Nationaltheater München, Erich Wolfgang Korngold, Die Tote Stadt op. 12, Regie Simon Stone, ML Kirill Petrenko

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    • Nationaltheater München, Erich Wolfgang Korngold, Die Tote Stadt op. 12, Regie Simon Stone, ML Kirill Petrenko

      Hallo zusammen,

      gestern Abend war ich in der dritten Aufführung der Neuinszenierung zu Korngolds größtem Opern- Erfolg:

      Musikalische Leitung Kirill Petrenko
      Inszenierung Simon Stone
      Mitarbeit Regie Maria-Magdalena Kwaschik
      Bühne Ralph Myers
      Kostüme Mel Page
      Licht Roland Edrich
      Chöre Stellario Fagone
      Dramaturgie Lukas Leipfinger

      Paul Jonas Kaufmann
      Marietta/Die Erscheinung Mariens Marlis Petersen
      Frank/Fritz Andrzej Filonczyk
      Brigitta Jennifer Johnston
      Juliette Mirjam Mesak
      Lucienne Corinna Scheurle
      Gaston/Victorin Manuel Günther
      Graf Albert Dean Power
      Kinderchor Kinderchor der Bayerischen Staatsoper
      Bayerisches Staatsorchester
      Chor der Bayerischen Staatsoper

      Im Programmbuch war ein ausführlicher Artikel abgedruckt, aus dem hervorvorgeht, dass München neben Wien einer der Orte war, an dem EW Korngold schon früh große Erfolge feiern konnte. Aber schon angesichts der München-Premiere der Toten Stadt im Jahr 1922 gab es deutliche Zeichen der Ablehnung durch anwesende Nazis. Immerhin zeigte Hans Knappertsbusch, der Dirigent der damaligen Aufführung, seine Verbundenheit so deutlich, dass sich Korngold noch Jahre später dankbar dafür zeigte.

      Eine Aufführungsserie 1955 war kein großer Erfolg, seitdem gab es keinen szenischen Korngold am großen Hause der bayerischen Landeshauptstadt. Angeblich war eine Inszenierung des Stücks durch einen anderen Regisseur geplant, die dann aber relativ kurzfristig abgesagt worden ist. Deswegen übernahm man nun die vor wenigen Jahren für Basel entworfene Inszenierung von Simon Stone. Die mich außerordentlich überzeugt hat: Natürlich war es keine reine Bebilderung des Librettos, sondern eine Adaption in moderne Bildwelten: die Laute beispielsweise, mit der Marietta das berühmteste Lied der Oper in der zweiten Hälfte des ersten Akts anstimmt, war ein Karaokemikrophon. Es gab kein großes Bild der Verstorbenen, sondern ganze Bildwände voller Polaroids. Ich kann damit sehr gut leben.

      Aber abgesehen davon, ließ sich die Inszenierung sehr genau auf die Konfrontation der drei Welten des Opernkosmos 'Tote Stadt' ein: das Marietta-Museum weltabgewandt-vergangenheitsbezogen im ersten Akt, die lustvolle-erotische Welt Mariettas im zweiten und die Glaubenswelt im dritten Akt. Viele Figuren wurden gedoppelt, beispielsweise war der gesamte Chor nur in Marie-Kleidern und Paul-Anzügen gewandet, es gab viele Ebenbilder der (hier eindeutig als Krebstote definierten) Marie, die den Gruselaspekt im zweiten und dritten Akt bebilderten. In meinen Augen waren sowohl diese eher statischen Gegenüberstellungen von Pauls (Kopf-)Welt als auch die sehr handgreiflichen Szenen großartig ausinszeniert und gespielt.

      Alle kleinen Rollen waren mit jungen Ensemblemitgliedern besetzt, die ihre Sache sehr gut machten, aber im Rahmen des Stücks farblos bleiben mussten. Größere Partien haben neben den beiden Hauptrollen sowieso nur die Baritonrolle Frank/Fritz und Brigitta. Ich war mit beiden Sängern sehr zufrieden, die meisten Besprechungen der Premiere sprachen beiden Sängern noch besondere Fähigkeiten ab, in der Aufführung gestern war das gestalterisch-interpretatorisch sehr überzeugend.

      Ich hatte gestern zum ersten Mal das Vergnügen, Jonas Kaufmann live zu erleben. So manches Mal war ich bei Radio-Übertragungen nicht recht überzeugt, ob der Hype um diesen gutaussehenden Sänger mit seinen gesanglichen Fähigkeiten zu tun hat. Aber gestern hatte ich keine Zweifel: eine unglaublich überzeugte und überzeugende, geradezu zwingende Darstellung dieser von (Alb-)Träumen geprägten Figur: die Qual der Figur, die angebetete Frau zwischen (von ihm dazu erklärten) Heiliger - Marie - und Lebenslust - Marietta - auseinanderdriften zu sehen, war sehr gut nachzuvollziehen. Sängerisch konnte ich keine der bekannten Defizite (zu gaumiger Klang, gequetschte Höhen) hören: ich bin begeistert.

      Marlis Petersen ist momentan absolut atemberaubend in der Vielfältigkeit des sängerisch Dargebotenen: ich habe sie mit Petrenko dieses Jahr als Sopransolistin in der Beethoven'schen Missa Solemnis und vor wenigen Wochen in der Titelrolle der Strauss'schen Salome erlebt: ich denke, es gibt wenige Sängerinnen, die diese Rollen sängerisch wie schauspielerisch SOO unterschiedlich anzulegen in der Lage sind. Jeden Moment war zu erkennen, ob sie die vor Lebenslust berstende Marietta oder die sieche Marie sang: großes sängerisches Glück.

      Kirill Petrenko und das BayStOr waren einfach perfekt: ich habe in den letzten Wochen mit einigen Freunden über die wunderbar überschwängliche Musik, das aus allen Nähten Platzende, Jugendlich-Emphatische der Partitur geprochen. Mein Eindruck war, dass sich Petrenko von dieser Musik zu einem Überschwang hat anregen lassen, die ich noch nicht bei ihm erlebt habe: phasenweise wirkte er im zweiten Akt wie Rumpelstilzchen auf Ecstasy: das Orchester folgte ihm und hat gezaubert wie eigentlich noch nie sonst. Eine so begeisternde Aufführung habe ich noch nicht unter Petrenkos Leitung erlebt. Ein Traum! Großer Jubel in einer Dienstags-Vorstellung.

      Wow!

      Gruß Benno
      Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)
    • Auch die New York Times war ähnlich begeistert wie ich und es ist von einer DVD-Aufzeichnung die Rede:

      nytimes.com/2020/01/03/arts/music/die-tote-stadt-munich.html

      Und die von mir gehörte Begeisterung Petrenkos für das Stück wird durch Zitate untermauert.

      Gruß Benno
      Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)