MASCAGNI: Cavalleria rusticana - Kommentierte Diskographie

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    • MASCAGNI: Cavalleria rusticana - Kommentierte Diskographie

      Meine Lieben,

      Am anderen Ufer wurde einmal in etwa bemerkt, daß das wahre Feuer der "Cavalleria" der Live-Atmosphäre bedürfe, nicht des Studios. Zwar würde ich das nicht so einfach unterschreiben, aber bedenkenswert ist diese Feststellung doch. Einen eigenen Reiz hat das direkte Bühnengeschehen schon, obwohl oder weil da auch Unebenheiten passieren und das künstliche Glätten entfällt, das bei manchen Studio-Aufnahmen sicher die Erregung dämpft. Ergo ein Hinweis auf einen Livemitschnitt aus Buenos Aires von 1968, erschienen 2004 bei MYTO:



      Die Tonqualität ist zwar nicht auf professionellem Niveau, aber doch besser als bei vielen illegalen Aufnahmen. Das absolute Erlebnis ist ein ausgezeichneter, bestens disponierter Carlo Bergonzi als Turiddu, der die Intensität voll spüren läßt (und erst zum Schluß ganz leichte Ermüdung zeigt). Schade, daß die junge Grace Bumbry da nicht richtig mithalten kann. Die Partie "sitzt" noch nicht vollkommen, gute Momente (besonders die dramatischen) wechseln mit etwas mühsamen, einige Schärfen stören - letztlich bei allem Talent eine durchwachsene Leistung.
      Wesentlich besser gefällt mir das Dirigat von Juan Emilio Martini, der auch bemüht ist, ein paar Mal durch langsamere Tempi den Sängern entgegenzukommen, aber im richtigen Moment aufdreht. Giampiero Mastromei (Alfio) beginnt eher schwach und wird dann besser, bleibt aber insgesamt durchschnittlich, während Gina Lotufo als Lola und Luisa Bartoletti als Lucia gute Repertoirequalität bieten.

      Nun offeriert der Markt eine Reihe sehr guter "Cavalleria"-Interpretationen und einige ganz hervorragende (z.B. Tullio Serafin, namentlich mit Callas und di Stefano), sodaß ich Einsteigern die besprochene Edition nicht primär ans Herz lege. Aber für fortgeschrittene Sammler ist sie sicher interessant (und nicht teuer obendrein).

      Liebe Grüße

      Waldi
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      Homo sum, ergo inscius.
    • Die Oper Cavalleria Rusticana ist in meiner Sammlung mehrfach vertreten. Meine liebste Aufnahme ist diese hier



      [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/5102EY51DYL._SS500_.jpg]



      Besonders gut gefällt mir Agnes Baltsa als sehr ausdrucksstarke Santuzza und auch Domingo als Turiddu. :juhu: :juhu:

      Da in dieser Oper auch der Chor eine große Rolle spielt, möchte ich auch den Chor der Covent Garden Opera erwähnen, der mir sehr gut gefällt.

      Juan Pons als Alfio ist vom Timbre her nicht ganz mein Fall, da ziehe ich Renato Bruson, den ich von einer anderen Aufnahme kenne, vor.



      LG :wink: Ramona


    • Eine Polydor-Querschnitt-Aufnahme von 1961, 2005 neu herausgebracht (mit dem "Bajazzo" kombiniert). Ich war eigentlich nur neugierig, wie denn Franz Marszalek, den ich nur von der Operette her kannte, diese Aufgabe bewältigt. Was soll ich sagen? Vergeßt den Operettendirigenten, er war ein Genie der Oper!!! Ich habe mir die Platte immer wieder aufgelegt und kam nicht davon los. Die deutsche Sprache stört hier überhaupt nicht, der Kölner Rundfunkchor und das Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester sind superb, und wie sich Marszalek in diese Musik einfühlt, ist phänomenal. Dazu kommen Ingeborg Exner (1922-1979) als Santuzza und Sándor Kónya (1923-2002) als Turiddu, die das ungemeine Niveau dieser Jahre deutlich machen und ungeachtete einiger Unebenheiten großartig interpretieren, ohne zu übertreiben oder die Form über den Ausdruck zu stellen. Wie schade, daß es nur Higlights sind!

