Mendelssohn Bartholdy – Wie bedeutend war er wirklich?

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    • Ich kann auch hier nur noch einmal die tolle Einspielung von Thomas Hengelbrock empfehlen,der die Erste mit dem NDR-SO Hamburg eingespielt hat. Dazu habe ich auch extra einen Thread eröffnet vor einiger Zeit.

      Hier noch einmal die von mir gerade erwähnte Aufnahme :




      VG,Maurice
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Da es (auch dank meiner eigenen Faulheit) immer noch keinen thread zu Mendelssohns 5.gibt und ich irgendwie doof finde, den "eben gehört"-Thread mit unauffindbaren Posts zu füttern: Mal wieder die Reformationssymphonie gehört, in relativ schlankem Sound, was die Streicher betrifft, aber doch sehr mitreißend gespielt, trotz nicht wirklich schneller Tempi - Ton Koopman dirigiert ein RSO (mehr gab die Youtube-Beschreibung nicht her...)

      Was mir auffiel: das manchmal "altväterisch" geschumpfene Scherzo - das auch viel von einem anpolonästen Menuett hat - klingt hier manchmal schon etwas nach Mahler, vor Allem im trioartigen Zwischenteil, mit vielen Trillern und recht volkstümlicher Melodik in sehr ausgefeiltem Gewand - hatte ich so nicht in Erinnerung...

      Wenn man die doch leider auch vorhandenen etwas bräsigen Partien überhört, ein spannendes Werk mit vielen schönen Details
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Ich habe diesen Thread vor einigen Monaten als Nicht-Mitglied wie auf einer heißen Herdplatte verfolgt. Eigentlich wollte ich den Thread nach meinem Beitritt trotzdem liegen lassen, da potentiell "gefährlich" (irgendwie grotesk, wenn man an die Persönlichkeit und Musik Mendelssohns denkt...). Inzwischen habe ich mir allerdings wieder ein paar CDs gekauft und fand wieder und wieder das Märchen vom "unterschätzten Komponisten" erzählt - z.B. im Booklet zur neuen Klaviermusik-CD von Bernhard Glemser, verfasst von Attila Csampai. Jetzt bin ich wieder motiviert, hier was zu schreiben.

      Zunächst einige Punkte, die vorgebracht wurden, v.a. von Yorick und Ecclictico.

      1. Mendelssohn ist mein Lieblingskomponist (ja, so was gibt's) und ich besitze ca. 450 CDs mit seiner Musik (ca. 15% meiner Sammlung).

      2. Gibt man "Felix Mendelssohn" bei Amazon unter der Rubrik "Klassik ein erhält man knapp unter 3000 Hits - genau 2924 (Stand August 2013). Das ist von den tausenden Komponisten, von denen es Musik zu kaufen gibt der 12. Platz.

      Vor Mendelssohn liegen: 1. W.A. Mozart 11133 hits, 2. J.S. Bach 9954, 3. L. v. Beethoven 8971, 4. Schubert 5663, 5. J. Brahms 5611, 6. R. Schumann 3703, 7. J. Haydn 3692, 8. P.I. Tschaikowsky, 3492, 9. F. Chopin 3352, 10. G.F. Händel 3256, 11. A. Vivaldi 3051.

      Hinter Mendelssohn liegen (nur 10 plätze angeführt): 13. F. Liszt 2916, 14. R. Wagner 2908, 15. A. Dvorák 2558, 16. C. Debussy 2517, 17. R. Strauss 2400, 18. G. Mahler, 19. M. Ravel 1920, 20.G. Puccini 1755, 21. G. Bizet 1448, 22. E. Grieg 1443

      Damit kann man wohl mit Fug und Recht sagen, dass Mendelssohn zu den allerbeliebtesten Komponisten überhaupt gehört. Mendelssohn liegt in etwa in der Größenordnung von Chopin, Schumann, Liszt und Dvorák.


      3. Mendelssohn gehört zu den am häufigsten aufgeführten Komponisten. Kleine Auswahl an Konzertprogrammen:

      A. Wien im Zeitraum 7.7. 2013 - 7.7. 2014:

      In den beiden großen Konzerthäusern Wiens (Musikverein, Konzerthaus) erklingt Mendelssohn an insgesamt 36 Abenden in einem Jahr im Zeitraum 7.7. 2013 - 7.7. 2014. Zum Vergleich: Schumann 35, Brahms 71, Liszt 16, Haydn 46, Mahler 39, Bruckner 20.

      Gegeben werden/wurden: Italienische 7x, Violinkonzert 5x, Schottische 3x, Lobgesang 3x, Reformationssymphonie, erstes Klavierkonzert, 42. Psalm 2x, f-Moll SQ 2x, SQ op. 12, Streichquintett op. 87, Kl.trio op. 66, Sommernachtstraum komplett 2x, Hebridenouvertüre, Schöne Melusinenouvertüre 2x, Meeresstille 2x, F-Dur Violinsonate 2x, Streichersymphonie Nr. 10, Klarinettensonate, As-Dur Doppelklavierkonzert, Vom Himmel hoch komm ich her (Kantate), Verleih uns Frieden gnädiglich (Kantate), Infelice (Konzertarie), Capriccio f. SQ aus Op. 81.

      Dreimal werden Konzerte ausschließlich mit Musik Mendelssohns gegeben,
      zweimal unter Andres Orozco-Estrada und einmal unter Claudio Abbado (!!!!).



      B.
      Amsterdam, Concertgebouw (Eingaben in der Suchfunktion):

      Mendelsohn 25 Abende, Schumann 24, Brahms 53, Liszt 10, Mahler 15, Haydn 35, Bruckner 14.



      C.
      Konzerthaus Berlin (Eingaben in der Suchfunktion):

      Mendelssohn 18 Konzerte (darunter Elias und Paulus), Schumann 11, Brahms 28, Chopin 3, Tschaikowsky 20, Bruckner 14, Haydn 14, Liszt 11.




      Als Fazit kann man wohl wirklich sagen, dass Mendelssohn weder unterschätzt noch in der Programmgestaltung übersehen wird. Mir machen eher Komponisten wie Haydn und Chopin sorgen, die definitiv weniger aufgeführt werden als es ihrer Bedeutung entspräche.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Ich glaube, um Chopin muss man sich keine Sorgen machen ;+). Da er nun mal fast ausschließlich Soloklaviermusik komponiert hat, wird er (mit Ausnahme der beiden Konzerte und der Cellosonate) auch nur bei Klavierabenden aufgeführt. Man müsste also gerechterweise den Anteil von Chopin-Musik bei Klavierrecitals errechnen - und der dürfte ziemlich hoch ausfallen. Auf der anderen Seite werden Bruckner und Mahler logischerweise fast nur in Orchesterkonzerten aufgeführt, und zwar m.E. ziemlich oft - auf die Gesamtheit aller Konzerte gerechnet fällt ihr Anteil eben weniger imponierend aus.

      Was Mendelssohn betrifft, hast Du natürlich Recht. Ich hatte ja hier schon einmal darauf hingewiesen, dass Indizien dafür sprechen, dass Mendelssohn z.Zt. im Kammermusiksektor einen regelrechten Boom erlebt. Das gilt m.E. auch für die Musikwissenschaft - wenn man mal bei musikbibliographie.de nach Literatur zu einzelnen Komponisten sucht, wird man herausfinden, dass in den letzten beiden Jahrzehnten enorm viel zu Mendelssohn erschienen ist.

      Wer Attila Csampai ernst nimmt, ist selber schuld :D. Insgesamt kann man vor allen in den Forenbiotopen, aber auch sonst gelegentlich in der Musikpublizistik feststellen, dass Wörter wie "überschätzt" und vor allem "unterschätzt" zum Lieblingsvokabular zählen (man muss sich nur mal unsere Threadtitel ansehen). Inzwischen kann "unterschätzt" geradezu als Marketingvokabel gelten. Ich warte nur darauf, dass demnächst Bach, Mozart, Beethoven oder Furtwängler, Heifetz, Horowitz als unterschätzt bezeichnet werden...


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Es wurde im Thread ja schon vorher darauf hingewiesen, dass wir es bei Mendelssohn mit einem starken Gefälle und Popularität und Aufführungshäufigkeit zwischen einigen außerordentlich beliebten Werken und dem Rest zu tun haben. (Dvorak ist so ein ähnlicher Fall). Deswegen sind reine Schlagwortzahlen auch etwas mit Vorsicht zu genießen, denn davon sind vermutlich mehr als die Hälfte Violinkonzert und Sommernachstraum....
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Kater Murr schrieb:

      Deswegen sind reine Schlagwortzahlen auch etwas mit Vorsicht zu genießen, denn davon sind vermutlich mehr als die Hälfte Violinkonzert und Sommernachstraum....


      Vielleicht mag Trichomonas die statistische Erhebung noch weiter aufschlüsseln, ich bin dazu zu faul... ;+) Aber Deine Einschätzung trifft doch wohl eher auf die 70er und 80er Jahre zu. Nach meiner Beobachtung des Konzertlebens ist gerade bei Mendelssohn die Spannweite der aufgeführten Werke viel größer geworden als früher, die Kammermusik ist da nur ein (wenngleich wichtiger) Teilbereich. Bei den Tonträgern könnte man das sicher schneller und deutlicher zeigen: Wenn man bedenkt, wieviele Aufnahmen allein der vor Jahrzehnten extrem selten aufgeführten Lobgesang-Sinfonie es inzwischen gibt (über 20 auf jeden Fall)...


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Vielleicht mag Trichomonas die statistische Erhebung noch weiter aufschlüsseln, ich bin dazu zu faul... ;+)

      Aber klar! Für Mendelssohn ist mir keine Mühe zu groß.

      Eingabe "Felix Mendelssohn" bei Amazon unter Rubrik Klassik: 2971 hits


      +Violinkonzert: 207
      +Sinfonien: 707
      +Italienische: 197
      +Klavierkonzert: 334
      +Sommernachtstraum: 306
      +Schottische: 107
      +Streichquartett: 204
      +Klaviertrio: 158
      +Elias: 109
      +Orgel:217
      +Lieder ohne Worte: 280
      +Lobgesang: 45
      +Sonate Violoncello: 83

      Eine so extreme Häufung des Violinkonzerts und der Italienischen kann ich hier nicht erkennen. Die Bandbreite ist viel eher ziemlich breit.




      Nachtrag zum Programm im Konzerthaus Berlin: 5 x Violinkonzert (das ist tatsächlich irre...), 1 x Italienische, 1 x erste Symphonie, 1 x erstes Klavierkonzert, Elias, Paulus, 2 x d-Moll Klaviertrio, 1 x Variations serieuses, 1 x Violinsonaten f-Moll und F-Dur, Orgelsonate 65/3 und /4 (an zwei verschiedenen Terminen), Verleih uns Frieden (Orchesterversion der Kantate)

      Das Wiener Programm hatte ich ja bereits im Detail aufgeführt. Klarerweise werden Italienische und VK sehr oft gegeben, aber auch hier ist die Bandbreite voll da. Bei vielen anderen Komponisten sehr großer Bekanntheit sieht es, glaube ich, kaum anders aus.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Vielen Dank! Ich revanchiere mich mal mit einer Auswertung der zweiten großen Berliner Konzertstätte, der Berliner Philharmonie, in der laufenden Saison 2013/14. Dort wird 17mal Mendelssohn gespielt:

      3 x Violinkonzert, 2 x Italienische, Schottische, Klavierkonzert a-moll, Konzert für zwei Klaviere und Orchester As-dur, Ruy-Blas-Ouvertüre, Oktett op. 20, Streichquartett op. 44 Nr. 3, Streichquartett op. 80, Violinsonate F-dur, Präludium und Fuge f-Moll op. 35 Nr. 5, Neue Liebe op. 19a,, Lieder im Freien zu Singen op. 48, Paulus

      Angesichts des doch ziemlich reichhaltigen Programms des Hauses nicht übermäßig viel, ich habe aber keinen Vergleich mit anderen Komponisten durchgeführt.



      Dafür macht eine andere Mendelssohn-Stadt, nämlich Hamburg, ihrem berühmten Sohn alle Ehre:

      Laeiszhalle Hamburg, ebenfalls Saison 2013/14, 28mal Mendelssohn:

      3x Schottische, 2x e-moll-Violinkonzert, 2x Melusinen-Ouvertüre, 2x Streichquartett op. 12, 2x Klaviertrio op. 49, d-moll-Violinkonzert, Italienische, c-moll-Symphonie, Reformationssymphonie, Ruy-Blas-Ouvertüre, Hebriden-Ouvertüre, Meeresstille-Ouvertüre, Klavierkonzert d-moll, Oktett op. 20, Streichquartett Es-dur, Streichquartett op. 13, Streichquartett op. 80, Vier Stücke für Streichquartett op. 81, Klaviertrio op. 66, F-dur-Violinsonate, Konzertarie "Infelice!" op. 94, Elias

      Diese Nordlichter: dreimal die Schottische, aber nur einmal die Italienische... :D Insgesamt aber eben doch eine relativ große Spannweite: Italienische, Schottische, Violinkonzert und Hebriden-Ouvertüre machen gerade mal ein Viertel aus. Sommernachtstraum taucht überraschenderweise weder in Berlin noch in Hamburg auf, allerdings hatte Abbado bei den Berliner Philharmonikern in der vergangenen Saison die komplette Schauspielmusik dirigiert.


      München kann man aufgrund der zwar reichhaltigen, aber auf unzählige Veranstalter zersplitterten Konzertszene nicht auswerten.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Bei den Amazon-Hits kann etwas nicht stimmen; ich komme mit denselben Parametern auf 309 hits bei "Mendelssohn Violinkonzert", aber das ist immer noch faul.
      Es ist ausgeschlossen, dass es mehr Aufnahmen/Ausgaben der Klavierkonzerte als des Violinkonzerts gibt. Es müsste mindestens drei bis fünfmal soviele Aufnahmen des Violinkonzerts geben. Jeder große Geiger hat das, oft mehrfach, eingespielt, aber nicht viele Pianisten die Klavierkonzerte. Das Violinkonzert gehört ziemlich sicher zu den drei populärsten der Gattung, die Klavierkonzerte vielleicht knapp zu den populärsten 30.

      Ist aber auch egal; alles zusammen reicht jedenfalls um die Ausgangsthese, Mendelssohn sei unterschätzt und (zu) wenig gespielt, zu widerlegen.
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    • ad Kater Murr:

      Wenn man nur "Mendelssohn" eingibt erhält man 309 Hits, wenn man "Felix Mendelssohn" eingibt, dann die besagten 207. Meine Zahlen haben natürlich keinen Anspruch auf genaue Treffsicherheit, sondern sollen nur Tendenzen aufzeigen. Das mit den Klavierkonzerten stimmt aber, denn es gibt eben sechs Klavierkonzerte von Mendelssohn, von denen natürlich das erste bei weitem am häufigsten eingespielt wurde. Allerdings war vor allem das g-Moll KK noch im 20. Jahrhundert sehr populär, wehalb es auch zahlreiche alte Aufnahmen gibt. Auch zur Zeit werden die KK oft eingespielt: allein in den letzten zwei Jahren fielen mir Stadtfeld, Helmchen und Schnyder ein. Zumindest auf Platte sind diese Konzerte sehr gut vertreten.


      ad Bernd: Danke für die Ergänzungen! Wirklich köstlich ist die Diskrepanz zwischen Hamburg und Wien, den beiden Polen des deutschen Raums, was die Aufführungshäufigkeit von Italienischer und Schottischer betrifft!
      Letzte Saison hat das Artemis-Quartett alle Mendelssohn SQ im Wiener Konzerthaus gespielt. Das lässt auf eine weitere Gesamteinspielung hoffen. Du hast völlig recht: Mendelssohns Kammermusik liegt im Trend. Ich vermute, dass das wieder etwas weniger werden wird, aber zumindest op. 12, 13, 44/1 und 80 bleiben sicher im Kernrepertoire.



      Objektiverweise muss ich sagen, dass Mendelssohn eher zu den Komponisten gehört, die auf Kosten anderer zu häufig gespielt werden, denn das Gegenteil. 5x Violinkonzert im Berliner Konzerthaus, z.B., ist schwachsinnig. Es gibt auch Alternativen.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • @Kater Murr:
      Zu diesen Hits ist natürlich zu sagen, daß alles aufgeführt wird, was amazon gelistet hat - also auch alle CD-Auflagen ein und derselben Einspielung mitsamt der Import-Fassungen der gleichen CD-Auflage; dann kommt hinzu, ob man den Namen komplett ausschreibt oder nur auch z.B. Mendelssohn beschränkt. Dann kann es auch noch passieren, daß eine CD nicht gelistet ist, weil die Tags nicht den Komponistennamen enthalten (mir begegnet das Phänomen immer wieder bei meinen Recherchen). Insofern ist die Liste nur dann aussagekräftig, wenn man sie einzeln durchforstet und die einzelnen Einspielungen auseinanderklamüsert.

      Deshalb kann es passieren, daß die Zahlen in Bezug der Violinenkonzerte so niedrig sind.


      jd :wink:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Es muss v.a. bei "Mendelssohn Klavierkonzert" zufällige Korrelationen geben, die das Ergebnis verfälschen.
      Man muss das nicht vertiefen, aber mir fallen nur drei bis vier einigermaßen berühmte Pianisten, die Mendelssohns Klavierkonzerte eingespielt haben: Serkin, Perahia, Katsaris, Schiff. Dann einige jüngere wie Schirmer und Kirschnereit. Arrau, Kempff, Rubinstein, Richter, Brendel, Gulda, Pollini etc. Fehlanzeige. Die beiden Doppelkonzerte und die anderen Jugendwerke werden wohl kaum die Statistik beeinflussen, das sind ja Raritäten, von denen es jahrzehntelang kaum Aufnahmen gegeben hat. Außerdem werden ja vermutlich Treffer für das frühe Violinkonzert die für das e-moll-Konzert verfälschen.
      Mir fällt kein berühmter Geiger ein, der das e-moll-Violinkonzert nicht eingespielt hat.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Natürlich sind die Hits kein absolutes Maß. Wiederauflagen, falsche Zuweisungen etc.. haben einen starken Einfluss auf die Gesamtzahl. Allerdings setze ich voraus, dass das bei allen Komponisten der Fall ist, es sich also um einen "systematischen Fehler" handelt.

      Wenn ich "Mendelssohn" + Violinkonzert eingebe erhalte ich 309 von insgesamt 5774 Gesamthits. Das ist anteilmäig noch niedriger als die 207 mit "Felix Mendelssohn" und Violinkonzert.

      Bezüglich der Klavierkonzerte ist zu sagen, dass sehr viele Pianisten auch die Rachmaninow-Konzerte nicht eingespielt haben oder die von Tschaikowsky. Die einzigen "verbindlichen" Konzerte sind wohl die von Beethoven, Schumann und Brahms. Selbst bei Mozart halten sich manche zurück. Es gibt aber Einspielungen, neben den bereits oben genannten, von Howard Shelley, Benjamin Frith, John Ogdon, Stephen Hugh, Lang Lang, Thibaudet, Brautigam, Enrico Pace, Leonskaja, Steuerman, Kyriakou, Ortiz, Lortie, Pressler. Das waren jetzt nur die Klavierkonzerte op. 25 und/oder 40 von Pianisten, die ich noch im Zusammenhang mit anderen Werken kenne. Es gibt noch zahlreiche weitere, die anderen vier Konzerte nicht miteingerechnet.



      Zur weiteren Aufschlüsselung:

      Immer mit "Felix Mendelssohn"

      Konzert: 659

      Konzert + Violine: 332

      Konzert + Violine + 64: 182

      Konzert + Violine + "e-Moll": 200

      Konzert + Violine + "d-Moll": 117

      Konzert + Klavier: 334

      Konzert + Klavier + 25: 86

      Konzert + Klavier + 40: 73

      Konzert + Klavier + "g-Moll": 125

      Konzert + Klavier + "d-Moll": 136



      Das passt also schon, wenn man die frühen Klavierkonzerte (drei Stück) und das unvollendete e-Moll mit in Betracht zieht.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Trichomonas musicalis schrieb:

      Wiederauflagen, falsche Zuweisungen etc.. haben einen starken Einfluss auf die Gesamtzahl.
      Ja.

      Trichomonas musicalis schrieb:

      Allerdings setze ich voraus, dass das bei allen Komponisten der Fall ist, es sich also um einen "systematischen Fehler" handelt.
      Nein. Da muß man leider mehr differenzieren. Im Verhältnis zueinander würde das nicht mal mehr so bei den Komponisten sein, die du als Top Ten gelistet hast. Es gibt Komponisten, die haben keine 150 Werke veröffentlicht, andere schreibt man über 1100 zu. Es gibt Werke verschiedener Komponisten, die sind höchstens 50mal eingespielt worden, von anderen liegen 250 Aufnahmen vor. Auch die Wiederveröffentlichungsrate ist rein individuell. Wenn man alle Werke eines Komponisten zueinander ins Verhältnis setzt, ergibt das ganz gewiß keine allgemein hochrechenbare Statistik, sondern nur eine bezogen auf diesen einen Komponisten.

      Du kannst damit gewisse Tendenzen oder grobe Größenordnungen mit der Veröffentlichungspolitik der Labels erläutern, aber nichts Definitives. Das ist die Schwierigkeit.


      jd :wink:
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      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
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    • Dass es nur ca. doppelt so viele Aufnahmen des berühmten e-moll-Konzerts als von dem obskuren d-moll-Jugendkonzert, das bis vor 20 Jahren oder so keiner kannte, geben sollte, ist ebenfalls nicht plausibel. Wo auch immer der Fehler liegen mag. Es geht hier um eines der berühmtesten Konzerte gegen ein kaum bekanntes Stück.
      Auf der ersten Trefferseite von "mendelssohn violinkonzert d-moll" sind zB 8/16 Treffer falsch, nämlich mit dem e-moll-Konzert...

      Bemerkenswert ist aber jedenfalls das Ansteigen der Einspielungen der KK und sogar der Jugendkonzerte in den letzten ca. 10-20 Jahren. Vorher war es tatsächlich nur eine Handvoll und ich weiß von keiner historischen Aufnahme (obwohl es vermutlich eine gibt).
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Josquin Dufay schrieb:

      Im Verhältnis zueinander würde das nicht mal mehr so bei den Komponisten sein, die du als Top Ten gelistet hast. Es gibt Komponisten, die haben keine 150 Werke veröffentlicht, andere schreibt man über 1100 zu. Es gibt Werke verschiedener Komponisten, die sind höchstens 50mal eingespielt worden, von anderen liegen 250 Aufnahmen vor.

      Ja, aber deutet das Aufnehmen vieler verschiedenen Werke eines Komponisten nicht ebenso auf seine Beliebtheit hin wie das häufigere Aufnehmen von weniger Werken eines anderen? Was dem einzelnen Werk an "Durchschlagskraft" fehlt, macht der vielseitigere Komponist durch Erschließen neuer Hörerkreise wett (z.B. Chormusiker und Orgelfreaks im Falle von Mendelssohn).


      Kater Murr schrieb:

      Dass es nur ca. doppelt so viele Aufnahmen des berühmten e-moll-Konzerts als von dem obskuren d-moll-Jugendkonzert, das bis vor 20 Jahren oder so keiner kannte, geben sollte, ist ebenfalls nicht plausibel. Wo auch immer der Fehler liegen mag. Es geht hier um eines der berühmtesten Konzerte gegen ein kaum bekanntes Stück.

      Auf der ersten Trefferseite von "mendelssohn violinkonzert d-moll" sind zB 8/16 Treffer falsch, nämlich mit dem e-moll-Konzert...

      Ich habe das natürlich nicht alles genau aufgedröselt, aber interessanterweise kommt man bei Tschaikowskys Violinkonzert auch nicht auf mehr Hits. Und dieses ist in etwa gleich beliebt wie das Mendelssohns. Es dürften einfach Klavierkonzerte generell viel beliebter sein als Violinkonzerte und es gibt auch mehr Pianisten, die sich mit diversen Soloprogrammen berühmt machen können (und dann für eine Konzertaufnahme für ein Label interessant werden).
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Zur Erinnerung: Niemand behauptet, MB sei überschätzt oder unterschätzt. Es ist klar, dass die Fans solche Strohmänner aufbauen. Die kann man ja leicht widerlegen.

      Meine Kritik lautet: MB hätte mehr bringen können. Chopin und Liszt haben auf ihrem Spezialgebiet das Maximale herausgeholt. MB war vielseitiger. Er hätte ein zweiter Mozart oder Beethoven werden können. Er wurde es aber nicht.

      Ein dermaßen begabter Sinfoniker kann nicht mit 24 Jahren (1833, "Italienische") Schluss machen.

      Wer mit 20 Jahren Streichquartette auf dem Niveau von op. 12/13 schreibt, muss mit 30 Jahren etwas auf dem Niveau der letzten Beethoven-Quartette bringen.

      Wer "Elias" und "Sommernachtstraum" kann, kann auch Oper. Warum diese Arbeitsverweigerung?

      Und warum entstand kein richtig großes Werk für Klavier solo?

      Das ist meine Kritik. Zwischenzeitlich habe ich mich mit dem Elias auseinandergesetzt. Auch mit seinen Klavierkonzerten. Die Kritik bleibt.


      Thomas
    • Wie sich das anhört: "...MB hätte mehr bringen können..." Fehlt nur noch die Formulierung "MB hat sich stehts bemüht, den Anforderungen gerecht zu werden..."

      Meiner Meinung darf man nicht vergessen, dass Mendelssohn-Bartholdy mit gerade erst 38 Jahren viel zu früh verstorben ist. Wer weiss, was er noch alles komponiert hätte, wenn er über 80 Jahre alt geworden wäre. Vielleicht wären dann Klaviersonaten und Opern entstanden, welche die Klavier- und Opernwerke eines Liszt oder Wagner oder wen auch sonst meilenweit in den Schatten gestellt hätten. "Hätte, hätte, Fahrradkette...", ich weiss, dass das alles nur hypothetisch ist aber solche Formulierungen und Behauptungen finde ich nun mal ziemlich daneben und anmassend.

      Als wenn Komponisten, gerade verstorbene, es nötig hätten, der Nachwelt irgendeinen Leistungsnachweis über ihre Kompositionen und damit ihre "musikalische Daseinsberechtigung" (was auch immer das sein mag...) zu erbringen.

      Just my 2 cents.

      Lionel
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)