Immer 'Full Speed' - Rainer Werner Fassbinder

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    • Immer 'Full Speed' - Rainer Werner Fassbinder

      Rainer Werner Fassbinder, 31.05.1945 - 10.06.1982

      37 Jahre alt geworden und dabei 40 Spielfilme, 3 TV-Produktionen und 24 Theaterstücke kreiert. Ein Leben auf der Überholspur.

      Fassbinder stammte aus einem bürgerlichen Haushalt. Der Vater war Arzt, die Mutter (man kennt sie aus seinen Filmen) Übersetzerin. Schon früh interessierte ihn das Kino, aber gleichzeitig war diese Zeit durch Misserfolge geprägt. Schule abgebrochen, Filmhochschule nicht geschafft, staatliche Schauspielausbildung auch nicht. Von daher näherte er sich dem Film mit drei Kurzfilmen autodidaktisch und eher unkonventionell.

      Sein erster Langfilm 'Liebe ist kälter als der Tod' war zunächst kein Erfolg, sein zweiter 'Katzelmacher' (5 deutsche Filmpreise) katapultierte ihn geradezu in die erste Garde des damaligen 'Neuen Deutschen Films'.

      Dann ging es Schlag auf Schlag und das ist durchaus wörtlich gemeint. Alleine 7 Filme 1970! Fassbinder war ein Arbeitstier. In der Folgezeit entstanden 'Klassiker' des neuen, deutschen Films, was nicht bedeutet, dass er breitenmäßig bequem oder anerkannt gewesen wäre. Der große, ungeteilte (Publikums- und Kritiker-) Erfolg stellte sich eigentlich erst mit 'Die Ehe der Maria Braun' ein', nach dem dann aber nur noch wenige Produktionen folgen sollten.

      Fassbinder polarisierte immer. Das hat heute vielleicht eine andere Bedeutung, als zu seinen Lebzeiten. Damals, in den 70igern und frühen 80igern war er ein Bürgerschreck. Ich erinnere mich noch sehr genau an die Reaktionen in vielen Zeitungen z.B. auf seinen 'Alexanderplatz'. Man warf ihm wirklich alles vor, was man sich denken kann und die Kritiker, die in ihm damals schon das Filmgenie erkannten, dass er war, konnten ihre Meinung in der Mehrheit der Bevölkerung nicht durchsetzen. Für die Einen war er zu links, für die Anderen zu rechts, für die Dritten ein schlechter Regisseur und nur für die Vierten vielleicht ein wirklicher Künstler. Aber immerhin kannte ihn damals jeder!

      Fassbinder und seine 'family'. 1967 kam Fassbinder zum sogenannten 'Action-Theater' um u.a. Peer Raben und Kurt Raab. Schnell (wie hätte es anders sein sollen) wurde er da zum 'Chef' und sammelte von da ausgehend in der Folge eine ganze, riesige Truppe von Künstlern um sich, die ihn mehr oder weniger zeitlebens bei seinen Produktionen begleiten sollten: Hanna Schygulla, Irm Hermann, Margit Carstensen, Ingrid Caven, Kurt Raab, Ulli Lommel, Peter Chatel, Harry Baer, Günther Kaufmann, Peer Raben, Michael Ballhaus und so weiter und so fort. Dazu kamen dann im Laufe der Jahre 'Stars', auch aus vergangenen Filmepochen, die immer wieder mit ihm drehten (Löwitsch, Valentin, Böhm, Mira, Lenz).

      Fassbinder und ich.

      Eine schwierige Beziehung. In den 70igern erwachte so langsam mein Bewusstsein, aber trotzdem war ich a) von meinem Elternhaus und b) vom amerikanischen Kino geprägt. Und dann kam dieser junge Wilde mit seinem unkonventionellen Stil. Schauder überliefen mich damals. Ich erinnere mich eigentlich nur an Produktionen, die im TV liefen. 'Angst essen Seele auf' fand ich toll, weil ich ihn verstand, 'Acht Stunden sind kein Tag' wurde von der daheim gelesenen Presse niedergeschrien und von daher fand ich ihn auch irgendwie gut, 'Alexanderplatz' (da war ich schon älter) hat mich begeistert, aber die Kritik (man sieht nichts) konnte ich sehr gut nachvollziehen, was ich aber natürlich damals auf Tod und Teufel meinen Eltern gegenüber nie zugegeben hätte. Aber für ihn ins Kino zu gehen, wäre mir nie eingefallen. Von daher blieb Fassbinder für mich immer ein Regisseur des neuen deutschen Films, der sicherlich eine gewisse Bedeutung hatte, den ich mir aber eigentlich nie angetan hätte.

      Wie hat sich das plötzlich geändert!!! 'Faustrecht der Freiheit' war ein erster Versuch, mich Fassbinder zu nähern und ich war begeistert. Und dann kamen und mussten kommen all die anderen Filme von ihm, die ich bislang gesehen habe. Und keiner hat mich total enttäuscht. Was ich an ihm so schätze, ist zunächst einmal die unglaubliche Vielfalt, nicht nur der Sujets, sondern v.a. der filmischen Umsetzung. Fassbinder ist diesbezüglich immer neu, immer überraschend und unkonventionell, aber auch immer Fassbinder. Er hat seine Themen (Melodram, Mensch und Gesellschaft, Freiheit des Einzelnen etc.), aber passt die filmische Umsetzung immer dem neuen Sujet an und kann dabei diesen 'Sog entwickeln und auch dieses gewisse Etwas, was einen guten von einem genialen Regisseur unterscheidet. Fassbinder ging immer über die Handlung hinaus, was sicherlich auch einen Gutteil seiner Aktualität ausmacht. Und er hatte diesen unglaublichen Bestand von genau zu ihm passenden Schauspielern, die ich alle damals schrecklich, weil so farblos fand, die seine Art der Kunst aber so wunderbar unterstützen konnten.

      Ach, ich könnte noch so viel mehr schreiben, aber ich beende das hier lieber mal. Ich fühle und weiß, dass mich dieser ´Regisseur nicht mehr loslassen wird. Aber wie ergeht es euch? Was verbindet ihr mit Fassbinder? Welche Filme liebt ihr oder auch nicht? Mögt ihr ihn überhaupt. Was an dieser Kurzeinführung seht ihr anders, völlig anders?

      :wink: Wolfram
    • Danke für diesen Thread Wolfgang!

      Fassbinder ist mir in den letzten zwei Jahren vor allem im Rahmen lvon Verfilmungen literarischer Vorlagen begegnet. Da wäre zum einen "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" und "Effi Briest" - letztere hatte ich mir mit meinen !3ern eigentlich als Beispiel für die Verfilmung einer literarischen Vorlage anschauen wollen, daraus wurde dann leider nichts, Corona und so :)
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Lieben Dank für die Erstellung dieses Threads, lieber Wolfram!

      Ich kam (erst) vor ca. 15 Jahren zu Fassbinder - und zwar über eine gute Freundin, die in der DDR aufgewachsen ist. ;)
      Sie hat mir seine Filme empfohlen. Nachdem ich "Angst essen Seele auf" sah, musste ich mir unbedingt weitere Filme aus der Stadtbibliothek besorgen.
      Am Ende waren es dann folgende Filme:
      • Angst essen Seele auf
      • Katzelmacher
      • Martha
      • Fontane Effi Briest
      • Faustrecht der Freiheit
      • Liebe ist kälter als der Tod
      • Mutter Küsters Fahrt zum Himmel
      • Die Ehe der Maria Braun
      • Lili Marleen
      • Die Sehnsucht der Veronika Voss.
      Mehr leider nicht. Haben mich aber allesamt sehr beeindruckt. :thumbup:
      "Zweierlei eignet sich als Zuflucht vor den Widrigkeiten des Lebens: Musik und Katzen." (Albert Schweitzer)
    • Freut mich, dass es euch freut. ;)

      Newbie69 schrieb:

      Ich kam (erst) vor ca. 15 Jahren zu Fassbinder
      Dann bist du im Vergleich zu mir ja wirklich schon ein Oldie, was das angeht.

      Ich hörte jetzt gerade eine Interviewäußerung von Karlheinz Böhm, der Fassbinder mit folgenden Worten zitierte (aus meiner Erinnerung heraus): 'Ich sehe links und rechts und oben und untern und auf das was stinkt, schieße ich.'

      Ich finde das einen erstaunlichen Satz für jemanden, der in den wildbewegten 60iger und 70iger Jahren Avantgardekunst machte. Fassbinder saß immer zwischen allen Stühlen und obwohl er immer die spießige Verlogenheit der bürgerlichen Gesellschaft angeprangert hat und damit 'BILD' und Konsorten auf den Plan rief, hatte er keine Angst, auch die damals die Medien beherrschende Linke zu kritisieren. Endlich einmal jemand, der in kein Schema einzuordnen war, wovon es viel zu wenige gab und gibt.

      :wink: Wolfram
    • Wenn ich es richtig übersehe, hat sich Fassbinder ja nur dreimal an Klassiker der Literatur versucht und sie filmisch umgewandelt:

      Genets Querelle, Döblins Alexanderplatz und 'Fontane Effi Briest'.

      Nun habe ich persönlich oft Probleme mit Literaturverfilmungen (hier im herkömmlichen Sinne gebraucht) und wohl auch nicht jeder Autor eignet sich für eine konventionelle Herangehensweise, von denen es ja verschiedene gibt. Einmal kann man das Werk möglichst 'Wort für Wort' auf die Leinwand übertragen, dann kann man einzelne Episoden auswählen, das Buch insgesamt kürzen usw. Immer aber läuft es in diesem Fall mehr oder weniger auf eine Illustration heraus, die mir eben meistens Schwierigkeiten bereitet, da ich meine Gedanken logischerweise nicht auf der Leinwand wiederfinde. Das kann im besten Fall zu interessanten neuen Erkenntnissen führen, im schlechten Fall eher zu einer Reduzierung all der Assoziationen, Empfindungen, Vorstellungen.

      Dann kann man ein Buch natürlich auch nur in seiner Essenz benutzen (Die Vögel) und wie im Regietheater zu ganz anderen Ergebnissen gelangen, was ich persönlich schon einmal viel interessanter finde. Oder man findet für seine Umsetzungsidee eine eigene, persönliche Filmsprache (Der Prozess von Welles). Und da eröffnen sich für mich wirklich neue Welten.

      Fassbinders 'Effi Briest' gehört in diese letzte Kategorie. Fast ist es eine filmische, nicht inhaltliche Fortschreibung von 'Katzelmacher'. In Schwarzweiß gedreht, verweigert sich der Film jeglicher Erwartung, die man an eine herkömmliche Verfilmung eines Romans aus dem 19. Jhrdt. eigentlich hat. Sehr karg, ganz reduziertes Schauspiel, immer wieder Sprünge, so das fast eine Art von spotartiger Beleuchtung einzelner Abschnitte entsteht. Und dann natürlich besonders auffallend: Stimme aus dem Off, Texteinblendungen, Weißblenden, Synchronisation der meisten Schauspieler.

      Dabei ist Fassbinder ganz nah am Roman und an dem ist er vor allem. Das ist kein Film zum Buch, das ist ein Buch als Film. Als Zuschauer hatte ich plötzlich das Gefühl, ich würde Seite für Seite umschlagen und hätte gleichzeitig Bilder im Sinne von Buchillustrationen vor mir, die mir das Geschehen verdeutlichen, die ich aber dann mit all meinen Gedanken und Assoziationen selber füllen kann. Das oft scheinbar ausdruckslose Gesicht der Schygulla muss so sein, weil ich es nun füllen kann. Füllen mit all dem, was ich bei der Lektüre empfunden habe, aber auch mit dem, was ich beim Ansehen des Films erlebe. Ich bin als Zuschauer plötzlich in einer ganz anderen, weil aktiven Rolle. Will ich nicht abschalten, weil ich es als langweilig empfinde, bin ich gefragt und gefordert.

      Ein für mich faszinierendes Konzept. Buch und Film zu einer Einheit zu bringen und gleichzeitig einen Text filmisch umzusetzen. Film hier nicht als Bebilderung verstanden, nicht als ein eher dienendes oder überhöhendes Medium, sondern als ein dem traditionellen, uralten Kulturgut 'Buch' gleichberechtigtes, dass die 'Würde' der literarischen Vorlage unberührt lässt und trotzdem sich auf Augenhöhe damit befindet.

      Fassbinder hat hier übrigens, wie auch schon in 'Angst essen Seele auf', auf die einfühlsame, auch emotionale Kameraarbeit von Michael Ballhaus bewusst verzichtet und eher der kühlen, distanzierteren Blick eines Jürgen Jürges vertraut. Und das war die absolut richtige Entscheidung!!!

      :wink: Wolfram
    • Ich staune immer wieder, was ich von Fassbinder alles nicht kenne. 'Die Ehe der Maria Braun' gehörte auch dazu.

      Dies war ja nun sein erfolgreichster Film, der, der ihm und Hanna Schygulla auch internationale Aufmerksamkeit bescherte und die großen Produzenten auf ihn aufmerksam werden ließen.

      'Maria Braun' ist ja nun wirklich legendär, hochberühmt und ein Klassiker des deutschen Nachkriegsfilm. Fassbinders Eintritt in den Mainstream. Und der hat ihm, für mein Empfinden, nicht gut getan. Der Film ist zunächst einmal ein Melodram in der Tradition u.a. von Douglas Sirk, den Fassbinder ja sehr geliebt hat. Die besten Filme Sirks zeichnen sich durch ein 'musikalisch inszeniertes Drama' (so etwa eine Erklärung Fassbinders des Melodramas) mit unterschwellig gesellschaftskritischen Tönen aus. Und genau dem ist Fassbinder bis dahin ja eigentlich auch immer, so weit ich das überblicken kann, gefolgt. Gesellschaftskritik, Gesellschaftsanalyse war immer mit dabei, dominierte aber nicht. Erst der zweite Blick machte dann deutlich, dass die äußeren Umstände das persönliche Lebensschicksal bestimmte. Das ist hier in der 'Ehe der Maria Braun' anders. Hier ist die Geschichte bereits Kritik, Kritik an der Wohlstandspolitik und -mentalität des Wirtschaftswunders. Maria Braun erreicht alles, verliert aber ihre Seele, um es einmal pathetisch auszudrücken. Und sie steht hier stellvertretend für ein ganzes System, eine ganze Gesellschaft. 'Ich mache Geld, also bin ich'. ^^ Das ist mit Sicherheit richtig gesehen, das mag 1978, ich kann es nicht mehr beurteilen, vielleicht auch in dieser Klarheit formuliert, etwas Neues gewesen sein. Aber heute? Das wissen wir doch längst. Wenn sich die Gewichte zwischen Melodram und Gesellschaftsanalyse zugunsten Letzterer verschieben, dann läuft solch ein Film auch die Gefahr, zu veralten. Ich will nicht sagen, dass 'Maria Braun' völlig veraltet ist. Viele Mechanismen, die dort gezeigt werden, funktionieren auch heute noch bzw. wir spüren ihre Nachwirkungen. Nur als Analyse des Wirtschaftswunders bietet er kaum noch Neues.

      Das soll jetzt alles nicht bedeuten, dass dieser Film schlecht oder uninteressant wäre. Im Gegenteil. 'Maria Braun' ist ein erstklassig inszenierter Film mit einer überragenden Hauptdarstellerin. Aber er ist leider für mich kein 'typischer' Fassbinder mehr. Ich erinnere mich noch, dass er 1978 auf fast einhellige Zustimmung bei Medien und Publikum traf. Vielleicht hätte man damals schon stutzig werden sollen, denn die Frage ist, ob sich Fassbinder für den Mainstream eignete. Rein vom Handwerk sicherlich, aber dieses hemmungslose 'gegen den Strich bürsten' bei den Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen des Zuschauers, diese Radikalität, mit der er eigene Ideen eigen umsetzte, fehlt mir hier. Ich finde 'Maria Braun' insgesamt schlichtweg zu brav. Für einen Fassbinder!

      Ich frage mich, wo der einstige Rebell geblieben ist, der 'Bürgerschreck', der sich mit allen anlegte und das auf eine filmisch so unglaublich intelligente Art und Weise? Ist das der normale Weg, den jemand nimmt, wenn er erfolgreicher wird? In den letzten Jahren seines Lebens war ja immer häufiger von Hollywood die Rede. Wäre es irgendwann darauf hinausgelaufen?

      Godard, Fellini, Welles und viele andere - sie blieben ihr Leben lang Querköpfe. Bei Fassbinder habe ich das Gefühl, dass das nicht so gelaufen wäre. Ich habe jetzt etwa eine Stunde von 'Lilli Marleen' gesehen und bin eigentlich ziemlich entsetzt. Künstler verändern sich, klar, sie entwickeln sich weiter, klar, sie finden vielleicht auch neue Themen und Ausdrucksformen, klar. Aber wenn sie sich irgendwann anpassen...

      :wink: Wolfram
    • Mein früherer Bezug zu Fassbinder ist eigentlich sehr sparsam - hin und wieder liefen mal Filme in TV von ihm, als ich so 16,17,18 war, und man guckte ja was kam da es nur drei Programme gab (kurz vor dem Aufkommen von Video), aber so richtig haften blieb nix - dazu war ich zu sehr von amerikanischen Filmen (und Serien) beeinflußt seinerzeit. Was ich aber erinnere ist, daß ich in der mittleren Pubertät die Hanna Schygulla den Wahnsinn fand :D es blieb also doch was haften, so gesehen...


      Ein Riesenereignis war dann aber Berlin Alexanderplatz. Das hat mich sehr gefangengenommen. Der Medienwirbel war ja erheblich und die Anfeindungen auch (ich las damals immer die übriggebliebene Blöd-Zeitung meiner Eltern (die Leute wie Fassbinder eh für eine ähnliche Gefahr hielten wie Langhaarige, Rockmusiker und Studenten, also war ich eh positiv voreingenommen für ihn)). Diese Serie hat mich umgehauen, sowas gab es sonst nicht.

      Dann gab's Jahre später die Debatten um sein "Müll, Stadt und der Tod", die ich eher am Rande wahrgenommen hatte. War halt nie der Theaterfan, bis heute. Die ganzen Antisemitismusvorwürfe kamen mir ein bissl überzogen vor, aber ich kannte das Stück nicht und Fassbinder sagte mir wenig.

      Seitdem fristete er lange ein Randdasein in meiner Wahrnehmung als ein etwas spröder, verschrobener Regisseur, sicher ehrenhaft, aber ohne die Schauwerte die ich wollte - eher "kleines Fernsehspiel" um 23 Uhr als Kino. Berlin Alexanderplatz verblasste nach und nach. Es kommt ja immer Neues...

      Das alles hat sich erst jetzt geändert als ich mir seine große DVD-Box zugelegt habe, im Kielwasser von den Jarmusch, Kaurismäki, Wenders, zuletzt Godard Boxen. Mein cineastisches Interesse für solche Sachen ist ja erst anderthalb Jahre alt, entwickelte sich aber explosionsartig.

      Noch kenne ich wenig: Lola, recht gut (ohne mich umzuhauen, doch etwas künstlich), dann Welt am Draht, nun großartig, Berlin Alexanderplatz, den ich noch nicht ganz wiedergesehen habe sondern nur 4 Teile (für solche Projekte brauch ich Urlaub), heute Abend nun die Sehnsucht der Veronika Voss, und den halte ich wirklich für ein Meisterwerk.

      Ein vielgestaltiger, faszinierender Regisseur, über den ich hier wohl umso mehr werde schreiben können je besser ich ihn kennenlerne. Noch stehe ich am Anfang. Alle 40 Filme werde ich mir vermutlich nicht zulegen. Aber die "Dritte Generation" und "Warum läuft Herr R Amok" und die "Heilige Nutte", die hab ich bestellt, das fehlt auf jeden Fall über die Box hinaus.

      Könnte ein Fassbinder Jahr werden :) spannend fand ich die Gegenüberstellung von Godards Alphaville mit Welt am Draht - vergleichbare Filme, beide klasse, aber den Fassbinder fand ich viel faszinierender.

      Das ist nämlich Kino und kein Fernsehspiel. Manchmal verdammt großes! Bin und bleibe gespannt...


      :)
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • garcia schrieb:

      Mein früherer Bezug zu Fassbinder ist eigentlich sehr sparsam - hin und wieder liefen mal Filme in TV von ihm, als ich so 16,17,18 war, und man guckte ja was kam da es nur drei Programme gab (kurz vor dem Aufkommen von Video), aber so richtig haften blieb nix - dazu war ich zu sehr von amerikanischen Filmen (und Serien) beeinflußt seinerzeit.
      Genauso bin ich auch aufgewachsen. ^^ Was interessierte eine Fassbinder, wenn es 'Die Straßen von San Francisco' gab. :D

      garcia schrieb:

      Was ich aber erinnere ist, daß ich in der mittleren Pubertät die Hanna Schygulla den Wahnsinn fand
      Witzig. Bei mir das genaue Gegenteil. Ich fand sie fürchterlich, war ich doch von Schauspielern des Method Acting geprägt. Und dann dagegen Schygulla, Irm Hermann, Margit Carstensen usw. Oh, ich habe ihnen vieles abzubitten. Aber die Schauspieler waren auch ein Grund, warum ich damals Fassbinder nicht sah. Sukowa und Lamprecht im Alexanderplatz mochte ich dagegen sofort, weil sie meinen Sehgewohnheiten eher entsprachen. Bin gespannt, ob das immer noch gilt.

      garcia schrieb:

      Ein Riesenereignis war dann aber Berlin Alexanderplatz.

      garcia schrieb:

      Diese Serie hat mich umgehauen, sowas gab es sonst nicht.
      Obwohl ich auf meinem kleinen Portable eigentlich immer nur erraten konnte, was da gerade genau geschah, war ich auch hin und weg. Und als sich die BILD damals darüber aufregte, dass man eigentlich nichts sehen würde (was für herrliche Zeiten, als es Kunst noch zur Schlagzeile in der BILD brachte), konnte ich es einerseits gut verstehen, weil ich ja auch kaum etwas sah, war aber schon wie du aus reiner Opposition gegen diese Generalverdammung.

      garcia schrieb:

      spannend fand ich die Gegenüberstellung von Godards Alphaville mit Welt am Draht - vergleichbare Filme, beide klasse, aber den Fassbinder fand ich viel faszinierender.

      Das ist nämlich Kino und kein Fernsehspiel.
      Ich weiß gar nicht einmal, ob beide Filme vergleichbar sind. Fassbinder ist eine doch ziemlich reine Zukunftsversion, während Godard auch immer einen Diskurs über Film und Gegenwart liefert. Von daher sind doch beide Filme sehr unterschiedlich und beide sehr exzellent.

      :wink: Wolfram
    • Mit meiner Schygulla Zuneigung meinte ich daß ich mich seinerzeit in sie verknallt hatte :megalol: bzw in ihr Leinwandbild. Ob sie ne gute oder schlechte Schauspielerin war oder Method Acting oder sonstwas war da dann egal :D was kümmert eine Schwärmerei sich um Realitäten? - In der Doku in der Box spricht sie viel, nun grau, aber ihr spezifischer Charme ist ungebrochen. Für mich. - Egal. -


      Alphaville / Welt am Draht: kam mir halt so hoch als ich beide kurz nacheinander sah zuletzt. Vielleicht das Künstliche, diese hermetische Welt. (alles künstlich außer den Amischlitten)... Nur ein Gefühl, sollte keine Analyse sein. Aber ich hab sie irgendwie als verwandt empfunden.

      :)
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • garcia schrieb:

      Mit meiner Schygulla Zuneigung meinte ich daß ich mich seinerzeit in sie verknallt hatte
      Naja, auch diesbezüglich stand sie bei mir nicht in der ersten Reihe. :D

      garcia schrieb:

      Alphaville / Welt am Draht: kam mir halt so hoch als ich beide kurz nacheinander sah zuletzt.
      Das ist natürlich ein eigenes Thema, aber ein Vergleich der beiden Filme wäre vielleicht gar nicht mal so uninteressant.

      :wink: Wolfram
    • Heute also der nächste 'Großfilm', nämlich 'Lili Marleen' von 1981.

      Zunächst einmal: Massen- und Actionszenen muss man drehen können, wenn man auf den internationalen Markt schielt. Die finde ich hier nämlich doch oft sehr amateurhaft. Und natürlich hatten Produzent und Regisseur das internationale Publikum nach dem Erfolg von 'Maria Braun' im Auge. Vor allem wohl Luggi Waldleitner als Produzent. Ich könnte mir vorstellen, dass er vielleicht sogar das größte Problem bei diesem Film darstellte.

      Aber unabhängig davon hat man hier wieder das Problem des Melodrams, das mit zu viel Zeitgeschichte und Überhöhungen aufgeladen wird. Ein Melodrama benötigt die intime Form, die Reduzierung. Zeitgeschichte darf durchscheinen, aber auch nicht mehr. Schlimmer noch als bei 'Maria Braun' wird hier aber auch ein Sittengemälde des III. Reichs versucht sowie eine Abhandlung über Starruhm. Damit rückt aber das eigentliche Geschehen in den Hintergrund, nämlich das Melodram. Wobei natürlich die Frage ist, ob dies für Fassbinder in diesem Moment das Entscheidende war. Ich denke schon, weil er das konnte, er konnte es nur nicht in dieser Vermischung. Fassbinder hätte sich für einen Themenstrang entscheiden müssen und die anderen mitberücksichtigen sollen. Gleichberechtigt kann man das nicht abhandeln. Er jedenfalls nicht, nicht zu diesem Zeitpunkt.

      Natürlich hatte der Produzent hier den internationalen Markt, den Mainstream im Blick und deshalb musste das Produkt dann auch so aussehen, wie es nun erscheint. Aber anders als 'Maria Braun', den ich als Film toll finde, als einen Fassbinder aber enttäuschend, habe ich mich hier wirklich gelangweilt. Schon das Auftreten internationaler Stars war für mich ziemlich desillusionierend, ebenso wie das Verwenden der Peckinpah-Outtakes aus 'Steiner-Das Eiserne Kreuz', weil beides eher Marktmechanismen gehorchte als einem singulären künstlerischen Willen. Zudem finde ich die Kamera von Schwarzenberger alles andere als gut. Diese, ich weiß den Fachbegriff nicht, ständigen sternenartigen Lichtbrechungen, wenn es um Starruhm geht, sind genau so plakativ wie die Auflistung der Bundeskanzler am Ende von 'Maria Braun'.

      Wenn er das Ganze wenigstens als Groteske gedreht hätte. Aber ich befürchte, er meinte es ernst. Und ich befürchte, dass wir hier ein Beispiel dafür haben, was passieren kann, wenn sich ein großer, unabhängiger Künstler in den Bereich des Kommerzes begibt. Vielleicht wäre das anders gelaufen, wenn das Privatleben Fassbinders in Hinsicht auf Alkohol und Kokain damals noch anders ausgesehen hätte. Ich kann nicht beurteilen, inwieweit sein Urteilsvermögen getrübt war, inwieweit seine Kraft nachgelassen hatte und er nicht mehr kämpfen konnte, inwieweit er vielleicht aber auch diesen Weg gut fand. Für mich jedenfalls ein langweiliger und ärgerlicher Film, weil ich von Fassbinder so viel Besseres gewohnt bin.

      :wink: Wolfram
    • Hm, du meinst also, der Kommerz hat Fassbinder umgebracht...

      Könnte glatt stimmen... :D
      "Interpretation ist mein Gemüse."
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    • Josquin Dufay schrieb:

      Hm, du meinst also, der Kommerz hat Fassbinder umgebracht...

      Könnte glatt stimmen... :D
      Künstlerisch könnte es durchaus sein. ;)

      Mal schauen, wie die 'Sehnsucht' wird und 'Querelle' ist ja auch noch da, den ich von damals aus dem Kino ganz anders in Erinnerung habe. Aber vielleicht trübt das Alter schon meine Erinnerung. ^^

      :wink: Wolfram
    • Heute also Teil 3 der BRD-Trilogie:



      Wie ich schon schrieb, für mich ein Aufatmen nach 'Lili Marleen'.

      'Lola' findet sich für mich dann auch eher auf der Stufe von 'Maria Braun', was wohl auch am selben Drehbuchteam (Märthesheimer, Fröhlich) liegt, vielleicht auch an Horst Wendlandt als Produzent, der Fassbinder gegenüber viel aufgeschlossener war als Luggi Waldleitner.

      Aber während 'Maria Braun' ein in sich geschlossener Film ist, dem ich vor allem seine zurückgenommene Radikalität im Filmischen vorwerfen würde. hat 'Lola' von vornherein dramaturgisch ein anderes Problem. Für mein Empfinden konnte sich Fassbinder nicht entscheiden, ob er nun eine Groteske oder eine Satire auf die Wirtschaftswunderzeit drehen wollte. Hätte er sich nur entschieden und das dann auch konsequent durchgezogen, es hätte ein wirklich großer Film werden können. So aber schwankt er immer hin und her und dann kommt ihm natürlich auch immer noch das Melodram, hier in Form einer 'aktualisierten' Professor-Unrat-Geschichte, in die Quere.

      Aber man unterhält sich schon sehr gut, dank der Farbexplosionen, die Xaver Schwarzenbergers Kamera hervorruft, aber v.a. dank der überragenden Barbara Sukowa und ihrer beiden Begleiter Armin Mueller-Stahl und Mario Adorf.

      In der Gesellschaftsanalyse ist der Film einmal mehr recht plakativ, aber das ist halt Fassbinder und manche Dinge sind ja auch so klar und eindeutig, dass man sie nicht noch allerfeinst analysieren müsste. Aber in der Psychologie der drei Hauptdarsteller ist er das genaue Gegenteil, eben auch dank der drei Schauspieler.

      Die Adenauer-Ära - spießig, verlogen, äußerer Schein und Anbetung des 'Goldenen-Kapitalismuskalbes, voller Verdrängungen und Fluchtbewegungen. Das wird bei 'Maria Braun' und bei 'Lola' schon sehr deutlich. Ich fragte mich nur die ganze Zeit, ob wir dieser Ära heute eigentlich schon entwachsen sind.

      :wink: Wolfram
    • Wir sind garnix entwachsen, heute ist nur alles digital und modern und stromlinienförmig was seinerzeit mit etwas Musik und einer guten Zigarre zum Schmieren gebracht worden ist. Strukturen und Abläufe mögen sich ändern, aber die menschliche Psyche als Nährboden für solcherlei Probleme ändert sich eben nicht...


      Ich fand den Film ganz gut, aber nach etwa einer Stunde machte sich dann doch gepflegte Langeweile breit. Vielleicht weil ich die Botschaft dann wirklich verinnerlicht hatte und ich es nicht sehr mag wenn ein Film vor allem eine Botschaft transportieren will. Mir reicht die Geschichte. Die Botschaft erkenne ich dann schon selbst. Das hat mir Fassbinder aber hier nicht zugetraut und hämmert und hämmert und hämmert mir was rein was ich doch eh schon weiß... Klassischer BRD-Fernsehspielfehler der 70er Jahre.

      Aber trotzdessen ist dies ein guter Film, auch wegen der Schauspielerleistungen. Aber ein großer? Nö.

      Die älteren Fassbinders sind mir näher wegen ihrer Kompromißlosigkeit. Das hier ist mir zu bunt. Ich bekomme eh das Gefühl, daß Fassbinder, der Rastlose, gegen Ende seiner paar Jahre etwas den Fokus verloren hat (drogenbedingt? gesundheitsbedingt? Ausgebrannt?)

      . Er hätte nur 25 statt 40 Filme drehen sollen in den 15 Jahren die er hatte. Aber dann wär er ja nicht Fassbinder gewesen. Wir müssen es nehmen wie es eben war und staunend davorstehen...


      :)
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • Ich packe es mal hier rein:



      Kamikaze 1989
      BRD 1982

      Ein Monat nach Fassbinders Tod kam dieser SF-Film ins Kino, in dem Fassbinder nur als Schauspieler tätig ist.

      Deutschland im Jahre 1989 ist ein friedliches Land, nur von einem Konzern geführt. Es gibt keine Arbeitslosigkeit mehr, keinen Streik, keinen Unfrieden, nicht mal mehr schlechtes Wetter. Der Konzern hat alles geregelt und kümmert sich um alles. Doch es gibt eine Bombendrohung, die aber ins Leere läuft. Polizeiinspektor Jansen (Fassbinder) soll den Täter ermitteln, und er gräbt sich wie ein Maulwurf duch eine Menge Unrat. Er erhält wenig Unterstützung seitens seiner Vorgesetzten, die ihm nur vier Tage zur Lösung des Falles gewähren, und der Konzernchef präsentiert ihm sogar einen Täter, der sich als falsch erweist. Letztendlich kommt aber Jansen ans Ziel - nur um zu erkennen, daß eine Auflösung des Falles nie vorgesehen war.

      Ich habe den Film in den letzten Jahrzehnten einige Male gesehen, und ich wundere mich selber, weshalb ich es immer wieder versuche - denn Wolf Gremms Film ist alles andere als eine überzeugende Dystopie oder ein gut gemachter Krimi. Anklänge an Godards Alphaville mögen angedacht gewesen sein, aber umgesetzt wurde das nie. Kamikaze 1989 ist erstaunlich sinnbefreit und bleibt immer wieder an seiner eigenen Exzentrik hängen; als Krimi kapiert man vom Plot zu wenig und die SF ist seltsam provinziell. Egal wie die Romanvorlage Per Wahlöös ausgefallen ist - ich bezweifle, daß der Roman so verworren und nichtssagend ist, daß der Film es nicht einfangen konnte. Hier wurde miserabel adaptiert und Details hineingebracht, die nicht zu einen geschlossenen Ganzen führen.

      Doch der Grund, warum ich es immer wieder mache, ist Rainer Werner Fassbinder. Wie er diesen Einzelgänger spielt, gekleidet in Jacke und Hose mit Leopardenfell-Muster (!), hat etwas Bemerkenswertes. Dabei ist sein Charakter auch nicht mehr als das Klischee eines Bullen, der sich in einem Fall verbeißt. Aber man sieht ihm seine abgelaufene Zeit an: ja, auch die abgelaufene Zeit des Menschen Fassbinder sieht man, denn er ist aufgedunsen, bleich, hat rote tränende Augen und wirkt am Limit. Daß er damals um die 36 war, als er den Film drehte, sieht man nicht mehr - er wirkt wie fünfzig. Er wirkt verbraucht.

      Zwar ist es schön, daneben noch einen Günther Kaufmann, einen Boy Gobert oder einen Franco Nero zu sehen, aber sonst hat Kamikaze 1989 nichts Weiteres zu bieten außer des Schwanengesangs eines großen Filmemachers. Der Film selber wäre schon längst vergessen, da er nicht mal als unfreiwillige Komödie taugt. Hier ist jener deutscher Anspruchsmief der 1980er Jahre zu sehen, mit denen filmisch Mittelbegabte nicht mal ordentliche Genreunterhaltung auf die Beine stellen konnten. Und in der Visualisierung des Zukünftigen ist der Film wirklich schlecht gealtert.
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      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
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    • garcia schrieb:

      Ich fand den Film ganz gut, aber nach etwa einer Stunde machte sich dann doch gepflegte Langeweile breit. Vielleicht weil ich die Botschaft dann wirklich verinnerlicht hatte und ich es nicht sehr mag wenn ein Film vor allem eine Botschaft transportieren will.
      Ok, bei mir hat es ein wenig länger gedauert. ;) Aber da sprichst du genau das an, was ich an vielen Filmen (und auch Theaterinszenierungen) wirklich verabscheue. Dieses belehrt werden sollen :boese1: , kann ich so gar nicht ab. Da geht für mich auch ein wenig in Richtung Realismus und Naturalismus. In dem Punkt schätze ich Fassbinder aber eigentlich sehr, erschuf er doch meistens seine eigene Wahrheit, seinen eigenen Realismus (im Vergleich zu so vielen heutigen Produktionen, die sich einem langweiligen Naturalismus verpflichtet fühlen). Nur hier hält er es eben nicht durch und in 'Lili Marleen' und 'Maria Braun' eigentlich auch nicht. In seiner eigen realen Welt müsste er eigentlich nicht belehren, denn sie spricht für sich selber

      garcia schrieb:

      Aber trotzdessen ist dies ein guter Film, auch wegen der Schauspielerleistungen. Aber ein großer? Nö.
      :top:

      Josquin Dufay schrieb:

      ja, auch die abgelaufene Zeit des Menschen Fassbinder sieht man, denn er ist aufgedunsen, bleich, hat rote tränende Augen und wirkt am Limit. Daß er damals um die 36 war, als er den Film drehte, sieht man nicht mehr - er wirkt wie fünfzig. Er wirkt verbraucht.
      Erstaunlich, wie falsch man ihn eigentlich einschätzt. Schaut man den Umfang seines Oeuvre an, würde man denken, er wurde 80. Dieses abgegriffene Wort von der Kerze, die von beiden Seiten brennt, auf ihn trifft es aber doch wohl zu. Ein Mensch, der sich, aus welchen Gründen auch immer, selber in einem Lebensrausch und -zwang verzehrt hat.

      :wink: Wolfram
    • BRD Trilogie Teil 2:



      Was ich gar nicht erwartet hatte, war einen Schwarzweißfilm serviert zu bekommen. Irgendwie war ich noch dieser wirklich knalligen Farborgie in 'Lola' verfallen und war von daher ganz überrascht von dieser sehr puristischen Optik.

      Veronika Voss (Sybille Schmitz) ist für mich ein Film, mit dem Fassbinder doch noch mal wieder zurückgeht, zurück zu einer Art von Bescheidenheit. Welch ein seltsames Wort im Zusammenhang mit Fassbinder :D , aber ich meine damit, dass er hier eine Reduzierung versucht, welche ihm dann auch wirklich hervorragend gelingt.

      Die 'Sehnsucht' ist kein greller Film, ist keiner, der übertrieben eine Botschaft verkünden will, keiner, der laut und verführerisch sein will. Es ist zunächst einmal die Geschichte eines Zusammenbruchs einer Frau, physisch und psychisch. Aber es wäre natürlich kein Fassbinder, wenn er es dabei, beim reinen Melodram, belassen würde. Es ist auch eine Mixtur. Krimi kommt hinzu, Biographisches, Starkino, Gesellschaftsanalytisches und auch immer wieder eine Atmosphäre, die an die Edgar-Wallace-Filme erinnert, besonders in den 'überweißen' Szenen in der Praxis ihrer Ärztin.

      Aber genau diese Mixtur passt, weil alle Elemente dem Melodram dienen und es nicht überlagern. Man kann, wenn man will, z.B. die gesellschaftliche Analyse für sich selber in den Vordergrund rücken, aber der Film selber verlangt es nicht. Vielleicht bleibt die Aussage so sogar allgemeingültiger über die Jahrzehnte hinweg. Denn letztlich ist es ein Film, der mit alten Mitteln erzählt, unendlich modern ist.

      Rosel Zech, die ich sowieso sehr liebe, brilliert hier in ihrer ersten Filmhauptrolle über alle Maßen. Das ist großes Drama, großes Starkino. Hilmar Thate ist grandios als Sportreporter, der plötzlich einer ganz anderen Welt gegenüber steht. Genauso wie Cornelia Froboess als seine Freundin, die wissend, stark und klug ist und doch das erste Opfer wird. Insgesamt ist es wirklich großes Kino, ein Kino, in dem 'Stars' einen Film beherrschten und somit eine Hommage an eine vergangene Zeit.

      Deutlich wird das natürlich auch an der Kameraarbeit von Xaver Schwarzenberger. Wie er das Schwarzweiß beherrscht, wie er ausleuchten lässt, wie er überzeichnet und dann wieder nicht, das ist wirklich großartig.

      'Veronika Voss' ist großes Kino, ist äußerst anspielungsreich, ist unglaublich modern und trotzdem eine wirkliche Freude für jeden, der das 'alte' Kino liebt.

      :wink: Wolfram
    • Dem kann ich nix hinzufügen :cincinbier:

      Ein großartiger Film, der modernere Problemstellungen in einem Gewand bringt über das sich auch ein Lubitsch nicht zu schämen bräuchte.

      Fassbinders vorletzter Film. Was ist da von uns gegangen, was hätte dieser Regisseur uns noch schenken können... Ich mag mir garnicht ausmalen.

      Ich habs gewußt, lieber Wolfram, ich habs gewußt daß du den magst :D


      :)
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • Ich kenne nun, dank der Box, 15 von, ich glaube, 41 Langfilmen Fassbinders. Vielleicht einmal Zeit, eine kurze Zwischenbilanz zu ziehen.

      Erstes Ergebnis ist eindeutig: Ich will mehr!!! ^^

      Mit Sicherheit werde ich nicht alle gut finden, wie denn auch, bei einem Werk, dass in kurzer Zeit so umfangreich wurde, dass oftmals aus so gar nicht 'künstlerischen' Gründen entstanden ist. Aber und da bin ich mir sicher, würde ich immer interessante Aspekte entdecken.

      Zunächst einmal ist Fassbinder natürlich sehr zeitgebunden, gebunden an eine Zeit, die ich (Jahrgang '59) mehr oder weniger bewusst miterlebt habe und die mir ab ca. 1970 doch sehr in Erinnerung ist. Sehe ich heute 'Katzelmacher' kann ich nur den Kopf schütteln ob der spießigen und inhaltsleeren Umwelt, die damals eben so aussah und die ich natürlich in dem Alter selber noch nicht wahrgenommen habe. Auf der anderen Seite sind mir die politischen Anspielungen in den Filmen ab, wie gesagt, 1970 sehr wohl in Erinnerung, die Zerrissenheit der BRD, diese unglaublich hochgefahrene Stimmung, die damals überall zu spüren war und die all diese Filme auch immer widerspiegeln.

      Gleichzeitig sehe ich seine Filme heute und bin geradezu schockiert ob der Modernität von vielem und wie wenig sich die Gesellschaft bei uns eigentlich verändert hat. Klar würde man das heute anders darstellen, aber ob auch mit solch einer Radikalität? Ich weiß es nicht.

      Fassbinder hat ja nun einen 'Schnellschuss' nach dem anderen losgelassen, aber trotz dieser unglaublichen Produktivität ist das ja nicht nur einfach mal eben so... Natürlich hat er gerade in ersten Jahren, als er das Handwerk noch nicht so beherrschte, vieles später als Kunst deklariert, was aber eigentlich den Produktionsbedingungen oder den eigenen Unfähigkeiten geschuldet war. Hat die 'Nouvelle Vague' übrigens auch gemacht. ;) Aber was ich immer faszinierender finde, ist die unglaubliche Bandbreite der filmischen Mitteln, an denen er sich versucht hat, die er dann aber auch immer bewusster eingesetzt hat. Die wirklich guten Filme von ihm (so weit ich das zur Zeit überblicken kann) finden immer den richtigen Ton für ihren Inhalt und sie bieten diese Melange aus Geschichten, aus Zeitgeschehen, aus Analyse und natürlich auch aus Selbsttherapie. (Aber, was das angeht, welcher große Künstler macht das nicht? ^^ ) Welch ein Selbstbewusstsein, sich an all dem zu versuchen und gleichzeitig welch ein 'Genie' dies auch zu schaffen.

      Schaue ich einen Fassbinder, ergeht es mir übrigens wie beim Anschauen alter Hollywood-Filme oder alter TV-Sendungen. Immer wieder ertappe ich mich beim: 'Ach ja, das ist ja der/die.' Dadurch, dass Fassbinder seine 'Familie' besaß und sie überall hemmungslos unterbrachte (diese Familienstruktur müsste noch mal getrennt besprochen werden), schuf er natürlich einerseits, wohl eher ungewollt, eine Art von Vertrautheit, andererseits setzte er, vielleicht unbewusst, das Studiosystem des klassischen Hollywood fort. Auch wenn das Sujet, der Stil zunächst befremdlich wirken mag, fühlt man sich doch irgendwie 'zu Hause'.

      Fassbinder war sicherlich einer dieser manischen Künstler, die Leben und Werk nicht trennen konnten und wollten, für die vielleicht sogar Werk eher das Leben war als das Leben selber. Ganz anders gelagert fällt mir da Thomas Mann als verwandt ein. Aber gerade dieses Manische spürt man eben überall in seinen Filmen. Wenn man das in der Kunst mag, dann ist man bei ihm bestens bedient.

      :wink: Wolfram