BACH, Johann Sebastian: Clavierübung Teil I/ Opus 1/ Die sechs Partiten für Cembalo

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    • BACH, Johann Sebastian: Clavierübung Teil I/ Opus 1/ Die sechs Partiten für Cembalo

      Die Partiten für Cembalo, welche Bach als sein Opus 1 bzw. als Clavierübung, Teil I gesammelt publizierte, entstanden wohl zwischen 1726 und 1731 und somit später als die anderen Suitenzyklen. Die Bedeutung, die Bach diesem Zyklus zuschrieb - schließlich war es im wenig zarten Alter von 46 Jahren seine erste Veröffentlichung mit Opuszahl - wurde sogleich von der fachkundigen Kollegenschaft geteilt. Es war klar, dass hier etwas Gewaltiges und Exemplarisches entstanden war. Tatsächlich dürfte der Reichtum und die Bandbreite dieser sechs Tanzsuiten jene der vorherigen Zyklen übertreffen. Obgleich alle sechs Werke dieser Sammlung in höchstem Ansehen stehen, war es früher vor allem die erste Partita mit ihrer blanken Schönheit und ihrem Schwung, die Eingang ins Konzertrepertoire fand, damals noch auf dem Klavier vorgetragen. Seit dem Siegeszug der historischen Aufführungspraxis und des Cembalos kann man die Partiten natürlich in zahllosen Aufführungen und Aufnahmen hören und bewundern.


      Die sechs Werke:

      I: B-Dur (BWV 825) - Praeludium, Allemande, Corrente, Sarabande, Menuett I/ II, Gigue

      II: c-Moll (BWV 826) - Sinfonia, Allemande, Courante, Sarabande, Rondeau, Capriccio

      III: a-Moll (BWV 827) - Fantasia, Allemande, Corrente, Sarabande, Burlesca, Scherzo, Gigue

      IV: D-Dur (BWV 828) - Ouverture, Allemande, Courante, Aria, Sarabande, Menuett, Gigue

      V:G-Dur (BWV 829) – Praeambulum, Allemande, Corrente, Sarabande, Tempo di Menuetto, Passepied, Gigue

      VI: e-Moll (BWV 830) – Toccata, Allemande, Corrente, Air, Sarabande, Tempo di Gavotta, Gigue



      Man sieht gleich, dass die Vielfalt an Tänzen hier deutlich größer ist als bei den Französischen und Englischen Suiten. Die Zahl der Sätze beläuft sich zudem meistens auf 7 (in den Partiten 3-6). Allen Partiten gemeinsam ist, dass einem Prélude (mit unterschiedlichen Bezeichnungen) eine Allemande und eine Sarabande folgen. Die Gigue ist nur in der zweiten Partita durch ein Capriccio ersetzt.


      Meiner bescheidenen Meinung nach ragen unter den sechs Meisterwerken die 4. und die 6. Suite noch einmal deutlich hervor (die 5. nimmt sich beinahe zwergenhaft dagegen aus). Die Allemande und die Sarabande aus der 4. Partita scheinen in ihrer Gelassenheit und Ruhe aus einer anderen Welt zu kommen. Die „himmlischen Längen“ Schuberts kommen da in den Sinn. Die 6. Partita ist hingegen geradezu der Gegenentwurf in ihrer diabolischen Schärfe, rhythmischen Vertracktheit und abweisenden Motivik. Besseres hat Bach für mich nicht geschrieben - und nur wenig anderes, das genauso imponiert (etwa die Ciacona aus der 2. Partita für Violine).



      Aufnahmen dieser Gipfelwerke gibt es natürlich wie Sand am Meer. Die eine, die mich zurzeit absolut begeistert und welche ich fast ausschließlich höre, ist jene von Francesco Corti. Unglaublich, welche Intensität er diesen Werken verleiht. In der Tempowahl kommt er oft zu ungewöhnlichen Ergebnissen, die für mich aber völlig schlüssig klingen.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Hallo,

      danke auch von mir für diese Einführung! Die Partitas sind hier willkommene Abwechslung zu Goldberg und KdF.
      Mir reichen bisher diese beiden Einspielungen, von Angela Hewitt und Zhu Xiao-Mei, bin aber für weitere Empfelungen offen :)
      Schöne Grüße, Helli


      Immer cool bleiben.
    • Vielen Dank auch von mir für diese Handreichung zur Beschäftigung mit den Partiten. Neben der genannten Hewitt-Aufnahme liegen mit die folgen Einspielungen vor:

      Wolfgang Rübsam


      Ivo Janssen



      Murray Perahia


      Letztere Aufnahme gefällt mir wegen ihrer enormen Klangschönheit bislang am besten.
    • Fein, die wollte ich auch schon haben, bin aber nach Erwerb der Corti-Aufnahme nicht sicher, ob ich zurzeit wirklich eine weitere Aufnahme auf dem Cembalo brauche. Ich habe ohnehin auch die von Pieter-Jan Belder und Scott Ross. Am Klavier habe ich Gould, András Schiff und Irma Issakadze. Hewitts Aufnahme kenne ich gut.

      Ein dringendes Desiderat wäre eine Aufnahme von Blandine Rannou. Leider hält sie sich in den letzten Jahren mit Aufnahmen sehr zurück... :(
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Die Partiten sind zusammen mit einigem aus dem WTK vermutlich meine liebsten instrumentalen Bach-Werke überhaupt, wobei ich 3 und 5 allerdings etwas weniger schätze und inzwischen einige der Englischen Suiten über diese beiden stellen würde. Als Sammlung sind sie aber viel freier und abwechslungsreicher (als die Englischen oder Clavierübung 2 und 4) und das liegt natürlich auch an der stellenweise sehr "modern-galanten" 5. (wobei die eine Fuge als Gigue hat) und der leicht skurrilen 3. Suite. Meine Favoriten sind die geradzahligen, mein favorisierter Einzelsatz die Toccata aus der letzten, allerdings ist mir die letzte außer den Ecksätzen nicht so nah wie die 2. (die fetzigste) und 4. (mit den vielleicht besten "langsamen" Sätzen Allemande und Sarabande und natürlich auch einer tollen Ouverture und Gigue.)

      Goulds Aufnahme war meine erste der Werke und ist immer noch ein großer Favorit. Es ist m.E. eine seiner besten Aufnahmen überhaupt (mir fällt spontan keine ein, die ich besser fände). Ein kleiner Wermutstropfen ist, dass die beiden letzten noch in Mono aufgenommen wurden und in der "weißen" Ausgabe man Stereotakes der jeweils ersten und letzten Sätze gefunden hat, was durch den Wechsel mitten im Stück etwas nervt. (Wobei ich mir allein deswegen nicht die alte rein-mono-Ausgabe zulegen werde...)

      Vor einigen Monaten habe ich mal ein paar meiner Aufnahmen gehört: Craig Sheppard, Pjotr Anderszewski (1,3,6 (es gibt #2 auch noch auf einem Konzertmitschnitt, die habe ich aber nicht gehört)), Rübsam (5+6), Joao Carlos Martins. (Goulds 5+6 noch hors concours zur Auffrischung.)
      Sheppard bietet eine geradlinige, insgesamt sehr gute Interpretation, vielleicht fast ein bißchen unpersönlich, hat mir aber durchaus zugesagt. Auch guter Klang (live).
      Ich meine, Anderszewskis hätte ich höher geschätzt, als ich die CD vor 8 Jahren oder so? neu hatte. Den fand ich diesmal häufig manieriert bis nervig. Die langsameren Rahmenteile der Toccata waren mir viel zu schnell (selbst den fugierten Teil bevorzuge ich eher gemessen) und auch sonst gab es viele Eigenheiten, u.a. in der #1 (die mir sonst am besten gefallen hat) einen Registerwechsel im Menuett, der den Abschnitt wie ein Spieluhr klingen ließ.
      Rübsam und Martins sind noch exzentrischer, besonders letzterer hat mich aber wieder einmal sehr fasziniert. Tempi zwischen sehr langsam (Ecksätze der e-moll) und rasant (das Praeambulum der 5.), vielen vermutlich zu verrückt, mir manchmal auch, aber doch so, dass ich es ab und zu gerne höre. Und die monumental zelebrierte Toccata begeistert mich einfach. Rübsam ist langsam bis verschleppt, v.a. aber mit eigentümlichem Rubato, da bin ich mir noch nicht so sicher, was ich davon halten soll. Wiederum fand ich aber einiges faszinierend.

      Habe es damals dabei belassen, da mich solche Vergleiche irgendwann zu nerven beginnen. Ich hätte auf dem Klavier außer Gould noch Tipo (sehr "romantisch"), Marcelle Meyer (1-3+6, wenn ich recht erinnere) und noch einige einzelne (Bunin in der B-Dur, Argerich, Sokolov, Anderszewski in der c-moll) und Weissenberg als Download bzw. bei Amazon. Letztere habe ich neulich mal teilweise nebenher gehört und fand die a-moll sehr gehetzt.

      Auf dem Cembalo: Walcha (EMI/warner), Ross (Teldec/warner), Mortensen (Dacapo) und einige mit Jaccottet (Intercord). Die habe ich allerdings alle länger nicht gehört. (Cembalisten sind mir meistens zu schnell in der Toccata :versteck1: )
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Eben nachgesehen: Scott Ross ist in der Toccata relativ langsam (7:38) und somit fast eine halbe Minute langsamer als András Schiff mit 7:12.
      Aber natürlich: Glenn Gould holt da mit seinen 9:45 unglaublich viel raus. Ich stimme jedenfalls zu, dass diese Interpretation der Toccata zum Allerbesten gehört, was Gould an Bach eingespielt hat.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Nabend,

      stimmt ja, den Scott Ross habe ich ja auch mit seiner Nähmaschine :thumbup: . Muss ich gleich mal auflegen.

      EDIT: Das ist schon phänomenal, wie er das spielt, und das Cembalo klingt mir auch angenehm, sogar über Kopfhörer. :spock1:
      Schöne Grüße, Helli


      Immer cool bleiben.
    • Oben hast du Gould gelobt. Auch kein Musterbeispiel pianistischer Haltung.

      Ich habe übrigens anlässlich dieses Threads das erste Stück mit Schiff, Perahia und Blechnapf (kann mir nie merken, wie der heißt) gehört. Alle sehr gut, alle interessant zu hören. Auch ein Zeichen für gute Musik, dass sie unterschiedliche Ansätze verträgt.

      Edit: Habe nachgesehen: Blechacz, Rafał. Ehre, wem Ehre gebührt.
    • Felix Meritis schrieb:

      Der Arme sitzt vor dem Kästchen ja fast wie Schroeder von den Peanuts vor seinem Spielzeugklavier! Na gut, hören wird man das wohl kaum...
      na ja, etwas pedantisch-einförmig (Taktbetonungen) hört sich da für mich schon an.
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      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • zabki schrieb:

      Felix Meritis schrieb:

      Der Arme sitzt vor dem Kästchen ja fast wie Schroeder von den Peanuts vor seinem Spielzeugklavier! Na gut, hören wird man das wohl kaum...
      na ja, etwas pedantisch-einförmig (Taktbetonungen) hört sich da für mich schon an.
      Kann ich nachvollziehen. Habe nun einmal nur die Sinfonia der c-Moll Partita angehört, aber das war schon sehr starr. Das Instrument klingt aber schön.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.