Immer 'Full Speed' - Rainer Werner Fassbinder

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • garcia schrieb:

      Fassbinders vorletzter Film. Was ist da von uns gegangen, was hätte dieser Regisseur uns noch schenken können... Ich mag mir garnicht ausmalen.
      Karlheinz Böhm erzählte, dass Fassbinder von einem Film mit ihm und Romy Schneider träumte. Das wär's doch gewesen, oder? ^^

      garcia schrieb:

      Ich habs gewußt, lieber Wolfram, ich habs gewußt daß du den magst
      Na komm, bei wirklicher Qualität sind wir uns doch einig. ;)

      :wink: Wolfram
    • Mit 'Martha' bekam Fassbinder nachträglich ja große Probleme, weil sein Plot ziemlich 1:1 einer Kurzgeschichte von Cornell Woolrich entsprach, worauf er sich diversen gegen ihn erhobenen Vorwürfen gegenübersah. Er selber beteuerte immer wieder, dass er sich nicht daran erinnern könne, diesen Text vorher irgendwann einmal gelesen zu haben.

      Mit diesem Vorwurf setzt er sich nun in 'Satansbraten' von 1976 auseinander.



      Raab spielt einen ziemlich gescheiterten Dichter, der plötzlich ein wunderbares Poem namens 'Albatros' verfasst, dass sich dann aber wortwörtlich als eines von Stefan George herausstellt.

      Aber was Fassbinder aus diesem Plot macht, ist eine Groteske, eine Farce, eine Komödie, eine emotionale Explosion radikalster Weise. Nichts ist mehr normal, alles steht Kopf, alle drehen durch. Es ist grell, schrill, wüst, auch ekelhaft. 106 Minuten tobt sich Kurt Raab als Alter Ego Fassbinders in wirklich widerlichster Weise aus, tyrannisiert und quält seine Familie, sammelt als Stefan-George-Kopie hörige Jünger um sich, spuckt und erniedrigt alles und jeden. Das ist in dieser radikalen Konsequenz eine filmische Selbstanalyse und -biographie, wie ich sie noch nie gesehen habe. Fassbinder schenkte nichts und niemandem etwas, erst recht nicht sich selber.

      Aber es ist auch eine Abrechnung mit '68. Raab kommt als anarchischer Schriftsteller aus dieser Ecke und schwenkt dann ohne Probleme in rechte Lager, bleibt aber stets der Machtmensch, der alle manipulieren und beherrschen will und biedert sich am Ende bei seinem Verleger mit einem Titel an, der auch heute noch erfolgsversprechend wäre: 'Keine Feier für den toten Hund des Führers'.

      Es ist so ein böser und schwarzer Film. Böse und schwarz auf der Ebene der Selbstdarstellung, aber dann auch als politische und gesellschaftskritische Parabel. Böse und schwarz und sehr verzweifelt.

      :wink: Wolfram


    • Ein Episodenfilm zu den Ereignissen (Schleyer, Stammheim, Mogadischu) des Jahres 1977.

      Während die 10 anderen Regisseure noch ihre Konzepte durchdachten, 'rotzte' Fassbinder wohl (mal wieder) in kürzester Zeit seinen Beitrag dazu hin und überließ es den anderen. Laut Schlöndorff gab es dann wohl zunächst erregt Diskussionen, ob er zum geplanten Film passen würde. Alexander Kluge war es dann wohl, der dies einerseits bejahte und andererseits die hohe Qualität pries.

      Fassbinders Beitrag ist, wen soll es noch wundern, ein zunächst radikal privater in dem sich dann aber immer wieder die Tagespolitik hineinmischt. Man erlebt ihn in seiner Wohnung mit seinem damaligen Lebensgefährten Armin Meier und in politischen Diskussionen mit seiner Mutter. Alles sehr offen, sehr deutlich, im wahrsten Sinne des Wortes bis auf die Haut entblößt. Aber v.a. erlebt man seine Zerrissenheit angesichts der politischen Ereignisse, seine gefühlte Ausweglosigkeit, seine Leere, die er dann nur noch mit Kokain betäuben kann. Und am Ende heult er hemmungslos in den Armen seines Freundes.

      In einem Aspekt erinnert mich Fassbinder an Thomas Mann. Beide waren schon Vampire, Blutsauger, die hemmungslos alle Menschen um sich herum für ihr Werk ausbeuteten. Nur Fassbinder ging noch weiter in der Schonungslosigkeit, in der er sich der Öffentlichkeit radikal offenbarte mit allen Widersprüchen, Obsessionen, Allüren, das hat der 'Großbürger' Mann sich natürlich nicht getraut. Aber gerade auch dieser extreme Umgang mit sich selber macht diese Episode wirklich sehenswert.

      :wink: Wolfram


    • Durch steuerliche Abschreibungsmodelle hatte die Produktionsfirma (u.a. Bavaria, Geria II Film) ziemlich viel Geld zur Verfügung und schielte mit diesem Film (genau wie bei 'Fedora') auf den internationalen Markt. Deshalb die internationalen Stars, deshalb ein komplett nicht von Fassbinder verfasstes Drehbuch. 6 Mio DM soll Fassbinder zur Verfügung gehabt haben, was wohl alle, logischerweise, als eine unglaubliche Erleichterung empfunden haben.

      Der Film selber hatte ursprünglich eine Länge von 3 Stunden, die Fassbinder und Juliane Lorenz dann auf 2,5 kürzten. Das erschien der Bavaria aber immer noch zu lang, so dass erneut 30 Minuten Film herausgeschnitten wurden. Das erklärt wohl auch recht unmotivierte Kurzauftritte von Armin Meier und Gottfried John. Der Film war dann offizieller Wettbewerbsbeitrag in Cannes, wurde aber recht kritisch aufgenommen und auch sonst war er international nicht der Durchbruch für den Regisseur.

      Ich erinnere mich noch an den Kinostart 1978 (gesehen habe ich ihn damals nicht) und auch, dass ich erstaunt über die Mitwirkung eines internationalen Stars wie Dirk Bogarde war. 'Ups, jetzt ist er aber oben angekommen', dachte ich damals. ^^

      Jetzt bei der Erstbegegnung war ich ziemlich hin- und hergerissen. Während des Films! Lange wusste ich nicht, worauf er hinauswollte, was das eigentlich alles sollte und außerdem ging mir Andrea Ferreol auf die Nerven. Begeistert war ich sofort wieder einmal von der Kamera von Michael Ballhaus, von diesen wunderbaren Fahrten in der Wohnung, im Büro, bei der Party-Szene oder in der Fabrik, von der immer schwebenden Atmosphäre, die immer stärker durch Verdoppelungen (mal wieder Spiegel, Glasscheiben) ins Irreale abdriftet. Aber erst mit dem Auftritt von Klaus Löwitsch in Lederstiefeln klickte es bei mir. Selbstporträt! Aufspaltung Fassbinders in zwei Figuren. Aber einen richtigen Sinn ergab es für mich erst nach dem Film, denn er lässt einen nicht leicht wieder los.

      Despair ist ein ungemein vielschichtiger Film, mit teilweise sehr versteckten Ideen und Aussagen. Unabhängig vom zeitlichen Bezug (der Film spielt in Berlin vor 1933) ist er v.a. ein 'Psychodrama', aber eben nicht nur hinsichtlich der Figur Hermann Hermanns, sondern eigentlich eine weitere Selbstanalyse Fassbinders an einem offensichtlichen Wendepunkt seines Lebens. Interessant dazu die Doku im Bonusmaterial mit einem Interview, dass er in Cannes einem befreundeten Regisseur gegeben hat. Dort spricht er von zerstörten Utopien und was noch bliebe und spricht dann einerseits von einer gewissen Todessehnsucht und andererseits von einem gewollten Weg in den Wahnsinn als letzte Möglichkeit, was auch die Widmung am Ende an van Gogh, Artaud und Zürn erklärt.

      Kein Konzept, dass man unbedingt befolgen sollte ^^ , aber die Frage, die der Film aufwirft, nämlich: Wie verhalte ich mich in einer Gesellschaft in der Utopien sich als nicht erfüllbar erwiesen haben und gleichzeitig ein System herrscht, dass Menschen vernichtet oder auf ihren Mehrwert reduziert? ist wohl weiterhin aktuell.

      Im Nachhinein ein toller Film und einer, der vielleicht wirklich Kunst ist. Kunst in sofern, als dass er sich nicht sofort erschließt, dass er Fragen stellt, dass er nachwirkt, dass er, obwohl von 1978, über Gegenwart reflektiert. Kein Wunder, dass er kein Erfolg war. :D

      Ein schwieriger Film, ein optisch grandioser Film, ein spröder Film, ein unbedingt sehenswerter Film.

      Bogarde ist übrigens fantastisch und ein paar Reminiszenzen an die Filmgeschichte gibt's auch noch oben drauf. :D

      :wink: Wolfram
    • Und nun, dank Garcia, Fassbinder Abrechnung mit dem Terrorismus:



      Nach 'Maria Braun' kehrte Fassbinder mit diesem Film und wohl auch mit den '13 Monaten', den ich noch nicht kenne, eher zu den 'kleinen, dreckigen' Produktionen zurück. Damit meine ich geringer Etat und eine filmische Idee gegen alle Konventionen.

      Nach dem internationalen Erfolg von 'Maria Braun' sagte Berlins Bürgermeister Stobbe (SPD!) ihm finanzielle Unterstützung bei neuen Projekten zu. Fassbinder reichte dann das Exposé zur '3. Generation' ein und sofort versiegten alle Geldkanäle in Berlin und beim WDR. :D Mehr als dieses Exposé soll es übrigens bei den Dreharbeiten auch nicht gegeben haben.

      Von daher konnte dieser Film nur 'billig' produziert werden und das sieht man ihm, ich würde sagen erfreulicherweise, auch an.

      Eine Terroristengruppe plant einen großen Coup, landet letztlich bei der Entführung eines Wirtschaftsvertreters, hat aber einen Verräter in ihren eigenen Reihen. Soweit die Geschichte in absoluter Kurzform. Aber was Fassbinder daraus macht, finde ich absolut fulminant. Es ist seine große Abrechnung mit den Terrorismus zu Zeiten der Schleyer- Entführung und der Ereignisse in Mogadischu.

      Fassbinder hegte wohl durchaus Sympathien für die Terroristen der 1. Generation (Baader, Meinhof etc.), auch wenn er den gewaltsamen Weg nicht guthieß, wie Baer oder Lorenz dargelegt haben. Aber für die 3. Generation (die zweite waren die Anwälte) hatte er gar kein Verständnis mehr. Und so zeigt er sie als Teil des Bürgertums, die nur noch quasi ritualisiert sich links und revolutionär gebärden. Sie sind kindisch-naiv in ihren Aktionen, sie spiegeln die bürgerliche Welt in ihrem Gehabe und ihrem Verhalten wider und sie dienen letztlich nur den Interessen des Kapitals.

      Es gibt eine ganze Reihe aufschlussreicher Szenen in diesem Film:

      - Hark Bohm, der einen Stetson tragenden Polizisten spielt, erzählt dem süffisant lächelnden Mann aus der Wirtschaft (Eddie Constantine) einen Traum: Das Kapital selber erschafft sich den Terrorismus, damit es aufgrund einer Bedrohung Freiheitsrechte der Einzelnen einschränken kann. Persönlich teile ich diese These nicht, aber es stimmt schon, dass jeder Terrorakt auch immer wieder den 'Herrschenden' in die Hände spielt.

      - Die Terroristen treffen sich in der sehr bürgerlichen Wohnung eines ihrer Mitglieder. Margit Carstensen klagt ihren Ehemann an, dass er sie geschlagen hat und alle stimmen dann, ganz basisdemokratisch, darüber ab, wie sie sich zu verhalten hat mit dem Ergebnis, dass sie zu ihrem Ehemann (der der Terrorgruppe nicht angehört) zurückkehren soll.

      - Die Terroristen vertreiben sich die Zeit und womit? Indem sie das kapitalistische Spiel schlechthin spielen: Monopoly.

      - Ein Mitbewohner, der einen Koffer mit Bakunin mit sich trägt und diesen ständig liest und auch fleißig alle möglichen Stellen anstreicht, macht das natürlich gar nicht anarchisch irgendwie, sondern buchhalterisch-pedantisch mit einem Lineal.

      - Eine Terroristin nimmt einen andern in ihrer Wohnung auf, wird von ihm vergewaltigt und verfällt ihm völlig und die Spielarten bürgerlicher Ehen werden dann dort vollzogen: 'Ich wollte ein dunkles Bier.' - 'Entschuldige, ich hole es dir sofort.'

      - Was machen manche Terroristen am liebsten in ihrer Freizeit? Fernsehen schauen.

      - 'Wir entführen X und lassen ihn gegen Freigabe aller politischen Gefangenen der BRD wieder frei?' - 'Warum?' - 'Weil man das so macht.'

      - Die Entführung selber findet dann zu Karneval statt und in den entsprechenden Kostümen. Und nicht einmal das Opfer kann das noch ernst nehmen.

      Das war mit Sicherheit nach 1977 starke Tobak in der Bundesrepublik, weshalb der Film auch Links wie Rechts und in der Mitte völlig durchfiel. Uraufgeführt in Cannes lobte ihn die internationale Presse dagegen sehr. Aber für Westdeutschland war das damals wohl zu viel.

      Ich war begeistert von dem Film. Begeistert wieder einmal von dieser filmischen 'Anarcho-Mentalität' Fassbinders, der auf nichts und niemanden Rücksicht nahm, auch nicht auf filmische Konventionen. Begeistert, weil er hier einen ganz bitteren Humor zeigt bei einer Sache, die ihm wohl schon ziemlich todernst war. Begeistert, weil er schon 1979 das Versagen der '68iger, der Linken so genau erfasste, etwas, was auch heute immer noch gilt. Dass ihm das bitterste Schmerzen bereitet hat, ist wohl ziemlich klar.

      Da es wohl bei 'Maria Braun' Konflikte mit Michael Ballhaus gab, stand nach den '13 Monaten' auch hier wieder er selber hinter der Kamera. Hut ab - was der Mann alles konnte.

      Insgesamt also ein 'böser' Film, weil so hochgradig individuell und leider politisch so hochgradig nicht in irgendwelche Lager einordbar.

      :wink: Wolfram


    • Fassbinders vierter Langfilm und sein erster in Farbe und gleichzeitig sein zweiter Bundesfilmpreis. Wobei gesagt werden muss, dass Fassbinder nur ein paar Tage bei den Dreharbeiten vor Ort war und der Großteil des Films wohl von Michael Fengler realisiert wurde. Fassbiinder selber hat diesen Film später scharf kritisiert.

      'Herr R.' (im Film wird er als Kurt Raab angesprochen) schildert die Zeit vor dem Amoklauf, das Ausgeliefertsein eben von Herrn R. an eine gesellschaftliche Zwangslage, an Öde und Langeweile, bis er dann zum schweren Kerzenleuchter greift. Geschildert wird dies alles in einem fast dokumentarischen Stil. Die Kamera schwenkt zwischen den einzelnen Personen hin und her oder verweilt recht lange bei ihnen, hält aber immer eine gewisse Distanz zu den Figuren und zum Geschehen.

      Die Öde und Banalität des Dargestellten, des Lebens dieser Menschen ist teilweise wirklich schwer erträglich, aber gerade der dokumentarische Charakter zwingt durch seine Distanz uns, den Zuschauer, immer wieder über die Situation, aber auch über unsere eigene zu reflektieren. Es ist zwar alles sehr 'Holzhammer', was dazu führen kann, dass man den Film eher als Zeitdokument betrachtet, aber, wenn man ehrlich ist, erkennt man, dass diese Zustände sich bis heute nicht geändert haben.

      Der Film hat nicht einmal klassische Spielfilmlänge, sondern ist mit 84 Minuten recht kurz. Aber eigentlich dauert er Ewigkeiten. Fassbinder/Fengler präsentieren eben nicht nur die Leere, die Enttäuschungen und Frustrationen eines Lebens, sondern machen diese wirklich spürbar, fast schmerzlich spürbar. Vielleicht ist das alles zu didaktisch, aber im entscheidenden Moment, wenn Kurt Raab den nervtötenden Redefluss von Irm Hermann mit dem schweren Kerzenleuchter unterbricht, kann man ihn verstehen. Ok, man selber würde wohl nicht, hoffentlich nicht zu diesem drastischen Requisit greifen, aber man würde so gerne jegliche Höflichkeit einem Gast gegenüber fallen lassen und nur noch schreien: Halts Maul! Von daher funktioniert der Film und gerade auch in dem Moment wirft er uns wieder auf uns selber zurück.

      :wink: Wolfram


    • Nach dem Selbstmord seines Lebensgefährten Armin Meier drehte Fassbinder diesen radikal persönlichen Film im Jahr 1979 und er erspart dem Zuschauer wieder einmal nichts.

      Es ist die Geschichte des Transsexuellen Edwin/Elvira, der sich in Casablanca aus Liebe zu einem heterosexuellen Mann hat 'entmannen' lassen (anders wird das in dem Film nicht dargestellt) und der trotzdem bei ihm und seinem Nachfolger kein Glück findet und letztlich im Selbstmord endet.

      Volker Spengler spielt diese Elvira mit einer Verwirrtheit, einer Verzweiflung, einer schmerzhaften Natürlichkeit, die wirklich grandios ist. Grandios ist aber auch dieser ganze Film, der weit über ein Melodrama hinausgeht, der nie pathetisch wird, nie auf die Tränendrüse drückt und einem trotzdem den Atem raubt. Ein großer Film über die Unmöglichkeit der Liebe, über ihr Scheitern, wenn man die eigene Persönlichkeit bereit ist aufzugeben, über das Finden der eigenen Identität. Auch wieder ein großer gesellschaftsanalytischer Film, einer über die Vermarktung von Menschen und ihren Gefühlen.

      Es gibt so viele grauenhafte Szenen und damit meine ich nicht nur den Schlachthof, aber auch immer wieder solche großer Sanftheit und Intimität. Ein Film großer Verstörung, großer Wut, großen Mitleids, großer Wut. Oder anders gesagt, ein großer Film!

      Fassbinder schrieb übrigens verantwortlich für Drehbuch, Kamera, Schnitt, Produktion, Regie. Er wollte diese persönliche Abrechnung seines Anteils am Tode seines Freundes Armin nicht teilen.

      :wink: Wolfram
    • Wie ich eben in 'Eben geglotzt' schrieb, warte ich noch auf 'Querelle' und musste von daher erstmal zum 'Alexanderplatz' greifen. Von daher gibt es bei mir, da das ja nun ein längeres Vergnügen werden wird (Vergnügen hoffentlich ^^ ) ein gewisses Innehalten und auch eine Art Besinnung auf das, was ich seit mehreren Wochen für mich betreibe, nämlich eine ziemlich totale Entdeckung dieses Regisseurs. Ich frage mich schon, was mich gerade zu diesem Zeitpunkt so an ihm fasziniert, warum er bislang an mir vorbeigegangen ist, was das Besondere an ihm war und ist was er uns eigentlich noch zu sagen hat.

      Ich bin mir weiterhin nicht sicher, warum er gerade jetzt diese Wirkung auf mich ausübt. Da kommt wohl vieles zusammen. Ein immer stärkeres Genervtsein an einer stromlinienförmigen Kultur, die eine Position einnimmt (links, rechts, systemkonform oder wie auch immer), die aber dann auch relativ wenig Fragen zulässt, weil ihre Position so sehr richtig z sein scheint und die schon gar nicht ihre eigene Haltung kritisch überprüft. Genervt bin ich von dieser ganzen Konsum- und Kapitalismuswelt, in der wir uns heute bewegen. Genervt auch weiterhin von der Spießigkeit und undemokratischen Haltung gerade sogenannter fortschrittlicher Kreise, von denen man eigentlich anderes erwarten sollte oder auch von der Bravheit gesellschaftlicher Analysen. Und dann kommt mir dieser Fassbinder unter, der es liebte und das mit absolutem Recht (!), sich zwischen alle Stühle zu setzen, der hemmungslos subjektiv war und sich damit jeglicher Form von Angriffen ja auch aussetzte, der aber immer bereit war, sich auch angreifbar zu machen. So ein wenig nach dem Motto: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Da war jemand, der wirklich radikal war, im Leben wie im Werk, wenn man das überhaupt trennen kann. Das endete dann in 'Despair', weil es wohl nicht anders ging, fehlte ihm doch wie Thomas Mann es noch hatte, der stabilisierende bürgerliche Hintergrund und die 'Verfassung', die dieser sich gegeben hatte. Aber ich liebe halt Künstler (Callas gehörte auch im Großteil ihrer Karriere dazu oder Garland oder durch die Bank Godard), die diese Konsequenz aufbringen konnten und können. Meine Güte, wie einfach sich das alles sagt. Als Hörer, Leser, Seher goutiere ich, profitiere ich davon, von dieser Manie, von diesem menschlichen Elend.

      Als Filmemacher bewundere ich an ihm natürlich auch seine unglaubliche Wandlungsfähigkeit. Man erkennt einen 'Fassbinder' und trotzdem fand er für seinen jeweiligen Stoff, für das, was er mitteilen wollte, immer die entsprechende und richtige Form. Fassbinder dachte filmisch und genau das reiht ihn ein in die Galerie der ganz Großen. Und er war nie einem platten Naturalismus verhaftet, der veraltet und nur noch unter historischen Gesichtspunkten interessant ist. Seine Sache war ein besonderer, persönlicher Realismus, der immer noch aktuell ist. Besonders deutlich wurde mir das bei 'Deutschland im Herbst'. Wie schon geschrieben, fand ich den Film zeithistorisch interessant, aber nur eine Episode ist weiterhin von dringender Aktualität und das ist die von Fassbinder.

      Fassbinder konnte aber auch nicht alles, finde ich. Großproduktionen! Schon bei 'Maria Braun' stieß es mir ja auf, 'Lili Marleen' finde ich verheerend, 'Lola' rappelte sich dann wieder zurecht und 'Veronika Voss', ja eher in einem kammerspielartigen Stil gedreht, ist wirklich großartig. 'Berlin Alexanderplatz' kann ich noch nicht wirklich beurteilen, genauso wenig wie 'Querelle'. Einzig bei 'Despair' scheint es mir gelungen. Also Fassbinder und das große Geld, das Schielen auf den großen Markt. Rein technisch, handwerklich war das für ihn in späteren Jahren kein Problem, aber war das noch der wirkliche Fassbinder? Zwischen 'Maria Braun' und 'Alexanderplatz' drehte er ja die beiden Billigproduktionen '13 Monde' und '3. Generation'. Und da war sie natürlich wieder, die Radikalität, diese Lust auch an der Provokation, diese Hemmungslosigkeit, diese Furchtlosigkeit an der eigenen Offenbarung, die ihn so sehr auszeichnete. Dagegen erscheinen die meisten Großproduktionen brav und gehemmt. Aber wer weiß, wie es weitergegangen wäre. Allerdings kommt mit dem Erfolg der Ruhm und das Geld. Und wer hält diese Verführungen und Zwänge schon durch, ohne Abstriche zu machen?

      garcia schrieb:

      Dann gab's Jahre später die Debatten um sein "Müll, Stadt und der Tod", die ich eher am Rande wahrgenommen hatte. War halt nie der Theaterfan, bis heute. Die ganzen Antisemitismusvorwürfe kamen mir ein bissl überzogen vor, aber ich kannte das Stück nicht und Fassbinder sagte mir wenig.
      Fassbinder war ja immer eine Zielscheibe der bürgerlichen Presse. Ich erinnere mich noch sehr genau des kollektiven Aufschreies nach dem 'Alexanderplatz'. Schon damals zeigte sich eine Art von Methode, die heute immer noch angewandt wird. Wenn man einen unbequemen und lästigen Künstler loswerden will, greift man seine Kunst an, aber auch gerne sein Privatleben und da bot Fassbinder ja nun wirklich alle möglichen offenen Flanken. Und wenn das alles nicht ausreicht, greift man sozusagen zur Bazooka, zum Nazi- und Antisemitismusvorwurf. Das funktioniert heute immer noch genauso, nur hätte man zur Zeit noch eine zweite Waffe: ein kleiner Hinweis in Richtung Me-too-Debatte und schon hat man Erfolg.

      garcia schrieb:

      Das alles hat sich erst jetzt geändert als ich mir seine große DVD-Box zugelegt habe, im Kielwasser von den Jarmusch, Kaurismäki, Wenders, zuletzt Godard Boxen. Mein cineastisches Interesse für solche Sachen ist ja erst anderthalb Jahre alt, entwickelte sich aber explosionsartig.
      Ich bin durch TV in den 70igern und dem damals aktuellen Kinoprogramm in unserem Stadtteilkino völlig amerikanisiert worden. Von daher tat ich mich mit manchen Regisseuren auch wirklich schwer. Das ist, wie bei dir, auch erst in den letzten ein, zwei Jahren anders geworden. Vorher hätte ich Fassbinder bestimmt nicht angefasst, Godard eben so wenig oder auch Jarmusch. Erstaunlich, dass ich so alt werden musste, um endlich mal ein wenig schlauer zu werden. ;) Godard habe ich nun für mich entdeckt, Fassbinder eben auch, als nächstes muss dann Bergmann dran glauben. :D

      :wink: Wolfram
    • Bergman? Keinen bewundere ich so wie ihn :cincinsekt:

      Bei Bergman wäre ein prima Einstieg, vor allem wenn du es chronologisch angehen willst, sein erster wirklich eigenständiger und ganz großartiger, unbequemer, auch quälender Film, "Abend der Gaukler" - teuer heutzutage aber als Sehfundament konkurrenzlos.


      Fassbinder, ja. Das Meiste was ich bislang sah muß ich mir schon ein bißchen erkämpfen, aber meist lohnt sich das sehr.


      gab's heut Abend, und nach einer halben Stunde war ich auch drin. Spannend fand ich, daß hier (denk ich) eine Innenansicht der Art, wie der frühe Fassbinder mit seinen Actiontheaterleuten sich Filme errungen hat stattfindet. All die kleinen und größeren Psychospiele, Intrigen, sozialen Inkompetenzen und Pseudolibeleien als psychologische Versuchsanordnung, in einer irritierend schönen Umgebung, irritierend bildschön fotografiert von Michael Ballhaus... Das fand ich erstmal strange und wirkt nun lang nach.

      Die 13 Monde, Rio Das Mortes, den amoklaufenden Herrn R, Satans raten, Despair, den frühen "Der amerikanische Soldat" sowie seine Miniserie "8 Stunden sind kein Tag" habe ich nun bestellt. Wenn man einmal anfängt... Alles was ich von Fassbinder bislang kenne war mal etwas, mal sehr sperrig. Trotzdem entfaltet sein Werk eine Art Sogwirkung, ich kann schwer aufhören damit. Und eben das ging mir zu Anfang bei Bergman ebenso (der sonst ein total anders gelagerter Filmemacher war). Das Sperrige, manchmal kaum aushaltbare, und dann doch der Sog, dieses Gefühl, entweder läßt man ganz die Finger davon (ist gesünder) oder man stürzt sich rein (und kann dran wachsen). So ungefähr.


      :)
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • garcia schrieb:

      Bei Bergman wäre ein prima Einstieg, vor allem wenn du es chronologisch angehen willst, sein erster wirklich eigenständiger und ganz großartiger, unbequemer, auch quälender Film, "Abend der Gaukler" - teuer heutzutage aber als Sehfundament konkurrenzlos.
      Leider hat Fassbinder meinen ganzen Film-Etat erstmal aufgefressen, aber ich habe eine ganze Reihe Bergmanns noch auf Halde liegen, die ein Freund mir geliehen hat. 'Abend der Gaukler' ist aber leider nicht dabei.

      garcia schrieb:

      gab's heut Abend, und nach einer halben Stunde war ich auch drin. Spannend fand ich, daß hier (denk ich) eine Innenansicht der Art, wie der frühe Fassbinder mit seinen Actiontheaterleuten sich Filme errungen hat stattfindet. All die kleinen und größeren Psychospiele, Intrigen, sozialen Inkompetenzen und Pseudolibeleien als psychologische Versuchsanordnung, in einer irritierend schönen Umgebung, irritierend bildschön fotografiert von Michael Ballhaus...
      Er verarbeitet da ja seine Erfahrungen bei den Dreharbeiten zu 'Whity' und macht es mal wieder auf seine gewohnt schonungslose Art. Und heraus gekommen ist dann ein Abgesang auf das Künstlerkollektiv, auf das actiontheater und das antitheater. Aber gleichzeitig ist die Darstellung dieser Gruppendynamik, das Herausschälen von Führung wohl auch ein Lehrstück für alle Versuche andere Formen des bürgerlichen Zusammenlebens zu entwickeln. Von daher nicht sehr ermutigend. ;( Interessant finde ich auch, dass so ziemlich alle Mitglieder seiner 'Familie' bereit waren, bei dieser Abrechnung mitzumachen. Auch wenn die Rollen vertauscht wurden, erkennbar bleiben sie oftmals und schmeichelnd ist das ja nicht gerade. Was wiederum Rückschlüsse auf diese unglaubliche Wirkung, die Fassbinder auf Menschen ausgeübt haben muss, zulässt. Den Zusammenhang von Sadismus und Masochismus hat er dann ja in 'Martha' aufgegriffen.

      garcia schrieb:

      Trotzdem entfaltet sein Werk eine Art Sogwirkung, ich kann schwer aufhören damit.
      Wenn man bei Fassbinder Leben und Werk nicht trennen kann, dann ist die Wirkung seiner Filme vielleicht ähnlich derjenigen, die er als Mensch gehabt haben muss. Entweder lehnt man sie, lehnte man ihn ab oder, wenn man sich denn auf sie, auf ihn einlässt/einließ, ist und war man verloren. :D Schygulla oder Irm Hermann haben wohl übrigens einen ziemlichen Abnabelungsprozess durchmachen müssen, um wieder eigenständiger zu werden. Erst nach einem 'Entzug' von ihm konnte sie sich dann wieder auf ihn einlassen. Mein 'Entzug' wird Bergmann sein. :D

      :wink: Wolfram
    • Ich möchte hier auf einen sehr interessanten Text hinweisen, den sich der geneigte Interessent als PDF-Datei kostenfrei runterladen kann. Leider kann ich mit dem Handy keine links posten. Ich habe ihn hier gefunden:

      - Wikipediaartikel zu "Warnung vor einer heiligen Nutte"
      - dort in den "Einzelnachweisen" ganz am Ende die Fußnote Nr. 2 aufrufen.

      Dort ist dann die PDF Datei "Fassbinder heute". Es handelt sich um 40 Seiten über die frühen Filme von den Kurzfilmen bis Chinesisches Roulette plus der Ehe der Maria Braun. Zu jedem Film nicht nur Einschätzungen, sondern, das ist das Tolle, Interviews mit RWF. Insgesamt 40 Seiten.

      Und das kann man sich so runterladen. Klasse :D



      Viel Freude damit :clap:
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • Hier Martha.



      Einer seiner mich bislang (ich bohre ja noch an der Oberfläche) berührendesten Filme. Vielleicht weil das Thema mich angeht?

      Was ist Liebe? Was darf sie niemals sein? Das hier hat was von 70er Jahre Holzhammer (so isser der Fassbinder), aber was er hier überaus pessimistisch aussagt gilt heute ebenso. Wo Liebe den Aspekt des Sich Zurücknehmens in den Vordergrund stellt und die eigene Persönlichkeit vergißt isses keine Liebe mehr sondern katastrophale Grütze. Das ist dann das Ende. Das ist dann der Untergang.

      Klasse Film, hat mich ins Herz getroffen...


      ape2
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • garcia schrieb:

      Wo Liebe den Aspekt des Sich Zurücknehmens in den Vordergrund stellt und die eigene Persönlichkeit vergißt isses keine Liebe mehr sondern katastrophale Grütze.
      Das wirst du bei den '13 Monden' noch einmal verschärft finden.

      Für mich kreist 'Martha' auch um die Aspekte von Sadismus und Masochismus und ihre Verwobenheit. Sicherlich etwas, was in der Gruppe um Fassbinder eine ganz starke Rolle spielte.

      Danke für den Link, da werde ich gleich mal reinschauen.

      :wink: Wolfram
    • Ich habe nun knapp die Hälfte vom 'Alexanderplatz' geschafft.



      Ein erstes Resümee: Er hat mich noch nicht gepackt, im Gegenteil. Folge 4 (behandelt den Alkoholabsturz) war ein wirklicher Tiefpunkt, was mein Interesse anging.

      In dieser Folge gab es eine wirklich beeindruckende Szene, wenn ein Hirte in einen Schlachthof kommt und vor laufender Kamera einem von ihm zuvor mit Zuneigung und Sorgfalt getragenem Schaf die Kehle durchschneidet. Das ist fürchterlich, das ist verstörend wie nur irgendetwas, das ist radikal (und heute wohl kaum noch möglich) und das bewegt gleichzeitig auf einer ganz, ganz tiefen mythischen Ebene.

      Aber das trägt nicht eine ganze Folge. Nur von solchen Bildern würde ich mir mehr wünschen (nicht unbedingt weitere Schlachtungen), denn dann würde der ganze Film einen ganz anderen Charakter bekommen. Was mich, glaube ich, wirklich zutiefst (bislang) stört, ist, dass Fassbinder über weite Strecken, auch wenn die Studioatmosphäre unverkennbar ist und eine gewisse Entfremdung hineinbringt, anders als in seinen sonstigen Filmen den Akzent hin zu einer Art Naturalismus verschoben hat. Der besondere, sehr persönliche Realismus, den seine Filme kennzeichnet, den hat er aufgegeben zugunsten eben eines Naturalismus, der durch Erzähler, historische Fotos etc. 'aufgeweicht' wird, der aber die Gesamtkonzeption bestimmt und der für mich v.a. langweilig ist. Das war 1980, als ich den 'Alexanderplatz' im TV sah oder besser gesagt, erahnte, noch ganz anders. Naturalistische Inszenierung, Darstellung, Ausstattung war es eben, was ich von einem Film erwartete. Das habe ich heute immer noch gerne, aber nicht, wenn ein wirklicher Filmemacher sich solch eines Stoffes annimmt und er vor allem zuvor oftmals ganz anders gearbeitet hat. Wie Fassbinder mit großer Literatur umgehen konnte, zeigt die wirkliche 'Literatur'-Verfilmung Effi Briest. Diese Stilisierung, diese Art von Verfremdung ist dann plötzlich viel eindrucksvoller, bewegender und vielleicht auch näher am Buch, als dieser Versuch, sich Döblin zu nähern.

