Was eigentlich ist Kultur?

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    • Kultur ist für mich die Summe der in einer Gesellschaft erlernten und tradierbaren Handlungs- und Verhaltensweisen. Diese sind von natürlichen Instinkten, die nicht tradierbar sind, unterschieden und sind unserem analytischen Verstand voll zugängig. Die gleichzeitige Nennung von "Kunst und Kultur" halt ich für eine spießbürgerliche Unsitte. Viel mehr ist die Kunst ein kleiner Bestandteil der menschlichen Kultur.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Ich finde ja die Unterscheidung von Kultur uns Zivilisation sehr erhellend, die Dane Rudhyar macht: Kultur gibts eigentlich nur in der Mehrzahl, als regionale oder sonstwie begrenzte, während der Zivilisation als nur Eine denkt, die etwa mit der Erklärung der Menschenrechte und dergleichen zu tun hat. Noch Thomas Mann hat in seinen "Betrachtungen eines Unpolitischen" darauf bestanden, deutsche "Kultur" gegen "westliche Zivilisation" in Stellung zu bringen. (allerdings hat er, ebenso wie der Großteil der Deutschen erst später, gelernt, dass die Werte der Zivilisation schützenswerter sind als die je partikularen Kulturen)
      Eine ähnliche Dynamik wirkt vielleicht in den Kulturen, die Einwanderer aus islamischen Ländern mitbringen: da gibt es Elemente, die nicht mit unserem Begriff von Zivilisation in Einklang zu bringen sind, speziell den Rechten der Frauen und da erwarten wir mMn mit Recht, dass die Werte der Zivilisation gelten. An dieser Stelle mit dem Wort "Leitkultur" zu kommen, ist dagegen grob unhistorisch: die Emanzipation z.B. hat ihre Wurzeln NICHT in dem, was wir "deutsche Kultur" zu nennen pflegen, oder nur sehr vermittelt und ähnlich dialektisch verwickelt, wie das abendländische Christentum der Nährboden der Aufklärung war - es ist eben nicht unsere Kultur, die wir hier verteidigen, sondern die Zivilisation, wie wir sie unter guter Fütterung nach dem Krieg schätzen lernen durften.
      das ist so ungefähr der Kontext, in dem ich "Kultur" und "Zivilisation" sehen würde. In gewisser Weise ist Kultur die Natur der Zivilisation, also etwas in 2.Ordnung urwüchsiges, wertfreies, zu dem eben europäische Kunstmusik ebenso zählt wie die Feinheiten des k.u.k. Militärwesens, die Kürzel in der Internetkommunikation und meinetwegen auch die Anglifizierung und sonstige Verhunzung der deutschen Sprache bis in den Deutschlandfunk hinein, auch wenn ich darin umgangssprachlich natürlich einen Verlust von Sprachkultur höre.

      Felix Meritis schrieb:

      Kultur ist für mich die Summe der in einer Gesellschaft erlernten und tradierbaren Handlungs- und Verhaltensweisen.
      so kann man wohl sagen, mit Betonung auf EINER Gesellschaft und mit dem Problem, dass die Spielregeln in multikulturellen Gesellschaften eben nicht mehr die EINER Kultur sein können, sondern auf etwas wie Zivilisation verweisen.

      Man kann (und sollte wohl) das natürlich als sehr westlich bezogen problematisieren...
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Argonaut schrieb:

      Viel praktikabler ist es, wenn man zwei komplementäre Begriffe nimmt, die gemeinsam eine Dichotomie bilden: Kultur ist alles, was nicht Natur, Natur alles, was nicht Kultur ist, und es gibt nichts, was nicht von einem dieser beiden Begriffe erfasst wird.

      Das scheint mir auch praktikabel zu sein, wenn ich auch die Trennung der beiden Sphären "Kultur" und "Natur" nicht immer als klar ansehe. Wenn die Zitrone Ascorbinsäure enthält, ist das Natur, wenn ein Chemiker Ascorbinsäure synthetisiert, ist das Kultur (trotz identischer chemischer Strukturen)? Zudem ist ja auch der Mensch Teil der Natur: ist seine bloße Existenz damit Natur und seine Handlung (oder das Produkt derselben) Kultur - und lässt sich das zuverlässig trennen?

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Symbol schrieb:

      Wenn die Zitrone Ascorbinsäure enthält, ist das Natur, wenn ein Chemiker Ascorbinsäure synthetisiert, ist das Kultur (trotz identischer chemischer Strukturen)?
      Ein Versuch: Wenn Geist dazukommt, ist es Kultur, ansonsten Natur. In diesem Fall: Daß die Zitrone Ascorbinsäure enthält, ist eine Tatsache, die auch bestünde, wenn es keine Menschen gäbe. Das Synthetisieren des Chemikers dagegen ist ein Akt, der sich nicht von selber vollzieht, sondern Geist erfordert: Der Chemiker wird z. B. wissen, was er da tut, und planen, wie er das tun will, usw. Diesen Akt könnte man im weitesten Sinn als kulturellen Akt ansehen.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Ein Versuch: Wenn Geist dazukommt, ist es Kultur, ansonsten Natur.
      Das ist ein guter Ansatz.

      Das Gedankenexperiment dazu lautet:

      Wenn in einer von Lebewesen freien Gegend eine per Zeitschaltuhr aktivierte Stereoanlage beginnt, Beethovens Fünfte abzuspielen - erklingt dann Musik?

      Oder sind es nur Luftschwingungen, die erst durch die Interpretation eines hinreichend trainierten Gehörapparates zu Musik würden, mangels Lebewesen aber Luftschwingungen bleiben?

      Gruß
      MB
      "Ich will keine leidenschaftslose Gehirnarbeit, sondern ein durchlebtes Kunstwerk mit einer Aussage." - Karl Amadeus Hartmann, aus seinem Artikel "Von meiner Arbeit" (1962)
    • Mauerblümchen schrieb:

      Wenn in einer von Lebewesen freien Gegend eine per Zeitschaltuhr aktivierte Stereoanlage beginnt, Beethovens Fünfte abzuspielen - erklingt dann Musik?
      Warum nicht? Das läßt sich übrigens ganz einfach praktisch durchführen: Anlage einschalten, Beethoven erklingen lassen und dann den Raum verlassen, dabei dafür sorgen, daß niemand die Musik hören kann. Es erklingt Musik - nur niemand hört zu.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • Symbol schrieb:

      Klar, nur ist das Ergebnis halt mit etwas natürlich Vorkommendem identisch.
      Ja, der chemische Prozeß ist in beiden Fällen der gleiche: Im einen Fall findet er natürlich statt, also ohne menschliche Mitwirkung, im anderen Fall findet er nicht natürlich statt, sondern von Menschen herbeigeführt. Das nicht Natürliche an diesem Prozeß wäre dann das, was man zur Kultur rechnen kann.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • andréjo schrieb:

      Welche Mundart ist das genau? Die von Darmstadt?
      Kerle, des isch Schwäbisch! So wia die en Schtueget halt so schwätzet. Verschtosch des et?

      andréjo schrieb:

      DiVfDB,wG!
      Ist sicher was Freundliches, also:

      :cincinbier:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Symbol schrieb:

      Klar, nur ist das Ergebnis halt mit etwas natürlich Vorkommendem identisch.
      Ja, der chemische Prozeß ist in beiden Fällen der gleiche: Im einen Fall findet er natürlich statt, also ohne menschliche Mitwirkung, im anderen Fall findet er nicht natürlich statt, sondern von Menschen herbeigeführt.

      Das ist gerade mein Problem: der Mensch ist Teil der Natur, wie kann man dann seine Handlungen (und ggf. deren Produkte) als "nicht natürlich" definieren?

      LG :wink:
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    • Ganz einfach. Indem man zwischen dem, was von Menschengetan und verursachen, und dem, was nicht von Menschen getan und verursacht worden ist, eine Grenze zieht. Den ersten Bereich nennt man Kultur, den zweiten Natur. Da gibt es keine Schwierigkeit. Man kann natürlich auch erklären, dass alles letztendlich dasselbe ist, das ist auch nicht falsch, aber für gewisse Belange ist eine solche begriffliche Trennung sinnvoll. Sie ist selbstverständlich willkürlich wie jede Definition oder jede Einteilung des Kontinuums der Welt, die wir vornehmen, aber die Frage ist auch nicht, ob die Trennlinie richtig da gezogen wird, wo sie in der »Wirklichkeit« auch verläuft (das ist unmöglich, weil in der »Wirklichkeit« gar keine verläuft), sondern ob es im Interesse der Handhabbarkeit der Welt sinnvoll ist, sie so zu ziehen. Das hängt von den Interessen und Intentionen ab und ist selbstverständlich von der jeweiligen Kultur abhängig.
    • Gurnemanz schrieb:

      andréjo schrieb:

      Welche Mundart ist das genau? Die von Darmstadt?
      Kerle, des isch Schwäbisch! So wia die en Schtueget halt so schwätzet. Verschtosch des et?

      andréjo schrieb:

      DiVfDB,wG!
      Ist sicher was Freundliches, also:

      :cincinbier:
      Oweh! Wobei Darmstadt schwer an der Kante liegt. Oder so. Trotzdem: 8| :cursing: :thumbdown: :evil: ape01 :schimpf1:

      Solche Fehler dürfen nicht passieren. Das hat man davon, wenn man nicht wenigstens einen Kontrolldurchgang macht.

      DiV ...: Danke im Voraus ...

      Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Argonaut schrieb:

      Ganz einfach. Indem man zwischen dem, was von Menschengetan und verursachen, und dem, was nicht von Menschen getan und verursacht worden ist, eine Grenze zieht. Den ersten Bereich nennt man Kultur, den zweiten Natur.

      Wären dann nicht die Begriffe "anthropogen" und "nicht anthropogen" passender?

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Argonaut schrieb:

      [...] Sie [= die begriffliche Trennung von Natur und Kultur] ist selbstverständlich willkürlich wie jede Definition oder jede Einteilung des Kontinuums der Welt [...]
      Ein großes Wort, ein wahres Wort! Cf. linguistisches Relativitätsprinzip, cf. scholastischer Nominalismus, cf. Sapir-Whorf-Hypothese, cf. Chandos-Brief.

      Das Damokles-Schwert, das über diesem Faden hängt. (Brillantes Wortspiel, das mir da wieder mal geglückt ist ... :rolleyes: )

      Trotzdem freue ich mich, jetzt auch diesbezüglich in Ruhestand zu sein.

      :clap: (Dieses Smiley bezieht sich auf alle Aussagen dieses harmlosen Beitrags und enthält nur rund 2 % Ironie, quasi den nicht mehr zu entfernenden Bodensatz.)

      :wink: Wolfgang
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    • Ich denke, das Begriffspaar "anthropogen - nicht anthropogen" ist klarer als "Kultur - Natur", denn "(nicht) anthropogen - (nicht) vom Menschen geschaffen" bezeichnet den Sachverhalt präziser.

      Wer freilich glaubt, es gebe keine Welt "ohne die Wörter, von denen wir glauben, sie würden sie beschreiben (während sie sie in Wahrheit konstruieren)", vgl. dort, dürfte daran Anstoß nehmen, denn ihm ist ja letzlich alles anthropogen.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann