So nicht! - Zensur im Film

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    • Argonaut schrieb:

      Vielleicht fällt es auch nur in die Kategorie »Rücksichtnahme auf die Gefühle anderer«. Der Film ist ja nicht verboten, sondern darf nur an diesem einen Tag, der für gläubige Christen nun mal ein ganz besonderer ist, nicht gezeigt werden.
      Aber so ein gläubiger Christ, der gefühlsmäßig sofort verletzt wäre, wird ja nicht in eine Filmveranstaltung gehen, in der dieser Film gezeigt wird. Außerdem ist es eine Frage, wie groß der Bevölkerungsanteil dieser "strengen" Christen in Deutschland noch ist. Für Nichtchristen ist das Problem ja garnicht existent. Und Staat und Kirche sind getrennt (im Prinzip).

      maticus
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    • Wolfram schrieb:

      Film und Zensur oder FSK oder z.B. Schnittauflagen durch den Produzenten sind ja ein altbekanntes Thema, das den Film seit seinem Bestehen quasi begleitet. [...]
      Ich mußte erstmal auf den Kalender gucken - mir schien es, als wäre ich gerade im Jahr 1980... :D

      Spaß beiseite: ich kenne dieses Thema gut genug, weil lang und breit durchexerziert unter verschiedensten Bedingungen. Aber inzwischen empfinde ich die Dramatik dahinter nicht mehr als wirklich erschreckend oder bedeutungsvoll. Das liegt zum großen Teil daran, daß zumindest die Kürzungen von Filmen aufgrund FSK-Auflagen kein großes Thema mehr darstellt. Ich gehe später noch darauf ein.

      Weiß du, Wolfram: irgendwie mischt du auch gleich alles ineinander, was man als Zensur bezeichnet, obwohl da wichtige Voraussetzungen zu einem differenzierten Bild führen muß, wenn man dem Thema gerecht werden will. Die Zensur des Filmproduzenten ist nicht die Zensur des Verleihers ist nicht die Zensur des Synchronstudios ist nicht die Zensur des Gesetzgebers. Alles verschiedene Dinge, die ineinandergreifen, aber nicht immer gleich gewichtet werden können. Denn die Gründe für Zensur sind verschieden: man kann kürzen aufgrund des Budgets, des erzählerischen Bogens, der Gewaltdarstellung, der Sinnentschärfung, des momentanen gesellschaftlichen Klimas oder einfach der Länge wegen. Und die Bewertung dieser verschiedenen Aspekte ist immer auch eine Sache der jeweils daran beteiligten Entscheidungsträger.

      Die FSK reagiert indirekt auf gesellschaftliche Tendenzen und ist immer auch ein Kind der Zeit; hinzu kommt aber auch, daß die Prüfungen von Filmen zu einer bestimmten Zeit stattfinden. Daher sind Freigaben immer auch Dokumente ihres Zeitgeistes. Ich erwähne das nur, weil die FSK 16 von Manche mögen's heiß nicht aus dem selben Jahr stammt wie die FSK ab 12 von Der Herr der Ringe - ich nehme an, du meinst die Jackson-Verfilmung. [Ganz nebenbei: die Kino-Fassungen sind ab 12, die Extended Editions sind (bis auf Teil 2) ab 16.]

      Die Wilder-Komödie bekam 1959 im Kino eine Freigabe ab 18 (nicht feiertagsfrei) und wurde nach 1985 für die Videoveröffentlichungen auf FSK 16 zurückgestuft; seitdem gilt diese Freigabe für alle Medien, weil sich der deutsche Vertrieb die Neuprüfung spart und die alte Freigabe dank Inhaltsgleichheit übernimmt. Ich bin mir ziemlich sicher, daß die FSK heutzutage den Film ab 12 freigeben könnte, doch da es kein Jugendverbot gibt, warum sollte sich der Vertrieb die (finanzielle) Mühe machen?

      Die Ring-Trilogie hat in den Kino-Fassungen einen moderaten Einsatz an Gewalt, was sich nicht von anderen FSK-12-Filmen der gleichen Zeit unterscheidet; letztendlich geht es auch um eine Beurteilung der Wirkung dieser Gewalt in einer gewissen Alterskategorie, die ich persönlich nicht als unpassend empfinde.

      Wolfram schrieb:

      Zudem gab und gibt es vielleicht auch noch immer eine Art Zensur durch die Synchronisation in die jeweilige Landessprache. Bekannt das Beispiel 'Notorious' von Hitchcock, in der die deutsche Fassung jeglichen Verweis auf den Nationalsozialismus austilgte. [...]
      Gutes Beispiel. Nur ist es seit 1969 hinfällig, weil damals die ZDF-Synchronfassung mit ihrem integralen Inhalt zum ersten Mal aufgeführt wurde, und bei den meisten Video-Medien wurde diese Synchro verwendet. Sie ist also deutlich bekannter als die alte, die höchstens Kuriosenwert hat. Immerhin kann man die alte Synchro erleben, wenn man gründlich sucht.

      Eigentlich sind die einzig erhaltenen Synchros älterer Filme das Problem, bei denen aus verschiedenen Gründen Verfälschungen eingedeutscht wurden - einerseits um Kürzungen vorzunehmen, andererseits um Sinngehalte fürs Deutsche anzupassen. In Der zerissene Vorhang wurden z.B. Sequenzen gekürzt, in denen deutsche Dialoge ins Englische übersetzt wurden; für die deutsche Sprachfassung war das überflüssig, weil gedoppelt.

      Und dann ist da noch die Hauruck-Synchronisation eines Rainer Brandt, der die meisten Eindeutschungen der Spencer/Hill-Filme übernahm. Er wollte sicherlich damit eine lockere Stimmung verbreiten, die einfach Spaß machen sollte. Und man muß sich schon fragen, ob man manchen ausländischen Komödien nicht einen großen Dienst dadurch erwiesen hat. Zumindest für die schlechten... :P

      Wolfram schrieb:

      Hat die Zensur, ich denke da gerade auch an den Hayes Code in Hollywood, nicht immer auch eine unglaubliche Kreativität, was das Umgehen von Zensur betrifft, hervorgebracht?
      Ja, definitiv. Und dennoch war die Abschaffung des Hays-Codes 1968 für die Filmschaffenden eine Befreiung, weil es bestimmte Themen gab, die dadurch erst adäquat erzählt werden konnten. Vorher mußte man sich dort mit unrealen Dramaturgien herumschlagen, an denen jede Eleganz sie zu umschiffen Schiffbruch erlitt.

      Kreativität mißt sich aber eher am konkreten Sujet und dem eigenen Anspruch. Das ist übrigens auch bei einem Lubitsch nicht anders.

      Wolfram schrieb:

      Schnittauflagen etc. durch den Produzenten - dem kann ich nun wahrlich kaum etwas abgewinnen. Da bin ich eher auf der Seite des 'Cinema des Auteurs', wobei ich natürlich die Geldgeber auch verstehen kann.
      Schwierige Sache. Ich bin mir ziemlich sicher, daß auch ein Truffaut oder Godard nicht alles machen konnten. Allerdings sind ihre frühen Filme sehr häufig wenig aufwendig inszenierte Werke, die durch ihre Filmsprache wirken. Ob z.B. ein Godard sich auch mal von einer Filmidee verabschieden mußte, weil sie der Produzent für unverständlich fürs Publikum ansah...ja, warum nicht?

      Kostet eine Szene zuviel Geld? Wirkt eine Szene nicht passend im Film? Ist eine Umbesetzung nötig, und wenn sie stattfindet, kann man den Dialog des neuen Darstellers so lassen oder muß er geändert werden? Ist die grundsätzliche Konzeption des Films tragbar oder nicht? Fürchtet man einen gesellschaftlichen Widerstand, der sich negativ auf die Einspielergebnisse des Films auswirken könnte? Ist das künstlerische Risiko es wert, dem Publikum vor den Kopf zu stoßen? Oder ist die Idee stark genug, daß das Publikum mitgehen könnte?

      Alle Fragen sind schon durchdacht worden, in der einen oder anderen Weise. Die Geschichte ist gepflastert mit Triumphen und Enttäuschungen, mit Erfolgen und Flops. Und nicht immer hat Zensur einen Schaden angerichtet.

      Mir persönlich liegt etwas anderes quer: wenn sich Filmemacher in der Produktionsphase generell einem bestimmten Kodex unterwerfen müssen, weil es das Studio verlangt. Disney ist ein perfektes Beispiel dafür: man sehe sich die Zeichentrickfilme ab Pocahontas (1995) an, die grundsätzlich der sogenanten Disney Formula unterworfen sind. Bei den Filmen davor recht gut bis elegant erfüllt, erstickt die Formel zunehmend den kreativen Output fatal. Dann kommen halt solche Schundgranaten wie Der Glöckner von Notre Dame zustande.

      Das Schlimmste ist natürlich die Bearbeitung von bereits vorhandenen fertigen Filmen, um sie nachträglich zu entschärfen oder einfach zu kürzen. Stroheim neigte dazu, sehr lange Filme zu drehen (manche Filme gingen ursprünglich 20-40 Rollen), die viel Geld verschlangen, dazu eine gallige Gesellschaftskritik, die damals als skandalös empfunden wurde. Kein Wunder, daß seine Exzesse ihn den künstlerischen Kopf kosteten; und da dies in den 1920er Jahren passierte, ist die Materiallage seiner Filme besonders traurig. Querköpfe wie Welles oder Peckinpah hatten es immer schwer, weil sie unnachgiebig in ihrer Kunst waren; und dennoch gab es Leute wie Kubrick, Chaplin, Godard, Ozu oder Renoir, die ihre Ideen transportieren konnten, ohne daß man sie nachträglich zensierte. Es kommt nämlich auch darauf an, was man wie aussagen will... :jaja1:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Argonaut schrieb:

      Ich finde es eigentlich nicht so schlimm, wenn man an einem Tag im Jahr mal ein bisschen Rücksicht nimmt.
      Nö!
      Das "Leben des Brian" gehört für uns Ungläubige und darüber hinaus für solche, die Spaß verstehen, zu Ostern, wie "Dinner for One" zu Silvester oder "Ist das Leben nicht schön" zu Weihnachten.
      Es ist eigentlich unverzichtbar.

      Ich zähle auf meinem Fernseher ca. 60 Sender, davon werde ich von mind. dreien jeden Tag mit christlicher Propaganda teilweise übelster Art zugedröhnt und was tue ich?
      Ich ignoriere es.
      Dieses einmal als Idee für die, die "das Leben des Brian" nicht leiden können, Ostern für sich reklamieren und deswegen andere Ansichten ausperren wollen.

      Gruß aus Kiel

      PS. Ich schließe mich nicht der Meinung an, das der Film "das Leben des Brian" das Christentum als "Dummes Zeug" entlarvt. Monty Python taten es auch übrigens nicht. Siehe die Fernsehdiskussion in der BBC (auf Youtube zu sehen)
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Argonaut schrieb:

      maticus schrieb:

      Naja, auch bei "uns" durfte gestern z. B. ein Film wie "Life of Brian" nicht aufgeführt werden. Fällt für mich in die Kategorie "Gesetz gegen Gotteslästerung".
      Vielleicht fällt es auch nur in die Kategorie »Rücksichtnahme auf die Gefühle anderer«. Der Film ist ja nicht verboten, sondern darf nur an diesem einen Tag, der für gläubige Christen nun mal ein ganz besonderer ist, nicht gezeigt werden. Ich finde es eigentlich nicht so schlimm, wenn man an einem Tag im Jahr mal ein bisschen Rücksicht nimmt.
      Der Film wurde 1980 als nf = nicht feiertagsfrei gekennzeichnet - allerdings gilt das in Deutschland nur für den Kino-Einsatz, sonst nicht. Das Leben des Brian dürfte am Ostersonntag sogar im TV gezeigt werden. Wäre nicht verboten.

      Ob man es macht oder nicht, ist eher eine Sache des Anstands... :saint:

      spio-fsk.de
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    • Doc Stänker schrieb:

      Das "Leben des Brian" gehört für uns Ungläubige und darüber hinaus für solche, die Spaß verstehen, zu Ostern, wie "Dinner for One" zu Silvester oder "Ist das Leben nicht schön" zu Weihnachten.
      Es ist eigentlich unverzichtbar.

      Es wird niemand daran gehindert, sich "Das Leben des Brian" an einem der Osterfeiertage anzusehen. Aktuell ist der Film z. B. auf Netflix verfügbar. Und "unverzichtbare" Sachen sollte man sich eventuell beizeiten auch mal auf DVD beschaffen.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Habe ich als "Notproviant" längst gebunkert.
      Aber das behebt nicht das Problem. Es ist der Kotau der Fernsehsender vor der vermeintlich öffentlichen Meinung. Da waren wir in der BRD früher schon mal weiter und die Sender selbstbewußter.
      Siehe WDR und Greta.
      Gruß zum Fest
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Doc Stänker schrieb:

      Aber das behebt nicht das Problem. Es ist der Kotau der Fernsehsender vor der vermeintlich öffentlichen Meinung.

      Fernsehsender sind keine Jukeboxen, die das zu senden haben, was Du an bestimmten Tagen gerne bei ihnen sehen würdest. Die gestalten ihr Programm auf der Basis verschiedener Parameter, und entweder man möchte das sehen oder nicht. Es ist mir schleierhaft, wieso man sich im Jahr 2020 noch davon abhängig machen sollte (Stichwort Streaming-Dienste).

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Symbol schrieb:

      Es ist mir schleierhaft, wieso man sich im Jahr 2020 noch davon abhängig machen sollte
      Keine Sorge!
      Mach ich doch nicht, ich schaue nur auf die Auswahl und verweise auf Maticus und "systemrelevanz"
      Gruß aus Kiel

      Nebenbei: Ich empfinde es als einen fundamentalen Unterschied ob ein Film allgemein gesehen werden kann oder Sparten vorbehalten wird.
      Vieleicht ist das ja "old School" oder ihr seid eben frei nach Jan Delay einfach nur "vergiftet."
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Symbol schrieb:

      Es wird niemand daran gehindert, sich "Das Leben des Brian" an einem der Osterfeiertage anzusehen. Aktuell ist der Film z. B. auf Netflix verfügbar.
      Er läuft heute Abend gerade im Fernsehen, während ihr das schreibt...
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Doc Stänker schrieb:

      Nebenbei: Ich empfinde es als einen fundamentalen Unterschied ob ein Film allgemein gesehen werden kann oder Sparten vorbehalten wird.

      Wieso denn "Sparten"? Streaming-Dienste sind heutzutage beileibe nichts mehr für "Sparten", ebenso wenig wie der Erwerb einer DVD im örtlichen Handel oder über einen Versandanbieter.

      Cherubino schrieb:

      Symbol schrieb:

      Es wird niemand daran gehindert, sich "Das Leben des Brian" an einem der Osterfeiertage anzusehen. Aktuell ist der Film z. B. auf Netflix verfügbar.
      Er läuft heute Abend gerade im Fernsehen, während ihr das schreibt...

      Aber nicht am Karfreitag zur Todesstunde Jesu, weshalb auch dies eigentlich ein Beispiel für böse ekklesiogene Zensur ist! :ironie1:

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Doc Stänker schrieb:

      leider 2 Tage zu spät, da ist der Witz weg.

      Nachdem Du vorhin noch erklärt hast, dass der Film eigentlich gar keine Veralberung von Jesus sei, möchtest Du jetzt betonen, dass man ihn unbedingt am Abend des Gründonnerstag sehen muss, damit er witzig ist?

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Aus TV Spielfilm:

      Das Leben des Brian
      Heute, 20:15 - 22:05, RTL II
      Bibelfilmparodie, GB 1979, 88/110 Min.
      Wh. am 12.4.
      Und Morgen Wiederholung... :megalol:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
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      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Josquin Dufay schrieb:

      Weiß du, Wolfram: irgendwie mischt du auch gleich alles ineinander, was man als Zensur bezeichnet,
      Josquin, das war schon beabsichtigt, weil alles auch irgendwie immer ineinander greift und auch, damit sich jeder einen Punkt heraussuchen kann, wenn er will.

      Josquin Dufay schrieb:

      Die Wilder-Komödie bekam 1959 im Kino eine Freigabe ab 18 (nicht feiertagsfrei) und wurde nach 1985 für die Videoveröffentlichungen auf FSK 16 zurückgestuft; seitdem gilt diese Freigabe für alle Medien, weil sich der deutsche Vertrieb die Neuprüfung spart und die alte Freigabe dank Inhaltsgleichheit übernimmt. Ich bin mir ziemlich sicher, daß die FSK heutzutage den Film ab 12 freigeben könnte, doch da es kein Jugendverbot gibt, warum sollte sich der Vertrieb die (finanzielle) Mühe machen?
      Trotzdem finde ich es interessant, dass Freigaben gesellschaftlich nicht oder nicht regelmäßig angepasst werden. Und ich empfinde es auch immer wieder so, dass Gewalt eher für Jüngere als akzeptabel gilt als Fragen der Sexual- und Geschlechtermoral.

      Josquin Dufay schrieb:

      Die Ring-Trilogie hat in den Kino-Fassungen einen moderaten Einsatz an Gewalt, was sich nicht von anderen FSK-12-Filmen der gleichen Zeit unterscheidet;
      Naja, über moderat kann man schon streiten. Alleine dies endlose Draufhauen fand ich schon diskutabel was das angeht.

      Josquin Dufay schrieb:

      Eigentlich sind die einzig erhaltenen Synchros älterer Filme das Problem, bei denen aus verschiedenen Gründen Verfälschungen eingedeutscht wurden - einerseits um Kürzungen vorzunehmen, andererseits um Sinngehalte fürs Deutsche anzupassen. In Der zerissene Vorhang wurden z.B. Sequenzen gekürzt, in denen deutsche Dialoge ins Englische übersetzt wurden; für die deutsche Sprachfassung war das überflüssig, weil gedoppelt.
      'Notorious' war nur ein Beispiel, was mir spontan einfiel. Aufgefallen ist es mir auch bei Filmen jüngeren Datums. Allerdings habe ich die Titel nicht mehr parat. Es ging da auch nicht um eine grundlegende Änderung der Handlung, 'nur' um Nuancen, die allerdings nichts mit einer Unübersetzbarkeit zu tun hatten. Aber, wie gesagt, die Titel kann ich jetzt nicht mehr nennen.

      Josquin Dufay schrieb:

      Ja, definitiv. Und dennoch war die Abschaffung des Hays-Codes 1968 für die Filmschaffenden eine Befreiung, weil es bestimmte Themen gab, die dadurch erst adäquat erzählt werden konnten. Vorher mußte man sich dort mit unrealen Dramaturgien herumschlagen, an denen jede Eleganz sie zu umschiffen Schiffbruch erlitt.
      Klar gab und gibt es diese Themen und dem Hays Code weint wohl auch niemand eine Träne nach.

      Josquin Dufay schrieb:

      Ob z.B. ein Godard sich auch mal von einer Filmidee verabschieden mußte, weil sie der Produzent für unverständlich fürs Publikum ansah...ja, warum nicht?
      Weil das die Frage berührt, wer eigentlich der kreative Kopf hinter einem Film ist und wer das letzte Wort haben darf. Natürlich kommt es hier immer zum Konflikt zwischen Kommerz und Kunst und der Produzent hat sozusagen, ebenso wie der Regisseur, ein Recht auf sein Recht. Aus diesem Gegeneinander kann ja auch durchaus wieder ein kreativer Prozess entstehen. Und trotzdem berührt diese Frage Grundsätzliches auch was andere Kunstformen betrifft.

      Josquin Dufay schrieb:

      Mir persönlich liegt etwas anderes quer: wenn sich Filmemacher in der Produktionsphase generell einem bestimmten Kodex unterwerfen müssen, weil es das Studio verlangt.
      Einmal das Problem der 'Schere im Kopf', andererseits das Problem des 'Wes Herrn ich hab, des Lied ich sing'. Und auch das Problem der Monopolisierung innerhalb mancher Kunstrichtungen. Wenn man eine bestimmte Art von Film drehen will, kommt man an Disney vielleicht kaum noch vorbei und schon beginnt es.

      Josquin Dufay schrieb:

      Kubrick, Chaplin, Godard, Ozu oder Renoir, die ihre Ideen transportieren konnten, ohne daß man sie nachträglich zensierte. Es kommt nämlich auch darauf an, was man wie aussagen will...
      Richtig. Aber andererseits, was wäre passiert, wenn sie auf Thalberg getroffen wären. ^^ Wir wissen alle, wie Hollywood auf seine Querköpfe reagierte (selbst Chaplin haben sie ja dann 'entsorgt', wenn auch nicht filmtechnisch :D ). In Hollywood wird das Problem des Konflikts Kommerz versus Kunst vielleicht am deutlichsten und von daher ist dieser Schauplatz vielleicht am geeignetsten, darüber zu sprechen.

      Vielleicht ist aber die 'Schere im Kopf' zur Zeit das wirkungsmächtigste Zensurinstrument. Und das gilt nicht nur hinsichtlich des Drucks, den ein großes Studio ausüben kann, sondern v.a. auch, was gesellschaftliche Normen und Vorstellungen angeht. Wenn Kevin Spacey damals von Ridley Scott aus seinem Film herausgeschnitten wurde, dann ist das nicht nur eine eklatante Verletzung eines grundlegenden Rechtsverständnisses, sondern eben auch Zeichen für ein Vorabgehorsams vor möglichen (kommerziellen) Folgen aufgrund einer gerade herrschenden gesellschaftlichen Debatte.

      :wink: Wolfram
    • Rosamunde schrieb:

      Zensur kommt mE heutzutage hauptsächlich durch Marktdynamik zustande, Angebot und Nachfrage. Demzufolge wirken sich gesellschaftliche Gepflogenheiten, Normen und Gesetze auf Inhalte und deren Präsentation in Film, Theater, Oper, Literatur usw aus. Dinge, die sich für den Geldgeber, wer er auch immer ist, nicht auszahlen, werden damit automatisch immer mehr verdrängt.
      Liebe Rosamunde, gab es das nicht schon immer. Schon Shakespeare (wer immer es denn nun war :D ) wusste doch ganz genau, was er dem zahlenden Publikum bieten musste, damit sie auch bei der Stange, d.h. im Theater blieben. Die Frage ist eben nur, inwieweit staatliche Eingriffe z.B. durch Fördermaßnahmen bestimmte Sichtweisen und Themen in einer demokratischen Gesellschaft heute trotzdem vorhanden sind.

      Rosamunde schrieb:

      Die Alterszensur bei Filmen ist demnach mE eine Reaktion auf allgemeine Prüderie. "Gewalt" entwickelt sich tendenziell im Moment in die andere Richtung, und mE liegt das an dem relativ neuen Phenomen des Videogaming, welches immer jüngere Alterssgruppen langsam an Gewalt (aber eben nicht an Nacktheit und Sexualiät) heranführt.
      Was ja interessant ist, wenn es als These stimmen sollte. Gewalt ist also eher gesellschaftlich akzeptiert als die schwer steuerbare Sexualität? Wenn das so stimmt, welche Rückfragen lässt das eigentlich auf eine demokratisch verfasste Gesellschaft zu?

      :wink: Wolfram
    • Cherubino schrieb:

      Symbol schrieb:

      Es wird niemand daran gehindert, sich "Das Leben des Brian" an einem der Osterfeiertage anzusehen. Aktuell ist der Film z. B. auf Netflix verfügbar.
      Er läuft heute Abend gerade im Fernsehen, während ihr das schreibt...

      Doc Stänker schrieb:

      leider 2 Tage zu spät, da ist der Witz weg.
      was willst Du denn damit demonstrieren? Kannst ihn Dir doch jeden Tag anschauen?

      Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich halte diesen Film für eine geniale Satire. Nicht auf das Christentum, sondern auf das Verhalten einiger seiner Vertreter. Vielleicht reagieren manche auch deswegen so giftig. Die anderen haben den Film nicht verstanden.

      Nichts desto weniger ist das Vorbild des Protagonisten jemand, den man, aus welchem Grund auch immer, brutal und auf allergrausamste Weise zu Tode gefoltert hat. Ich weiß nicht, ob das wirklich witzig ist, zumindest an einem Tag, an dem andere genau dieses Foltertodes gedenken, nur weil man die damit verbundene Ideologie nicht teilt? Oder anders gefragt: Was macht es denn genau an diesem Tag witziger als an anderen? Wäre es denn in gleicher Weise witzig, wenn man am 20. Juli eine Satire über das Attentat auf Hitler ausstrahlen würde, bzw über dessen Rezeption auf Seiten derer, die das als Heldentat für die Befreiung von Terror und Unterdrückung sehen? Da ließe sich bestimmt auch etwas finden. Am 11. September eine über die Reaktion der Angehörigen der Opfer der Anschläge auf das WTC? Ok, alle Vergleiche hinken, das ist mir schon klar. Aber bestünde nicht auch die Möglichkeit, dass man das wenigstens an diesen Tagen auch als banale Geschmacklosigkeit sehen könnte? Auch wenn das de facto natürlich ein Problem der anderen wäre, wenn sie das als Geschmacklosigkeit sehen. Aber vielleicht wollen sich die Programmacher genau diesen Schuh nicht anziehen. Und das wiederum ist deren Sache, welche Schuhe sie sich anziehen wollen...
      Nur so zum Nachdenken.
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)