DVOŘÁK: Rusalka - "tschechische Undine"

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    • DVOŘÁK: Rusalka - "tschechische Undine"

      Einen Thread zur Diskographie von Dvořáks erfolgreichster (und wohl auch bester) Oper gibt es schon längst, wohingegen ein Werkthread bisher fehlte. Dieses Versäumnis möchte ich nachholen.


      Zuerst ein paar Daten:

      RUSALKA
      Musik von Antonín Dvořák (1841-1904)
      Lyrisches Märchen in drei Akten von Jaroslav Kvapil
      3 Akte (1. und 3. Akt: je knapp eine Stunde; 2. Akt: knapp eine Dreiviertelstunde)
      uraufgeführt am 31. März 1901 im Prager Nationaltheater (Národní divadlo)

      Originalsprache: Tschechisch - allerdings hat mich das Werk erst dann richtig gepackt, als ich es in deutscher Übersetzung hörte. Opernaufführungen, die das Publikum nicht versteht, sind nun einmal Unsinn.


      Hauptpersonen:
      Rusalka (lyrischer Sopran)
      Wassermann (Bass)
      Prinz (Tenor, der unbedingt schön singen muss)
      Hexe Ježibaba (Mezzosopran)
      Fremde Fürstin (Sopran oder Mezzosopran)


      Inhalt:

      1. Akt:

      Ein knapp fünfminütiges Orchestervorspiel malt die Gefühle der unglücklich verliebten Rusalka und nimmt einige (Leit-)Motive der Oper vorweg.

      Drei Wassernymphen spielen am See und necken den Wassermann, dem es nicht gelingt, eine von ihnen in die Tiefe zu ziehen. Die Musik bekommt einen ganz anderen Charakter, als die Nixe Rusalka hinzutritt (begleitet von wunderschönen Harfenklängen, die ihr in diesem Werk zugeordnet sind). Sie hat Kummer: Ein schöner junger Mann kommt oft zum See und badet, Rusalka kann aber mit ihm nicht Kontakt aufnehmen, denn als Nixe ist sie für die menschlichen Lebewesen unsichtbar (Ó vím, že člověkem dřív musela bych býti, jak já jej objímám a vinu já jej v ruce, by on mne objal sám a zulíbal mne prudce! / Wohl weiß ich, dass ich zuerst ein Mensch sein muss, damit ich ihn umarme und ihn in meinen Arm lege, dann könnte er mich selbst umarmen und mich leidenschaftlich küssen). Die Lösung: Selbst ein Mensch zu werden. Sie trägt dem Wassermann ihren Wunsch vor (Chěla bych od vás, hlubin těch se zbýti, člověkem být a v zlatém slunci žíti! / Ich möchte Euch verlassen, Eure Tiefen verlassen, ein Mensch sein und im goldenen Sonnenschein leben), dieser reagiert ungehalten (Dokud rodná kolébá tě vlna, nechtěj duši, ne, ta je hříchu plna! / Solange Dich die Mutterwellen wiegen, wünsche Dir keine Seele! Sie ist voller Sünden!) Rusalka lässt sich nicht davon abbringen (A plna lásky! / Und voller Liebe!), sodass der Wassermann einsieht, dass es keinen Sinn hat, ihr ihren Wunsch ausreden zu wollen, auch nicht der Verweis auf ihre zurückgelassenen Schwestern (tvoje sestry budou pro tě plakat! Už ti není pomoci, člověk-li tě v svou moc doved´ zlákat! / Deine Schwestern werden um Dich weinen! Es gibt keine Hilfe mehr, wenn Dich der Mensch in seine Gewalt locken kann) kann Rusalka umstimmen. Traurig gibt ihr der Wassermann den Rat, Rat bei der Hexe Ježibaba zu suchen (Ztracena dověků, prodána člověku! Marno je lákat tě dolů v rej. Ježibabu si zavolej, ubohá Rusalko bledá! Běda! Běda! Běda! / Für immer verloren, dem Menschen verkauft! Sinnlos wär's, hielte Zwang Dich her. Ježibaba rufe Dir. Arme Rusalka, blasse! Wehe! Wehe! Wehe!). Der tragische Ausgang der Geschichte ist somit schon erahnbar: Rusalka rennt sehenden Auges ins Verderben, aus dem es KEINEN Ausweg mehr geben wird.

      Im wunderschönen Lied der Rusalka an den Mond (keine Arie) kommt ihre Sehnsucht nach Menschwerdung oder, besser gesagt, nach "Gegenliebe" zum Ausdruck (Měsíčku, postůj chvíli, řekni mi, kde je můj milý? Řekni mu, stříbrný měsíčku, mé že jej objímá rámě, aby si alespoň chviličku, vzpomenul ve snění na mě. Zasvěť mu do daleka, řekni mu, kdo tu naň čeká! / Mond, bleib' kurz, sag mir, wo mein Liebling ist? Sag ihm, silberner Mond, dass meine Arme ihn umfassen, damit er sich, wenn auch nur kurz, in seinem Traum an mich erinnert. Leuchte ihm in der Ferne, sag ihm, wer da auf ihn wartet!).

      Rusalka ruft nach Ježibaba, diese erscheint unter Gedröhne des Orchesters und unter "Wehe!"-Rufen des Wassermanns. Rusalka trägt ihr Anliegen vor, die Hexe reagiert nicht besonders euphorisch (Proto přišlas úpějící? Voda tě už omrzela, lidského jsi lačna těla, milování, laškování, hubiček a cukrování. To já znám, s takovou se chodí k nám! / Deswegen bist Du weinend gekommen? Das Wasser hat Dich gelangweilt, Du hungerst nach einem menschlichen Körper? Zum Lieben, für die Liebe, für Kuss und "Spiel"? Das weiß ich alles, mit solchen Wünschen kommt man zu uns.), eröffnet Ihr aber die Bedingungen: Rusalka verlöre durch die Menschwerdung nicht nur ihre Nixengestalt, sondern auch ihre Stimme. Doch es kommt noch schlimmer: Gelänge es ihr nicht, die Liebe des Prinzen zu gewinnen, stürbe er, und Rusalka müsse unter Schmerz und Tränen zurück ins Wasser.

      Rusalka ist das alles recht, sie ist (jung und naiv, wie sie ist) beseelt von der Überzeugung, alles werde so laufen, wie sie es sich vorstellt. Die Hexe braut einen Zaubertrank und flößt ihn Rusalka ein, die sich sodann in eine schöne junge Frau verwandelt. Rusalka setzt sich an den See.

      Von der Ferne hört man Jagdhörner, es ist das Gefolge des Prinzen. Ein Jäger vermeint, ein weißes Reh gesehen zu haben (Ó, mladý lovče, dále spěj, tu bílou laňku nestřílej, varuj se jejího těla! / Oh junger Jäger, geh weiter, schieß nicht auf das weiße Reh. Verletze es nicht!), doch der hinzukommende Prinz spürt eine ganz besondere Stimmung und schickt alle anderen weg, weil er allein sein möchte. Der Jäger macht im Abgehen eine geheimnisvolle Andeutung (Laň nebyla to, lovče, stůj! Bůh tvoji duši opatruj! Srdce tvé smutno je zcela, koho to stihla tvá střela? / Das war kein Wild, o Jägersmann! Gott nehm' sich Deiner Seele an! Dein Herz ist tieftraurig, wen hat Dein Pfeil getroffen?).

      Der Prinz setzt sich ans Ufer und sieht sich, als er sich umdreht, einer wunderschönen jungen Frau gegenüber. Er möchte ein Gespräch beginnen (jsi-li ty člověk, nebo pohádka? / Bist Du ein Mensch oder ein Märchen?), es bleibt jedoch bei einem Monolog, denn die junge Frau scheint stumm zu sein. Nach "Co v srdci tvém je ukryto, máš-li mne ráda, zjev mi to! / Was ist in Deinem Herzen verborgen? Wenn Du mich liebst, zeig es mir!" hätte sie ihn geküsst, wenn nicht in diesem Moment ihre Abwesenheit von ihren Schwestern bedauert worden wäre (Sestry, jedna schází z nás! Sestřičko, kam odešlas? / Schwestern, eine von uns fehlt! Schwester, wo bist Du?) und sich hin- und hergerissen gefühlt hätte, auch der Wassermann drückt seinen Schmerz aus. Der Prinz nimmt die stumme Rusalka mit auf sein Schloss (Můj skončen lov, nač myslit naň? Tys nejvzácnější moje laň, tys hvězdička zlatá v noc temnou, pohádko má, pojď se mnou! / Die Jagd ist vorbei, warum denke ich daran! Du bist mein wertvollstes Reh, Du bist ein goldener Stern in dr dunklen Nacht. Mein Märchen, komm mit mir!). Die Musik ist schöner, als sie kaum sein könnte - die Warnungen des Wassermanns hört Rusalka nicht oder will sie nicht hören.

      2. Akt:

      Im Schloss munkelt das Gesinde über die merkwürdige neue Geliebte des Prinzen - eine stumme Schönheit. Man glaubt zu wissen, dass sich der Prinz der heißblütigen geheimnisvollen fremden Fürstin zuwende.

      Da erscheint auch schon der Prinz und macht Rusalka Vorwürfe: Schon seit ein paar Tagen halte sie sich im Schloss auf, sexuell läuft ihm aber zu wenig (Proč chladí tvoje objetí, vzplát vášní proč se bojí? / Warum ist Deine Umarmung kalt? Warum hat sie Angst vor Leidenschaft?). Rusalka ist stumm, kann sich also nicht verteidigen. Die fremde Fürstin hat zwar kein Interesse am Prinzen, versteht aber nicht, warum er Rusalka den Vorzug gegeben habe und möchte somit beide ins Verderben stürzen (Ne, není to láska, hněvivý je to cit, že jiná dlí, kde já jsem chtěla být, a že jsem jeho míti neměla, ať štestí obou zhyne docela! / Nein, nicht Liebe ist es. Es ist ein Gefühl der Wut, dass sie andere da ist, wo ich sein wollte, und dass ich ihn nicht dazu bestimmt war, ihn zu haben. Ich zerstöre das Glück der beiden!).

      Die fremde Fürstin erinnert den Prinzen der Pflichten eines Gastgebers. Er muss nicht lang überlegen, reicht der fremden Fürstin die Hand und heißt Rusalka harsch, sich für den Ball umzuziehen.

      Rusalka bleibt traurig und einsam zurück. Der Wassermann tritt auf und beklagt genau in der Mitte dieser Oper das Schicksal Rusalkas (Běda! Běda! Ubohá Rusalko bledá, v nádheru světa zakletá! Běda! Celý svět nedá ti, nedá, vodní čím říše rozkvétá! Stokrát bys byla člověkem, ve jhu jsi spjata odvěkém. / Wehe! Wehe! Arme Rusalka, blasse! Verflucht in der Pracht der Welt! Wehe! Die ganze Welt kann Dir nie geben, was Dir das Wasser gibt. Wärest Du ein Mensch auch hundertfach, wäre Dein Ursprung stets ein Joch. und dann deutlicher: Až se zas vrátíš k družkám svým, budeš jen živlem smrtícím, vrátíš se žitím uvadlá, prokletí živlů jsi propadla! Ubohá Rusalko bledá, v nádheru světa zakletá! / Doch kehrst Du zu den Deinen heim, musst Du des Todes Helfer sein. Hast Du vom Mensch-Sein auch genug, bleibt Dir nur der Elemente Fluch. Bleich bist Du, Rusalka, wehe! Verflucht in der Pracht der Welt!).

      Diese Wassermann-Szene und der anschließende Chor (ale ty růže ohnivé, svatební lože krášlí! / Aber diese roten Rosen schmücken das Hochzeitsbett!), den der Wassermann übersingt (pro tvoje lože svatební, nekvetou růže rudé! / Für Dein Hochzeitsbett gibt es keine roten Rosen!), ist eine Gänsehaut-Stelle.

      Der Anblick des Vaters lässt Rusalka ihre Stimme wiedererlangen. Sie schildert dem Wassermann die Misere (Ó marno to je, mne už nezná zas, Rusalku prostovlasou. Jí hoří v očích vášně síla, té lidské vášně prokleté! Mne voda chladná porodila a nemám, nemám vášně té! Prokleta vámi, pro něj ztracena, odvěkých živlů hluchá ozvěna. Ženou ni vílou nemohu být, nemohu zemřít, nemohu žít! / Es ist vergeblich, er kennt mich nicht mehr, die Rusalka mit dem wallenden Haar. IHRE Augen leuchten mit der Kraft der Leidenschaft, diese verfluchte menschliche Leidenschaft. Ich bin aus dem kalten Wasser geboren, daher fehlt mir diese Leidenschaft. Verflucht von Euch allen, für ihn verloren, jeglichem Sein und Leben abgewandt. Ich kann weder Frau noch Nixe sein, ich kann nicht sterben, ich kann nicht leben!), er bringt zwar Verständnis auf, kann aber auch nichts tun.

      Prinz und fremde Fürstin kommen zurück: Die beiden glauben sich unbeobachtet, daher überhäuft der Prinz die fremde Fürstin mit Komplimenten zu ihrer Attraktivität und seiner Begierde nach ihr (Teď teprve to vím, čím mřelo moje tělo, když lásky tajemstvím se uzdraviti chtělo! Co z lásky oné zbude, jíž v osidla jsem pad´? Rád strhám všechny svazky, bych vás mohl milovat! / Erst jettz weiß ich, was meinen Leib getötet hat, wenn er im Geheimnis der Liebe eine Heilung gesucht hat. Was bleibt von dieser Liebe? In wessen Schlingen habe ich mich verfangen? Zu Ende ist diese Verwirrung, wenn Deine Gunst mir lacht.).

      Rusalka stellt sich den beiden in den Weg, worauf ihr der Prinz hart und unmissverständlich den Laufpass gibt (Mrazí mne tvoje ramena, bílá ty kráso studená! / Mich frieren Deine Schultern, Du weiße, kalte Schönheit!). Doch er staunt nicht schlecht, als plötzlich der Wassermann erscheint und ihn anbrüllt: "V jinou spěš náruč, spěš, objetí jejímu neujdeš! / Geh' hin, Knecht! Ihren Armen entgehst Du niemals!".

      Der Prinz fleht die fremde Fürstin um Hilfe an (Z objetí moci tajemné, spaste mne! / Aus der Umarmung der geheimnisvollen Kraft, rette mich!), doch sie wendet sich höhnisch ab (V hlubinu pekla bezejmennou, pospěšte za svou vyvolenou! / Folgen Sie in die Tiefen der namenlosen Hölle Ihrer Auserwählten!), denn ihre Liebe war nur Heuchelei. Der Wassermann nimmt Rusalka mit sich, der Prinz bleibt allein und verzweifelt zurück.

      3. Akt:

      Die Szenerie ist gleich der des ersten Akts, wir befinden uns wieder am Waldsee. Mit einem Unterschied: Rusalka ist keine Nixe mehr, sie ist farblos, bleich, fahl und voller Traurigkeit (Mladosti své pozbavena, bez radosti sester svých, pro svou lásku odsouzena teskním v proudech studených. Ztrativši svůj půvab sladký, miláčkem svým prokleta, marně toužím k sestrám zpátky, marně toužím do světa. Kde jste, kouzla letních nocí nad kalichy leknínů? Proč v tom chladu bez pomoci nezhynu? Proč nezhynu? / Meiner Jugend beraubt, ohne die Freude meiner Schwestern, verurteilt für meine Liebe. Ich sehne mich nach dem kalten Wasser, ich habe meine Natur verloren, mein süßer Fluch, vergeblich für meine Schwestern, vergeblich für die Welt. Wo bist Du, Traum der Sommernächste über den Kelchen von Seerosen? Warum sterbe ich nicht in dieser kälte ohne Hilfe? Warum sterbe ich nicht?).

      Ježibaba erscheint und macht sich über die schnelle Rückkehr Rusalkas lustig. Ob es gar keinen Ausweg für Rusalka gäbe? Naja, schon, da müsste sie nur mit eigener Hand den geliebten Mann töten... Ježibaba gibt ihr ein Messer, mit dem die Tat verübt werden soll: Doch Rusalka lehnt ab, alles mag sie tun, aber nicht dem Prinzen den Tod bringen? Tja, entgegnet Ježibaba, dann eben nicht.

      Auch ehemalige Gespielinnen verweigern Rusalka die Rückkehr (Odešla jsi do světa, uprchla jsi našim hrám, sestřičko ty prokletá, nesestupuj k nám! V naše tance nesmí sem, koho člověk objal již, rozprchnem se, rozprchnem, jak se přiblížíš! / Du bist aus unserer Welt gegangen, bist geflohen unsere Spiele. Verfluchte Schwester, komm nicht zu uns! In unsere Tänze darf niemand, den ein Mensch umarmt hat. Wir laufen weg, wenn Du näher kommst!).

      Der Heger und Küchenbub des Prinzen nähern sich ängstlich und möchten mit der Hexe sprechen: Der Prinz sei krank vor Liebeskummer nach dem geheimnisvollen Mädchen aus dem Wald. Da zeigt sich plötzlich der Wassermann und fährt die beiden an: "Prokleté plémě, jež vás sem posílá! Tvorové bídní! On sám ji zradil, uvrh´ ji v prokletí! / Verfluchtes Menschengeschlecht, das schickt Dich her! Elenende! ER SELBST hat sie betrogen, er stieß sie ins Unglück!". Die beiden Menschen stürzen in Panik davon, die Hexe lacht, der Wassermann schwört zornentbrannt Rache (Pomstím se, pomstím, kam říš má dosahá! / Ich werde Rache nehmen, Rache nehmen, wohin meine Herrschaft reicht!).

      Ježibaba und Wassermann gehen ab, die Szenerie wird beinah wieder schön: Die drei Nymphen vom Beginn treten wieder auf, machen einander das Aussehen betreffende Komplimente und möchten wie zu Beginn ihr neckisches Spiel mit dem Wassermann treiben. Der jedoch ist nicht zu Späßen aufgelegt: "Hluboko na dně sténá sestrami zavržená ubohá Rusalka bledá! Běda, ó běda! / Es klagt tief unten, von ihren Schwestern verstoßen, die arme, blasse Rusalka. Wehe! O wehe!". Die Nymphen kümmern sich nicht darum.

      Da naht wie von Sinnen der Prinz, es treibt ihn zurück zu dem Ort, an dem er noch vor kurzem so glücklich war. Er bereut alles und ruft nach Rusalka. Sie erscheint und fragt ihn, ob er sie noch erkenne, ob er sich noch erinnere...

      Der Prinz entgegnet sogleich: "Mrtva-lis dávno, znič mne vráz, živa-lis ještě, spas mne, spas! / Wenn Du schon lang tot bist, zerstöre mich sofort. Wenn Du noch lebst, rette, rette mich!". Rusalka lässt ihn wissen: "Milenkou tvojí kdysi jsem byla, ale teď jsem jen smrtí tvou! / Ich war einmal Deine Geliebte, aber jetzt bin ich Dein Tod!". Der Prinz darauf: "Bez tebe nikde nelze žít, můžeš mi, můžeš odpustit? / Ohne Dich kann ich nicht leben, kannst Du, kannst Du mir verzeihen?"

      Rusalka macht ihm Vorwürfe für sein Verhalten, der Prinz ist voller Reue. Rusalka sagt ihm, ihr Kuss würde seinen Tod bedeuten. Das ist dem Prinzen egal oder sogar recht, denn sein Leben ist ohne Rusalka sinnlos (nechci se vrátit ve světa rej, do smrti třeba mne ulíbej! / Ich will nicht in die Welt der Freude zurückkehren, küss mich zu Tode!)

      Rusalka küsst den Prinzen, er sinkt zu Boden (Líbej mne, líbej, mír mi přej! Polibky tvoje hřích můj posvětí! Umírám šťasten, umírám ve tvém objetí! / Küss mich, küss mich, gib mir Frieden. Deine Küsse befreien mich von meiner Schuld. Ich sterbe glücklich, ich sterbe in Deiner Umarmung.) und stirbt. Der Wassermann beklagt die Ereignisse (Nadarmo v loktech zemře ti, marny jsou všechny oběti, ubohá Rusalko bledá! Běda! / Vergeblich stirbt er Dir in Deinen Armen, vergeblich sind alle Opfer. O arme, blasse Rusalka. Wehe!), die letzten Worte gehören aber Rusalka: "Za tvou lásku, za tu krásu tvou, za tvou lidskou vášeň nestálou, za všecko, čím klet jest osud můj, lidská duše, Bůh tě pomiluj! / Für Deine Liebe, für Deine Schönheit, für Deine unbeständige menschliche Leidenschaft, für alles, womit mein Schicksal verflucht ist, menschliche Seele: Gott erbarme sich Deiner!".


      Zum Verständnis dieser Oper:
      Unbedingt sollte man beachten, dass Dvořák kurz davor die (rund 20min lange) symphonische Dichtung Vodník / Wassermann schrieb (op. 106, Uraufführung am 14. November 1896); die Kenntnis dieses Werks bereichert das Rusalka-Verständnis. Es ist anzunehmen, dass der kindermordende Orchesterwerk-Wassermann einige Eigenschaften mit dem nur scheinbar gutmütigen Opern-Wassermann gemein hat...
      Auch könnte eine politische Deutung (tschechische Nation, unterdrückt von Habsburgern) intendiert sein.


      Meine Meinung zu dem Stück:
      Erstmals gesehen habe ich die Oper mit 14 Jahren, damals habe ich sie überhaupt nicht verstanden. Einige Jahre später habe ich (dank den deutschsprachigen Aufführungen an der Wiener Volksoper) sozusagen Blut geleckt, sodass Rusalka für einige Zeit sogar meine absolute Lieblingsoper war. Das ist sie jetzt sicherlich nicht mehr, und auch wenn Rusalka immer noch hundertmal besser als der gewöhnliche Opernblödsinn ist, gibt es doch deutlich Besseres (zum Beispiel "Die Sache Makropulos" von Leoš Janáček). Die Melodien in der Rusalka sind doch ziemlich oberflächlich, die Geschichte ist zwar dumm, aber dann doch irgendwie nebensächlich, aber der Charakter der Nummernoper kommt doch noch zum Vorschein. Die Oper geht aber sehr zu Herzen, denn die besondere Tragik liegt darin, dass Rusalka sehenden Auges mitten ins Unglück rennt, dann eben KEINE Wahl mehr hat (im Unterschied zum Leben, wo es meistens dann doch einen Ausweg gibt, auch wenn man den in der jeweiligen Situation nicht sieht), und alles in Hoffnungslosigkeit endet. Im Grunde genommen kenne ich keine Opernfigur, die dermaßen ins Unglück fällt wie Rusalka, somit würde ich Rusalka als pschyisch grausamste Oper bezeichnen (nicht einmal Wozzeck kommt daran heran).


      Aufführungen sind mittlerweile auch außerhalb Tschechiens häufig (fast schon ein bisschen zu häufig, denn mich beschleicht der Eindruck, es reiche oftmals, Rusalka auf den Spielplan zu setzen, damit man sich nicht Gedanken machen brauche, welche andere tschechischen Stücke ihrer Aufführung harren könnten...).


      Ach ja, und wie ich diese Oper inszenieren würde: Befreien von dem romantisch-kitschigen Blödsinn, sondern knallhart-brutal, um zu zeigen, was in diesem Werk neben den oberflächlichen Melodien noch steckt (Seelentiefen, Gewalt, Tod, Sehnsucht, Verlust, Ausweglosigkeit). Eine Möglichkeit habe ich letztes Jahr hier entworfen.


      Fragen an Euch:
      Wie gefällt Euch diese Oper? Welche Meinungen habt Ihr zur Musik etc? Welche Interpreten und Inszenierungen haben Euch besonders gefallen, welche gar nicht?
      (Korrekturen dieses Texts werden gerne angenommen; durchaus möglich, dass die Tschechisch-Übersetzungen nicht fehlerfrei sind).