Verdi - Il trovatore, Oper Köln. Premiere am 01.03.2020

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    • Verdi - Il trovatore, Oper Köln. Premiere am 01.03.2020

      Dmitri Tschernjakow (Regie, Bühne und Kostüme) lässt die fünf Haupfiguren "lange nach" den Ereignissen des eigentlichen Stückes in einer leeren Wohnung im Gründerzeit-Stil eine Art Gruppentherapie an sich selbst durchführen, bei der sie die damaligen Ereignisse (die sie ja zumeist nicht überlebt haben) endlich verarbeiten; Azucena ist hier zunächst die Antreiberin, im 2. Teil übernimmt ein bereits durchgeknallter Luna mit Waffengewalt die Sache. Und es geht natürlich genauso blutig, nein, noch blutiger aus wie seinerzeit.

      Ohne ausführliche Zusatz-Übertitel (und einer zusätzlichen alternativen Inhaltsangabe im Programmheft) geht da gar nichts. (Selbst mit: meine Begleiterin (Live-Erstbegegnung mit dem Stück) frug mich zur Pause, ob ich verstanden hätte, worum es eigentlich gehe. Das dürfte einem Großteil des Publikums ähnlich gegangen sein. Zusätzliche Verwirrung entsteht dadurch, dass die Comprimarii-Partien und auch einige kleinere Teile der Chorpartie (der Chor singt ansonsten aus dem off) auf die fünf Hauptdarsteller verteilt wurden; spätestens, wenn Leonora vor dem Finale des dritten Aktes den Ruiz mit übernimmt, hat nur eine Verständnischance, wer das Stück ganz gut kennt.

      Tschernjakow geht hier m.E. zu weit. Sicher, das Libretto ist nicht leicht verständlich, da es die Handlung ja zu einem erheblichen Teil dort schon über die Retrospektive vermittelt; das nochmal aufzudoppeln verlangt dem Zuschauer dann aber einfach zuviel Transferleistung ab. Auch die wirklich tolle Personenregie rettet die Produktion nur zum Teil. Dass Luna durchdrehen wird, wird im ersten Teil schön sichtbar; nach der Pause ist das nicht mehr sinnvoll steigerungsfähig, und seine Exzesse wirken eher nur noch albern.

      Tolle Leistung des Gürzenich-Orchesters unter Will Humburg, obwohl die Positionierung links vorne neben der Bühne offensichtlich nicht nur klanglich problematisch ist: Im Finale der ersten Szene ging noch so einiges durcheinander zwischen Bühne und "Graben", danach lief es aber, die Ensembles klappten immer besser! Auch der Chor der Oper Köln in Bestform.

      Mit den Solisten darf man zufrieden sein. Arnold Rutkowski (Manrico) war wohl von einer Grippe erst halbwegs wieder genesen, ließ sich als indisponiert ansagen und warf zur Pause das Handtuch. Bis dahin eine durchwachsene Leistung; die Erkältung war ihm anzumerken. Nach der Pause spielte er nur noch, den Gesangspart übernahm George Oniani von der Bonner Oper, ein Stentor-Tenor, der auch schon mal recht unangenehm anzuhören sein kann; an diesem Abend fand ich ihn akzeptabel (das berüchtigte, nicht notierte Stretta-C dürfte aber so um 20 Cent zu tief gelegen haben). Aurelia Florian (Leonora) hat ein schönes Timbre und eine gut sitzende Stimme; mit den virtuosen Teilen der Partie kommt sie nicht so gut zurecht wie mit den lyrischen - die Cabaletta Di tale amor gelang passabel, richtig toll aber war D'amor sull' ali rosée! Wermutstropfen: im piano und pianissimo (um die die Sängerin erfreulicherweise sehr bemüht ist) trägt die Stimme nicht mehr gut und fällt ziemlich ab. Dieses Problem kennt Martina Prudenskaya (Azucena) nicht - wahrlich ein Trumm von einer Stimme, mühelos in der tiefen Lage und geradezu ausufernd, wenn sie im hohen Bereich aufmacht (sie muss sich im Duett mit Rutkowski merklich selbst zähmen); für mich die Entdeckung des Abends! Stimmlich ein wenig enttäuschen Scott Hendricks (Luna); der stimmliche Glanz früherer Zeiten (er war in den Nuller-Jahren einige Zeit Ensemblemitglied in Köln) ist weitgehend verschwunden; dafür ist er ein herausragender gesanglicher Darsteller geworden. (Szenisch ist er sowieso großartig, wie alle anderen auch). Erfreulich auch Giovanni (sic! nicht Ferruccio!) Furlanetto (Ferrando) mit prächtiger Bass-Agilität in der Arie Abbietta zingara.

      Starker, aber enden wollender Beifall. Einige Buhs für den Regisseur.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Ich habe gestern nach der Pause das Handtuch geschmissen, szenischer Murks, total konstruiert und dann auch noch nicht mal halbwegs nachvollziehbar, schade um die Musik und die Sänger, die teilweise ihre grosse Szene mit dem Rücken zum Publikum singen müssen!! :cursing:
      Tcherniakov werde ich zukünftig meiden. Schlimm genug, dass er mir Die Trojaner in Karthago in Paris versaut hat!
      Je niedriger der Betroffenheitsgrad, desto höher der Unterhaltungswert!
    • boccanegra schrieb:

      szenischer Murks
      Da gehe ich übrigens auch nicht ganz mit: die Genauigkeit en gros und en detail, mit der Tschernjakow die Personenführung an Musik und Text anpasst, kriegt man in der Klasse so oft nicht zu sehen. Leider hat er im zweiten Teil stellenweise überdreht. Seine Konzepte mögen fragwürdig sein, aber als Regie-Führer ist er großartig.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur