Was eigentlich ist Kultur?

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    • Ich sehe den Unterschied nicht. Der Klang eines Wortes ist doch nicht wichtig. Wichtig ist die Definition, der man folgt.

      Übrigens glaube ich nicht, dass die Wörter die Welt nicht beschreiben sondern schaffen, es ist leicht zu zeigen, während sich das Gegenteil nicht erweisen lässt. Der Gedanke ist auch ganz und gar nicht meine Erfindung. Im europäischen Raum war es wohl Kant (vielleicht Hume), der ihn zum ersten Mal in voller Klarheit ausgesprochen hat, in Indien vermutlich Siddharta, der Buddha. (Ich bin nicht ganz sicher, weil ich mich in der älteren indischen Philosophie nicht auskenne, aber Einzelheiten kenne, die darauf hinzudeuten scheinen, dass der Gedanke dort auch vorher schon vorhanden war. Übrigens liegt die Annahme nicht ganz fern, dass schon die Skeptiker diesen Gedanken gefasst hatten, wenn er auch bei Sextus Empiricus höchstens nahegelegt, aber nicht ausgesprochen ist. Immerhin gibt es Forscher, die Indizien dafür zu haben meinen, dass die pyrrhonische Skepsis aus der Berührung des griechischen Denkens mit dem Buddhismus entsprungen ist.)
    • Argonaut schrieb:

      Das Begriffspaar »Kultur/Natur« ist eingeführt und verhältnismäßig klar definiert. Warum sollte man es durch ein neues ersetzen, wenn es doch dasselbe bedeuten soll?
      Man könnte argumentieren: Weil der Begriff "Kultur" auch anders benutzt wird, wenn er z.B. als Überschrift von Zeitungsseiten dazu dient, in der Abgrenzung von "Wissenschaft", "Politik", "Wirtschaft" oder "Sport" nur bestimmte menschliche Aktivitäten zu bezeichnen, in diesem Kontext etwa "Kunst, Literatur, Theater und Musik". Also den Bereich, der schon vorher mit "zweckfreien" Dingen assoziiert wurde und eben AUCH einen Begriff von "Kultur" ausmacht. Außerdem kommt mir "Kultur/Natur" wie eine postmetaphysische Schwundstufe von "Geist/Natur" vor.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Argonaut schrieb:

      Übrigens glaube ich nicht, dass die Wörter die Welt nicht beschreiben sondern schaffen, es ist leicht zu zeigen, während sich das Gegenteil nicht erweisen lässt.
      Und wie ist das zu zeigen?

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Und wie ist das zu zeigen?
      Nun zunächst einmal dadurch, dass die Angrenzung der Dinge und Phänomene, die wir vornehmen, offensichtlich eine kulturabhängige, konventionelle ist. Andere Kulturen nehmen andere Abgrenzungen vor. Bei der Bildung von Gruppen aus Gegenständen oder Lebewesen ist das ganz offensichtlich. Wenn wir nicht annehmen, dass alle außer uns Deutschen falsche Abgrenzungen vornehmen, müssen wir wohl damit zufrieden sein, dass das verschieden sein kann. Und die Angrenzung geschieht durch Wörter, die mithin die Dinge hervorbringen.

      Zum anderen ist es leicht zu sehen, dass wir über die »wahre Gestalt« und das »wirklich Aussehen«, auch über den »tatsächlichen Klang, Geruch usw.« der Außenwelt keine Kenntnis haben und auch keine erlangen können. Wir kennen nur das Bild von ihr, das in unserem Innern entsteht. Wir haben keine Möglichkeit, zu erfahren, ob die Welt mir unserem Bild übereinstimmt. Man sieht es schon daran, dass wir nicht einmal wissen können, wie eine Fläche, die wir rot nennen, für den Menschen neben uns aussieht. Wir wissen lediglich, dass er ebenfalls »rot« sagt, wenn wir ihn nach der Farbe fragen. Falls er deutsch spricht und aus unserer Zeit stammt. Wenn wir aber zum Beispiel einen alten Griechen fragen, wird sich möglicherweise heraussstellen, dass er der Fläche, die wir rot nennen, dasselbe Farbwort zuschreibt wie dem Meer oder einen Kornfeld. Man hat wegen dieser Seltsamkeit lange angenommen, die Griechen seien farbenblind gewesen, bis man zu dem Schluss gekommen ist, dass sie die Farben anders eingeteilt haben, so dass für sie eine Rose und der Himmel dieselbe Farbe hatten. (Die Beispiele sind erfunden, aber die wirklichen sind für uns ebenso seltsam.) So kann man Tiere in Wirbellose und Wirbeltiere usw. einteilen, wie wir das machen, man kann sie aber auch nach der Zahl der Füße oder ganz anderen Kriterien gruppieren. Das kommt uns dann unordentlich vor, aber das ist umgekehrt genauso. Wer hat recht?

      Abschließend zur Frage der Welt, wie wir sie sehen. Wir entnehmen aus der Tatsache, dass wir für gewisse Dinge und Erscheinungen dieselben Wörter benutzen wie unser Nachbar, dass wir mit diesem in derselben Welt leben. Und das stimmt auch, denn eben diese Wörter konstituieren die Welt. Jeder, der eine Fremdsprache perfekt zu sprechen gelernt hat (wenn er nicht zweisprachig augewachsen ist, da ist das möglicherweise anders), weiß, dass er die Sprache erst dann wirklich fließend zu sprechen vermochte, als er in der Sprache dachte. Und jeder in dieser Lage macht die Erfahrung, dass es ihm schwerfallen kann, was er gerade in der Fremdsprache gesagt hat, in seiner Muttersprache wiederzugeben. Weil eine andere Sprache eben auch einanderes Denken erzwingt, mithin eine andere Welt.

      Zuletzt noch ein kleiner Hinweis: Die Welt, die wir sehen, ist von unseren Sinnesorganen abhängig. Die sind aber zufällig (Lessing hat wohl den schönen Begriff der »Zufallssinne« eingeführt). Andere Lebewesen haben andere Sinne. Für Hunde hört sich die Welt anders an als für uns, für Elefanten auch. Wie hört sie sich »wirklich« an? Die Frage ist sinnlos. Nicht nur, dass wir es nicht wissen, allen empfindungsbegabten Wesen haben in sich ein Bild der Welt, keinem ist die Außenwelt zugänglich, man kann auch sagen, dass es eine »wirkliche Welt« gar nicht gibt, aber so weit muss man nicht gehen, es reicht ja, dass wir nichts über sie wissen können. (Es ist übrigens auch nicht nötig.) Aber es ergibt sich daraus, dass wir die Außenwelt konstruieren, nicht erkennen. Und diese Konstruktion ist bei Menschen hauptsächlich sprachlich bewirkt.

      Das soll erst mal reichen. Ich muss weg. Näheres kann man in buddhistischen Abhandlungen oder Sutras bei Hume, Kant oder Schopenhauer, Nietzsche, Wittgenstein u. v. a. leicht nachlesen. Auch gern bei Mauthner, der seltsamerweise sehr unterschätzt wird. Ich zähle die nicht zum Zweck des Autoritätsbeweises auf, sondern um den Eindruck zu vermeiden, dass ich mich mit falschen Federn schmücken will. Das sind alles nicht meine Erfindungen.
    • Argonaut schrieb:

      Das soll erst mal reichen.
      Nun, das ist ausführlich genug, damit kann ich etwas anfangen, vielen Dank! Werde es bedenken und gern darauf zurückkommen. Aber nicht mehr heute.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Argonaut schrieb:

      Übrigens glaube ich nicht, dass die Wörter die Welt nicht beschreiben sondern schaffen, es ist leicht zu zeigen, während sich das Gegenteil nicht erweisen lässt.
      Und wie ist das zu zeigen?
      Ich glaube es geht nicht, denn es ist eine philosophische Frage. Man kann deshalb eine Antwort nur mehr oder weniger plausibel finden. Aber es gibt hier keine absolute Wahrheit, selbst dann nicht, wenn einige es schon seit 5000 Jahren so propagieren oder Kant es als Wahrheit erklärt hat.

      Was Argonaut eben geschrieben hat, kann so sein, oder es kann genauso gut das Gegenteil von dem zeigen, was er zeigen will.

      Denn:

      - Wenn jemand eine andere Farbe sieht, dann hat er eine andere Beobachtung gemacht. Er hat nichts mit Worten geschaffen.

      - Wenn ein Tier die Welt anders erfährt, dann heisst das nicht zwingend, dass sie anders ist. Es heisst auch nicht zwingend, dass es sie nicht gibt. Sondern es kann heissen, dass dieses Tier die Welt so erfahren muss, damit es in ihr überleben kann. Wenn das mit unserer Erfahrung nicht übereinstimmt, dann kann das demnach bedeuten, dass wir eben eine andere Erfahrung brauchen um zu überleben. Es heisst aber nicht zwingend, das wir uns die Welt anders schaffen. Es heisst eher, dass die Welt absolut ist und wir ihr anders angepasst sind, als das Tier es ist.

      - Dass wir nichts absolutes über die Welt draussen erkennen können, ist nur eine philosophische Idee, entsprungen aus einem schwarz-weiss Denken oder einem auf die Spitze-Treiben der individuellen Unterschiede. So in der Art: "weil jede Kultur und biologische Art die Dinge anders sieht, kann es nichts Objektives geben und wir schaffen uns die Dinge selber." * Eine Mischung ist wahrscheinlicher, dh wir erkennen etwas Objektives, aber mit individuellen Variationen. Damit erhöhen sich die Überlebenschancen der Gruppe oder der Art. Denn unsere Sinnesorgane sind genau dafür da, dass wir in der Welt überleben. Was wir mit der Information, die uns durch die Sinnesorgane eingefangen wird, innerlich machen, ist relativ individuell, aber immerhin so ähnlich innerhalb von Individuen einer biologischen Art, dass wir uns prima verständigen können, sogar wenn wir nicht dieselbe Sprache sprechen. Das kann man als Beweis sehen, dass es eine Welt gibt, die man zumindest minimal objektiv beobachten oder beschreiben kann.

      - Die Unterschiede in der Wahrnehmung oder Erfahrung der Welt zwischen Kulturen und Zeitaltern sind kein Beweis dafür, das wir uns die Welt mit Worten schaffen. Sie sind eher ein Beweis dafür, dass einige Kulturen einiges nicht wussten oder wissen oder einfach anders glauben. Man kann genauso gut sagen, dass man die Welt eben anders beobachtet oder beschreibt.
      - Und gab es nicht auch schon Menschen, bevor sie Wörter benutzt haben? Was ist mit Neanderthalern: haben die sich die Welt mit Grunzen erschaffen? :ironie1:
      * Übrigens: Was ist nun eigentlich mit Tieren? Einerseits ist ihre andere Erfahrung angeblich ein Beweis, dass wir uns die Welt mit Worten schaffen, aber andererseits sind sie (als Teil der Welt) auf einmal von unseren Worten geschaffen? Warum? Damit wir beweisen können, dass wir sie mit Worten schaffen? Ist das nicht eigentlich logisch unzulässig, so eine Argumentation? Warum schaffen wir überhaupt eine Welt, die uns so missfällt? Die so gefährlich ist? Warum haben wir uns selbst so geschaffen, dass wir leiden?
      Da beisst sich doch die Theorie komplett in den Schwanz und nur geistige Akrobatie oder blinder Glaube kann sie noch retten. Dann kann ich aber gleich auch das Gegenteil glauben, das ist bequemer.

      ---------------------------
      So. Re-boot:

      Es ist ein interessantes Gedankenspiel, aber eigentlich irrelevant für die Frage : Was ist Kultur?
      Denn egal ob die Wörter die Welt beschreiben oder sie schaffen, gibt es Kultur. Oder hat sich irgendwas praktisch geändert?

      Und man kann die 2. und 3. Frage, ob Kultur mit anthropogen ausgewechselt weden kann und ob alles, was der Mensch schafft, automatisch natürlich ist, auch anders angehen, nicht nur über das "Wörter schaffen" Konzept.

      uffz :schwitz1:

      :wink:
    • Ja, liebe Freundinnen und Freunde, da haben wir eben das Dilemma, welches ich oben mit ein paar Schlagwörtern angedeutet habe und mit dem sich bereits die Scholastiker im Kontext ihres "Universalienstreits" befasst haben bis hin zu den Linguisten Sapir und Whorf und ihrer These einer "sprachlichen Relativität". Das Verhältnis zwischen Sprache und Welt/ Denken/ Bewusstsein ist ein relatives. Weder erschafft Sprache die Welt per se, wie die radikalen Nominalisten dies idealiter beanspruchen, noch tut Sprache nichts anderes als eine vorexistente Welt - gar eine vorexistente Ideologie im Sinne radikaler Marxisten, wie diese es in ihrer Verblendung gerne hätten - schlicht abzubilden. Sprache "schafft" vielleicht nicht die "Welt" - wobei man halt wieder definieren müsste, was "Welt" ist - aber ganz gewiss stellt sie die Kategorien zu deren Erschaffung bereit. Diese Kategorien wiederum sind aber nicht zwangsläufig universal.

      Argonaut hat einen schönen Artikel verfasst, Rosamunde eine interessante Antwort und ich werde dieses weite Feld gewiss nicht weiter beackern, denn es würde nicht nur überhaupt jeglichen Rahmen an diesem Ort sprengen, sondern auch meinen aktuellen Kenntnisstand respektive mein Mitteilungsbedürfnis ... Ich will keine Referate mehr verfassen.

      :cincinbier: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Um auf das Thema des Threads zu rekurrieren und einen Bezug zu obigem Dilemma herzustellen, könnte ich mir einen besonders weiten Kultur-Begriff vorstellen.

      Eines der klassischen Beispiele in der Diskussion um die Kategorisierung der Welt sind die unterschiedlichen lexikalischen Einheiten, die bei den Inuit das Phänomen des Schnees sprachlich abbilden. Das Deutsche kennt - im Wesentlichen - nur Komposita dafür. Dem liegt - völlig einleuchtend - die ganz verschiedene Bedeutung des Phänomens in beiden Kulturkreisen zugrunde.

      Natur würde dann auf semantischer Ebene alles umreißen, was unabhängig vom Menschen existiert. Die Kategorisierung der Natur in der (Einzel-)Spache wäre hingegen ein reines Kultur-Phänomen. (Argonaut hat, wenn ich seine Ausführungen richtig verstehe, genau dies impliziert.)

      Ich bleibe dabei: Theodor Fontane: Effi Briest, Schlusssatz. :D

      :wink:
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • andréjo schrieb:

      Natur würde dann auf semantischer Ebene alles umreißen, was unabhängig vom Menschen existiert.
      Wobei "der" Mensch ja auch die Natur ändert: Treibhauseffekt, Bäumesterben, Urwaldrodung, Ausrottung von Tierarten, Genmanipulationen, etc.

      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
      Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten
    • maticus schrieb:

      andréjo schrieb:

      Natur würde dann auf semantischer Ebene alles umreißen, was unabhängig vom Menschen existiert.
      Wobei "der" Mensch ja auch die Natur ändert: Treibhauseffekt, Bäumesterben, Urwaldrodung, Ausrottung von Tierarten, Genmanipulationen, etc.

      maticus
      Eben! Und das ist (Un-)Kultur! :P

      Wolfgang

      EDIT: Der Faden, wie ich soeben feststelle, da meine letzten Beiträge nicht gezählt wurden, befindet sich im Salon. Obwohl Capriccio ein Kultur.Forum ist. Beinahe seltsam ... :D
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • maticus schrieb:

      andréjo schrieb:

      Natur würde dann auf semantischer Ebene alles umreißen, was unabhängig vom Menschen existiert.
      Wobei "der" Mensch ja auch die Natur ändert: Treibhauseffekt, Bäumesterben, Urwaldrodung, Ausrottung von Tierarten, Genmanipulationen, etc.
      Das fängt ja schon viel früher (und "harmloser" an): mit der Kultivierung von "Kulturpflanzen", der Domestizierung von Tieren, der Bejagung und Abweidung in Nomadengesellschaften... Kann es irgendetwas geben, was "unabhängig" von etwas anderem existiert - hier, unabhängig von einer Art unter Vielen? Am Ende ist "Natur" nur noch das, was man in Nationalparks bewundern kann, andererseits ist die Einrichtung derselben auch eine Kulturleistung. Und geht man komplett in die Irre, wenn man sich "bei der Ankunft auf dem Lande" an so etwas wie "Natur" erfreut, auch wenn es natürlich eine Kulturlandschaft ist, in der man sich ergeht?
      Das Begriffspaar Kultur/Natur funktioniert jedenfalls nicht als sich gegenseitig ausschließende Teilmengen, zumal der Mensch ja als aus der Natur erwachsen ihr eigentlich angehört und sie dann in einer Weise beeinflusst, die wenig mit "ich schaffe etwas Neues" zu tun hat, und sehr viel mit bequemlichkeitsfördernden Eingriffen, deren Folgen dann aufgrund nicht ganz durchschauter Naturzusammenhänge unkontrollierbar wuchern...Man kann mit solchen Begriffen operieren, aber sollte sich der dialektisch verwickelten Komplexität bewusst bleiben...

      andréjo schrieb:

      noch tut Sprache nichts anderes als eine vorexistente Welt - gar eine vorexistente Ideologie im Sinne radikaler Marxisten, wie diese es in ihrer Verblendung gerne hätten - schlicht abzubilden.
      Den Satz verstehe ich nicht: seit wann gibt es für Marxisten "vorexistente Ideologien"? Nach meiner Kenntnis sind marxistisch gesprochen "Ideologien" immer "Überbau".
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • andréjo schrieb:

      noch tut Sprache nichts anderes als eine vorexistente Welt - gar eine vorexistente Ideologie im Sinne radikaler Marxisten, wie diese es in ihrer Verblendung gerne hätten - schlicht abzubilden.
      Du hast mich entlavrt, lieber Wolfgang! :D Aber verblendet bin ich nicht.....das sind Worte, die sich die Welt schaffen :saint: .

      andréjo schrieb:

      Dem liegt - völlig einleuchtend - die ganz verschiedene Bedeutung des Phänomens in beiden Kulturkreisen zugrunde.
      Genau. Dass wir in Deutschland enen kleineren Wortschatz im Bezug auf Schnee haben, hat mE nur und nur damit zu tun, dass wir keinen grösseren brauchen. Es hat mit biologischer Adaption und Überlebenskampf zu tun.

      Ich sags nochmal kurz und bündig (aber nur aus Spass an der Sache, nicht um jemanden umzustimmen, denn ich find die Artenvielfalt herrlich :thumbsup: ) :

      Dass unterschiedliche Kulturen und biologische Arten eine unterschiedliche Erfahrung der Welt haben, heisst nicht zwingend, dass es keine objektive Welt gibt, oder dass wir uns die Welt mit Worten schaffen.
      Es kann genausogut heissen, dass es eine objektive Welt gibt, und dass die unterschiedlichen Erfahrungen durch unterschiedliches Wissen und durch unterschiedliche Adaption an die objektive Welt zustande kommen (dh unterschiedliche Weisen, in der objektive Welt zu Überleben).

      Das letztere ist sogar wahrscheinlicher, denn man kann die Unterschiede sehr schön begründen und damit die Diskussion beenden. Es gibt keine loose ends, alles macht Sinn, sogar das eigenen Leben macht Sinn, als wichtiger Teil des ganzen Systems. Man geht einigermassen zufrieden nach Hause.

      Bei dem ersten Fall "Wörter schaffen die Welt" kommt aber dann die Frage auf, wieso man sich bestimmte unbequeme Dinge mit Worten schafft. Dafür gibt es keine Antwort und die Diskussion dreht sich im Kreise oder begibt sich auf Ebenen der mentalen Akrobatie, die dann sowieso nur im „das muss man glauben“ enden. Es gibt damit viele loose ends und nichts macht mehr Sinn, man zweifelt an der eigenen Existenz, und es treibt einen sozusagen in den Wahnsinn.


      So gesehen, brauche ich etwa 2 Sekunden um mich für die biologische Anpassungslösung zu entscheiden.

      LG
      Maria
    • andréjo schrieb:

      maticus schrieb:

      andréjo schrieb:

      Natur würde dann auf semantischer Ebene alles umreißen, was unabhängig vom Menschen existiert.
      Wobei "der" Mensch ja auch die Natur ändert: Treibhauseffekt, Bäumesterben, Urwaldrodung, Ausrottung von Tierarten, Genmanipulationen, etc.

      maticus
      Eben! Und das ist (Un-)Kultur! :P

      Wolfgang

      philmus schrieb:

      Das fängt ja schon viel früher (und "harmloser" an): mit der Kultivierung von "Kulturpflanzen", der Domestizierung von Tieren, der Bejagung und Abweidung in Nomadengesellschaften... Kann es irgendetwas geben, was "unabhängig" von etwas anderem existiert - hier, unabhängig von einer Art unter Vielen? Am Ende ist "Natur" nur noch das, was man in Nationalparks bewundern kann, andererseits ist die Einrichtung derselben auch eine Kulturleistung. Und geht man komplett in die Irre, wenn man sich "bei der Ankunft auf dem Lande" an so etwas wie "Natur" erfreut, auch wenn es natürlich eine Kulturlandschaft ist, in der man sich ergeht?
      Das Begriffspaar Kultur/Natur funktioniert jedenfalls nicht als sich gegenseitig ausschließende Teilmengen, zumal der Mensch ja als aus der Natur erwachsen ihr eigentlich angehört und sie dann in einer Weise beeinflusst, die wenig mit "ich schaffe etwas Neues" zu tun hat, und sehr viel mit bequemlichkeitsfördernden Eingriffen, deren Folgen dann aufgrund nicht ganz durchschauter Naturzusammenhänge unkontrollierbar wuchern...Man kann mit solchen Begriffen operieren, aber sollte sich der dialektisch verwickelten Komplexität bewusst bleiben...
      Ja genau, Kultur und Natur schliessen sich nicht gegenseitig aus oder stellen einen Gegensatz dar. Sondern sie stellen ein Kontinuum dar. Der Ursprungspol ist Natur, der Endpol ist Kultur. Beide Pole in ihrer absoluten Form sind nur theoretisch, dh es gibt sie nicht. Es gibt nur die fliessende Entwicklung dazwischen. Es ist sozusagen ein einziger fliessender Übergang. Das wurde auch am Anfang des Threads schon dargestellt, zB in meinem Beitrag über die Frage ob Tiere auch Kultur haben. Aber ich glaube auch andere haben es so formuliert.

      Was Du hier beschreibst spielt auch in die Diskussion ein, die schon oben angefangen wurde, was natürlich ist. Ist die Veränderung der Natur durch den Menschen natürlich?

      Dazu mehr später.

      :wink:
    • Rosamunde schrieb:

      Der Ursprungspol ist Natur, der Endpol ist Kultur.
      Den ersten Teil lasse ich mal so stehen, beim zweiten frage ich mich: woher kennst Du den "Endpol"? Kennt den Irgendwer? KANN den irgendwer kennen? da wir mitten darin stecken, behaupte ich mal: nö.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • philmus schrieb:

      Rosamunde schrieb:

      Der Ursprungspol ist Natur, der Endpol ist Kultur.
      Den ersten Teil lasse ich mal so stehen, beim zweiten frage ich mich: woher kennst Du den "Endpol"? Kennt den Irgendwer? KANN den irgendwer kennen? da wir mitten darin stecken, behaupte ich mal: nö.

      Der wirklich endige Endpol ist auch Natur, nämlich der Hitzetod des Universums, der nach den Gesetzen der Thermodynamik unvermeidlich sein wird.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Rosamunde schrieb:

      Beide Pole in ihrer absoluten Form sind nur theoretisch, dh es gibt sie nicht. Es gibt nur die fliessende Entwicklung dazwischen.
      Der Anfangspol scheint mir etwas bestimmbarer: Der Urknall, wenn man "unbelebte Natur" als "Natur" mitnimmt, die ersten an unterseeischen schwarzen Rauchern entstehenden Eiweisse, wenn man bei der"belebten Natur" starten will...
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    • Symbol schrieb:

      Der wirklich endige Endpol ist auch Natur, nämlich der Hitzetod des Universums, der nach den Gesetzen der Thermodynamik unvermeidlich sein wird.
      Okay, aber bis dahin ist noch viel Zeit für allerlei, was wir nicht kennen.

      Symbol schrieb:

      Der wirklich endige Endpol
      ist ein schönes Wort fürwahr...
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
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    • philmus schrieb:


      andréjo schrieb:

      noch tut Sprache nichts anderes als eine vorexistente Welt - gar eine vorexistente Ideologie im Sinne radikaler Marxisten, wie diese es in ihrer Verblendung gerne hätten - schlicht abzubilden.
      Den Satz verstehe ich nicht: seit wann gibt es für Marxisten "vorexistente Ideologien"? Nach meiner Kenntnis sind marxistisch gesprochen "Ideologien" immer "Überbau".
      Gut, das kann man präziser, also eine Nuance wortreicher ausdrücken, fürchte ich. :) Der Marxismus setzt bestimmte Lebensverhältnisse absolut, ebenso die Forderungen, die sich daraus ergeben. Diktatur der Besitzer der Produktionsmittel versus Diktatur des Proletariats. Das muss ich Dir natürlich nicht erklären, philmus. Die Sprache kann solche Positionen nur abbilden, eine andere Rolle steht ihr nicht zu. Ich meine insofern die Ideologie des Marxismus per se - sie ist ja auch die einzig richtige bei einer solchen Sicht. Auch die Sprache ist dann nur "Überbau" - das kann sie aber bei einer weniger radikalen Sicht gar nicht sein.

      :cincinbier: Wolfgang
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