Mendelssohn Bartholdy – Wie bedeutend war er wirklich?

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    • Hallo Philmus,

      das ist wirklich ein schöner Beitrag! Ich stimme dem unumwunden zu. Mendelssohn ist/wäre vielleicht ein guter "Anlass" für viele, gängige Erwartungshaltungen an Musik zu hinterfragen. Das ob der schönen "Oberfläche" der mendelssohnschen Musik oft das komplexe innere Geschehen vergessen wird stimmt sicherlich. Gute Mendelssohninterpretationen lassen daher auch die Mittelstimmen zu ihrem Recht kommen (Mendelssohn war begeisteter Bratschist) und konzentrieren sich nicht nur auf das ohrenfällige Geschehen an der Oberfläche (Oberstimmen).
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Hallo,

      ich habe mich jetzt drei Tage lang durch diesen Thread gekämpft und seine Höhen und Tiefen miterlebt.
      Auf den Thread gekommen bin ich durch den provokanten Titel - es hat sich ja auch eine ganze Anzahl Kollegen provozieren lassen.

      Erlaubt mir ein paar autobiografische Bemerkungen - sie erklären vielleicht, was danach folgt.
      Als Kind kannte ich die Italienische und das Violinkonzert. Das Konzert mochte ich; die Italienische liebte ich. Später die Hebriden. Heiße Liebe (aber ich habe noch immer nicht die Interpretation gefunden, die ich will - vielleicht muss ich die noch selbst dirigieren :klatsch: ).
      Dann jahrelang Mendelssohn-Stille - ich entdeckte Brahms, den späten Beethoven, Mahler, Prätorius, was ich so im Radio hörte. Mendelssohn war damals für mich halt auch ein Komponist, so was wie Weber, Lortzing, Bruch für mich war.

      Im Lauf der Jahrzehnte (jau!) gab es dann immer wieder Aha-Erlebnisse. Streichersinfonien ("die sind ja wie Mozart, aber besser"), das Oktett ("der Hammer"), die Schottische ("sehr schön, haut mich aber nicht vom Hocker").
      Der Elias - den sang meine Freundin 2mal im Alt mit ("große innige Oper").
      Gar nicht so lange her: 05.02.2012 Musikhochschule Stuttgart: Hofkapelle Stuttgart, Frieder Bernius: Schottische überirdisch.

      Es scheint mir, als würde ich mit zunehmendem Alter aufmerksamer für die Dinge hinter den Fassaden:
      Haydn: Ungeheuer einfallsreich, niemals langweilig. Schumann: Ach, den gibts ja auch. Tschaikowski: Ist doch nicht ausschließlich Parfüm. Und Mendelssohn: Ist ja ein ganz Großer!

      Zurück zu Mendelssohn. Mir gehts jetzt echt um die Musik.
      Wie bedeutend war er wirklich?


      Punkt 1)

      Ich empfinde bei kaum einem anderen Komponisten eine derartige Meisterschaft in der Behandlung der Holzbläser im Orchester. Als Gruppe völlig autonom, mit den Streichern im Zwiegespräch, im Gesamtklang als Farbgeber. Immer höchst transparent.
      Ich kann es nicht besser sagen, vielleicht kann mir ein Holzbläser erklären, was da läuft. [arundo donax Beitrag 23: "... da im Holz übelst schwer! ...]
      Ähnlich gut finde ich nur noch Mozart (merkwürdigerweise) in seinen Klavierkonzerten.

      Punkt2)
      Die Klaviermusik kenne ich kaum - ab und zu hört man ein paar Lieder ohne Worte - die haben mir immer gut gefallen (aber da ist ja wohl die Hälfte von Fanny :fee: ).
      Die Klavierkonzerte empfand ich immer als eher-nur-virtuos; ich hatte gar nicht erst Lust, unter die glatte Oberfläche zu lauschen.
      Was meint Ihr - sollte ich doch?



      Auf drei Beiträge möchte ich noch eingehen: [Kann mir einer sagen, wie ich Zitate aus Uralt-Seiten hier reinkriege??]

      [Im Beitrag rechts unten auf "Zitieren" klicken und dort "Nachricht zum Zitieren auswählen", desgleichen bei anderen Beiträgen, dann "Antworten". Näheres gern hier: An die Mods :gurni: Gurnemanz]

      382: Zitat ChKöhn:
      "... Das Problem ist sogar noch elementarer, dass hier vom Threadstarter über "Bedeutung", "Größe" usw. spekuliert wird, ohne überhaupt etwas zur Musik zu sagen. ..."

      Ja, ich habe auch im gesamten Thread vergleichsweise wenig Stellungnahmen zu Mendelssohns Musik gefunden.


      419: Zitat Areios:
      "... dass mich Mendelssohn an Mozart erinnert ..."

      JAWOHL!


      441: Zitat merkatz:
      "... Wenn man den Freischütz von Weber auf dem Klavier spielt, merkt man das auch sehr deutlich, die Tonsprache ist sehr ähnlich, wie ich finde. ..."

      Bei den Mendelssohn-Klavierkonzerten bin ich (wiewohl ich sie kaum kenne - siehe oben) auch auf die Ähnlichkeit mit Weber gestoßen - mit seinen Konzert(stück)en: Ähnliche Sprache, aber auch Virtuosität und nicht viel dahinter. Bitte zerfleischt mich nicht!!!
      Der Freischütz ist über jeden Zweifel erhaben - für mich DIE deutsche Oper überhaupt.


      Liebe Grüße; ich freue mich auf Eure Anregungen.

      Manfred
      Das verstehst du noch nicht, sagten sie. Ich verstand. (Fred K. Linden)
    • Fred K. Linden schrieb:

      Punkt2)
      Die Klaviermusik kenne ich kaum - ab und zu hört man ein paar Lieder ohne Worte - die haben mir immer gut gefallen (aber da ist ja wohl die Hälfte von Fanny

      Nö, was Du meinst sind die Liedersammlungen (mit Worten) op. 8 und op. 9. Da sind einige Lieder von Fanny dabei (z.B. die Nonne). Allerdings sind aus beiden Sammlungen jene Lieder, die man ab und zu im Konzertsaal hört (etwa das "Hexenlied"), alleseamt von Felix. Alle Lieder ohne Worte, die Felix publizierte, sind jedenfalls von ihm selbst - allerdings hat Fanny auch das Genre bedient.

      Fred K. Linden schrieb:

      Die Klavierkonzerte empfand ich immer als eher-nur-virtuos; ich hatte gar nicht erst Lust, unter die glatte Oberfläche zu lauschen.

      Was meint Ihr - sollte ich doch?

      Die Klavierkonzerte sind tatsächlich hauptsächlich virtuos und keineswegs so "tiefsinnig" wie die von Schumann oder Brahms. Allerdings wollen sie das auch gar nicht sein - es ist überaus lebensfrohe, fetzige Musik. Man sollte also nichts hineingeheimnissen, sondern die Werke so nehmen wie sie sind. An Lebenslust ist ja gar nichts auszusetzen. Ich halte jedenfalls zumindest das g-Moll Konzert für extrem gelungen. Es ist das schwungvollste Klavierkonzert überhaupt. Von den "Virtuosenkonzerten" des 19 Jahrhunderts (d.h. nicht "symphonischen" Konzerten wie Schumann oder Brahms) würde ich nur Liszt Es-Dur und die Konzerte 2. und 4. von Saint-Saens darüberstellen.
      Mendelssohns Musik ist vielseitiger als die der meisten anderen Komponisten. Von rein hedonistischen Stücken (z.B. diverse Klavierwerke mit oder ohne Orchester) bis zur weltverlorenen Einkehr (z.B. a capella Motetten) ist alles dabei. Daher können sich sowohl Weberenthusiasten als auch Schostakowitschniks (f-Moll Streichquartett!) Mendelssohns Werk nähern.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Hallo Trichomonas,

      vielen Dank für Deine Antwort.

      Trichomonas musicalis schrieb:


      Nö, was Du meinst sind die Liedersammlungen (mit Worten) op. 8 und op. 9. Da sind einige Lieder von Fanny dabei (z.B. die Nonne). Allerdings sind aus beiden Sammlungen jene Lieder, die man ab und zu im Konzertsaal hört (etwa das "Hexenlied"), alleseamt von Felix. Alle Lieder ohne Worte, die Felix publizierte, sind jedenfalls von ihm selbst - allerdings hat Fanny auch das Genre bedient.

      Da lag ich ja knapp aber heftig daneben. Weiß man eigentlich genau, welche Stücke, die Felix unter seinem Namen herausgab, tatsächlich von Fanny stammen? Im Sommernachtstraum soll ja einiges von ihr sein.

      Trichomonas musicalis schrieb:

      An Lebenslust ist ja gar nichts auszusetzen.
      Das ist ein guter Satz - der mich auch ein bisschen beschämt. Da sitzt wohl immer noch ein Rest des ERNSTE-Musik-Denkens in mir; immer die Frage nach dem sogenannten Gehalt in der Musik, was immer das bedeuten soll. Andererseits (und das gibt mir die Hoffnung, dass ich mich bessere): Ich würde meine lebenslustige Ukulele nicht gegen etwas Schwer-Bedeutendes (ganz vorsichtig angetastet: Theorbe???) tauschen wollen. Allein schon, weil mir die zu schwer wäre :D .

      Von den "Virtuosenkonzerten" des 19 Jahrhunderts (d.h. nicht "symphonischen" Konzerten wie Schumann oder Brahms) würde ich nur Liszt Es-Dur und die Konzerte 2. und 4. von Saint-Saens darüberstellen.

      Liszt: Ja, bin ich einverstanden - wobei das ja eher vom Wuchtigen als vom Lebenslustigen ist. (Mir ist das Zweite lieber - hat mehr Gehalt. Übrigens gehört in jedes vernünftige Klavierkonzert ein Solo-Cello! :mlol: :hide: :mlol: ).
      Saint-Saens: Ja, die zwei sind auch meine Lieblinge, und die würde ich auch nicht als "eher-nur-viruos" bezeichnen, dazu ist mir die Melodien-Einfallskraft von Saint-Saens zu mächtig - da sehe ich gar nicht mehr das Viruose als Selbstzweck.

      Daher können sich sowohl Weberenthusiasten als auch Schostakowitschniks (f-Moll Streichquartett!) Mendelssohns Werk nähern.
      Wobei wir wieder bei der ominösen "Bedeutung" Mendelssohns wären - ja, der konnte alles. Wie Schostakowitsch (wobei der auch musste).

      Liebe Grüße,
      Manfred
      Das verstehst du noch nicht, sagten sie. Ich verstand. (Fred K. Linden)
    • Fred K. Linden schrieb:

      Da lag ich ja knapp aber heftig daneben. Weiß man eigentlich genau, welche Stücke, die Felix unter seinem Namen herausgab, tatsächlich von Fanny stammen? Im Sommernachtstraum soll ja einiges von ihr sein.

      Ja, das ist bekannt - und zwar handelt es sich um "Das Heimweh" (op. 8/2), "Italien" (op. 8/3), "Suleika und Hatem" (op. 8/12), "Sehnsucht" (op. 9/7), "Verlust" (op. 9/10) und "Die Nonne" (op. 9/12). Insgesamt also 6 von 24 Liedern. Interessanterweise war "Italien" das Lieblingslied Queen Victorias. Als sie es bei einer Audienz gegenüber Mendelssohn besonders lobte (irgendwann so um die 20 Jahre nach Herausgabe der Lieder) gestand er ihr, dass das Lied egentlich von Fanny sei. Mit dem "Sommernachtstraum" hatte Fanny aber gar nichts zu tun. Sie war in den Komoistionsprozess der Ouvertüre weniger eng eingebunden als sonst und die übrigen Nummern komponierte Felix 17 Jahre später, als die beiden einander kaum mehr sahen.

      Fred K. Linden schrieb:

      Das ist ein guter Satz - der mich auch ein bisschen beschämt. Da sitzt wohl immer noch ein Rest des ERNSTE-Musik-Denkens in mir
      Mit ging es zu Beginn ganz ähnlich. Ich war desegen beim ersten Hören der Klavierkonzerte ziemlich enttäuscht. Inzwischen hat sich das gelegt, denn ich bin in die Musik der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts jetzt viel besser eingehört.

      Fred K. Linden schrieb:

      Saint-Saens: Ja, die zwei sind auch meine Lieblinge, und die würde ich auch nicht als "eher-nur-viruos" bezeichnen, dazu ist mir die Melodien-Einfallskraft von Saint-Saens zu mächtig - da sehe ich gar nicht mehr das Viruose als Selbstzweck.

      Stimmt schon, die Saint-Saens Konzerte sind gewichtiger. Trotzdem sind sie für den Solisten viel virtuoser gesetzt als etwa Schumann und Brahms. Da ist schon viel brilliantes Passagenwerk in den Partituren.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Trichomonas musicalis schrieb:

      Fred K. Linden schrieb:

      Die Klavierkonzerte empfand ich immer als eher-nur-virtuos; ich hatte gar nicht erst Lust, unter die glatte Oberfläche zu lauschen.

      Was meint Ihr - sollte ich doch?
      Die Klavierkonzerte sind tatsächlich hauptsächlich virtuos und keineswegs so "tiefsinnig" wie die von Schumann oder Brahms. Allerdings wollen sie das auch gar nicht sein - es ist überaus lebensfrohe, fetzige Musik. Man sollte also nichts hineingeheimnissen, sondern die Werke so nehmen wie sie sind. An Lebenslust ist ja gar nichts auszusetzen. Ich halte jedenfalls zumindest das g-Moll Konzert für extrem gelungen. Es ist das schwungvollste Klavierkonzert überhaupt. Von den "Virtuosenkonzerten" des 19 Jahrhunderts (d.h. nicht "symphonischen" Konzerten wie Schumann oder Brahms) würde ich nur Liszt Es-Dur und die Konzerte 2. und 4. von Saint-Saens darüberstellen.

      Probiers mal mit dem frühen Klavierkonzert ("Nr. 0") in a-moll - das ist zwar auch sehr virtuos (und schwungvoll!). Der erste Satz klingt fast, als hätte Mozart länger gelebt und noch ein Klavierkonzert geschrieben. Der fetzige Finalsatz ist typischer Mendelssohn, einer seiner wunderbaren schnellen Sätze. Dazwischen ein bemerkenswertes Adagio in E-Dur, das dem Klavier überwiegend eine deklamierende Rolle zuweist (der Klavierpart im A-Teil ist beide Male "Recitativo" überschrieben). Der Übergang zum stark modulierenden Mittelteil, in dem Klavier und Pizzicato-Streicher im Wechsel kompaktere Melodiefetzen präsentieren und das Tempo etwas anzieht, erinnert mich im Wechsel des Ausdrucks entfernt an das ähnlich strukturierte Adagio von Schuberts D956. Insgesamt scheint mir hier die Oberfläche sogar schöner als im turbulent-aggressiven g-moll-Konzert, aber dafür auch die Tiefe insbesondere des charaktervollen, fast personalen Klavierparts lockender.

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Da Felix Mendelssohn Bartholdy einer meiner absoluten Lieblingskomponisten ist, las ich über mehrere Tage verteilt diesen Thread mit großem Interesse. Nach dieser Lektüre verspüre ich nun einen großen Drang, meine Gedanken zu diesem großen Komponisten in einem zugegeben sehr ausführlichen Beitrag mit euch zu teilen.

      Ich empfinde die Musik Mendelssohns schon immer als äußerst erfrischend, lebendig und schwungvoll. Für mich ist in vielen seiner Werke das Element des Sturm und Drang vorherrschend. Diese Frische und Lebendigkeit in seiner Musik zeigt sich bereits im Oktett, dass er mit gerade einmal 16 Jahren schrieb, aber auch in den späten Werken wie dem Violinkonzert immer wieder. Besonders entscheidend sind dabei die fließenden und oft raffinierten Übergänge, die für mich kein anderer Komponist mit einer so scheinbaren Leichtigkeit komponieren konnte, wobei Mendelssohn in Wirklichkeit häufig besonders lange an seinen Werken gefeilt hat, bis sie sich so wie aus einem Guss anhörten, wie wir sie kennen.
      In MBs Musik ist beinahe immer Bewegung. Mittelstimmen und Begleitfiguren sind häufig besonders kunstvoll ausgearbeitet, sowieso komponiert er an vielen Stellen seiner Werke besonders polyphon im Stile Bachs und ist so der erste Komponist der Romantik, der barocke Elemente erfolgreich in seine Werke integriert. Dieser musikalische Historismus ist ein besonderes Verdienst Mendelssohns, den man mMn nicht hoch genug einschätzen kann.

      Nach dieser Einleitung zu den Vorzügen seines Kompositionsstils nun zu den Kritikpunkten:
      Angeblich seien die meisten seiner Werke oberflächlich, zu glatt und zu klassizistisch.

      Ich stimme zu, dass einiges im Werke Mendelssohns klassizistisch ist. Aber für mich ist das kein Kritikpunkt, sondern eine sehr erfolgreiche Synergie von bereits Bewährtem mit romantischem Ausdruck. Gerade diese Kombination, angereichert mit seinen wunderbaren melodiösen Einfällen und einer Kunstfertigkeit im reinen kompositorischen Handwerk, welche ihm nun wirklich niemand absprechen kann, macht doch die Musik Mendelssohns so großartig.
      Oberflächlichkeit oder kühle Glätte? Ich denke, dass haften Kritiker ihm an, weil seine Musik eben so meisterhaft fließend komponiert ist und daher auf den ersten Blick erstmal Ecken und Kanten zu fehlen scheinen. Ich stimme jedem zu, der behauptet, Mendelssohns Musik sei meist nicht besonders konfliktlastig oder besitze eher weniger stark kontrastierende Themen. Aber auch das ist für mich keine Schwäche, sondern es ist nunmal einfach seine Art zu komponieren. Eines erwächst ganz natürlich und wie selbstverständlich aus dem Anderen.
      Trotzdem kann MB sehr dramatisch werden (vgl. Walpurgisnacht, Elias, f-Moll-Streichquartett) und das, ohne plötzlich seine klare Form oder sein Kompositionsideal über den Haufen zu werfen. Selbst in seinem letzten Streichquartett, in dem er, was die Themenbildung betrifft, relativ radikal verändert komponiert, höre ich den typischen Mendelssohn’schen Drive und erkenne sein typisches Formverständnis.

      Was macht einen großen Komponisten aus? Warum halte ich MB für einen? Für mich sind drei Punkte entscheidend:

      1. Hat ein Komponist seinen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil gefunden? Ist er originell und besitzt eine ihm eigene, musikalische Sprache?
      Das trifft auf Mendelssohn mMn auf jeden Fall zu. Von vielen seiner Werke bräuchte man nur die ersten paar Takte hören und wüsste: „Ah, das ist Mendelssohn!“

      2. War ein Komponist zu seinen Lebzeiten und/oder eventuell darüber hinaus wirkungsmächtig und hatte Einfluss auf Zeitgenossen bzw. auf nachfolgende Generationen?
      Dass Mendelssohn zu seinen Lebzeiten einflussreich war, kann wohl niemand bestreiten. Er war der führende Komponist seiner Zeit. Er hatte beispielsweise großen Einfluss auf Robert Schumann, der ihn regelrecht verehrte. Ein Beispiel: Schumanns Klavierquintett wurde maßgeblich von MB beeinflusst, der ihm riet, den 2. Satz zu verändern und teilweise umzukomponieren. Schumann tat dies dann auch.
      Ich denke, auch auf einen Johannes Brahms, der ja traditionell in der Nachfolge MBs und Schumanns steht, hatte er sicherlich Einfluss. Außerdem auf Zeitgenosse Wagner, der zu Beginn seiner Karriere extrem in MBs Schatten stand (vielleicht auch daher die Abneigung?) und sich anfangs an ihm zu orientieren versuchte. Dass sein Stil sich so in eine andere Richtung entwickelte, ist doch auch eine Art von Einfluss. Mendelssohns Dominanz in bestimmten Bereichen brachte Wagner unter anderem dazu, eigene Konzepte zu entwickeln und sich zu emanzipieren.

      3. Werden Werke eines Komponisten bis heute noch regelmäßig aufgeführt?
      Ja, das werden sie. Das spricht mMn für sich, denn nur was Qualität hat und in seiner Form einzigartig ist, wird Teil des sogenannten „Kanons“ klassischer Musik.

      Zum letzten Punkt gibt es aber leider anzumerken, dass Mendelssohn von vielen immer noch auf einige wenige Werke reduziert wird. Ich denke, es wurde schon zu Genüge angeführt, dass dies durchaus in seiner inkongruenten historischen Rezeption begründet liegt, selbstverständlich auch aus antisemitischen Gründen.
      Warum wurde hier so wenig über „Die erste Walpurgisnacht“ gesprochen? Das ist ein absolutes Meisterwerk und wunderbar abwechslungsreich. Es ist MBs weltliches Gegenstück zu seinem „Lobgesang“. Leider aber mMn nicht besonders bekannt.
      Warum steht das 2. Klaviertrio so im Schatten des ersten? Ich halte es nicht nur für genau so gut (sie sind ohnehin sehr ähnlich angelegt), sondern sogar für noch etwas reifer. Wer es nicht kennt, hört euch dieses Finale an!
      Warum ist das 2. Streichquintett vergleichsweise noch so unbekannt?

      Zu den Sinfonien: Hier wurde öfter der Eindruck erweckt, die „Italienische“ sei seine letzte große Sinfonie. Dabei ist die „Schottische“ seine späteste und für die meisten Musikwissenschaftler auch die reifste, in sich geschlossenste und romantischste seiner Sinfonien. Leider wird der erste Satz mMn oft fürchterlich verschleppt, obwohl der Kopfsatz ein bewegtes Allegro ist, dass ein für MB typisches schwungvolles Hauptthema besitzt.
      Wenn ich die chronologische (!) Reihenfolge seiner Sinfonien betrachte, angefangen bei der 1. (dem Werk eines 15-Jährigen) über die „Reformationssinfonie“ (vom Komponisten verworfen), die „Italienische“ und schließlich die „Schottische“, sehe ich nicht nur eine unglaubliche Vielseitigkeit im sinfonischen Schaffen, sondern ganz sicher auch eine kompositorische Entwicklung. Den „Lobgesang“ sollte man mMn nicht zu den Sinfonien rechnen und die irreführenden Nummerierungen kamen nur dadurch zustande, dass zwei von Mendelssohns Sinfonien postum erschienen sind und für die 2. Sinfonie ein Platz frei war, den Mendelssohn wohl ursprünglich für seine „Italienische“ vorgesehen hatte.

      Zu den Konzertouvertüren: Die „Sommernachtstraum“-Ouvertüre und „Die Hebriden“ sind absolute Meisterwerke. Über letztere haben sich übrigens auch Brahms und sogar Wagner sehr wohlwollend geäußert. Neben diesen beiden gibt es aber auch noch andere, sehr hörenswerte Ouvertüren von Mendelssohn.
      Für mich ist diese vom Komponisten neu eingeführte Gattung ein Vorläufer der sinfonischen Dichtung. Sie ist durchaus Programmmusik und hat natürlich auch nachfolgende Komponisten beeinflusst.

      Zur Klaviermusik: Die Lieder ohne Worte sind doch Alltag im Klavierunterricht, jeder Pianist lernt sie kennen. Sie sind unsterblich mit dem Namen Mendelssohn verbunden. Das ist ursprünglich Musik vor allem für den Hausgebrauch (aber mit großartiger Qualität) und so sollte sie auch verstanden werden. Nicht als Musik, die einen Konzertabend füllen muss.
      Die "Variations sérieuses" gelten übrigens auch als eines der Meisterwerke MBs.

      Das Violinkonzert, der beiden großen Oratorien, für mich vor allem noch die Trios sowie die Streichquartette Nr. 2 und 6 - alles in meinen Augen fantastische Musik.

      Ohne jetzt mit der Werkbetrachtung fortfahren zu wollen, erlaubt mir noch diese eine Frage: Wie viele „Meisterwerke“ muss ein Komponist schaffen, um als ganz großer zu zählen? Was Mendelssohn betrifft, so fallen mir einige ein, sowohl Symphonische als auch kammermusikalische. Die Kirchenmusik sowieso. Mendelssohn ist genau so ein Großer wie Schumann, Brahms oder andere Komponisten der Romantik. Das sollte man auch anerkennen, wenn man nicht 100 CDs von ihm im Regal stehen hat…
    • Willkommen im Forum, lieber Felix! Ein schöner Einstieg!

      Felix schrieb:

      Mendelssohn ist genau so ein Großer wie Schumann, Brahms oder andere Komponisten der Romantik.
      Das sehe ich ebenso.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Felix schrieb:

      Zu den Sinfonien: Hier wurde öfter der Eindruck erweckt, die „Italienische“ sei seine letzte große Sinfonie. Dabei ist die „Schottische“ seine späteste und für die meisten Musikwissenschaftler auch die reifste, in sich geschlossenste und romantischste seiner Sinfonien. Leider wird der erste Satz mMn oft fürchterlich verschleppt, obwohl der Kopfsatz ein bewegtes Allegro ist, dass ein für MB typisches schwungvolles Hauptthema besitzt.Wenn ich die chronologische (!) Reihenfolge seiner Sinfonien betrachte, angefangen bei der 1. (dem Werk eines 15-Jährigen) über die „Reformationssinfonie“ (vom Komponisten verworfen), die „Italienische“ und schließlich die „Schottische“, sehe ich nicht nur eine unglaubliche Vielseitigkeit im sinfonischen Schaffen, sondern ganz sicher auch eine kompositorische Entwicklung. Den „Lobgesang“ sollte man mMn nicht zu den Sinfonien rechnen und die irreführenden Nummerierungen kamen nur dadurch zustande, dass zwei von Mendelssohns Sinfonien postum erschienen sind und für die 2. Sinfonie ein Platz frei war, den Mendelssohn wohl ursprünglich für seine „Italienische“ vorgesehen hatte.
      Ja! Natürlich ist die "Schottische" Mendelssohns reifste, geschlossenste und romantischste Sinfonie, aber anscheinend kein Liebling der Capricciosi ("spröde", "ermüdend", "verlangt viel Konzentration"). Warum das so empfunden wird, konnte mir noch niemand erklären, aber siehe z.B. auch die Diskussion hier. Und ja, bei Mendelssohn sollte man auch endlich mal eine chronologisch sinnvolle Zählung der Sinfonien durchsetzen, nämlich 1 (1), 2 (Reformation), 3 (Italienische), 4 (Schottische) und den Lobgesang in die Oratorien verschieben (wie es die neue Ausgabe eh schon macht, aber ohne die Sinfonienummern anzupassen). Bei Schubert ging's doch auch.

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Areios schrieb:

      wie es die neue Ausgabe eh schon macht, aber ohne die Sinfonienummern anzupassen
      wenn ich die neue Ausgabe richtig verstehe, übernimmt sie für die Titelfassung nur von Mendelssohn selbst stammende Zählungen, und das wäre dann nur die Sinfonie Nr. 1. Alle anderen bleiben ungezählt. M.E. philologisch völlig korrekt.

      edit
      ganz so einfach scheint es aber doch nicht zu sein. Das Autograph der "Schottischen" hat weder Zählung noch op.-Nr., die Erstausg. sowohl Zählung wie op.-Nr.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • ich konnte die Geringerschätzung von MB noch nie nachvollziehen.
      Aber ist man da mittlerweile in der Bewertung nicht weiter? Oder anders gefragt: gibt es heute noch zeitgenössische Musikwissenschaftler und dergleichen, die explizit MB unter seinen damaligen Komponistenkollegen "in die zweite Reihe stellen"?

      :wink:
    • Scherzo schrieb:

      ich konnte die Geringerschätzung von MB noch nie nachvollziehen.
      Aber ist man da mittlerweile in der Bewertung nicht weiter? Oder anders gefragt: gibt es heute noch zeitgenössische Musikwissenschaftler und dergleichen, die explizit MB unter seinen damaligen Komponistenkollegen "in die zweite Reihe stellen"?
      Ohne da ein Experte zu sein oder den völligen Überblick über alle musikwissenschaftlichen Beiträge zu haben, denke ich, man kann sagen, dass MB unter Musikwissenschaftlern mittlerweile differenziert genug betrachtet und ihm die Anerkennung entgegen gebracht wird, die er verdient. Gelegenheits- oder Auftragswerke werden dementsprechend eingeordnet.
      Nicht alles von Mendelssohn ist immer gleich ein Meisterwerk. Aber auch Komponisten wie Schubert haben nicht nur Meisterwerke komponiert. Und da ist mein persönlicher Eindruck schon, dass mit zweierlei Maß gemessen wird: Bei MB werden die drei mittleren Streichquartette rausgeholt (die mich auch nicht besonders umhauen) und er wird als oberflächlicher Klassizist abgestempelt. Bei Schubert konzentriert man sich auf das Spätwerk und erklärt ihn uneingeschränkt zum Genie. Ich habe auch schon einige Werke von Schubert gehört, die mich langweilen. Deswegen stelle ich aber nicht seine Größe als Komponist infrage.
      Einen Vergleich mit Liszt und Chopin finde ich schwierig. Beide sind eher Komponisten fürs Klavier, oder zumindest im Falle Liszt aufgrund dieser Musik besonders geschätzt. Aus meiner Sicht kann man am ehesten noch MB und Schumann vergleichen, was die Breite des Oevres auf verschiedenen Gebieten angeht.

      Ich bin insgesamt der Meinung, viele fortgeschrittene Klassikhörer hören entweder Beethoven oder aber lieber die späteren Romantiker, die Mendelssohn und Schumann in Länge, Lautstärke und Besetzung übertreffen. Liege ich da falsch?
    • Felix schrieb:

      Ich bin insgesamt der Meinung, viele fortgeschrittene Klassikhörer hören entweder Beethoven oder aber lieber die späteren Romantiker, die Mendelssohn und Schumann in Länge, Lautstärke und Besetzung übertreffen. Liege ich da falsch?
      Was mich betrifft: Ja, da liegst Du falsch. Ich habe Mendelssohn immer schon gleich gern gehört wie z. B. Beethoven, Schubert, Schumann, Wagner und Brahms, auch wenn ich im Lauf der Jahre (seit ca. 1970) mal den einen oder anderen präferiert habe.

      Auch die 6 Orgelsonaten op. 65 schätze ich, ebenso die 3 Streichquartette op. 44. :)

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann