Erich Wolfgang Korngold. Zwischen allen Stühlen.

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    • Erich Wolfgang Korngold. Zwischen allen Stühlen.

      Ich stelle mit einiger Verwunderung fest, dass es noch keinen Faden zu Korngold gibt. Wohl zu wenigen einzelnen Werken wie den Konzerten, aber nichts zur Toten Stadt, zur Sinfonie, zu den Liedern etc.
      Es ist (nicht nur deshalb) ganz bitter, dass Michael Schlechtriem nicht mehr hier schreibt, denn das war wirklich Fachexpertise vom Feinsten.
      Nun,dann fange ich den Faden an und möchte mit meinem erbärmlichen Halbwissen als Einleitung nur schildern, warum Korngold mich gerade wieder interessiert: Auf BR wurde ein scjhönes Konzert übertragen, das Previn, Gershwin und Korngold (die Sinfonie) kombinierte. Gleich darauf machte mich ein langjähriger Freund darauf aufmerksam, dass Camilla Nylund, mit der wir jahrelang auf der Bühne gearbeitet haben, in Helsinki eine fantastische "tote Stadt" mit K.F.Vogt gesungen hat, was man auf YT sehen könne.

      Im Pauseninterview des erwähnten Konzertes wurde sehr richtig (mal wieder) gesagt, dass Korngold nicht nach Hollywood klingt, sondern umgekehrt. Ich höre gerade die frühe Sinfonietta (da war Hollywood noch in weiter Ferne), und kann mir jede Menge Filmszenen vorstellen. Aber nein: Das ist absolute Musik.

      Mein Lieblingsstück von Korngold ist übrigens "Violanta". Auf ganz kurzer Strecke gibt es da alles, was man von einer Oper will. Dass ein Siebzehnjähiger einen solche Porno-Musik schreiben kann, ist, wie so oft bei Korngold, ein Wunder.

      Habt ihr Lieblingsstücke von Korngold? Oder ist er für euch ein anachronistischer Rest des 19. Jahrhunderts?
      Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.
    • Lieber Alberich!
      Danke für die Eröffnung eines längst überfälligen Threads zu Korngold.

      Ich als Fan der Musik des 20. Jahrhunderts bin generell an Korngold interessiert, aber für mich ist er ganz eindeutig eine Stufe unter Berg, Schreker, Zemlinsky, Krenek, Janáček, Bartók ... An die Seelentiefe dieser Komponisten kommt er nicht heran.
      Vordergründig schöne Musik, aber wenig dahinter - so zumindest mein Eindruck der Toten Stadt, des Wunders der Heliane, der Sinfonietta, des Violinkonzerts, des op. 42 (Thema und Variationen) und mancher Korngold-Lieder. Die von Dir erwähnte Violanta sowie vieles andere von Korngold kenne ich hingegen nicht.

      P.S.: Camilla Nylund ist meine Lieblingssängerin.
    • Sadko schrieb:

      aber für mich ist er ganz eindeutig eine Stufe unter Berg, Schreker, Zemlinsky, Krenek, Janáček, Bartók ... An die Seelentiefe dieser Komponisten kommt er nicht heran.
      Ich glaube man tut Korngold Unrecht, wenn man ihn mit diesen Komponisten vergleicht. Für mich war sein auch musikalischer Weg ein ganz anderer, auch sein Ursprung, der vielmehr aus dem 19. Jhrdt. zu kommen scheint, als bei den oben genannten Komponisten.

      Korngold ist für mich eher die ziemlich gelungene Verbindung von 19. und 20. Jhrdt., jemand der zudem beide Strömungen zu einem gelungenen, publikumswirksamen (was ich nicht negativ verstanden wissen möchte) Mix zusammenführen konnte und dabei auch durchaus Tiefe erreicht hat.

      Sein großes Pech, aber vielleicht auch sein großes Glück war dann die Emigration, abgesehen davon, dass er dadurch überlebte. Pech, weil kommerzielle Filmmusik und die Anforderungen Hollywoods ihm sicherlich Jahre einer interessanten künstlerischen Entwicklung gekostet haben, Glück andererseits, weil er dadurch mit seiner Musik immer am Ohr des Hörers blieb, bleiben musste, was ich grundsätzlich gar nicht einmal so negativ sehe. Seine Filmmusik zu 'Robin Hood' ist übrigens wirklich grandios!

      Die Kombination von Previn, Gershwin und Korngold in diesem BR-Porträt ist gar nicht einmal so weit hergeholt. Alle haben diese Grenzen von U und E überschritten, etwas, was man in Europa wohl immer noch mit Argwohn betrachtet und dabei tolle Ergebnisse erzielt. Und gerade darin liegt auch eine große Bedeutung dieser Musiker.

      Korngold ist für mich immer einer, der die Frage aufwirft, für wen eigentlich Kunst gemacht wird. Für eben die Kunst oder auch für ein Publikum und dabei er ist jemand, der beides miteinander verknüpfen konnte.

      Ich liebe die 'Tote Stadt' (Violanta kenne ich zu wenig), ich liebe sein Violinkonzert, finde die Sinfonie toll und begeistere mich an seiner Filmmusik. Und ich finde durchaus 'Tiefe' in seiner Musik, aber das ist für mich nicht der entscheidende Punkt, sondern, wie gesagt, der Mix von 19. und 20. Jhrdt. und von U und E.

      :wink: Wolfram
    • Alberich schrieb:

      Im Pauseninterview des erwähnten Konzertes wurde sehr richtig (mal wieder) gesagt, dass Korngold nicht nach Hollywood klingt, sondern umgekehrt.
      Das habe ich zugegebenermaßen vor einiger Zeit dank dieses Forums dazugelernt.

      Die gestrige Live-Übertragung einschließlich der Pauseninterviews habe ich mir ebenfalls zu Gemüte geführt und dabei wieder einmal die Sinfonie in Fis gehört. Dieses zwischen 1947 und 1951 entstandene Werk kann man vielleicht als Summe seines Schaffens sehen. Das Süffige, das Raffinierte, das Tragische, das Modernistische bis hin zur Atonalität - all das kommt zum Tragen in jener epischen Breite, in jenem narrativen Gestus, welche Korngold auch zum wohl bedeutendsten Filmmusikkomponisten befähigten und welche aber bereits die genialen Werke des Jugendlichen wie die Sinfonietta von 1905 kennzeichnen.

      Sadkos Wertung möchte ich nicht widersprechen - insbesondere bezüglich der genannten Komponisten. Andererseits hat mich gerade im Frühwerk die glänzende Harmonik in ihrer Unverwechselbarkeit stets angezogen. Das gilt - für mich, natürlich - nicht mehr in gleichem Maße für das Violinkonzert. Es erscheint mir nach wie vor als etwas zu glatt, obwohl ich auch hier von unseren Experten an anderem Ort bezüglich der großen Kunstfertigkeit dazulernen durfte - und das gerne getan habe.

      Trotzdem interessiert mich etwa das Klavierkonzert für die linke Hand mehr. Es hat ja seinen eigenen Thread, so wie auch das Violinkonzert.

      Und Die tote Stadt ist schon eine wunderschöne Oper, die ich, der sich bislang wirklich nicht viel Zeit für Opern genommen hat, schon mindestens dreimal gehört habe - gesehen leider noch nicht.

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Oder die Klage, dass er dies alles schon tausendmal gesagt hätte und warum niemand seine Beiträge von vor zehn Jahren auswendig gelernt habe. ;)

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Sadko schrieb:

      An die Seelentiefe dieser Komponisten kommt er nicht heran.
      Ich werde nie begreifen können, wie man sich solche Urteile anmaßen kann.

      Mauerblümchen schrieb:

      Oder die Klage, dass er dies alles schon tausendmal gesagt hätte und warum niemand seine Beiträge von vor zehn Jahren auswendig gelernt habe. ;)

      Gruß
      MB

      :wink:
      :megalol: Ja, bestimmt. Er fehlt mir trotzdem.

      Ich möchte, um dem Vorwurf der Glätte und Kommerzverfallenheit entgegenzutreten, nochmals auf die Lieder aufmerksam machen, aber auch auf die Serenade Op 39 und auf einige Kammermusik, z.B. das Klavierquintett. Ich denke, gerade hier hört man das, was Wolfram sehr treffend als Verbindung der Jahrhunderte bezeichnet hat. Between two worlds, so hat er sich später selbst beschrieben, und das ist vielleicht seine Tragik, dass er nicht nur zwischen den Jahrhunderten, sondern auch notgedrungen zwischen den "Welten" sich verorten musste - und nicht zurück gefunden hat, weil die Zeit etwas anderes verlangte.
      Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.
    • Alberich schrieb:

      Ich werde nie begreifen können, wie man sich solche Urteile anmaßen kann.
      Dann hättest halt nicht gefragt, was wir von Korngold halten. Ich habe darauf ehrlich geantwortet.

      Btw. falls das nicht rübergekommen ist: Korngold ist eher ein Komponist, der mich dazu verleitet, ein Konzert zu besuchen, als einer, der mich eher davon abhält. Wozu also die Aufregung?
    • Sadko schrieb:

      Alberich schrieb:

      Ich werde nie begreifen können, wie man sich solche Urteile anmaßen kann.
      Dann hättest halt nicht gefragt, was wir von Korngold halten. Ich habe darauf ehrlich geantwortet.

      Btw. falls das nicht rübergekommen ist: Korngold ist eher ein Komponist, der mich dazu verleitet, ein Konzert zu besuchen, als einer, der mich eher davon abhält. Wozu also die Aufregung?
      Da muss ich Sadko Recht geben, Meister Alberich. Man kann sich über die Sinnhaftigkeit und Anwendbarkeit des Begriffs "Seelentiefe" lange streiten. Ich glaube aber schon zu verstehen, was damit gemeint ist. In jedem Fall empfinde ich Deine Reaktion angesichts Deines eigenen - erfreulichen - Eingangsbeitrags einigermaßen befremdlich.
      :cincinbier: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Lieber Wolfgang! Danke für Deinen Vermittlungsversuch! :cincinbier: Ich kann durchaus nachvollziehen, dass man als Korngold-Fan ungern liest, wenn jemand Korngold für leicht oberflächlich hält.

      Ich mache mal einen Erklärungsversuch: Im Juni 2019 bin ich nach Berlin gefahren, um dort die Tote Stadt zu hören, und von meiner damaligen Zweitbegegnung mit dieser Oper war ich einigermaßen enttäuscht. Gut, Korngold war zum Zeitpunkt der Uraufführung erst 23, trotzdem ist die Tote Stadt für mich eine - im positiven Sinne - kitschige Oper, die zwar manches Tiefgehende (Abschied-Nehmen, Loslassen-Können) enthält, aber für mich eben nur an der Oberfläche kratzt. Vergleich' sie mal mit der nur unwesentlich später enstandenen Věc Makropulos von Janáček, die ein sehr ähnliches Thema behandelt: Da geh' ich regelmäßig mit schlotternden Knien aus der Oper. Beim Korngold: gepflegte Unterhaltung...
      Nix für ungut! :cincinbier:
    • Sadko schrieb:

      Vergleich' sie mal mit der nur unwesentlich später enstandenen Věc Makropulos von Janáček, die ein sehr ähnliches Thema behandelt: Da geh' ich regelmäßig mit schlotternden Knien aus der Oper. Beim Korngold: gepflegte Unterhaltung...
      Lieber Sadko, ich habe beide Opern in wunderbaren Aufführungen gesehen, toll dirigiert, toll, inszeniert, toll gesungen. Anja Silja im Janacek. Fantastisch. Und trotzdem hat mich Korngold mehr gepackt. Aber das sagt ja nicht über 'Tiefe' oder 'Unterhaltung' aus, eher etwas über uns selber. Und gerade den Punkt finde ich viel spannender, als darüber zu spekulieren, welch ein Werk, welch ein Dirigent, welch ein Sänger etc. besser oder schlechter ist. Warum empfinde ich das gerade so? Was spricht mich in dem bestimmten Fall an? Welche Seiten meiner eigenen Persönlichkeit reagieren und warum tun sie es?

      :wink: Wolfram
    • Alberich schrieb:

      Habt ihr Lieblingsstücke von Korngold?
      Ganz klar The Adventures of Robin Hood, Symphonisches Porträt für Orchester. Kongenial mit Rattle und den Berliner Philharmonikern hier interpretiert:

      digitalconcerthall.com/de/concert/51225

      (oder hier mit John Wilson bei den BBC Proms: youtube.com/watch?v=PDyjPB_AEBU)

      Das ist alles so süffig, so vielschichtig orchestriert und entwickelt, da muss man einfach niederknien. Und dieses Liebesthema :love:

      In letzter Zeit finde ich auch zunehmend Gefallen an der besagten Symphonie in Fis. Hier nochmal die neue Aufnahme von John Wilson:

      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • Die Frage nach Seelentiefe versus Oberflächlichkeit stellt sich natürlich bei Korngold mehr als anderswo, beherrschte er doch schon in jungen Jahren das ganze Effektvokabular eines monströsen Riesenorchesters mit einer auf seelische Extremzustände getrimmten Musiksprache, wie sie bei Mahler und Strauss ihren Höhepunkt gefunden hatte.

      Nun wurde lange eher Mahler schief angeschaut oder -gehört und man empfand seine Sinfonien als gescheitert, während man Strauss als Klassiker nahm, heute hat sich das gedreht, und man nimmt Mahler seine Musik als "empfunden" ab, während Strauss nur die Oberfläche der Emotionen zu pinseln scheint.

      Freilich gilt es, skeptisch zu sein. Aber dass gerade Korngold als oberflächlich empfunden wird, sollte nicht überraschen - wer sonst? Die Frage ist aber, ob diese Unterscheidung überhaupt seriös vorgenommen werden kann. Die Musikwissenschaft hat sich jedenfalls nicht geziert, solche Urteile abzugeben, jedenfalls kenne ich das aus New Grove.
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • Mir scheint, Korngold legt es mehr als andere Komponisten auf den Effekt an. Das macht ihn verdächtig, zu Unrecht, wie ich meine. Denn es ist ja auch ein wichtiger Aspekt von Kunst, Wirkungen beim Publikum erzielen zu wollen. Problematisch wird es für mich erst dann, wenn das schlecht gemacht ist, z. B., wenn die handwerklichen Mittel zu dürftig sind. Das aber ist bei Korngold sicher nicht der Fall. Insofern würde ich ihn durchaus auf eine Stufe mit Mahler und Strauss stellen.

      Ich kann auch keine Qualitätsunterschiede zwischen Die tote Stadt und Janáčeks Aus einem Totenhaus erkennen (in meinen Ohren beides Meisterwerke). Worin sollten die denn bestehen?

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Korngold auf eine Stufe mit Mahler und Strauss zu stellen ist allerdings keineswegs üblich. Und auch für mein Empfinden ist er verglichen mit den beiden ein Kleinmeister.
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • Was heißt "inwiefern"? Die Einstufung als bspw. Genie oder Kleinmeister meint immer das Gesamtpaket.
      Die Großmeister in Korngolds Generation heißen Prokofieff, Hindemith und Schostakowitsch. Auch Honegger, Milhaud und Poulenc, Orff und Weill, Gershwin und Copland kämen wohl eher in Frage als Korngold.
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)