Mendelssohn Bartholdy – Wie bedeutend war er wirklich?

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    • Mendelssohn Bartholdy – Wie bedeutend war er wirklich?

      Schon der Anlass dieser Threaderöffnung zeigt das "Problem": Nur weil Mendelssohn-Jahr ist (Lebensdaten: 1809-1847), habe ich meinen Bestand an Kompositionen von ihm aufgestockt. Nach gutem Start in meiner Plattensammlung wurde er von der "Konkurrenz" immer mehr überflügelt. Ist das gerechtfertigt oder nicht? Hier die ganze Geschichte:

      Phase 1:
      Anfang der 80er Jahre begann ich, immer mehr Klassik zu hören. Anfangs kaufte ich hauptsächlich Platten von der "Karajan-Edition" und der "Böhm-Edition". Als Anfänger sagt man sich: "Die wissen schon, was gut ist." Bei Böhm war Mendelssohn Bartholdy allerdings nicht vertreten. Aber bei Karajan. Und so kam ich zu Aufnahmen von Bach bis Dvorak. Von MB hatte ich das Violinkonzert und die Sinfonien Nr. 4 und 5, außerdem nahm ich die Sinfonie Nr. 3 vom Radio auf. Danach war lange Jahre Sendepause. Vielleicht weil mich die 5. Sinfonie langweilte und ich die 3. nur "ok" fand?

      Phase 2:
      Ca. 15 Jahre später hörte ich bei einem Kammermusikabend eine Cellosonate von ihm. Sie gefiel mir, und ich kaufte eine CD mit seinen beiden Cellosonaten. Sie gefallen mir beide, sogar besser als die von Beethoven. Und doch: Es folgte wiederum eine jahrelange Sendepause bis heute.

      Phase 3:
      Wir sind im Jahr 2009, und es sind wieder über 10 Jahre vergangen. Anlässlich des Mendelssohn-Jahres habe ich die Streichquartette (Talich-Quartett), die Lieder ohne Worte (Barenboim) und die Musik zum Sommernachtstraum (Harnoncourt, zusammen mit der Ersten Walpurgisnacht) angeschafft. Hat sich durchweg gelohnt.

      Nun fehlen mir nur noch wenige wichtige Werke von ihm (Elias, Klavierkonzerte, 1-2 Ouvertüren, das eine oder andere Kammermusikwerk, wenn ich es recht überblicke).

      Aber irgendwie habe ich den Eindruck, dass man Mendelssohn Bartholdy nicht auf eine Stufe mit Chopin, Schumann oder Liszt stellt. Bei Liszt kann man diskutieren, aber ich meine, dass auch er öfter aufgeführt wird als MB.

      Dafür sind folgende Begründungen denkbar:

      (a) MB ist nicht sehr alt geworden, hat also weniger komponiert als z.B. Liszt.

      (b) MB war sehr gut, aber nirgends revolutionär.

      (c) Er lebte in der Romantik, war aber nicht romantisch genug.


      Jetzt dürft ihr meine Thesen zerpflücken.


      Thomas Deck
    • Also ich habe selbst auch nur sehr wenige CDs von Mendelssohn-Bartholdy (u. a. Violinkonzert, Italienische Sinfonie, Mittersommernachtstraum, Hebriden,...) und bin daher kaum in der Lage, sein Werk auch nur ansatzweise angemessen zu würdigen. Seit vielen Jahren bin ich an dieser Epoche nicht mehr sonderlich interessiert, aber ich habe die Musik von MB immer als sehr erfrischend und von hoher Qualität empfunden, und ich bin sicher, es gibt noch viele, viele sehr gute Werke.

      Ich denke, dass man MB sehr wohl mit Schumann auf eine Stufe stellen kann. Hier mögen Kenner mehr sagen. Allerdings scheint mir absurd zu sagen, er würde nicht an Chopin oder Liszt heranreichen, Komponisten, die (mir) nur als Komponisten von (sicherlich: sehr guter) Klaviermusik in Erscheinung getreten sind. Mir scheint da MB doch wesentlich vielseitiger gewesen zu sein.

      :wink: maticus
      Bartolo hatte Recht. --- Andreas März
      This is Bartolo, King of the King of Wines. --- Alan Tardi
    • thdeck schrieb:

      Aber irgendwie habe ich den Eindruck, dass man Mendelssohn-Bartholdy nicht auf eine Stufe mit Chopin, Schumann oder Liszt stellt. Bei Liszt kann man diskutieren, aber ich meine, dass auch er öfter aufgeführt wird als MB.

      Dafür sind folgende Begründungen denkbar:

      (a) MB ist nicht sehr alt geworden, hat also weniger komponiert als z.B. Liszt.

      (b) MB war sehr gut, aber nirgends revolutionär.

      (c) Er lebte in der Romantik, war aber nicht romantisch genug.


      Jetzt dürft ihr meine Thesen zerpflücken.


      Also an die Arbeit :D :D

      Grundsätzlich finde ich solche Fragestellungen wie "War Komponist X ein Großmeister nach dem nach oben offenen Genie-O-Meter?" immer ein wenig problematisch, aber als kontroverse Eröffnung lässt sich damit arbeiten ;+)

      Was seine Kritiker, angefangen bei Richard Wagner, Mendelssohn immer vorgeworfen haben, war Oberflächlichkeit, fehlender Geist, mangelnder Ausdruck, "echte Tiefe"- kaschiert durch eine völlige Beherrschung der äußeren Form- blasser, blutleerer Klassizismus, wenn man so will. Wahr daran ist, dass Mendelssohn sein Handwerk schon sehr früh, sehr vollendet beherrscht hat, wie die Kompositionen des jungen Mendelssohn zeigen, da kommt einem der Vergleich mit Mozart in den Sinn. Und nicht zu Unrecht wie ich finde.

      Ich denke, dass man ebenso bei jedem anderen Komponisten differenzieren muss. Chopin und Mendelssohn zu vergleichen, wäre ungefähr so sinnig wie Äpfel und Birnen zu vergleichen: Chopin hat sich fast völlig auf das Klavier beschränkt, Mendelssohns Schaffen umfasst fasst alle Gattungen. Und doch käme niemand auf die Idee Chopin seinen Rang zu bestreiten, weil er "bloß" für das Klavier komponiert hat. Warum es also bei Mendelssohn tun?

      Schaut man sich einmal an, was Mendelssohn in seiner vergleichsweise kurzen Lebensspanne geschaffen hat, da kann man nur den Hut ziehen. Sowohl was die Qualität als auch die Quantität betrifft. Zu Mendelssohns Kammermusik oder Symphonik mögen sich Berufenere äußern, aber nimmt man einmal Mendelssohns geistliche Chormusik- man wird in seinem zeitlichen Umfeld kaum Vergleichbares finden: Man höre sich den Elias einmal im Konzert an, und wer danach immer noch behauptet Mendelssohn ginge wahrer Tiefgang ab, der wird diesen Tiefgang auch bei anderen Komponisten nicht finden: "Wenn Ihr´s nicht fühlt, Ihr werdet´s nicht erjagen."

      Was die Klaviermusik angeht: Gut, Mendelssohn hat keine 32 Klaviersonaten hinterlassen, aber wenn man sich die Zeit nimmt, wird man beispielsweise in den Liedern ohne Worte jede Menge Perlen finden. Aber der Vergleich von Mendelssohns Schaffen für Klavier mit dem Beethovens zeigt nur die Problematik solcher Vergleiche auf.

      Liszt hat zweifelsohne mehr produziert- aber wieviel mehr Zeit hatte er dazu? Wie oft hat Liszt Werke überarbeitet, weil er mit der Qualität nicht zufrieden war? Etwas, was man meines Wissens bei Mendelssohn weitaus weniger findet, weil Mendelssohn- darin Chopin durchaus vergleichbar- sehr zurückhaltend bei der Veröffentlichung seiner Werke war.

      Herzliche Grüße, :wink: :wink:

      Christian
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Der leichtfertige Umgang mit ihm beginnt bereits beim Namen, nämlich ohne Bindestrich.

      Was Christian über den Elias schreibt, kann ich nur unterstreichen. Gleiches gilt auch für die " Walpurgisnacht ".

      Die Streichquartette, viele seiner Lieder, die Konzertouvertüren, die frühen Streichersinfonien, die späteren " großen " Sinfonien,

      natürlich auch das Violinkonzert e - moll : Das alles zeugt von großer Könner- und Kennerschaft, von Originalität und beeindruckender Eingebung.

      Felix Mendelssohn Bartholdy war alles andere als ein Kleinmeister . Er gehört zu den Großen seiner Zunft !



      Ciao. Gioachino :juhu:
      miniminiDIFIDI
    • Für mich ist Mendelssohn der Nachfolger im Geiste Mozarts und das Bindeglied zwischen Selbigem und der Romantik und daher alles Andere als unbedeutend!

      Auch wenn ich keine grossen orchestralen Werke höre und in dieser Sparte nicht urteilen kann , schon seine Kammermusik, inclusive der herrlichen Lieder ist so wunderschön und bewegend, dass das vollkommen ausreichen würde, seinen Ruf als einer der Grossen zu verteidigen.

      Von seiner gesitlichen Vokalmusik mal gazn abgesehen!

      Nicht nur der Elias und der Paulus sondern auch die kleineren Chor-Werke sind Juwelen ihres Genres. :juhu: :juhu: :juhu:

      Ich entdecke immer wieder neue Schätze aus seiner Feder, auch im Bereich der Klavierliteratur, und die angekündigten 40 bisher unentdeckten Lieder erwarte ich mit allergrösster Spannung.

      Wie jemand auf die Idee kommen kann Mendelssohn unbedeutend zu finden, will irgndwie nciht in meinen Schädel rein :stern: :shake:

      Zu seiner eigenen Zeit wäre das wohl kaum jemandem eingefallen! Wenn ich nur daran denke, wie sehr die Schumanns ihn verehrt haben, obschon beide mit anitsemitischen Äusserungen nciht immer zimperlich waren.

      Was für ein "Erbe" muss da leider leider bis heute eingeschlagen haben, um diese Musik unbedeutend zu finden? (damit meine ich ausdrücklich jetzt nicht thomas deck!!!! ,sondern eher solche Gestalten wie R. Wagner und seine geistigen Apologeten)

      Wahrscheinlich ist Mendelssohn Musik einfach zu schön und schon deshalb suspekt für angeblich "grosse Geister"?



      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Dem Argument Thomas' folgend ist Mendelssohn-Bartholdy bedeutender als Mozart. Denn auch ich habe in meinen Plattenschrank geschaut (ebenfalls Beschäftigung mit Klassik seit den 80er Jahren) und entdecke da mehr MB als Moz.

      q.e.d.
      Wulf
      "Gar nichts erlebt. Auch schön." (Mozart, Tagebuch 13. Juli 1770)
    • gioachino schrieb:



      Er gehört zu den Großen seiner Zunft !


      für mich nicht nur zu den großen, sondern zu den größten. immer wieder
      bin ich von seiner musik ergriffen. und kann sie immer und immer wieder
      mit steigendem genuß hören. und mir ist, wie fairy queen, vollkommen
      unverständlich, warum die frage der bedeutung immer wieder auftaucht.
      allein seine musik gibt hörbare antwort, die für mich zu den schönsten
      und oft auch bewegendststen aller zeiten gehört. für mich zählt er zu
      den musikalischen hausgöttern - ob im bereich sinfonik, lied, chor- und
      kammermusik. (das natürlich auch 'unbedeutenderes' in seinem
      oeuvre zu finden ist, auch mal belangloses, sei meiner lobesrede
      unbenommen)
      Muss es sein? - Es muss sein!
    • Für mich stand immer außer Frage, daß Mendelssohn Bartholdy zu den ganz Großen der Musik gehört: der Grund: seine Musik verzaubert mich, wie die keines anderen. Ich denke auch, daß sich im Ausland erst niemand die Frage stellt, ob oder ob nicht.
      Robert :klatsch:
    • Ok, das war zu befürchten: Die tausendste Diskussion "Komponist X war ebenfalls ein Großer". Ich meine: Das bringt nichts. Man könnte das mit hunderten von Komponisten durchexerzieren.

      Im Übrigen will ich MB auch gar nicht bewerten. Ich gebe nur meinen Eindruck wieder: Er wird in höchsten Tönen gelobt, aber allzu oft gespielt wird er nicht, oder besser: Er wird gespielt, aber mit immer den gleichen 2-3 Werken (provakant ausgedrückt).

      Weitere Beobachtung: In diversen Führern werden manche einzelne(!) Werke von Chopin, Schumann und Liszt mit einer fast schon übertriebenen Begeisterung besprochen. Bei MB findet man diese Art der Anbetung eher selten. Daher meine o.g. These (b), die man auch formulieren könnte: War er nicht radikal genug?

      Wie gesagt: Es geht mir nur um die Analyse von uns selbst bzw. der Musikwelt.

      Anders formuliert: Angenommen, man würde alle relevanten Werke der o.g. Komponisten wie in der Schule mit Noten versehen, dann kämen - rein hypothetisch - vielleicht die folgenden Durchschnittsnoten heraus:

      Mendelssohn Bartholdy: 1,7
      Schumann: 1,9
      Chopin: 2,2
      Liszt: 2,5

      Der Hörer interessiert sich aber nicht für Durchschnittsnoten, sondern nur für Superlative. Anders ausgedrückt: MB war insgesamt der beste, aber für (fast) jedes seiner Werke findet man ein "besseres" (d.h. beliebteres) von einem der drei anderen Komponisten.

      Das könnte man jetzt mit vielen Werken durchexerzieren, ich greife jetzt - um etwas zu lernen - den Elias heraus, dieses Werk kenne ich bisher nicht:
      Möglicherweise ist es in seiner Zeit konkurrenzlos. Aber wenn man sich überlegt, es aufzuführen, dann hat es u.a. folgende Konkurrenz:
      Bach (H-Moll-Messe, Weihnachtsoratorium, Matthäuspassion)
      Händel (Messias)
      Haydn (Schöpfung, Jahreszeiten)
      Mozart (Requiem)
      Beethoven (Missa Solemnis)
      Verdi (Requiem)

      Alles aus dem Kopf, also ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Es fällt auf: Einerseits ist die Konkurrenz erdrückend, andererseits klafft zwischen Beethoven und Verdi eine riesige Lücke. Jaja, natürlich gibt es da noch weitere geistliche Werke, die man gelegentlich hört (außer dem Elias fallen mir noch ein: das Requiem von Berlioz, das Stabat Mater von Dvorak, dazu Werke von Brahms und Bruckner). Oder ist das "Problem" des Elias nur, dass geistliche Musik im 19. Jahrhundert generell nicht mehr so gefragt war?

      Bitte jetzt keine Werbung für den Elias (oder ggf. in einem eigenen Thread), den werde ich sowieso bald anschaffen. Mir geht es um eine nüchterne Betrachtung, wie beliebt der Elias heute ist. Nicht wie "gut" er ist, sondern wie oft er gespielt wird, warum die Leute Beethoven und Verdi bevorzugen. Falls mein Eindruck falsch ist (ich habe keine Aufführungszahlen), bitte ich natürlich um Korrektur.


      Thomas Deck

      PS: Der Bindestrich wurde entfernt, danke für den Hinweis.
      PPS: Wie finde ich Aufführungen des Elias?
    • Lieber Thomas,
      mir ist folgende Analyse völlig fremd: wer war "besser". Dies mag im Sport Sinn haben, aber doch nicht in der Musik.
      War Mozart besser als Beethoven, oder umgekehrt, war Bach besser als Händel, war Verdi besser als Wagner? Ich persönlich kann mit solchen Vergleichen nichts anfangen, kenne ich auch von anderen Musikern bislang nicht.
      Grüße Robert
    • Diskussionen um die "Bedeutung" von Komponisten, einhergehend mit den unvermeidlichen Rankings, sind in Internetforen zwar sehr beliebt und manchmal auch ganz lustig, aber verstellen meist nur den Blick auf das Wesentliche.

      Dass Mendelssohn ein sehr bedeutender Komponist gewesen ist, dürfte heute in der Fachwelt kaum noch jemand bestreiten - insofern führen wir hier eine Diskussion der Vergangenheit. Dass diese gerade bei Mendelssohn immer wieder hochkocht, hat spezifische Gründe: einmal die antisemitische Rezeptionslinie, an der Wagner beteiligt war und die 1933-45 ihren Höhepunkt fand. Manches aus dieser Tradition wird bis heute noch bewusst oder unbewusst weitergetragen, allerdings nach meiner Einschätzung immer weniger.

      Es gibt aber noch eine andere Anti-Mendelssohn-Rezeptionslinie, die nicht (oder jedenfalls nicht immer) ursächlich mit dem Antisemitismus zusammenhängt: die antiklassizistische. Bereits bei Berlioz, der ein wechselhaftes Verhältnis zum deutschen Komponisten pflegte, findet sich die ein oder andere Invektive gegen Mendelssohn (etwa die fiese Anekdote von dem Erard-Flügel, der - nachdem unzählige Pianisten auf ihm das g-moll-Konzert Mendelssohns gespielt hatten - das Stück bis zur Selbstzerstörung auch ohne Pianist immer weiter spielte). Das hängt mit der ungeheuer großen Popularität zusammen, die Mendelssohn in großen Teilen Europas im 19. Jh. genoss. Er wurde - ob zu Recht oder zu Unrecht, sei dahingestellt - als Vertreter des Klassizismus gesehen und als solcher von unterschiedlicher Seite heftig angegriffen. Das gilt besonders für England, wo Mendelssohn in der viktorianischen Ära eine Leitfigur war und entsprechend von oppositioneller Seite als "Staatskomponist" attackiert wurde. Das ist aber nun auch schon lange Vergangenheit.

      Interessanter als die Ranking-Frage finde ich diejenige nach der erstaunlichen Entwicklung des Komponisten Mendelssohn: von einem der faszinierendsten Frühwerke der Musikgeschichte mit diversen Höhepunkten der frühromantischen Musik hin zu einem Versuch der Symbiose aus jüdischer Tradition und protestantischer Kirchenmusik. Daneben gibt es dann noch den (im besten Sinne) Salonkomponisten Mendelssohn, den kühnen Komponisten eines "heidnischen" Werks (die Walpurgisnacht) und einiges andere mehr - verdammt viele unterschiedliche Facetten für ein so kurzes Leben.

      Was zweifellos richtig ist: dass z.B. im Vergleich zu Schumann ein eher kleiner Teil des Gesamtwerks Mendelssohns einem größeren Publikum bekanntgeworden ist (der dann aber richtig). Einen zentralen Bestandteil macht ja die Chormusik aus - diese Gattung ist nun aber mal weitaus weniger populär als Symphonisches oder Klaviermusik. Mir scheint aber auch hier (im Gegensatz zum gerade von Thomas Gesagten), dass sich seit einiger Zeit im Konzertleben und auf dem Tonträgermarkt sehr viel tut, z.B. die Gesamteinspielung des Chorwerks durch Bernius. Der "Elias" gehört doch inzwischen zu den populärsten Chorwerken überhaupt, steht permanent irgendwo auf dem Spielplan und ist bei jpc mit mehreren dutzend Einspielungen vertreten. Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich schon in Kammerkonzerten Streichquartette von Mendelssohn gehört habe (öfter jedenfalls als die von Schumann). Und was in alten Konzertführern steht, besitzt ja nunmal für die Gegenwart wenig Relevanz.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Wulf schrieb:

