LORTZING: Was er sonst noch schuf

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    • LORTZING: Was er sonst noch schuf

      Albert Lortzing hat in seinem kurzen und ziemlich schwierigen Leben vier Meisterwerke kreiert, die sozusagen jeder kennt, daneben aber noch neun weitere Opern verfaßt, zu denen er wie stets auch selbst das Libretto schrieb. Sie sind freilich ziemlich vergessen. Lortzings (vor)letztes Bühnenopus "Die Opernprobe oder Die vornehmen Dilettanten" entstand in Berlin knapp vor seinem Tod und wurde erst nach seinem Ableben 1851 in Frankfurt am Main uraufgeführt. Das Werkchen hat es immerhin in das Kloibersche "Handbuch der Oper" geschafft, wo es als "musikalisches Kammerspiel" figuriert.

      Die Idee fußt auf einem französischen Sujet, das J.F.Jünger zu einer Komödie verarbeitete, die Lortzing seinem Libretto zugrunde legte. Der Komponist war damals schon ziemlich zermürbt, durch Krankheit und wirtschaftliche Not gezeichnet. So ist es kein Wunder, daß das Ergebnis aus meiner subjektiven Sicht als ganz netter erster Grundeinfall bzw. Nebenher-Werk gelten mag, aber weder melodisch-musikalisch noch inhaltlich irgendwelche wirklich bleibende Eindrücke hinterläßt (was nicht heißt, daß man daraus nicht durch weitere Bearbeitung etwas Attraktives machen hätte können).
      Kurz zum Inhalt: Der junge Baron Adolph von Reinthal hat Reißaus genommen, weil ihn sein Onkel zwangsverheiraten will. Jeder Konvenienzehe abhold streift er inkognito mit seinem Diener Johann im Schloßpark eines musikfanatischen Grafen umher. Dabei werden sie aber von Hannchen, der spritzigen Zofe der Komtesse Louisa, belauscht. Das Kammermädchen ist ein kleiner Tausendsassa und fungiert auch als Kapellmeister einer geplanten Opernaufführung, an der das gesamte gräfliche Personal teilnimmt. Reinthal und Johann geben sich als fahrende Sänger aus und werden freudig engagiert. Louisa hat sich bereits in den Baron verguckt, und er natürlich auch in sie, obwohl der gräfliche Vater bereits einen - ihr persönlich unbekannten - Bräutigam ausgesucht hat. Als der Onkel Reinthal anreist und sich als alter Freund des Grafen entpuppt, wird klar, was ohnehin schon zu erraten war: Louisa und Adolph waren von Vater und Onkel längst schon füreinander bestimmt. Auch Hannchen und Johann werden ein Paar.
      Hauptperson ist, wen man die Handlung überblickt, freilich das kecke Hannchen, die auch die einzige halbwegs interessante Arie singen darf, während der Solovortrag des jungen Barons für mich eher dürftig ausfällt.

      Die Oper hatte nach der Premiere einigen Erfolg, verschwand dann aber allmählich in die weitgehende Vergessenheit. 1953 entstand eine Radioaufnahme mit dem Großen Wiener Rundfunkorchester unter Kurt Richter:



      MYTO 2013 (auch Cantus Classics hat die Einspielung im Programm)

      Die Besetzung ist teilweise recht prominent. Dorothea Siebert (1921-2013, leider auch ziemlich vergessen) beweist als Hannchen ihr treffliches Soubrettentalent, Rudolf Christ singt den jungen Baron, Leo Heppe (alias Bob Martin) den Grafen. Als Johann ist Franz Fuchs aufgeführt (war das am Ende der jüngere F.F., der spätere Direktor der Judenburger Musikschule, der mir als Sänger aber zumindest bisher nicht geläufig war?). Die solide Routine des Ensembles vermag das doch ziemlich seichte Handlungsgeplätscher aber nicht zu retten. Aber wegen der Siebert, die zum Zeitpunkt der Aufnahme an der Wiener Staatsoper sang und später an die Deutsche Oper am Rhein und dann nach Zürich ging, die auch, wenngleich nur in kleineren Rollen, eine internationale Karriere hinlegte, kann man sich die "Opernprobe" schon gönnen.
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      Homo sum, ergo inscius.
    • Lieber Waldi,
      ich finde es ganz prima, dass es einen Fred für den notorisch unterschätzen Lortzing gibt :clap: .
      Aber was fällt denn unter "sonst noch"? Alles abseits der von dir genannten vier Hauptwerke? Ich nehme an, du meinst Waffenschmied, Z&Z, Wildschütz und Undine.
      Zum Glück hört man heute die "Opernprobe" auch ab und zu, und selbst das pseudo-revolutionäre Stück "Regina" läuft ab und an (tolle Musik!). "Die beiden Schützen" sind leider seltener zu hören, wenngleich Ausschnitte mal auftauchen. Letztens lief im Radio "Rolands Knappen", was mich nicht überzeugt hat.

      Unter "sonst noch" würde ich dieses Werk einsortieren und empfehlen:
      Außerdem gibt es z.B, noch ein sehr nettes Konzertstück für Horn, das ich selbst mal exekutiert habe.
      Obwohl ich mich eine Weile mal intensiver mit Lortzing beschäftigt habe, ist mir nichts für Kammermusik oder Orchester ohne Gesang (abgesehen natürlich von den Ouverturen etc in den Opern) untergekommen. Weißt du da vielleicht mehr?
      Gerne schreibe ich demnächst mal was zu Regina oder auch den "kleinen Meistersingern" Hans Sachs, wenn das in den Thread passt.

      LG
      Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.
    • 'Regina' habe ich mir sogar irgendwann einmal zugelegt, aber noch nie gehört.



      Natürlich weiß ich, dass er rund um 1848 politisch involviert war, aber irgendwie verbinde ich mit Lortzing immer diese vier bekannten Opern und kann nicht so richtig etwas mit ihnen anfangen. Vielleicht liegt es an der herkömmlichen Aufführungsweise, dass sie mir eher betulich, biedermeierlich erscheinen. Ein Eindruck, der höchstwahrscheinlich, möglicherweise Lortzing nicht gerecht wird.

      Dank dir jedenfalls, lieber Waldi, für diesen Thread, denn nun werde ich die tage wirklich einmal Regina herausholen und anhören.

      Danach hat er ja noch eine Oper verfasst: Rolands Knappen, wohl eine Satire auf das preußische Militär. Kennt die jemand und gibt es davon eine Aufnahme?

      :wink: Wolfram
    • Nein, lieber Alberich, mir ist sonst in bezug auf rein Orchestrales auch nichts bekannt. Lortzing war ja sozusagen ein ausgesprochener Bühnenmensch, da war die Verbindung von Stimme und Instrument für ihn dominant.

      Lieber Wolfram, die "Regina" ist keineswegs biedermeierlich. Nicht umsonst durfte sie ja damals nicht aufgeführt werden. Lortzings politische Ansichten waren keineswegs konform mit der "vorgeschriebenen" Meinung, nur war er klug genug, sie nur unterschwellig oder in verhüllter Form zu äußern. Überhaupt muß man stets bedenken, daß im Biedermeier unter der scheinbar idyllischen, harmlosen Oberfläche oft recht brisantes Gedankengut verborgen ist. Man muß es nur interpretieren können (in der bildenden Kunst ist hier vor allem Waldmüller ein gutes Beispiel für "ketzerische" Subtilitäten). Hinter vermeintlich harmlosen Späßen verbergen sich nicht selten gut getarnte Ironie und gesellschaftliche Kritik. Auf diese Weise konnte man die strenge Zensur umgehen, ohne die eigene Sicherheit zu gefährden. Wir vermögen das infolge des großen zeitlichen Abstands meist nicht so leicht auszumachen, während die Zeitgenossen solche Anspielungen wahrscheinlich eher verstanden, weil sie derartige Doppelbödigkeiten gewohnt waren.
      "Rolands Knappen" durfte man nach der Entstehung nur wenige Male und arg verstümmelt auf der Bühne präsentieren, weil das Stück viel zu brisant war. Soviel ich weiß, gibt es weitere Aufführungen erst seit dem späten 20.Jahrhundert (Gelsenkirchen, Freiberg). Mitschnitte davon werden auf dem Markt offenbar keine angeboten.
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    • Waldi schrieb:

      vier Meisterwerke kreiert, die sozusagen jeder kennt
      Das ist ein großes "sozusagen". Mir fiel nur "Zar und Zimmermann" ein, nach einigem Nachdenken noch der Wildschütz, den ich nie gehört habe. So gesehen könnte der Thread Anlass sein, sich erst einmal mit den neben ZuZ anderen Dreien zu beschäftigen. Bin gespannt, was noch kommt.
    • Lieber Knulp,

      Zum "Wildschütz" und zu "Zar und Zimmermann" gibt es bei uns schon eigene Threads, über den "Waffenschmied" und "Undine" findest Du - wie auch zu anderen Werken Lortzings - Ausführlicheres bei Tamino (kann man ja ruhig zugeben). Deiner Anregung, in dieser Hinsicht capriccio-aktiver zu werden, kann ich nur beipflichten. Zumindest vom "Waffenschmied" gibt es ja etliche Einspielungen, von denen manche ganz hervorragend sind. Ich muß mich da selbst ein wenig bei der Nase nehmen...bloß, wo nehme ich die Zeit her, das alles einmal konsequent wieder durchzuhören? :schwitz1:
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    • Bei selten gespielten Lortzing-Opern muss ich unwillkürlich an einige Aufführungen im Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz denken. Der Intendant dieses kleinen Theaters im Erzgebirge scheint eine besondere Vorliebe für derartige Raritäten zu haben.
      So erlebte ich erst im vergangenen Jahr dort eine interessante Aufführung der Oper „Zum Großadmiral“. Obwohl schon etwa 6 Jahre zurückliegend, kann ich mich auch noch gut an zwei Einakter, „Der Weihnachtsabend" und „Andreas Hofer“, an gleicher Stelle erinnern.
      Eine weitere Lotzing-Oper mit dem vielversprechenden Titel „Casanova“ sah ich vor 2 Jahren an der Musikalischen Komödie Leipzig.
      Soviel zu meinen Bühnenerlebnissen mit Raritäten dieses Komponisten. Ich weiß nicht, ob es von diesen Werken irgendwelche Einspielungen gibt. Da ich Opern lieber live auf der Bühne erlebe, verlinke ich hier mal einige Pressemitteilungen zu den genannten Aufführungen:

      https://albertlortzinggesellschaft.org/spielplaene/zum-grossadmiral-komische-oper-von-albert-lortzing/
      https://www.mdr.de/kultur/kritik-oper-annaberg-grossadmiral-100.html
      https://www.die-deutsche-buehne.de/kritiken/alpengluehen-im-biedermeier-wohnzimmer
      https://onlinemerker.com/annaberg-buchholz-der-weihnachtsabend-adreas-hofer-von-albert-lortzing-opernraritaeten/
      https://www.die-deutsche-buehne.de/kritiken/lieber-freiheit-als-frauen
      https://onlinemerker.com/leipzig-musikalische-komoedie-casanova-von-albert-lortzing/

      Mir persönlich hat „Zum Großadmiral“ am bestem gefallen. Dieser kann sich mit den bekannten Werken Lortzings durchaus messen. Die anderen Werke waren für mich dagegen nicht die ganz großen „Knüller“, aber trotzdem interessant genug, sie überhaupt mal auf der Bühne zu sehen.
      Viele Grüße aus Sachsen
      Andrea
    • Wie ich inzwischen dankenswerterweise von einem erfahreneren Opernfex informiert wurde, gibt es von "Rolands Knappen" tatsächlich eine Edition der Freiberger Aufführung von 2005, allerdings nicht bei unseren Partnern. Bei Premiere Opera kriegt man aber sogar noch andere Lortzings.
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    • Waldi schrieb:

      Hinter vermeintlich harmlosen Späßen verbergen sich nicht selten gut getarnte Ironie und gesellschaftliche Kritik. Auf diese Weise konnte man die strenge Zensur umgehen, ohne die eigene Sicherheit zu gefährden. Wir vermögen das infolge des großen zeitlichen Abstands meist nicht so leicht auszumachen, während die Zeitgenossen solche Anspielungen wahrscheinlich eher verstanden, weil sie derartige Doppelbödigkeiten gewohnt waren.
      Und nicht zu vergessen: Es war Brauch, in den Dialogen Extempores einzufügen, sprich zu improvisieren. Da kamen schon einmal Frechheiten raus, und Lortzing selbst ist als Sänger-Darsteller mehrmals den Zensoren aufgefallen.

      Was die "Regina" betrifft, kann man sich über den revolutionären Inhalt trefflich streiten, m.E. lässt das Stück beide Deutungen zu. Ich finde leider gerade die Arbeit nicht, die ich vor 1000 Jahren zum Thema Biedermeier oder Revolutionär geschrieben habe - sollte ich sie finden, reiche ich mal die Betrachtungen über Regina nach. Die Lektüre des Librettos sollte aber genügen...
      Ich finde die kleinen Spitzen gegen die Obrigkeit in den unverdächtigeren Werken viel interessanter. Der doofe van Bett, der nur scheinbar gütige Zar Peter, der Lustmolch Graf Eberbach und das larmoyante Weichei Baron Kronthal usw. - und die Reaktionen der "einfachen Leute" auf diese Typen.
      Lortzing selbst hatte wohl eher eine pragmatische Position: Es soll bitte allen gut gehen. Welches Regime, ist (fast) egal. Darauf deuten jedenfalls ganz unterschiedliche briefliche Äußerungen aus 48 hin, die einerseits postulieren, jetzt habe ja auch der letzte Depp verstanden, dass niemand einen Kaiser braucht, als auch beklagen, wie der Pöbel die Vorstädte plündert.
      Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.
    • Waldi schrieb:

      "Die Opernprobe oder Die vornehmen Dilettanten"
      Lieber Waldi, ich finde, diese Oper wird massiv unterschätzt. Sicher ist sie musikalisch eher leichte Kost, aber sie ist - zumal für die Entstehungszeit - mit einem ziemlich großen Potenzial in Sachen Satire ausgestattet: ein opernenthusiastischer Graf. der sich mit seiner Dienerschaft nur singenderweise verständigt... eine Kammerzofe (!), die ein Orchester dirigiert... Ich würde sie gerne mal auf der Bühne sehen.

      Es gibt übrigens noch eine andere recht prominent besetzte Aufnahme aus dem Hause EMI mit Nicolai Gedda (Reinthal junior), Walter Berry (Johann) und Kari Lövaas (Louise), um nur die bekanntesten zu nennen.
    • Gelobt wird auch eine Berliner Aufnahme aus den frühen 1950ern mit Lisa Otto und Sonja Schöner, die bei den Cantus Classics mit der Wiener Rundfunkaufnahme gekoppelt ist:



      Solo ist sie bei Walhall zu haben.
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