildbände, die zumindest in den Neunzigern in den Buchhandlungen auslagen. Das Phänomen Callas zeigte sich so gesehen bereits an dem Vorhandensein dieser Bildbände, die eben doch eine besondere Aura transportierten, die Frau Callas eigen war.

      Kestings Buch möchte ich an dieser Stelle empfehlen. Kesting beschreibt das, was mir wichtig ist: die Sängerin, weniger die Person.

    • Vieles von dem Tamtam ist filmisch dokumentiert und auch gegenwärtig nicht so selten per TV vermittelt. Legende wäre die Callas zwar sicher auch ohne das, aber vermutlich weniger schillernd. Auch Caruso ist für manche Leute, die kaum je einen Ton von ihm gehört haben, eine Legende. Ist einmal ein Denkmal errichtet, wirkt es auch als solches weiter, unabhängig von den historischen Fakten.

      :wink:
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      Homo sum, ergo inscius.
    • Ich habe schon die Callas zunächst als Teil der Schickeria kennengelernt, eben durch die sattsam damals (60iger/70iger Jahre) breitgetretene Beziehung zu Onassis und dachte immer, dass sie wohl nur ein kleines Licht in der Oper gewesen war, aufgeplustert durch die Yellow-Press, damit die Affäre interessanter rüberkäme. Wie überrascht war ich deshalb, als ihr Tod überhaupt in den Nachrichten behandelt wurde.

      Ich glaube schon, dass dieser Schickeria-Rummel für die Verbreitung des Namens in weiten Teilen der Öffentlichkeit, die an sich nie Opern hören, auch weiter verantwortlich ist. Und selbst ein großer Teil der Veröffentlichungen gerade auch in den 90iger Jahren walzte dieses Thema ja immer wieder aus. Ich befürchte, dass sie mit diesem Klatsch weiter leben wird müssen. Tragisches Leben, Einsamkeit, Liebeskummer, gestorben an gebrochenem Herzen usw. macht sich natürlich gut, wenn man bei Publikationen so richtig auf die Quote schielt.

      Nimmt man nur einmal die Anzahl der Arienzusammenstellungen, die auf dem Markt sind und die sich ja oftmals eher an ein Publikum richtet, das mit Oper wenig am Hut hat, aber gerne mal ein paar Arie hört, so fällt doch auf, dass immer wieder die drei Tenöre vertreten sind, vielleicht eine Handvoll aktueller Sänger und dann die Callas, obwohl die meisten Aufnahmen Mono sind und sich ihre Stereo-Sachen als Beispiel für 'Schmuseklassik' nicht so eignen. ;)

      Das kann ja eigentlich nur damit zusammenhängen, dass ihr Name in ein breites Bewusstsein eingedrungen ist und das eben wohl nur durch ihr Dasein in den Gesellschaftsnachrichten.

      Zum Glück sind seit der Einführung der CD ihre Aufnahmen ja fast vollständig erhältlich und ihre künstlerische Leistung ist a) nun wirklich überprüfbar und b) hat ihre Leistung jedenfalls bei Opernkennern und -liebhabern den anderen Quatsch verdrängt. Die beiden großen Editionen der letzten Jahre wurden ja mit Sicherheit nicht als Kaufanreiz für Menschen konzipiert, die bei Callas immer auch sofort Onassis mitdenken. ^^

      :wink: Wolfram
    • Knulp schrieb:

      Es gibt dieses Bachmann-Zitat, nach dem Maria Callas die einzige Künstlerin sei, die jemals rechtmäßig eine Bühne betreten habe.
      Es gibt noch ein anderes schönes Zitat und zwar von Franco Zeffirelli:

      'Verglichen mit Maria Callas waren alle anderen Sopranistinnen singende Sessel.'

      Klingt zunächst ganz nett und bissig, aber ich habe mich immer gefragt, was genau er damit meinte. Ich denke (und über diese Ausschließlichkeit kann man wahrlich streiten) er meinte damit, dass man sich in der Regel bei den anderen Sängerinnen genüsslich wie in einem Sessel zurücklegen und nur dem Wohllaut der Stimme sich hingeben kann. Bei Callas dagegen steht man immer auf den Zehenspitzen, was viel, viel anstrengender ist. Allerdings sieht man schlichtweg weiter, erfährt man mehr über das Leben, die Menschen, über sich selber.

      Und mit dem zweiten Teil hat er, finde ich, wirklich recht. Callas macht es dem Hörer nicht leicht (und damit meine ich nicht nur die oftmals harschen, verwackelten Spitzentöne, die deutliche Abgrenzung der Register, das in späteren Aufnahmen ausgedünnte Timbre usw.), sondern ihre unglaubliche Fähigkeit den Hörer zu packen, nicht mehr loszulassen, reinzuziehen in ein menschliches Drama, das wir vielleicht gar nicht einmal kennenlernen möchten. Und das kann eben zu diesen Erkenntnissen und Selbsterkenntnissen führen, die ja auch nicht immer angenehm sind, aber um die man nicht mehr herumkommt. Und gerade weil die Stimme nicht den Wohlklang z.B. einer Tebaldi hatte, gerade weil sie nie vorgegeben hat, sondern immer war, gerade deswegen kann man sie wohl auch nicht nur genusshalber hören. Wenn man sie richtig hört, dann steht man eben auf den Zehenspitzen.

      :wink: Wolfram
    • Waldi schrieb:

      Ihre bleibende Wirkung beruht sicher wesentlich auf ihrer Wandlungsfähigkeit im Ausdruck und ihrer absoluten Hingabe, solange sie in Form war. Es war weniger die Stimmschönheit als die Überzeugungskraft, die mich beeindruckten und es klarerweise noch immer tun. Sie stellte ihre Rollen nicht dar, sie war die Norma, Santuzza usw.
      Lieber Waldi, wollen wir hoffen, dass dieser Aspekt sich bei immer mehr Menschen in den Vordergrund schiebt, weil es dann nämlich endlich um Kunst und weniger um Klatsch gehen würde.

      Übrigens darf man sie, glaube ich, nicht nur auf diese extreme Ausdrucksfähigkeit reduzieren. Man sollte nicht die unglaubliche technische Brillanz ihres Singens vergessen. Legge hat mal gesagt, dass es keinen Takt in der gesamten Opernmusik des 19. Jhrdts. gegeben hat, den sie nicht hätte singen können. Das muss man erstmal können (und das weist übrigens ja auch auf die Hemmungslosigkeit hin, mit der sie die Sopranfächer negiert hat).

      Das und der Ausdruck, das ist eben das wirklich Besondere an ihrem Künstlertum.

      :wink: Wolfram
    • Maria Callas gehört zweifellos zu meinen Lieblingssängerinnen, obwohl ich nicht allzu viele Aufnahmen von ihr gehört habe und sie in meiner CD-Sammlung ganz fehlt. Für mich besteht ihr größter Verdienst darin, dass sie der Musik der Becanto-Ära zu neuem Glanz verholfen hat. Ebendiese Musik zählt unangefochten zu meinen Favoriten, egal ob von der Callas oder anderen großen Sängern und Sängerinnen vorgetragen.
      Da wage ich mal eine Hypothese: Ohne die Callas wäre ich nicht zu der Opernliebhaberin geworden, die ich heute bin.
      Viele Grüße aus Sachsen
      Andrea
    • Andrea R. schrieb:

      Maria Callas gehört zweifellos zu meinen Lieblingssängerinnen, obwohl ich nicht allzu viele Aufnahmen von ihr gehört habe und sie in meiner CD-Sammlung ganz fehlt.
      Ein großes Manko. ;)

      Andrea R. schrieb:

      Für mich besteht ihr größter Verdienst darin, dass sie der Musik der Becanto-Ära zu neuem Glanz verholfen hat.
      Das war mit Sicherheit ihr eigentliches und wichtigstes Gebiet. Für mich ist sie da unvergleichlich, weil sie es geschafft hat, den Belcanto, der ja eigentlich eine heutzutage recht fremde, formelhafte Sprache benutzt, durch ihren Ausdruck zu modernisieren, zu aktualisieren, verständlich zu machen ohne ihn gleichzeitig durch modernere Stilmittel zu verraten.

      Andrea R. schrieb:

      Da wage ich mal eine Hypothese: Ohne die Callas wäre ich nicht zu der Opernliebhaberin geworden, die ich heute bin.
      Das, liebe Andrea, kannst nur du beantworten. ;)

      :wink: Wolfram
    • Callas und Belcanto.

      Bekanntlich lag das Hauptaugenmerk der Callas auf der italienischen Musik des 19. Jhrdts. und damit auf den Werken des sogenannten Belcanto. (Der Verismo spielte v.a. in ihren Aufnahmen eine gewichtige Rolle.)

      Der Belcanto war zum Zeitpunkt ihres Erscheinens auf den Opernbühnen eine veraltete, vielleicht auch schon fast vergessene Kunstform. Man sang zwar weiterhin die wesentlichen Partien des Repertoire, aber eigentlich immer aus der Sicht des Verismo. Damit meine ich v.a., dass die Verzierungspraxis des Belcanto, die gesamte formelhafte Sprache eigentlich vergessen bzw. nicht mehr beherrscht wurde. Verzierungen wurden eingeebnet oder gar nicht mehr gesungen. Und erst Callas mit ihrer 1949iger Aufnahme der Puritani-Arie setzte wieder ein Zeichen dafür, was verloren gegangen war.

      Armida 1952 beim Maggio Musicale Fiorentino war ein ähnliches Ereignis.

      youtube.com/watch?v=caYGRDIBAa0

      Oder der mittlere Verdi 1951 in Mexiko, wo sie, ebenso wie im Macbeth an der Scala zeigte, woher genau eigentlich die Musik Verdis kam.

      youtube.com/watch?v=cBGFmEJHmkA

      Ohne die klassische Belcanto-Ausbildung Elvira de Hidalgos in Athen wäre das natürlich nie möglich gewesen. Da trafen sich glücklicherweise eine Lehrerin, die noch um diese Kunst wusste und eine Schülerin, die die Aufnahmefähigkeit dafür besaß.

      Aber die Wiederbelebung des Belcanto ist ja nur ein Verdienst der Callas. Das hätte wohl auch nicht funktioniert, wenn sie nicht gleichzeitig eine Fähigkeit besessen hätte, über die eben nur sie verfügte. Die Callas war in der Lage, die Formeln des Belcanto, der ja sozusagen eine eigene Sprache darstellt, der eine Bedeutung für und ein Verständnis durch das damalige Publikums hatte, aber eben längst vergessen schien, eben diese Formeln nicht nur zu reaktivieren, sondern durch ihre gleichsam moderne Ausdrucksfähigkeit auch einem heutigen Publikum verständlich zu machen. Wenn Callas nur eine historische Verzierung gesungen hätte, dann wäre das schön, erstaunlich, vielleicht auch fremdartig gewesen. Den Sinn hätte man nicht verstanden. Der kam erst da zu, in dem sie sie eben mit den Leidenschaften, den Verzweiflungen, kurz mit den Emotionen eines modernen Menschen auflud. Und genau das macht wohl die Modernität der Callas aus. Sie war rückwärtsgewandt in ihrem Singen, aber sie war aktuell und modern, weil sie ein Medium war, die ein verflossenes Zeitalter wieder begreifbar machte. Wie nannte das die Bachmann? 'Man konnte plötzlich durchhören durch Jahrhunderte.' Die Callas nahm diese Brückenfunktion ein und rettete damit einen großen Teil unseres kulturellen Erbes, dabei ohne schlichtes Kopieren oder 'platte Aktualisierung' ;) . Sie schaffte es, in dem sie beide Formen mischte und den Hörer damit mitnahm auf eine Reise in die nun verständlich gewordene Vergangenheit.

      :wink: Wolfram
    • Ich halte ja wenige als nichts von den was-wäre-wenn Spielereien, aber die Diskussion über Maria Callas verführt mich jetzt doch dazu.
      Also konkret:
      Was wäre, wenn Maria Callas mit ihren stimmlichen Qualitäten heute leben würde und auf den Opernbühnen der Welt stünde. Und neben ihr gäbe es (wie damals zum Beispiel Renata Tebaldi) eine Sängerin namens Anna Netrebko (die ja heute als Superstar gehandelt wird und zumindest teilweise das Fach der Callas besingt). Welche der beiden würden, symbolisch gesprochen, von Paris den Apfel erhalten.
    • brunello schrieb:

      Was wäre, wenn Maria Callas mit ihren stimmlichen Qualitäten heute leben würde und auf den Opernbühnen der Welt stünde. Und neben ihr gäbe es (wie damals zum Beispiel Renata Tebaldi) eine Sängerin namens Anna Netrebko (die ja heute als Superstar gehandelt wird und zumindest teilweise das Fach der Callas besingt). Welche der beiden würden, symbolisch gesprochen, von Paris den Apfel erhalten.
      Eigentlich gar keine schlechte Frage. ^^

      Zunächst hätte die Callas vor der Abmagerungskur wohl gar keine Chance mehr, Medienstar zu werden. Aber nehmen wir die späte. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass sie einen schweren Stand gegen Netrebko (nehmen wir auch hier die schlankere Version) hätte, weil das Provozierende, das Herausfordernde, auch das in mehrfacher Hinsicht Scharfe weiterhin einem breiten Publikum nicht gefallen würde. Wie oben gesagt, Sessel oder Zehenspitzen. Und ich befürchte, die meisten Menschen bevorzugen den Sessel. :D

      Ihr Ruhm heute bei einem Großteil bei dem mehr opernfremden Publikums beruht wohl eher auf der Legende. Also so: 'Den Namen kennt jeder, da muss ja was dran sein.'

      Und nimmt man die Opernbesucher wäre zumindest ein heftiges Gerangel so wie damals Callas-Tebaldi denkbar. Auch hier wieder, was man erwartet, Sessel oder Zehenspitzen.

      Eindeutige Siegerin wäre sie wohl nicht, denn ich befürchte, dass wir nicht weiter als in den 50iger Jahren sind.

      :wink: Wolfram
    • Ich möchte noch einmal auf meinen Beitrag Nr. 12 eingehen.

      Callas und Belcanto und ihre Wirkung damit bedeutet natürlich auch, dass sie das das gesamte Opernrepertoire vielleicht nicht umgekrempelt, aber gerade um diese Opern der italienischen Romantik erweitert hat. Erst als man, nach der Puritani-Arie von 1949 und ihrem Armida-Auftritt von 1952, in Europa merkte (die Mexiko-Aufnahmen waren ja nicht verfügbar), welch ein Potential in diesen Komponisten steckte, war man bereit, auch andere Opern von ihnen aufzuführen. Und als dann noch die entsprechenden Interpretinnen für dieses Repertoire auftraten (Gencer, Sutherland, Caballé etc.) war der Siegeszug nicht mehr aufzuhalten.

      Es ist die Frage, ob ohne Callas diese gesamte Bellini-, Donizetti-, Rossini-Renaissance stattgefunden hätte, denn erst sie schaffte es, die Modernität dieser Werke wieder akustisch ins Bewusstsein zu rücken und sie für ein breites Publikum verständlich zu machen.

      Anders sieht es vielleicht im klassischen Bereich aus. Ich bin mir nicht sicher, inwieweit die beiden Gluck-Oper, die sie gesungen hat, das Interesse an ihm wieder geweckt hat oder ob das durch ein allgemeines Interesse an älteren Opern und an 'Ausgrabungen' geschah. Interessant in dem Zusammenhang ist die 'Medea' von Cherubini. Ohne Callas hätten sicherlich diverse große Sängerinnen sich an dieser Partie nicht versucht. Und trotzdem hat sie sich auf dem Spielplan seltsamerweise nicht so richtig durchsetzen können. (Von anderen Cherubini-Opern ganz zu schweigen.) Diese durchaus sperrige Partie verlangt wohl doch noch mehr als selbst Rysanek, Jones, Farrell, Borkh, Gorr, Olivero, Gencer, Sass, Caballé, Bumbry oder Verrett erbringen konnten. Genug angeboten wurde sie ja und mit durchweg herausragenden Sängerdarstellerinnen und trotzdem ist eine 'Medea' im Spielplan noch immer etwas Besonderes, während die Repertoireerweiterung bei Donizetti, Bellini und Rossini ziemlich selbstverständlich ist. Vielleicht schaffte nur die Callas bei der 'Medea' diese besondere Mischung aus vokaler Beherrschung der Partie und emotionaler und dramatischer Durchdringung ohne die diese Oper wohl nicht im Spielplan dauerhaft lebensfähig ist.

      :wink: Wolfram
    • Als Maria Callas in Wien 3x die "Lucia" sang, das war 1956 war ich dabei und mein Onkel nahm in der Staatsoper, als Toningenieur der RAVAG [heute ist das der ORF] alle drei Aufführungen auf und nicht nur der Name - Callas hat die Opernfreunde fasziniert, es war auch ihre Ausstrahlung - und das die "Lucia" Jahrzehnte lang nicht mehr in Wien am Programm war, nachher auch nicht.

      M. Callas war eigentlich ein scheuer und introvertierter Mensch und sie kam in das Kammerl rein, wo mein Onkel mit mir saß, hörte in die Aufnahmen rein, H.v. Karajan war dabei aber den kannte ich durch meine "Tätigkeit" und gab mir die Hand, nachdem ihr Karajan sagte wie gut ich sei - das konnte ich ja selbst nie beurteilen und meinte ich soll so weiter machen.

      Für mich strahlte sie etwas Besonderes aus, vielleicht weil sie auch spielte und nicht nur sang und sie sagte zu Karajan sie würde in Wien auch weiter singen aber für die Abendgage von 3.000,-- Schilling [das war damals eine enorme Summe] und Karajan lehnte das ab.

      Doch ihre Art und Weise zu singen war, bis heute, einzigartig. Das beweisen auch spätere Aufnahmen auf LPs mit ihr. Das sie jeden Abend bewies das Beste zu geben und auch die eigentlich nicht allzu lange Karriere später, aber unvergessen bleibt sie mir trotzdem. Der "Opern-Freunde-Streit" welche besser wäre, die Callas oder die Tebaldi ist legendär, aber dieser war ein Vorteil für Beide, denn man wollte Beide hören, wobei ich selber noch mit Renata Tebaldi an der Staatsoper sang, na ja spielte. Und so kam die Schallplatten- Industrie in den Vorteil, beide zu verkaufen.

      :wink:
    • oper337 schrieb:

      Als Maria Callas in Wien 3x die "Lucia" sang, das war 1956 war ich dabei und mein Onkel nahm in der Staatsoper, als Toningenieur der RAVAG [heute ist das der ORF] alle drei Aufführungen auf
      Lieber Peter, das ist wirklich toll, was du erzählen kannst. Über meine 'Neidanfälle' habe ich ja schon mal an einem anderen Ort geschrieben. ;)

      Hast du eine Ahnung, was mit den Aufnahmen passiert ist, denn veröffentlicht wurden sie ja nie?

      :wink: Wolfram
    • Lieber Wolfram. :verbeugung2: :verbeugung2:

      Ja ich habe eine Ahnung, wenn die auch keine Gute ist, die wurden, nicht von meinem Onkel, miserabel zusammen geschnitten und kamen so nie in den Handel.
      Maria Callas hat die besten Szenen auf LP haben wollen und die verteilten sich auf die drei Vorstellungen und Aufnahmen, ich selbst habe sie ein einziges Mal, bei meinem Onkel in der RAVAG gehört, und es war wirklich schlecht, es wurde ein Geschnipsel draus und war wirklich nicht mehr hörenswert. :heul1:
      Leider, es wurde zwar bemüht etwas draus zu machen aber es wurde eben nichts draus.

      Liebe Grüße von Peter / Streiferl. :wink: :wink:
    • Wolfram schrieb:

      Es ist die Frage, ob ohne Callas diese gesamte Bellini-, Donizetti-, Rossini-Renaissance stattgefunden hätte, denn erst sie schaffte es, die Modernität dieser Werke wieder akustisch ins Bewusstsein zu rücken und sie für ein breites Publikum verständlich zu machen.
      Ach geh'! Schon sehr hypothetisch, die Frage. Es gibt ja auch noch andere, die sehr erfolgreich mit Schwerpunkt auf Mayr-Rossini-Donizetti-Bellini et alias gesungen haben - davor und danach. Gruberova. Moffo. Horne. Sills. Sutherland. Tetrazzini. Anderson. Caballé. Lehmann. Patti. Melba. Ponselle. Da gibt es schon eine ununterbrochene Aufführungstradition. "Casta Diva" ist ein Publikums-Reißer seit fast 180 Jahren...
      Allenfalls Rossini - ok. Aber da setzt die "Rossini (!)-Renaissance" auch schon deutlich vor Callas ein. Als die Fondazione Rossini gegründet wurde, war sie gerade 17...
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)