      Aber vielleicht stand ihm der Franz Biberkopf persönlich viel zu nahe, als dass er eine künstlerische/künstliche Distanz dazu hätte aufbauen können. Vielleicht gelang ihm das erst im Epilog, auf den ich sehr gespannt bin.

      Lamprecht ist wirklich sensationell, keine Frage und auch die meisten anderen Schauspieler sind großartig. Schwarzenbergers Kamera mit ihren ewigen Weichzeichnern finde ich schon anstrengend, die Musik von Peer Raben geht mir übrigens ziemlich auf die Nerven in ihrer Mischung von musikalischer Banalität und Collage.

      :wink: Wolfram
    • Kann man ja auch kürzer fassen lieber Wolfram: Serie war nicht sein Ding, Fassbinder war eben stärker wenn er konzentriert und voll auf die 12 sozusagen sein Ding machen konnte...

      So seh ich es. Berlin Alexanderplatz ist nicht mies. Aber auch nicht so toll wie seine besten Sachen...

      Ich guck mir den letzten Teil an... Aber vorher stehen ja viele viele andere Filme an :D

      Dieser Regisseur ist auch ohne Berlin Alexanderplatz groß. War nicht sein Format.


      :fee:
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • garcia schrieb:

      Serie war nicht sein Ding
      Lieber Garcia, das würde ich gar nicht einmal sagen. '8 Stunden' fand ich toll, weil er da von Anfang an überzeichnet, mit Klischees spielt und immer wieder deutlich macht, dass er die Situation der Arbeiter und ihres oftmals kleinbürgerlichen Hintergrundes zeigen will, sie aber nicht realistisch darstellen will, weil er sie ja auch nicht kannte. Anders als so viele andere sich anbiedernde Produktionen heute.

      garcia schrieb:

      Dieser Regisseur ist auch ohne Berlin Alexanderplatz groß.
      Ohne Frage! Und bei solch einer riesigen Anzahl von Filmen in so kurzer Zeit kann nicht alles auf einem Niveau sein. Vielleicht ist es aber auch unser Ding, wir erwarten von ihm einfach anderes. ^^

      :wink: Wolfram
    • "8 Stunden" ist ja auf dem Weg zu mir. Ich werd es verifizieren :D


      :)
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)


    • Ein Melodram, kitschig und plakativ eigentlich. Aber nur 'eigentlich', denn die Wirkung beim Sehen war eine ganz andere.

      Die 'wilden' Jahre waren wohl nach der 'heiligen Nutte' vorbei. Fassbinder wollte nun auch von einem größeren Kinopublikum gesehen werden, was aber nicht heißt, dass er nicht weiterhin eine spezielle Filmsprache für seine jeweiligen Sujets entwickelte, die dann wiederum nicht unbedingt für das richtig große Publikum taugte. Das trat wohl erst mit 'Maria Braun' ein.

      Warum wirkt der Film also nicht kitschig und plakativ? Fassbinder gelingt es hier, alle Mittel so zu reduzieren, dass er geradezu zum Kern der Geschichte und v.a. der einzelnen Szenen gelangt, so dass zwar die Gesellschaftskritik bestehen bleibt, er aber in der Reduktion geradezu das Archaische, Immergültige eines solchen Schicksals deutlich macht. Das wird übrigens auch dadurch deutlich, dass die Handlungszeit nicht genau festgelegt ist. Während die Schygulla noch eine Frisur der 40iger Jahre trägt, verweisen manche Einrichtungen auf die 50iger, andere schon auf die 70iger. (Wieder einmal sollte man hier Kurt Raab als Ausstatter gedenken. Eine wahre Meisterleistung!)

      Die Schauspieler agieren größtenteils ganz streng zurückhaltend, bis hin zu einer maskenhaften Erstarrung, wenn übergroße, allerdings nicht fließende, Tränenspuren Irm Hermanns Gesicht zeichnen. Daneben gibt es einige wenige Ausbrüche, die dann aber natürlich von einer besonderen Wucht sind. Gleiches gilt für die Kamera die meistens sehr sachlich das Geschehen verfolgt, dann aber immer wieder einmal schlagartig zur Großaufnahme eines Gesichts wechselt oder dieses per Zoom heranholt. Der Zoom ist übrigens das einzige Stilmittel, dass mich hier wirklich nervte, wie überhaupt in den Filmen der 70iger Jahre, als er so modern war. Das ist er heute zum Glück nicht mehr, aber logischerweise kann man Fassbinder seinen Gebrauch nicht vorwerfen.

      Worin sich dieser Fassbinder von denen seines 'Sturm und Drangs' auch unterscheidet, ist die vielleicht auch seine Behandlung der Figuren. Hirschmüller, Hermann, Löwitsch sind wahrlich ambivalente Charaktere und trotzdem zeichnet er sie durchaus mit Liebe und einem großen Verständnis. Sie sind Opfer der Umstände und im Fall des Hauptdarstellers auch Opfer der Mutter (!), aber diese Umstände lösen sich von einem konkreten Zeitbezug und bekommen in dieser Inszenierung eine dauerhafte Gültigkeit.

      Kann man sich beim 'Herrn R.' noch zurücklegen und sich über die spießigen 70iger auslassen, gelingt es hier nicht mehr. Hier findet man den Kern des Elends, klar und unverbaut. Ein großer Film und ein auch wirklich berührender.

      :wink: Wolfram


    • Tja, was macht man nun damit? Ich weiß im Moment noch überhaupt nicht, was ich mit dem Film anfangen soll.

      Die Frage ist vielleicht, ob man jeden Roman auf Teufel komm raus verfilmen muss. Genets 'Querelle' ist wohl ein solcher, der wegen seiner extremen Mischung von Sex und Gewalt, philosophischen Ideen und Reflexionen, Sehnsüchten, Mord- und Bestrafungsphantasien usf. kaum auf die Leinwand zu bringen ist.

      Fassbinder hat sich dem nun trotzdem gestellt und nach meiner Meinung vollkommen richtig auf den Versuch einer naturalistischen Verfilmung des Stoffes verzichtet. Alles wurde im Studio inszeniert, der Film strotzt vor Künstlichkeit und falschem Schein, alles ist extrem. Darin agieren nun vor allem Brad Davis, Jeanne Moreau, Franco Nero und Burkhard Driest, unterstützt von den üblichen Fassbinder-Verdächtigen. Alles untermalt von einer zum Glück spärlich eingesetzten Musik von Peer Raben, gefilmt von Xaver Schwarzenberger und virtuos ausgestattet von Rolf Zehetbauer.

      Während ich Brad Davis als wirklichen Gewinn empfand, hatte ich bei der Moreau und bei Franco Nero eigentlich immer das Gefühl des Fremdkörpers, was zu ihrer Rolle in diesem Film durchaus auch passt, aber so wohl nicht gewollt war.

      Aber es ist v.a. auch die Kamera von Xaver Schwarzenberger, die mir ziemlich auf die Nerven ging. Die Ausleuchtung, die Kameraführung in den Szenen, die außerhalb des Bordells spielten, waren durchaus grandios, aber seine Manie, die er schon in Lili Marleen zeigte, wenn es verrucht sein soll, jeden Lichtreflex besonders zu betonen und ihn als kleinen Stern erscheinen zu lassen, ist irgendwann wirklich nur noch Kitsch und verrucht schon mal gar nicht.

      Apropos Kitsch. Ich kann mich nicht entscheiden, ob es nun eher das ist oder eine grandiose Verfilmung. Dazwischen, habe ich das Gefühl, gibt es nichts. In diesem Film geht Fassbinder einmal mehr an Grenzen, setzt aber anders als in vielen früheren Filmen, alles auf eine Karte. Das tat er auch schon in seinen letzten Großproduktionen ab 'Maria Braun', aber hier ist er doch, verglichen damit, radikaler und persönlicher. Wie ein letztes Aufbäumen seines alten Anarchotums und seiner Lust, sich hemmungslos selbst zu offenbaren. Allerdings versinkt diese Selbstentblößung in Geld und schönen Bildern.

      Andererseits bekommt der Film irgendwann durchaus einen Sog, ich war fasziniert von dieser extrem künstlichen Welt, von dem Spiel mit Kitsch, großen Gefühlen, philosophischen Ideen, menschlichen Abgründen, um kurz danach alles wieder als 'too much' zu empfinden.

      Also hin- und hergerissen, völlig ratlos, genervt, fasziniert. Aber sicherlich ein Film, den ich wieder schauen werde.

      :wink: Wolfram
    • Neu

      Geschafft!!!!!



      Wobei ich gestehen muss, dann ich in den letzten Folgen oft den Schnellvorlauf betätigt habe. :D Und das selbst bei der abschließenden 14. Episode, dem Epilog. Aber als ich endlich dort angekommen war, hatte ich schlichtweg keine Geduld mehr und irgendwie hatte ich vom ganzen Thema auch die Nase voll.

      Wie schon an anderem Ort gesagt, ist die Reihe einfach zu lang. 6 statt 13 Folgen und den Epilog vielleicht auch sogar um die Hälfte gekürzt. Wie oft habe ich in der letzten Zeit dagesessen und gedacht: 'Mensch, mach zu. Nun sag es doch endlich.' Es dauerte und dauerte, die Szenen waren zu lang, die fast durchweg düstere Atmosphäre ging mir auf die Nerven und die Kamera von Schwarzenberger sowieso. Genauso eigentlich auch die Musik von Peer Raben, der ich allerdings grundsätzlich immer weniger abgewinnen kann.

      Die Schauspieler sind allerdings durch die Bank hervorragend. Lamprecht ist einfach sensationell, die Rolle seines Lebens, ebenso John, Schygulla, Sukowa, Mira und...und...und...

      Es ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Fassbinder ja gar nicht groß mit den Schauspielern geprobt hat, dass ein, höchstens zwei Takes gemacht wurden, was er aus seinen Leuten herausholen konnte. Aber all die tollen Schauspieler retten es halt nicht.

      Ich glaube ja weiterhin, dass Fassbinder zu nahe am Stoff, am Buch war. Er hat sich ja seit seiner Pubertät mit diesem Werk beschäftigt und identifiziert. Von daher konnte er sich wohl auch nicht davon losmachen, es also kürzer gestalten und gleichzeitig fehlte ihm auch eine distanzierterer Blick darauf. Vielleicht hätte er ihn gar nicht verfilmen sollen, sondern nur einen zweistündigen assoziativen Film drehen sollen. Wäre vielleicht besser gewesen. Aber solche Sachen sind spekulativ. Es ist, wie es ist. Für viele ist es der wichtigste Film Fassbinders, für viele ein Meisterwerk. Für mich nun allerdings ganz und gar nicht. Ich wundere mich nur, dass ich, als ich die Serie in grauer Vorzeit auf meinem Schwarzweiß-Portable sah oder eher erahnte, so begeistert davon war. Wo ich doch in der Zeit für Fassbinder so gar nichts übrig hatte. ^^

      Jetzt flattert hoffentlich bald 'Der amerikanische Freund' herein und dann wird es wohl auch erst einmal eine Fassbinder-Pause geben. Andererseits gibt es noch so viele Lücken, gerade beim frühen, die ich unbedingt schließen will/muss. ;)

      :wink: Wolfram