      Dem Argument Thomas' folgend ist Mendelssohn-Bartholdy bedeutender als Mozart. Denn auch ich habe in meinen Plattenschrank geschaut (ebenfalls Beschäftigung mit Klassik seit den 80er Jahren) und entdecke da mehr MB als Moz.

      Ich argumentiere statistisch. Deine MB-Sammlung wird leider keinen Veranstalter dazu bringen, seine Musik aufzuführen.

      Aber wie gesagt: Ich beklage mich nicht, dass er zu wenig aufgeführt wird. Man muss aber schon ein bisschen suchen, wenn man was von ihm hören will. Bei Chopin, Schumann, Liszt, etc. ist das einfacher.

      Dennoch, aus reiner Neugierde: Nimm alle deine Klassik-Aufnahmen, von welchen 5 Komponisten hast du das meiste? Bei mir ist die Reihenfolge: Haydn - Mozart - Bach - Beethoven - Schubert - Schumann - Chopin - Verdi - Wagner (die Reihenfolge ab Schumann ist unklar, wg. unsicherer Gewichtung der Länge der Werke). MB wird irgendwo zwischen Position 13 und 16 liegen (nach Mahler, Bruckner, Tschaikowsky, etc.)

      Ich hatte auch schon mal die Spalten im Bielefelder Katalog gezählt, aber das lasse ich jetzt mal, sowas bringt euch zu sehr in Rage. :D


      Thomas Deck
    • robert schrieb:

      Lieber Thomas,
      mir ist folgende Analyse völlig fremd: wer war "besser". Dies mag im Sport Sinn haben, aber doch nicht in der Musik.
      War Mozart besser als Beethoven, oder umgekehrt, war Bach besser als Händel, war Verdi besser als Wagner? Ich persönlich kann mit solchen Vergleichen nichts anfangen, kenne ich auch von anderen Musikern bislang nicht.
      Grüße Robert


      Mir geht es ums Verstehen. Dazu könntest du als Pianist erklären: Welches Gewicht (rein zahlenmäßig) hat bei deinen Aufführungen das Werk von Mendelssohn Bartholdy? Was hält dich (oder deine Kollegen) davon ab, ihn öfter zu spielen?

      Ich könnte das Gleiche auch bei Haydn (wird wenig gespielt) oder Beethoven (wird viel gespielt) fragen, aber da kenne ich die Antworten...


      Thomas Deck
    • Hallo Thomas,

      a) bin ich geneigt, Robert zuzustimmen.

      b) ist man sich in der Musikwissenschaft nach meinen Kenntnissen darüber einig, daß Mendelssohn zur allerersten Garde zählt.

      c) werden die virtuosen Klavierwerke Liszts (ob ihrer Virtuosität?) vielleicht häufiger in Konzertsälen zu Gehör gebracht als Mendelssohns Klavierkompositionen. Aber für die Orchesterwerke Mendelssohns gilt nach meinen Beobachtungen, daß sie eher häufiger erklingen als die von Liszt. Und erst recht trifft das auf die Oratorien zu. Auf "Elias" und "Paulus" trifft man immer wieder (ich habe bei beiden Oratorien auch schon mehrfach mitgespielt), aber wann gerät man mal an Liszts "Legende von der Heiligen Elisabeth" oder an den "Christus"?

      d) Ganz subjektiv ist mir Mendelssohns Klangsprache hundertmal näher und wichtiger als Listzs Stil , mit dem ich nur sehr wenig anfangen kann. Dementsprechend habe ich auch diverse Mendelssohn-CDs im Regal stehen, während ich mir noch nie eine reine Liszt-CD gekauft habe.

      Viele Grüße

      Bernd
    • Marcel Reich-Ranicki erhält häufig Fragen nach dem "Warum". Inzwischen ist der gute Mann wohl etwas entnervt und antwortet meistens mit einer kanppen, standardisierten Antwort. Entweder er widerspricht oder er konter mit dem Satz: "Jeder Schriftsteller hat seine Zeit. Und die ist bei den meisten mal vorbei." (sinngemäß zitiert). Beim ersten mal dachte ich mir, er würde es sich doch etwas einfach machen, aber wenn man ständig die Frage nach dem Wieso und Warum erhält, so kann ich MR ganz gut nachvollziehen. Zumal die Frage nach dem Warum eine müßige und vielleicht auch nicht ergiebigste ist.

      Warum kennt der deutsch/österreichische "Standard"-Klassikhörer viel eher die Matthäuspassion oder die h-moll-Messe von J.S. Bach als die Marienvesper von Monteverdi? Warum kennt er eher die 9. von Beethoven als die Missa solemnis?? Und warum kennt kein Aas (bis auf wenigste Ausnahmen) das Stabat Mater von F.I. Beck?? Tja, warum???

      Speziell im Falle Mendelssohn lässt sich im deutschsprachigen Raum noch die Frage aufwerfen, ob die Gelehrten hie und da noch gerne aus alten Büchern abkupfern, deren Autoren des antisemitischen Geistes Kind sind??
      Ich bin eh der Ansicht, dass Reputation ein Verzerrungsprodukt ist. Und zwar nicht zu Gunsten, derer die im Schatten stehen, sondern eher zu Gunsten der allseits bekannten Namen.

      Weil der Mensch ein Herdentier ist, Prominenz und Heroenbildung auch heute noch auf fruchtbaare Saat fällt. Für nicht wenige Menschen ist "die 9." synonym für "die 9. Symphonie von Beethoven" - spricht jemand von Bach, meint er meist Johann Sebastian und weniger Carl Philipp Emanuel und wohl kaum Wilhelm Friedemann. All das sind sehr subtlie, aber IMO bemerkbare Kommunikationskodizes, die eine bestimmte Funktion erfüllen.

      Insofern freut es mich, wenn ich im Forum lese, dass jemand Joh. Seb. Bach hört und nicht einfach nur Bach. Das hat auch etwas mit Respekt gegenüber den anderen Bachs zu tun, von denen CPE und WF mit Sicherheit größte Aufmerksamkeit verdienen.

      Aber mir scheint Musik manchmal wie Mythologie: einmal den Zeus errichtet, wird er von Zeit zu Zeit immer mächtiger, immer mehr befleißigen sich, gelehrt zu wirken, in dem sie belehrt und belehrend reden.

      :wink:
      Wulf
      "Gar nichts erlebt. Auch schön." (Mozart, Tagebuch 13. Juli 1770)
    • Wulf schrieb:

      Speziell im Falle Mendelssohn lässt sich im deutschsprachigen Raum noch die Frage aufwerfen, ob die Gelehrten hie und da noch gerne aus alten Büchern abkupfern, deren Autoren des antisemitischen Geistes Kind sind??


      Dann mal Butter bei die Fische, Wulf. Welche (lebenden) "Gelehrten" sollen das sein? Und jetzt bitte keine 40 Jahre alten Konzertführer.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Ich werfe lediglich die Frage auf, lieber Bernd. Vielleicht mit den Gedanken im Hinterstübchen, dass selbst so bedeutende Komponisten wie Schulhoff und Krenek bis heute - zumindest was Aufführungszahlen angeht - nicht angemessen gewürdigt werden. Bei Mendelssohn-Bartholdy habe ich persönlich auch weniger den Verdacht (böse Unterstellung, ich würde 40 Jahre alte Konzertführer lesen -dafür war im alten T-Forum jemand anderes zuständig ;+) ), bin aber beleibe nicht der erste, der diesen Gedanken in die Runde wirft und somit freilich auch nur Nachbeller. Deshalb habe ich es so formuliert, wohlwissend, dass ich keine Quellen lieern kann und ich den Fisch eh lieber an Öl und mit Zitrone mag. :P

      :wink:
      Wulf

      P.S. In meine Konzertführern wird MB durchaus recht ausführlich behandelt, was mich persönlich erfreut.
      "Gar nichts erlebt. Auch schön." (Mozart, Tagebuch 13. Juli 1770)
    • thdeck schrieb:

      Mir geht es ums Verstehen. Dazu könntest du als Pianist erklären: Welches Gewicht (rein zahlenmäßig) hat bei deinen Aufführungen das Werk von Mendelssohn Bartholdy? Was hält dich (oder deine Kollegen) davon ab, ihn öfter zu spielen?
      Lieber Thomas,
      Mendelssohn Bartholdys Musik fürs Piano ist kammermusikalisch angelegt, und man müßte sich daher eher die Frage stellen, wie groß ist der Saal oder wie klein der Raum. Kammermusik in großen Sälen klingt nicht gut. Diese wohl sehr diplomatische Frage, lasse ich mal offen: es geht hier wiederum um Zahlen, nur statt in Richtung Qualität, in Richtung Quantität gespielter Werke.
      Also es geht hier ums Verstehen: ok!
      Ich denke, daß international gesehen, der Bedeutung Mendelssohn Bartholdys durchaus Rechnung getragen wird, denn nicht alle Länder haben einen so intensive Musikbetrieb wie unser Land, mit so vielen Orchestern. Nun ich gebe zu: fürs Piano hat Mendelssohn Bartholdy vorwiegend Musik für den kleinen Kreis geschrieben, der nicht auf die große Bühne paßt, und seine Klavierkonzerte sind auch eher für kleine Besetzung, als heute üblich, geschrieben worden. Da frage ich mich natürlich auch, warum gerade Bach, dessen Bedeutung besonders fürs Piano niemand anzweifeln wird, kaum auf großen Bühnen zu hören ist (wohl weil für Clavicembalo geschrieben, das man auf einer großen Bühne erst gar nicht hören würde), und warum die Mozartsonaten in den Konzertsälen weltweit so gut wie nicht vorhanden sind. Es geht also um die Besetzung, im Sinne der Lautpotenz von Instrumenten und dem entsprechenden dafür geeigneten Ambiente.
      Müßte einleuchten, Thomas denke ich, oder?
      Grüße Robert
    • arundo donax schrieb:

      c) werden die virtuosen Klavierwerke Liszts (ob ihrer Virtuosität?) vielleicht häufiger in Konnzertsälen zu Gehör gebracht als Mendelssohns Klavierkompositionen. Aber für die Orchesterwerke Mendelssohns gilt nach meinen Beobachtungen, daß sie eher häufiger erklingen als die von Liszt. Und erst recht trifft das auf die Oratorien zu. Auf "Elias" und "Paulus" trifft man immer wieder (ich habe bei beiden Oratorien auch schon mehrfach mitgespielt), aber wann gerät man mal an Liszts "Legende von der Heiligen Elisabeth" oder an den "Christus"?


      Klaviermusik hat im Gesamtwerk Schumanns und Liszts (von Chopin ganz zu schweigen) einen anderen, zentraleren Stellenwert als bei Mendelssohn. Insofern kann ich in diesem Bereich die Benachteiligung Mendelssohns im Konzertleben und auf dem Tonträgermarkt verstehen.

      Bei den großen Chorwerken gebe ich Bernd Recht: Nicht nur die beiden Liszt-Oratorien werden viel weniger aufgeführt als "Paulus" oder "Elias", auch "Das Paradies und die Peri" oder "Der Rose Pilgerfahrt" von Schumann finden weitaus seltener den Weg zu den Ohren des Publikums.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)