MASCAGNI: Cavalleria rusticana - die Geburtsstunde des Verismo?

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    Informationen zum Capriccio-Verein als Betreiber des Forums finden sich hier.
    • MASCAGNI: Cavalleria rusticana - die Geburtsstunde des Verismo?

      Liebe Capricciosi,

      weil ich gerade einen recht rezenten Live-MItschnitt von der Wiener Staatsoper mit Elina Garanca als Santuzza sehe und höre, ist mir aufgefallen, dass es noch keinen allgemeinen Thread zu dieser beliebten Oper hier gibt. Ich muss gestehen, für mich ist "Cavalleria rusticana" ein bisschen wie der von Zynikern sprichwörtlich gemachte Autounfall: Ästhetisch unbefriedigend, aber man kann nicht nicht hinsehen. Mascagnis Musik ist dramatisch packend, wo sie nicht schön ist, und betörend, fast süßlich schön, wo sie nicht dramatisch ist. An besonderen Höhepunkten sogar beides gleichzeitig. Die Dramaturgie ist völlig aus dem Ruder gelaufen: die eigentliche Handlung dauert etwa zwanzig Minuten und beginnt erst nach einer guten halben Stunde. Die musikalische Schilderung des Lokalkolorits sizilianischen Dorflebens schön und gut, aber sie ist gemessen an der Gesamtdauer der Oper einfach zu lang und nicht einmal besonders sizilianisch. Puccinis "Suor Angelica" leidet meiner Meinung nach an einem ähnlichen Problem, aber nicht ganz so ausgeprägt. Insgesamt wirkt das Werk so auf mich gar nicht wie das Treibhaus der Leidenschaften, als das es bekannt ist, sondern eher wie eine sehr lyrische (und nicht unbedingt szenische) Kantate mit ein paar dramatischen Einsprengseln. Trotzdem übt die Oper auch auf mich immer wieder ihre Reize aus wie Lola.

      Aber was ist denn überhaupt der Verismo an "Cavalleria rusticana"? Die Textvorlage jedenfalls. Aber wie anders ist Giovanni Vergas lakonische Novella gegenüber dem konventionellen Opernton Mascagnis, den verzuckerten Intermezzi, dem Prozessionsballett, den belcantesken Serenaden Lolas und Turriddus! Ist "Verismo" da nicht lediglich ein falsches Etikett, eine Werbemasche des Verlegers Sonzogno? Auf Wikipedia kann man genau zu dieser Frage lesen:

      WIkipedia schrieb:

      Die exzessive romantische Steigerung der Melodramatik am Schluss der Oper wird heute paradoxerweise als Verismus interpretiert. Veristisch sind jedoch gewisse dramaturgische Elemente: Die Arie geht der Katastrophe voran und ist nicht deren lyrischer Widerschein; die Dialoge werden durch Auseinandersetzungen unterbrochen, die Zuschauer erfahren nicht von Lola und Turiddu, dass diese ein Paar sind, sondern von Santuzza. (Vgl. Ulrich Schreiber, Die Kunst der Oper. Band III, Frankfurt a.M. 2000, S. 176ff.)

      Auffällig ist jedenfalls wirklich, dass im Gegensatz zu Verga, wo Turriddu von Anfang an als geradezu zwielichtiger Charakter dargestellt wird, in Mascagnis Oper eigentlich keine sicheren Beweise vorliegen, dass Turriddu und Lola tatsächlich ein intimes Verhältnis unterhalten. Es kann nie völlig ausgeschlossen werden, dass Santuzza einfach nur eifersüchtig ist. Vielleicht lässt sich die künstlerische Wahrheit gerade darin sehen, dass wir nur Santuzzas Blick auf die Ereignisse sehen, aber keine von Santuzzas Blick unabhängige Charakterzeichnung. Die Musik ist gnadenlos subjektiv, wenn etwa der knappe Wortwechsel zwischen Lola und Turriddu vor der Kirche in Santuzzas und unseren Ohren zu einem altertümelnden Walzerlied mutiert. Vielleicht liegt gerade darin auch der emotionale Reiz des Werkes.

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Kennst Du, lieber Areios, die von Mascagni selbst gestaltete Einspielung? Denn über den Verismo der "Cavalleria" läßt sich eigentlich nur auf Basis dieser Fassung diskutieren. Was man später meist hört, sind quasi puccinisierte Versionen (ich bekenne stets, daß ich sie trotzdem faszinierend finde). Doch Mascagni selbst strebte offenbar weder nach ästhetisierender Eleganz noch nach wozzekscher Brutalität.
      ______________________

      Homo sum, ergo inscius.


    • Sehr hörenswert, wenn ich das nach all den Jahren noch richtig in Erinnerung habe.

      Schön, dass es nun einen Thread zu einer meiner Lieblingsopern gibt, mit der ich trotzdem immer auch quer liege. Und das sind manche der Stellen, die Areios oben erwähnt hat. Das Vorspiel, von dem ich eigentlich nur die ersten Minuten mit ihrer impressionistischen Schilderung des frühen Morgens schön und auch berührend finde, dann die scheinbar endlosen Chöre, bis sie denn nun endlich mal in der Kirche sind, das Intermezzo, je nach meiner Stimmung.

      Aber dann die 5 Protagonisten! Sobald sie auftreten, hat die ganze Szenerie solch eine Dramatik, solch eine karge, unerbittliche Wucht, die mich immer wieder mitreißt. (Wenn die Sänger entsprechend sind. ;) ) Das ganze Geschehen zwischen diesen Fünfen spult sich mit einer Zwangsläufigkeit und Geradlinigkeit ab, die einen doch wirklich in Bann schlägt.

      Inwieweit das Verismo ist, jenseits der Anhaltspunkte, die Ulrich Schreiber aufzählt? Ich glaube, es ist zunächst einmal eine Art szenischer Verismo, wobei ich jetzt nicht von den folkloristischen Einsprengseln rede. Auch die 'Siciliana' gehört für mich eher in einen traditionell-koloristischen Rahmen (auch wenn sie einfach schön ist ^^ ). Aber das Geschehen zwischen den Fünfen, die pure, unverbaute Leidenschaft, dieses wirklich aus dem 'Dreck' des Lebens Kommende, das wäre für mich dann schon Verismo. Halt bis auf den melodramatischen Schluss.

      Verismo auch im Gesang. Mascagni selber hat ja gesagt (ich zitiere hier sehr aus dem Gedächtnis): 'Der Sänger soll nicht schön singen, er soll schreien, schreien, schreien.' Und genau das könnte hier fast ausreichen. ;) Es geht eben nicht mehr um den regelhaften Belcanto, nicht mehr um den ausdrucksvollen, aber immer noch wohlklingenden Verdi-Gesang. Hier steht der Ausdruck eindeutig im Vordergrund und die Beherrschung traditioneller Gesangstechnik ist nicht mehr von Bedeutung. Zudem ist ihre Arie nicht mehr nach dem klassischen Schema aufgebaut, es fehlen die einst geliebten Verzierungen, die geforderte Höhe ist verkürzt, weil nun mit Bruststimme zu singen und selbst ein wirklicher Schrei, noch undenkbar selbst beim späten Verdi, wäre erlaubt. Ähnliches gilt für außermusikalische Ausdrucksmittel wie Stöhnen, Schluchzen, Weinen. Da ist diese Oper dann wirklich Verismo.

      :wink: Wolfram
    • Waldi schrieb:

      Denn über den Verismo der "Cavalleria" läßt sich eigentlich nur auf Basis dieser Fassung diskutieren. Was man später meist hört, sind quasi puccinisierte Versionen (ich bekenne stets, daß ich sie trotzdem faszinierend finde). Doch Mascagni selbst strebte offenbar weder nach ästhetisierender Eleganz noch nach wozzekscher Brutalität.
      Lieber Waldi, ich höre die Aufnahme, allerdings nur 'nebenbei', während ich mich bei Capriccio tummele.

      Die Einspielung scheint mir schon so, wie du sie beschrieben hast, aber irgendwie habe ich auch das Gefühl, dass das vielleicht auch altersbedingt ist. Weder Gigli noch Mascagni waren im jugendlich- oder mindestens vollstrotzenden Alter. Auch wenn die vorhergehende Ansprache des Komponisten voller zeitgenössischem Pathos ist, mag er durchaus 'altersweich' geworden sein. Ein Hauch von Verklärung des eigenen Werkes mag also darüber liegen.

      Ich glaube, dass das Werk viel mehr 'wozzekscher Brutalität' verträgt und vielleicht auch bedarf, um diesen entschiedenen Verismo-Charakter, der in einzelnen Passagen ja vorhanden ist, auch deutlich zu machen, dabei aber kein Melos à la Puccini!

      :wink: Wolfram
    • Schön, dass Du für diese Oper einen Thread eröffnet hast!

      Ich bin ja wahrlich kein Freund der italienischen Oper, aber die Cavalleria mag ich! (wenngleich ich den Bajazzo natürlich viel höher einschätze).

      Ich finde die Siciliana wunderschön, mag die Chorszenen (für mich eine einfach schöne Schilderung des Ostermorgens, auch wenn da "nix" passiert) und wenn man da gute Sänger hat (zB Waltraud Meier + Peter Seiffert, oder vor zwei Jahren der völlig unterschätzte Boldizsár László), dann kommt die Oper schon wirklich gut rüber. Was das Besondere am vielgerühmten Intermezzo ist, hat sich mir allerdings noch nicht erschlossen.

      Dass Turiddu und Lola was miteinander haben, ist für mich eigentlich sonnenklar, darüber hab ich nie nachgedacht. (in der Wiener Inszenierung von Ponnelle zeigt sich Turriddu ganz zu Beginn auf Lolas Balkon; wenn ers schafft, springt er dann von dort auf die Bühne).
    • Sadko schrieb:

      Dass Turiddu und Lola was miteinander haben, ist für mich eigentlich sonnenklar, darüber hab ich nie nachgedacht. (in der Wiener Inszenierung von Ponnelle zeigt sich Turriddu ganz zu Beginn auf Lolas Balkon; wenn ers schafft, springt er dann von dort auf die Bühne).

      Ich kann eigentlich weder im Text noch in der Musik irgendwelche Anhaltspunkte dafür erkennen, dass die beiden wirklich was miteinander haben. Es mag ja sein, dass Turiddu ihr Haus umschleicht und vor ihrem Balkon Sicilianen singt,* weil er nicht darüber hinweg ist, dass sie ihm die Treue gebrochen hat, aber ob er dabei zum Ziel gekommen ist, ist m.E. sehr zweifelhaft. Lola wirkt auf mich bei ihren spärlichen Auftritten eher unverbindlich flirty, als ob sie sich wegen des Einflusses, den sie auf Turiddu ausüben kann, geschmeichelt fühlte und damit ein bisschen spielen wollte (und vielleicht Santuzza ärgern), ohne aber deshalb ihre Ehe gefährden zu wollen. Das Dreiecksgespräch Turiddu-Lola-Santuzza klingt überhaupt nicht danach, als hätten zwei der Teilnehmer gerade eine Nacht miteinander verbracht oder als hätte Lola echtes Interesse an Turiddu.

      * Was freilich genügt, um Alfios Ehre zu beflecken und Santuzzas Eifersucht zu rechtfertigen.
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Daß Turiddu mit Lola etwas hat, erfahren wir in der Oper nur durch Santuzza: "Lola e Turiddu s'amano". Daß das jedoch keine Einbildung ist, geht aus der Novelle Giovanni Vergas hervor (siehe die Inhaltsangabe bei Wikipedia: "Turiddu diviene l'amante di Lola"). Die Drastik der Prosa-Urform (1880) war schon in Vergas eigener Umformung für die Bühne (1884) etwas abgeschwächt und erfuhr in der Oper dann eine weitere Milderung ins Sentimental-Melodramatische.
      Auch Ulrich Schreiber spricht dezidiert von Ehebruch.
      ______________________

      Homo sum, ergo inscius.