Giacomo Puccini: Tosca (1900)

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    • Giacomo Puccini: Tosca (1900)

      Ich fand nur einen Thread zum Vergleichen von Aufnahmen, weder zur Komposition an sich noch zum Komponisten an sich.
      PUCCINI: Tosca – Kommentierte Diskographie
      :spock1:
      Macht nichts. Schließlich gibt es ja z.B. auch wikipedia, dort gibt es einen schönen Tosca-Artikel. Darin geht es um Handlung, Entstehungsgeschichte, sogar um Inszenierungsgepflogenheiten. Irgendwo unten gibt es die Überschrift "Musik". Da kommt dann die Orchesterbesetzung und noch eine Liste der "Nummern", in denen je Akt eine Arie fett hervorgehoben ist. Also genau genommen die ersten paar Wörter, die gesungen werden. So viel zur Musik.
      :spock1:
      Vielleicht gibt es ja irgendwo im Forum auch ein paar Bemerkungen zur Komposition, die wird man aber wie die Nadel im Heuhaufen suchen müssen, weil es sonst nur um die Sänger geht, wie sie denn die jeweilge Rolle verkörpern.

      Geschliffenen Einführungsbeitrag schreibe ich keinen. Puccini ist ein Sentimentaler, dem es gelungen ist, der "veristischen" und brutalen Tosca-Handlung seinen Lyrizismus aufzuprägen und dennoch dramatische Spannung und detaillierte musikalische Textausdeutung in eine Oper aus einem Guss zusammenzuführen, wobei seine Arbeitsweise mit immer wiederkehrenden Elementen (Leitmotiven), die im Tonhöhenverlauf gleich bleiben aber sonst varriiert werden, mit raffinierter Orchestrierung und "fortgeschrittener" Harmonik (fast) immer im Dienste der emotionalen Singstimme eingesetzt wird.

      Wie hört man das an? Als Soundtrack zur Handlung, weshalb dann auch niemand über die Komposition schreibt? Andernorts meinte jemand, Harmonielehre sei für Musikliebhaber sinnlos, was ja besonders für so etwas auf den Effekt Getrimmtes wie Tosca stimmen müsste. Ich finde nicht. Gerade dort, wo es auch einmal sehr einfach zugeht, lohnt es sich doch, ein wenig zu analysieren.
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • ks4.imslp.info/files/imglnks/u…-_Act_II_(full_score).pdf

      Offenbar ist "Vissi d'arte" die bekannteste Arie aus Tosca. Sie ist in mehrfacher Weise typisch für Puccini: (51) Fragil, reduziert beginnend, nur mit Streichern begleitet, die z.T. überhaupt nur parallel geführt die Stimme mit einem dünnen Orchesterschmelz versetzen. (52) Dann viele Tonrepetitionen in der Stimme, während das Orchester sich melodisch "freispielt". In der Stimme schrittweises Aufsteigen über längere Dauern, große Sprünge als emotionaler Höhepunkt, zu dem das Orchester schon weit farbiger gesetzt ist.

      Nachdem der dramaturgische Aufbau klar ist, lohnt es sich, ins Detail zu gehen. (51) ist in es-moll, (52) in Es-Dur. (51) gegliedert in a a' b - a' c, wobei c ein kleines b-Schwänzchen hat. a ist ein absteigendes 4-Tonmotiv, das durch parallelgeführte Sextakkorde verzuckert wird, quasi nur "Farbe". Am Ende von b eine Kadenz als Halbschluss. Raffiniert, wie sich der Bass als Gegenstimme in das Parallel-Gewebe einschmiegt, denn im ersten Takt seines Hinzutretens bleiben die oberen Streicher streng parallel zur Singstimme. Die Streicher wandeln sich also ohne Schnitt von einer Art Registrierung der Singstimme zur kadenzierenden Harmonik. Diese wiederum fängt den "kühnen" Anfang mit großer Weiche auf: die absteigenden Linien implizieren eine Betonung je zu Beginn, bei a' ist das durch Akzent unterstrichen, bei b durch einen Septakkord (bedingt durch die Hinzufügung des Basses), der aber via IV7-V-VI-II-V sehr traditionell und zielgerichtet abschließt. Ein Blick zurück auf den Anfang lässt die Frage aufkommen, ob die Viertongruppe ein "Einfall" war oder konstruktive Funktion hat: Durch die parallelen Sextakkorde entsteht die Stufenfolge I-VII-V-IV: Das ist schon sehr sinnvoll, wenn die Streicher nicht nur Farbe sind, sondern auch ein wenige die Tonart umreißen sollen.

      In der variierten Wiederholung, also bei a' c gibt es einen Aufschwung, der selbstverständlich emotionale Steigerung ist. Die Streicher verbleiben länger im Zuckergussmodus, was nichts macht, da die Tonart schon ausreichend befestigt wurde. Lediglich die letzten beiden Akkorde von b werden am Schluss nochmal drangeklebt, damit man nicht ganz verlorengeht. Eigentlich eine Art Wechselspiel von Montage und Verschmelzung, das an dieser Stelle etwas Richtung Montage ausschlägt, weshalb man dann schnell noch einen Farbwechsel durch Umwandlung des letzten Basstons ins pizz. setzt, bevor die Sache ins Dur umschlägt.

      Ich hoffe, dass ich die paar Takte künftig mit noch mehr Genuss hören werde.
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • putto schrieb:

      Da kommt dann die Orchesterbesetzung und noch eine Liste der "Nummern", in denen je Akt eine Arie fett hervorgehoben ist. Also genau genommen die ersten paar Wörter, die gesungen werden. So viel zur Musik.
      naja - um zu wissen, was in Wiki steht, müsste man auch noch die anderen Sprachen lesen... ;)
      z.B. da:
      en.wikipedia.org/wiki/Tosca
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)