Verdi: Don Carlos - Opéra Royale de Wallonie Liège. Premiere am 30.01.2020

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    • Verdi: Don Carlos - Opéra Royale de Wallonie Liège. Premiere am 30.01.2020

      Ein bißchen verspätet noch ein paar Eindrücke von dieser Aufführung.

      In Lüttich hat man sich für die sog. "Pariser Probenfassung" entschieden, mithin die älteste der auf Verdi zurückgehenden Fassungen, jene, die Verdi an die Pariser Opéra geliefert hatte, der aber noch das Ballett fehlte. Aufgeführt wurde diese Fassung in Paris bekanntlich nicht, schon vor der Generalprobe (bei der das Ballett hinzutrat) wurden Kürzungen vorgenommen, bei der Uraufführung am 11. März 1867 erklang nach weiteren Kürzungen bereits die dritte Fassung der Oper.

      Die frühe Fassung macht deutlich, dass Don Carlos ein work in progress geblieben war; zumindest aus der Rückschau empfindet man manche Stellen als unausgegoren. Deutlich wird das z. B. am Duett Philippe-Posa am Ende des 2. Aktes; in der Urfassung will hier gar nicht so recht ein Dialog aufkommen, Posas Klagen um Flandern kommen bei Philipp gar nicht recht an, dessen Entscheidung, den Marquis zum persönlichen Freund zu erwählen kommt unverhofft; ganz zu schweigen von der noch sehr alten Mustern verhafteten musikalischen Ausführung. Oder die in die Länge gezogene Schlussszene (bei Schiller so einfach wie brutal mit einem Satz des Königs abgehandelt), bei der Solisten und Chor - hier ganz unpassend - nochmal eine Mini-Ausgabe eines grand tableau aufbauen. Vieles hat der Komponist in der Fassung von 1884 deutlich verbessert, die andererseits durch drastische Kürzungen, vor allem des kompletten ersten Akts, zum Torso wird. Befriedigen kann wohl nur eine Mischfassung!

      Gesungen wird in Lüttich mehr als ordentlich! Insbesondere Lionel Lhote als Marquis de Posa lieferte eine sängerische Glanzleistung ab! Kaum zurückstehen müsste Yolanda Auyanet (Elisabeth), wenn sie nicht hörbar indisponiert gewesen wäre; in der tiefen Lage machte sich eine Erkältung mit rasselnden Tönen und wackliger Intonierung bemerkbar, ansonsten konnte sie brillieren. Auch sehr gut sangen Ildebrando d'Arcangelo (Philippe II) und Gregory Kunde in der Titelrolle, letzterer im ersten Teil mit etwas Mühe, wenn es in die lyrischeren Seiten der Partie ging; nach der Pause konnte er dann auftrumpfen. Ordentliche Leistung von Kate Aldrich (Eboli), die mit der chanson de voile etwas überfordert war und in O don fatal am Rande ihrer Möglichkeiten sang. Nicht ganz überzeugt hat mich Roberto Scandiuzzi (Grande Inquisiteur), der durch zu viel sängerisches Chargieren der Rolle einiges an dämonischer Wirkung nahm. Auch von Patrick Bolleire (Moine) kam etwas zu wenig sängerische Autorität herüber. Sehr schöne Leistungen in den Nebenrollen von Caroline de Mahieu (Thibault) und Maxime Melnik (Lerma/Héraut).

      Das Dirigat von Paolo Arrivabeni blieb etwas blass. Vielleicht war aber aus dem Orchestre de l'Opéra Royale de Wallonie mehr nicht herauszuholen; die Blechbläser leisteten sich so manches an Kieksern und Fehlintonationen, die Streicher waren oft unheinheitlich. Nach der Pause war deutlich mehr drive drin (und weniger Fehler). Etwas uneinheitlich auch der Chor, wo immer wieder Einzelstimmen heraushörbar waren, mit dem man aber insgesamt zufrieden sein konnte.

      Für die mise en scène hatte sich das Team unter Regisseur (und Hausherr) Stefano Mazzonis di Pralafera für eine historisch exakte Umsetzung der Szene entschieden, mit Kostümen des 16. Jh. und historisierenden Requisiten (einschließlich eines plätschernden Brunnens in III,1). Weiter gingen die Ideen aber leider wohl nicht; von einem Regiekonzept oder von Personenführung konnte keine Rede sein. Es war überwiegend mehr so eine Art konzertante Aufführung in historisierender Kulisse mit seltsam herumstolzierenden und mit den Armen fuchtelnden Sängern. Dass vor allem die nicht mehr so ganz schlanken Herren in den Kostümen ziemlich sch..lecht aussahen, machte die Sache schon gleich nicht besser. Da lohnte es sich doch, dass die (übrigens wunderschöne) Lütticher Oper ein vorbildliches Übertitelsystem hat, auf dem der Text in vier Sprachen (französisch, niederländisch, deutsch, englisch) gut lesbar präsentiert wird (vermutlich auf allen Plätzen außer den vordersten Parkettreihen; die vier Ränge haben je zwei eigene, kleinere Bildschirme) - endlich habe ich mal den französischen Text komplett mitgelesen.

      Die Aufführung am 14.02. wird bei francetvinfo.fr/culture gestreamt und soll später bei Musiq'3 im Radio gesendet werden. Vor allem der Sänger wegen durchaus hörenswert!
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur