Ernst Krenek: Reisebuch aus den österreichischen Alpen, op. 62

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    • Ernst Krenek: Reisebuch aus den österreichischen Alpen, op. 62

      Heute möchte ich meinen Lieblings-Liederzyklus vorstellen. Es handelt sich um das Reisebuch aus den österreichischen Alpen, das Ernst Krenek (Křenek) im Jahre 1929 gleichzeitig gedichtet und vertont hat.
      Es handelt sich um keinen Österreich-Kitsch, sondern um eine kritische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Situation Österreichs in den späten 1920er-Jahren.

      Krenek unternahm im Mai 1929 eine dreiwöchige Reise durch Österreich, die ihn dazu inspierierte, gleich im Anschluss die Eindrücke dieser Reise niederzuschreiben und zu vertonen. Krenek befand sich damals in seiner kurzen romantisch-tonalen Schaffensperiode unter dem Einfluss Franz Schuberts - gleichwohl ist das Reisebuch eindeutig in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden: "Auf und ab" ist zum Beispiel atonal komponiert, und im Epilog verwendet Krenek erstmals eine Zwölftonreihe (das hat auch eine tiefere Bedeutung: Im Epilog hat Krenek nach Hause (nach Wien) gefunden - gleichzeitig aber auch zu sich selbst, nämlich zu seinem künftigen Komponierstil).
      Die wenigsten Lieder gehören einer durchgehenden Tonart an (als gutes Beispiel dafür dient das erste Lied "Motiv" mit seiner eindeutigen Dreiteilung: der erste und dritte Teil gehören zusammen), sozusagen ergibt sich auch ein Reisebuch durch verschiedene Tonarten und Musik-Stile.

      Krenek war damals knapp 29 Jahre alt und erweist sich als scharfsinniger und kritischer Beobachter seines Heimatlandes. Krenek bezeichnete die Texte als nachdenkliche, manchmal etwas sentimentale oder leicht satirische Vignetten, durchtränkt von Wehmut über das, was 1918 verloren gegangen war, und von einiger Furcht erfüllt vor den noch unbekannten, aber schon geahnten Katastrophen, die vor der Tür standen.

      Die Lieder im einzelnen:
      1. Motiv - Ich reise aus, meine Heimat zu entdecken (Abreise aus Wien)
      2. Verkehr - Mit der Bergbahn geht's elektrisch immer höher, immer höher (Mariazellerbahn, später Busfahrt über den Katschberg)
      3. Kloster in den Alpen - Riesengroß liegt das Kloster da im Tal, unverrückt und nicht berührt vom Strom der Zeit (Admont)
      4. Wetter - Unverbindlich ist das Wetter in den Alpen, nicht bequem und nicht dem Wunsch des Reisenden entgegenkommend
      5. Traurige Stunde - Nicht jeder Reisetag ist schön und festlich, manchmal überfällt mich Bangen
      6. Friedhof im Gebirgsdorf - Selbst die Toten in dem kleinen Kirchhof müssen noch bergabwärts liegen (Hallstatt)
      7. Regentag - Es gibt Regentage, die sehr schön sind
      8. Unser Wein (Franz Schubert gewidmet) - Von Süd und Ost belagert stürmisch uns're Alpen unser Wein
      9. Rückblick - Was hab' ich bisher jetzt nun gefunden? Inn're Ruh hat sich nicht eingestellt
      10. Auf und ab - Auf und ab rennen wie die Narren die Menschen den Sommer über auf und ab in diesen Alpen
      11. Alpenbewohner (Folkloristisches Potpourri) - Die Alpen werden von wilden Nomaden bewohnt (Glocknerhaus)
      12. Politik - Ihr Brüder, hört ein ernstes Wort!
      13. Gewitter - Plötzlich wird es schwarz zwischen den weißen Gipfeln (Heiligenblut)
      14. Heimweh - Manchmal, in all dem Großen, gewaltig Schönen empfind ich Heimweh nach meiner Stadt
      15. Heißer Tag am See - Hier ist alles weich und südlich, und die Sonne scheint mit ungewohnter Glut (Milstättersee)
      16. Kleine Stadt in den südlichen Alpen - Schmale Gassen, tief und dunkel, zwischen hohen Häusern steil und weiß (Lienz)
      17. Ausblick nach Süden - Und über den Bergen liegt Welschland
      18. Entscheidung - Die Sehnsucht wird immer weiter bohen, denn wir lieben das! "Sehnsucht wonach?"
      19. Heimkehr - So trägt der schnelle Zug mich wieder heimwärts, die Reise ist zu End (Bahnfahrt zurück nach Wien)
      20. Epilog - Am Tag nach meiner Heimkehr geh ich durch das Weindorf im Osten der Stadt (Stammersdorf).
      Der komplette Text findet sich zum Beispiel hier.

      Ich halte den Text (und die Musik natürlich genauso!) für grandios, Krenek hat deutlich und auch zwischen den Zeilen viel Relevantes gesagt, gleichzeitig jedoch überzogen von einer sichtbaren tief empfundenen Liebe zu seinem Heimatland, aus dem er 10 Jahre später auf der Flucht vor den Nationalsozialisten emigrieren musste.

      Bemerkenswert finde ich zum Beispiel, wie Krenek im Jahre 1929 den Zusammenbruch der Donaumonarchie und die damals drohende Gefahr beurteilt hat (Ausschnitte aus dem Lied Nr. 12: "Politik):
      Wir waren auserseh’n, Hirten zu sein für die vielen Völker
      des Ostens und Südens, die mit uns vereint waren.
      Wir haben die Aufgabe nicht erfüllt,
      die Prüfung nicht bestanden, von schlechten Lehrern schlecht vorbereitet.
      Die Strafe war fürchterlich. Oder habt ihr das vergessen?
      [...]
      Ihr Brüder, schickt den blutigen Hanswurst endlich heim,
      beendet die Todesmaskerade, denn es ist genug jetzt!
      Oder es kommt noch schlimmer, und wir werden untergehen.
      Blickt hin gegen Westen, wo ein freies Volk auf freien Bergen wohnt,
      und lernt von ihm, wenn es auch spät ist, bald ist es allzu spät!
      Brüder, hört, es ist die höchste Zeit!

      Stellvertretend für alle anderen Lieder möchte ich den Text des Liedes Nr. 10 ("Auf und ab") zitieren, der zweifellos nach wie vor Akualität besitzt...
      Auf und ab wie die Narren rennen die Menschen,
      den Sommer über auf und ab in diesen Alpen,
      als ob ein alter Fluch sie hetzte,
      als ob man Platzpatronen hinter ihnen anbrennte.
      Ungeduldig und beflissen nach den dürren Weisungen der Reisebücher,
      Alpenführer, Fahrpläne und Prospekte
      laufen sie herum, die einen hin, die andern her,
      mehr leidend als genießend, und versichern:
      »Ach wie schön! Ach wie schön!«
      photographieren sich und dahinter auch wohl einen Berg
      und sehen nichts, weil sie Ansichtskarten schreiben müssen.
      Ein Geist der Menschenfeindschaft wächst riesig unter ihnen auf,
      denn jeder, dem man begegnet, ist ein böser Konkurrent
      für Autoplätze, Gasthaustische, bessres Essen,
      Aussichtspunkte, Nachtquartier und alles übrige.
      Die Sinnlosigkeit der Mühe steht auf den verdrossenen Gesichtern,
      doch die weiß Gott von welchem Dämon
      verhängte Pflicht wird stumpfsinnig erfüllt.
      Gelangweilt verhüllen die großen alten Berge ihre Häupter,
      wenn der Pöbel ihnen auf die Füße tritt.

      Aufführungen sind VIEL ZU SELTEN - ich habe den Zyklus 2014 mit Alexander Kaimbacher (Linz, Tabakfabrik), 2016 mit Florian Boesch (Wien, Konzerthaus) und 2019 mit Rainer Trost (Wien, MuTh) gehört.

      Der Zyklus ist singbar, leicht sind zum Beispiel "Kloster in den Alpen" und "Unser Wein" (da darf man dann selbst entscheiden, inwieweit man in den Dialekt fällt, am besten nicht zu sehr und nicht zu wenig, denn dieses Lied ist ja eine Art Hommage an das klassische Wiener Lied), wohingegen beispielsweise "Friedhof im Gebirgsdorf" stimmlich ziemlich aufreibt, davon lass' ich lieber die Finger. Zu beachten ist, dass man zum Lernen mehr Hirn braucht als für ein durchschnittliches Schubert-Lied, denn man muss mehr Mühe als sonst ins Lernen der richtigen Töne investieren: Bei z.B. "Verkehr" oder "Auf und ab" kostet es etwas Aufwand, bis man die Töne intus hat.

      Während es von anderen Liederzyklen Unmengen an Aufnahmen gibt, kenne ich lediglich vier Reisebuch-Aufnahmen:

      Die einzige Aufnahme, die ich bedenkenlos empfehlen kann, ist diejenige von Wolfgang Holzmair und Gérard Wyss (1995?). Holzmair ist Bariton, singt aber in der Tenor-Originaltonart und macht alles so, wie es sein soll!

      Gibt es vollständig auf Youtube: Holzmair 1 = Holzmair 2

      Die sogenannte Referenzaufnahme ist die von Julius Patzak und Heinrich Schmidt (1950er-Jahre). Gut, aber lange nicht so gut wie Holzmair

      Gibt es vollständig auf Youtube: Patzak

      Als einigermaßen brauchbar, aber dennoch verzichtbar erweist sich die Aufnahme von Heinz Zednik und Konrad Leitner (1999)

      Gibt es vollständig auf Youtube: Zednik

      Und zur Aufnahme von Florian Boesch und Roger Vignoles (2016) kann man nur dringend raten: "Hände weg!". Boesch mag ich normalerweise sehr, beim Reisenbuch versagt er komplett (Was soll das komische und schlamperte Säuseln? So was Unnötiges, außerdem eine kleine Terz nach unten transponiert, wodurch es nicht mehr passt). Einfach entsetzlich und vollkommen unnötig!

      Davon gibt es einen kurze Ausschnitte auf Youtube: Boesch.


      Ich würde mich sehr freuen, wenn ich jemanden neugierig gemacht habe, dieses Werk kennenzulernen. Es lohnt sich wirklich!
      Über jede Art von Anmerkungen und Ergänzungen würde ich mich SEHR freuen.
    • Da hast Du ja eine richtig schöne Einführung zu wenig bekannter Musik verbrochen, Meister Sadko!

      Ich glaube, das bestelle ich mir. Danke auch für die klare Empfehlung einer ganz bestimmten Einspielung, die man gebraucht ja recht günstig erwerben kann.

      Viel Krenek besitze ich nicht und auch nur Orchestermusik. Der Komponist ist aber nicht nur alt geworden, sondern hat seinen Stil wohl immer wieder gewandelt. Ich sollte mich mehr mit ihm befassen.

      Schönen Gruß,

      Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Lieber Wolfgang!
      Ich freue mich, dass Du meine Einführung offenbar gerne gelesen hast, und ich freue mich noch mehr, wenn Du tatsächlich das Werk kennenlernen möchtest! Wenn Du es Dir wirklich anhörst, bin ich schon gespannt, welchen Eindruck Du davon hast!

      Ja, Krenek ist wie auch Stravinski das "Chamäleon" des 20. Jahrhunderts, denn er hat in verschiedenen Stilen komponiert (das Reisebuch ist sehr "kulinarisch"). Auch wenn Holzmair meiner Meinung nach kein Garant für hohe Qualität ist, macht er das Reisebuch wirklich spitze!
    • Lieber Palestrina! Für mich nicht, ich finde Holzmairs Schubert und Beethoven solide bzw. durchschnittlich (was soll es zum Beispiel, zwischen "Auf dem Hügel sitz ich" und "spähend" zu atmen?), ich find ihn eigentlich ein bisschen langweilig.
      Aber ich möchte ihn nicht schlechter machen als er ist. Positiv rechne ich ihm an, dass er sich um selten zu hörendes Liedrepertoire bemüht hat! (Schreker, Pfitzner, ...)