      Liebe Grüße

      Waldi
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      Homo sum, ergo inscius.
    • Meine Lieben!

      Es ist zwar eine ältere Einspieleung der Cavalleria, aber was Giuletta Simionato als Santuzza und Franco Corelli als Turrifdu machen ist explosives Theater, mit Schöngesang. :juhu: :juhu:



      Immer wieder wird behauptet, dass Franco Corelli ein Schreier gewesen ist, hätten wir heute unter den Tenören nur einen solchen "Schreier", dann wäre die Oper schon "gerettet".

      Liebe Grüße sendet Euch Euer Peter aus Wien. :wink: :wink: :wink:
    • Hallo Peter,

      hinweisen möchte ich noch auf eine Film-Aufzeichnung der "Cavalleria" einer Aufführung von Ravenna aus 1996, leider nur aus den USA erhältlich.

      Damals sangen unter dem Dirigenten Riccardo Muti Waltraud Meier und Jose Cura die Hauptrollen. Den Namen des Sängers des Alfio habe ich nicht im Kopf. Es war ein großartiges Singen und auch Spielen. :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: Ich habe Jose Cura noch nie besser gesehen und gehört, ich finde, er war die Ideal-Besetzung des Turridu zu dieser Zeit, irgendwie der geborene Macho. Dasselbe kann ich auch von Waltraud Meier als Santuzza sagen (natürlich nicht das mit dem Macho, grins). Besonders das intensive Zusammenspiel wird mir immer in Erinnerung bleiben.

      Eine großartige Aufführung, Ausschnitte sind auch im YouTube zu bewundern.


      Liebe Grüße aus München

      Kristin :wink: :wink:
      Vom Ernst des Lebens halb verschont ist der schon der in München wohnt (Eugen Roth)
    • Musikkristin schrieb:

      Ich habe Jose Cura noch nie besser gesehen und gehört, ich finde, er war die Ideal-Besetzung des Turridu zu dieser Zeit, irgendwie der geborene Macho. Dasselbe kann ich auch von Waltraud Meier als Santuzza sagen (natürlich nicht das mit dem Macho, grins). Besonders das intensive Zusammenspiel wird mir immer in Erinnerung bleiben.


      Vielen Dank, Musikkristin, für den Hinweis, scheint in der Tat eine ganz gute konventionelle Aufführung gewesen zu sein.. Ich muss allerdings widersprechen was José Cura betrifft. Gerade weil er so eine phänomenal aus dem Körper UND Kopf singende und agierende Partnerin hat, sieht man seine Steifheit in der Bewegung, seine Larmoyanz in der Auffassung der Figur und seine immer etwas zu allgemeine, ergo 'dumme' Spielweise um so deutlicher. Auch wenn er als Typ passen mag.

      Ich bin indes besonders zu Dank verpflichtet daran erinnert zu werden was Waltraud Meier für eine großartige Sängerdarstellerin ist/war. Gerade damals in den Neunzigern hab ich sie relativ oft gesehen, aber nicht in dieser Rolle, die sie wunderbar erfüllt.
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      Musica est exercitium metaphysices occultum nescientis se philosophari animi
    • Recordatorio schrieb:

      Gerade weil er so eine phänomenal aus dem Körper UND Kopf singende und agierende Partnerin hat, sieht man seine Steifheit in der Bewegung, seine Larmoyanz in der Auffassung der Figur und seine immer etwas zu allgemeine, ergo 'dumme' Spielweise um so deutlicher.
      Hallo Recordatorio,

      bezüglich der großartigen Waltraud Meier stimme ich voll und ganz mit Dir überein, sie ist die Stärkere. Allerdings finde ich , daß Cura hier keine Spur von Wehleidigkeit hatte, seine üblicherweise, so auch hier, vorhandene Arroganz wunderbar zum abweisenden Turridu passt und nicht dumm gespielt ist, wohlbemerkt ich bin kein Cura-Fan.

      Ich finde sie beide faszinierend, es ist meine Lieblings-Cavalleria (trotz Corelli, den ich viel lieber mag als Turridu).

      Viele Grüße aus München

      Kristin :wink:
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    • Musikkristin schrieb:

      Allerdings finde ich , daß Cura hier keine Spur von Wehleidigkeit hatte, seine üblicherweise, so auch hier, vorhandene Arroganz wunderbar zum abweisenden Turridu passt und nicht dumm gespielt ist
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    • Musikkristin schrieb:

      Allerdings finde ich , daß Cura hier keine Spur von Wehleidigkeit hatte, seine üblicherweise, so auch hier, vorhandene Arroganz wunderbar zum abweisenden Turridu passt und nicht dumm gespielt ist


      Ich möchte das mal nicht mit dem achselzuckenden Gestus des "Geschmäcker sind halt verschieden" stehen lassen, weil ich glaube, szenische Vorgänge haben ihre Wahrheit und Angemessenheit auch diesseits der schieren Geschmacks-Dimension. Und weil man das was ich mit 'dumm' und wehleidig meine, auch ganz gut der Aufzeichnung illustrieren kann (wobei ich mich wie gesagt nur auf die youtube-Ausschnitte beziehen kann).

      Also: in dem Duett mit Santuzza spielt José Cura plausiblerweise, dass bei Turridu noch eine Restattraktion/Zuneigung/whatever gegenüber Santuzza vorhanden ist, das ist auch eine gute Entscheidung (des Darstellers u/o der Regie), weil sonst nicht motiviert werden kann warum er nicht gleich hinter Lola hinterhergeht. ABER: damit wir hier einen wahrhaftigen Vorgang haben, müssen wir natürlich klar erkennen wie sich dieses 'Etwas' äußert, um zu erkennen was es ist. Nun scheint er vor dem Auftritt der Lola zu spielen: "will eigentlich nix von dieser Frau [Santuzza], aber sie ist schon noch attraktiv/riecht gut/rührt mich". Das z. B. spielt er an der Stelle wo sie ihn das erste Mal bittet, sie zu töten. Waltraud Meier singt und spielt das wunderbar, nämlich nicht etwa als Provokation oder als bloße Verzweiflung, sondern wirklich als plötzlich erkannten 'Ausweg', eine Art Perpetuierung der Liebe im Tod. Und er? Ist davon, wie gesagt, 'erweicht', verführt, whatever, bis plötzlich die Celli aufsteigen in dieser jähen Geste und er sie beim Arm packt und auf einmal sein "Reiz mich nicht, ich bin nicht dein Sklave" wiederholt. Diese Wiederholung ist bei ihm einfach unmotiviert. Es ist weder zu erkennen dass es ihm entweder (a) schlicht zu viel wird (er die erweckten Gefühle nicht mehr aushält), oder er (b) etwas erkennt über das Tragische ihrer Lage und es abwehrt, oder (c) einfach der verführerische Moment vorbeigeht... es ist einfach nur eine einstudierte Operngeste.

      Zweites Beispiel, etwas später. Lolas Gesang erklingt hinter der Szene. Waltraud Meier spielt das großartig: das Ihn-Belauern, aber auch die PEinlichkeit, die Fassungslosigkeit, all diese Valeurs. Er spielt ein bisschen, dass es ihm peinlich ist (soweit o.k.), dann aber versucht er die Konfrontation mit Santuzza anzunehmen und rollt mit den Augen - etwas, das dieser Cura gerne macht, was Du, Musikkristin, vermutlich als "machohaft" bezeichnen würdest, was mich aber nur zum Lachen reizt, weil ich daran nichts erkenne als Effektschinderei. "Ich bin emotional!" scheint dieses Augenrollen zu sagen. Aber in welcher Weise? Spielt er ihr vor dass er entschlossen ist an ihr vorbeizugehen? Spielt er ihr vor dass sie ihn wütend macht? Ist er wütend? Ich erkenne nichts...

      Drittes und letztes Beispiel: Die Passagen kurz vor dem Ende des Duetts (nach Lolas Abgang), wenn sie ihn anfleht. Wieder spielt Cura, dass Turridu 'weich' wird. Aber hier vollends spielt er es auf eine Weise, die ich nicht umhin kann, 'larmoyant' zu nennen. Es sieht fast aus, als ob er gleich weinen will. Aber wieso? Wenn dieser Turridu ein Typ ist der einfach sehr emotional, nah am Wasser gebaut ist, dann passt dies nicht zu seinem sonstigen Verhalten. Wenn es eine Art Erinnerung sein soll ("Es war doch eigentlich ganz schön mit ihr"), dann ist es die falsche emotionale Reaktion (darstellerisch), denn dann müsste es eher etwas Zärtliches haben, gemischt mit Widerstreben. Ich glaube sogar, dass er letzteres spielen will. Aber: heraus kommt doch eher, dass er "gerne würde" (zu ihr zurückkehren nämlich) aber "nicht kann" (warum auch immer; schließlich ist ja nicht sie die verheiratete Frau). Er spielt es, als wäre er ein Mann der etwas weiß was ihn hindert, dieser Frau zu willfahren, es ihr aber nicht sagen kann - und daran leidet. Nichts aber entspricht weniger dieser Szene und dieser Figur.

      So - das war jetzt lang, aber wenn man solche Dinge wirklich besprechen will, kommt man um eine gewisse Länge eben nicht drumrum. Und ich habe mich ja schon auf wenige Details beschränkt; bei der Szene mit der Mutter etwa ist es noch übler ;+)

      Nichts für ungut, wie gesagt; ich finde er singt ganz gut, und er spielt sicher besser als der 0815-Opernsänger. Aber er spielt eben nicht wirklich gut, und das wird neben so einer Partnerin extrem sichtbar und ich fühle mich ihr, aber natürlich v. a. dem Stück gegenüber fast 'verpflichtet', das dann auch so zu benennen.

      Danke für den Seh-Tipp :rolleyes:
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    • Hallo Recordatorio!


      In viellen Belangen hast Du Recht, aber der Turrido ist José Curas beste Leistung [natürlich wenn man eine Partnerin wie Waltraus Meier hat], er wirkt für keinesfalls so als würde er weinerlich sein. Hier zeigt er, dass er auch Singen konnte und Darstellen [was ja nach seinen eigenen Aussagen für ihn wichtig ist],

      nur merkte ich von dem, im Februar 2010 nichts davon, denn als Cavaradossi war er mehr als peinlich, hier ist er, für mich, packend und diese Partie ist "seine" Partie auch an der WStO gewesen, wenn er nur nicht so einen baritonalen Tenor hätte.

      Liebe Grüße sendet Dir Peter aus Wien. :wink: :wink:
    • Recordatorio schrieb:

      dann aber versucht er die Konfrontation mit Santuzza anzunehmen und rollt mit den Augen - etwas, das dieser Cura gerne macht, was Du, Musikkristin, vermutlich als "machohaft" bezeichnen würdest, was mich aber nur zum Lachen reizt, weil ich daran nichts erkenne als Effektschinderei.
      Lieber Recordatorio,

      nein, das wäre jetzt schon sehr wenig, am Augenrollen einen sog. Macho erkennen zu wollen. Ich kann's Dir nicht sagen, der ganze Typ strahlt den Macho aus und ich glaube gar nicht, daß das Effektschinderei ist. Diesen Typ von Mann spielt er ja öfter, z.B. teilweise als Cavaradossi oder auch als Calaf (da ist es teilweise schwer erträglich), ich glaube, das liegt in ihm. Es hat auch was mit einer gewissen (privaten?) Selbstverliebtheit zu tun, meine ich.

      Recordatorio schrieb:

      Wieder spielt Cura, dass Turridu 'weich' wird. Aber hier vollends spielt er es auf eine Weise, die ich nicht umhin kann, 'larmoyant' zu nennen. Es sieht fast aus, als ob er gleich weinen will. Aber wieso? Wenn dieser Turridu ein Typ ist der einfach sehr emotional, nah am Wasser gebaut ist, dann passt dies nicht zu seinem sonstigen Verhalten. Wenn es eine Art Erinnerung sein soll ("Es war doch eigentlich ganz schön mit ihr"), dann ist es die falsche emotionale Reaktion (darstellerisch), denn dann müsste es eher etwas Zärtliches haben, gemischt mit Widerstreben. Ich glaube sogar, dass er letzteres spielen will. Aber: heraus kommt doch eher, dass er "gerne würde" (zu ihr zurückkehren nämlich) aber "nicht kann" (warum auch immer; schließlich ist ja nicht sie die verheiratete Frau).
      Trotzdem spielt Cura einen zerrissenen Mann, sein Turrido ist nicht eindimensional, ganz gewiss nicht. Ich nehme ihm ab, daß er für Santuzza noch viel empfindet und es ihm nicht so leicht fällt, sich von ihr zu trennen, aus welchen Gründen auch immer.

      Ich danke Dir sehr für Deine ausführlichen und interessanten Äußerungen. Und nun hätte ich noch eine Bitte: Kennst Du eine Aufnahme (möglichst eine DVD) mit einem Sänger, bei dem Du das Gefühl hast, er spielt und singt wahrhaftiger? Das würde mich sehr interessieren.
      Ich habe jetzt gerade bei YouTube den Placido Domingo mit Fiorenza Cossotto angesehen, der spielte den Turrido viel weniger zerrissen, der schien mir entschiedener.

      Liebe Grüße aus München

      Kristin :wink: :wink:
      Vom Ernst des Lebens halb verschont ist der schon der in München wohnt (Eugen Roth)
    • Liebe Kristin!

      Da ich mir eben die Aufnahme ansehe - JA - Du hast Recht, José Cura hat eine enorme Selbstverliebtheit, nicht nur als Turridu, auch als Cavaradossi [da war es kaum erträglich gewesen],

      aber als ganzes Werk ist diese "Cavalleria" doch eine der Besten die ich gesehen habe - und das waren nicht wenig. [Wenn ich da an die italienische Aufführung in den angehenden 60er Jahren denke mit Karl Terkal und Hans Braun, erfasst mich noch heute ein gelindes Grausen].

      Waltraud Meier reißt ihn mit, und er kann gar nicht anders als mitgerissen sein, aus welchen Gründen die Beziehung zu Santuzza auch noch besteht.

      Liebe Grüße sendet Dir Peter aus Wien. :wink: :wink:
    • Musikkristin schrieb:

      Kennst Du eine Aufnahme (möglichst eine DVD) mit einem Sänger, bei dem Du das Gefühl hast, er spielt und singt wahrhaftiger? Das würde mich sehr interessieren.
      Ich habe jetzt gerade bei YouTube den Placido Domingo mit Fiorenza Cossotto angesehen, der spielte den Turrido viel weniger zerrissen, der schien mir entschiedener.

      Liebe Kristin, leider kenne ich gar keine Cavallerias auf DVD, bin eh kein sehr intimer Kenner des Werks (vorhin habe ich z. B. geschrieben: "Aufstieg der Celli" und dann still und heimlich überlegt: "Sind es vielleicht doch Violinen?" ;+) ) und habe es nur ein einziges Mal in Berlin auf der Bühne gesehen. Bei der Domingo-Cossotto-Aufnahme sieht man natürlich sofort, dass es sich um unendlich altmodischere Opernregie und auf eine Art auch altmodischere Sänger-Darsteller handelt, das ist natürlich qualitätsmäßig gar kein Vergleich zu der andern Einspielung. Immerhin finde ich, dass Domingo - bei aller Statuarik und konventionellem "Opern-Gespiele" - diese Selbstverliebtheit von Cura, von der Du treffend sprachst, nicht auf diese bestimmte für mich eben tendenziell larmoyante Weise ausstrahlt. Bei Cura habe ich das Problem, dass eine private Selbstverliebtheit des Sängers - die man sehen kann - sich partiell umsetzt in so was wie Selbstmitleid der Figur, was eben nicht passt m. E. Und dieses Selbstmitleid hat Domingos Turridu gar nicht, er wirkt einfach ein bisschen unwirsch, dass er jetzt hier mit dieser 'Alten' sich noch auf der Bühne rumschlagen muss; letztlich ist mir das fast lieber ;+) (denn das, by the way, wäre WIRKLICH "machohaft").

      oper337 schrieb:

      aber als ganzes Werk ist diese "Cavalleria" doch eine der Besten die ich gesehen habe

      Das glaub ich Dir und Deiner riesigen Opernerfahrung sofort, Peter. Man sieht beim ersten Hingucken, dass es eine gründlich gearbeitete Inszenierung mit hervorragender Sängerführung ist, davon profitiert ja wie gesagt auch Cura.

      oper337 schrieb:

      Waltraud Meier reißt ihn mit, und er kann gar nicht anders als mitgerissen sein, aus welchen Gründen die Beziehung zu Santuzza auch noch besteht.

      Ein wunderbares Schlusswort dieses Teilthemas! Die Meier ist hier wirklich großartig, und ich sage mal zur Verdeutlichung: bei ihr sieht man eben nichts 'Privates', alles ist Figur, und die ist grundverschieden von z. B. ihrer Kundry oder ihrer Dalila, die ich in Erinnerung habe..
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    • Dass man die Cavalleria Rusticana nicht nur mit den Pagliacci kombinieren kann, haben die Verantwortlichen der MET bereits am 10.04.1937 bewiesen. Für ein Gastspiel in Boston standen neben der Mascagni-Oper auch noch Hänsel und Gretel und die Fledermaus auf dem Spielplan, wobei letztere als Ballett gegeben wurde. Merkwürdig? Ja, schon, aber irgendwie auch ein (langer) Abend für die ganze Familie!

      Ohne viel zu erwarten, habe ich in diesem alten Mitschnitt eine der besten mir bekannten Aufnahmen der Cavalleria Rusticana gefunden.

      Großen Anteil daran hat der Dirigent. Die von Gennaro Papi gewählten Tempi sind insgesamt eher zügig, entscheidend ist aber, wie straff Papi hier das Ensemble zusammenhält. Das MET-Orchester spielt sehr akzentuiert; es gibt kaum Momente der Ruhe, mal ist das Tempo aberwitzig schnell, dann aber auch manchmal rumpelnd langsam. Besonders bemerkenswert ist der Spannungsaufbau bei dem sonst oft so weihevollen Regina Coeli, das Papi mit einem Accellerando zu einem echten Höhepunkt steigert. Und der Dirigent hat nicht nur einen Plan von dem dem, was er tut, sondern das gesamte Ensemble folgt ihm bei den zum Teil erheblichen Tempoverschiebungen mit bewundernswerter Präzision. Von Routine keine Spur! Und beim Hören stellt sich das Gefühl ein: Genau so muss diese Oper gespielt werden!

      Wie der Ansager Milton Cross mitteilt, hätte die Rolle der Santuzza eigentlich Rosa Ponselle singen sollen, die aber erkrankte, so dass man kurzfristig Ersatz organisieren musste: Elisabeth Rethberg, noch am Tag der Aufführung mit dem Schnellzug herbeigeschafft, hat sich in diesem für sie nicht ganz typischen Repertoire gut eingefunden und kann mit ihrer warmen, ausgeglichenen Sopranstimme durchaus gefallen. Das sizilianische Vollweib liegt ihr weniger. Was man konstatieren muss: Rethberg kann einfach besser singen als schreien. Wenn sie letzteres versucht, wirkt das nicht authentisch. Derartige Effekte setzt Rethberg erfreulicherweise auch nur sparsam ein.

      Sidney Rayner, heute praktisch vergessen, war kein sehr feinsinniger Sänger. Den Turiddu legt er weniger als Charmeur denn als Brutalo an und produziert stetige, massive Fortetöne, diese aber von hoher Attraktivität. Die Stimme kann sich auf jeden Fall hören lassen. Sängerisch ist er ziemlich diszipliniert, ohne aber dabei dröge zu werden. Allenfalls in der Siciliana fallen durch zu gepresstes Singen etwas eingetrübte Vokale auf.

      Der Chilene Carlo Morelli, Bruder des etwas berühmteren Bariton-Tenors Renato Zanelli, entledigt sich – zulässigerweise – seiner Aufgabe als Alfio in gleichermaßen uneleganter wie eindrucksvoller Art.

      Anna Kaskas (Mamma Lucia) und Irra Petina (Lola) vervollständigen das Ensemble.

      Auf der oben abgebildeten Doppel-CD befindet sich noch eine weitere Liveaufnahme aus der MET (Alberto Erede mit Milanov und Tucker, 1951), die aber m.E. nicht weiter bemerkenswert ist.


    • Santuzza: Fiorenza Cossotto
      Turridu: Carlo Bergonzi
      Lucia: Mariagrazia Allegri
      Alfio: Giangiacomo Guelfi
      Lola: Adriane Martino

      Coro e Orchestra del Teatro alla Scala

      Herbert von Karajan

      (1965)


      Der Herbert hat’s ja beim heutigen Hörer (und auch bei mir) oft nicht leicht. Wer seine Einspielungen allerdings kategorisch ablehnt, der macht nicht selten etwas falsch, hat er doch immer wieder einmal ganz Großartiges vorgelegt.
      Dazu gehört – wie ich finde – seine Mailänder Einspielung der „Cavelleria Rusticana“ aus dem Jahre 1965.
      Riccardo Chailly hat Richard Osborne in einem Gespräch einmal gesagt, diese „Cavalleria“ (und der zeitgleich entstandene „Bajazzo“, ebenfalls mit Bergonzi) hätte aufgrund ihrer außergewöhnlichen Qualität in Italien dazu geführt, die Rezeptionsgeschichte der Werke in zwei Perioden aufzuteilen: „Vor-Karajan“ und „Nach-Karajan“.

      Ich habe sie schon recht lange, habe vieles im Vergleich gehört und muss sagen, dass mich keine mehr überzeugt. Das liegt nicht nur an den Sängern, obwohl die beiden Zugpferde der Aufnahme - Fiorenza Cossotto und Carlo Bergonzi - mich durch die Bank weg überzeugen. In erster Linie finde ich jedoch Karajans Zugriff auf die Partitur als sehr gelungen. Die veristische Vielfältigkeit dieser Musik, ihre Leidenschaftlichkeit, die Tendenz zur großen Emotion, zur nicht selten rückungsartigen Konfrontation der unterschiedichsten Stimmungen, ihr Geschmack nach Technicolor: all das ist ein Tummelplatz für den Klangmagier Karajan, der mit dem Orchestra del Teatro alla Scala hier wirklich jedes Register zieht und ziehen darf.

      Daneben kann Karajan in der Tat auf die Darstellungskraft seiner beiden Hauptdarsteller setzten. Beide waren im Aufnahmeherbst des Jahres 1965 offensichtlich in bester Form.

      Bergonzi singt butterweich, stahlend, elegant. Sein Turridu ist ein Womanizer wie er im Buche steht. Elegant, lässig, charmant, macho und ohne jegliches Verantwortungs-oder Schuldbewusstsein. Man kann schon verstehen, wie die er die Mädels um den Finger wickelt. Sein „Opfer“ Santuzza wird von der hier wahrlich grandiosen Fiorenza Cossotto trefflich als tief verletzte und aus der Verletzung heraus rasende Frau dargestellt. Doch sie ist nicht bloß Megäre. Ganz großartig gelingt es ihr die Entwicklung vom niedergedrückten Hascherl zur rächenden (Gerechtigkeit übenden?) und zu fürchtenden (weil immer noch liebenden) Gegenerin darzustellen (großartig ihr Ausbruch „A te la mala Pasqua, spergiuro!“). Das Werkzeug ihrer Rache, Alfio, wird von Giangiacomo Guelfi als sehr maskuliner Gehörnter portraitiert. Er ist ein stimmliches Kraftpaket und es kommen nicht einen Moment lang Zweifel daran auf, wer am Ende den Ort des Zweikampfes nicht mehr lebend verlässt.

      Wäre ich der gute Hurwitz, mein Urteil lautete 10/10.

      :wink: Agravain
    • Erst vor wenigen Wochen habe ich das Werk und meine Lieblingseinspielung, dieselbe, die auch Agravain so schätzt, in meinem Osterrätsel vorgestellt. Da nunmehr diesenrThread zum Werk, in dem der Text weit besser aufgehoben ist, wieder belebt wurde, kopiere ich mal eine leicht überarbeitete Version meines Lösungstextes hierher:

      Selten war ein Wettbewerb folgenreicher als der zweite um den besten Operneinakter, den der Verleger und Intendant Edoardo Sonzogno 1989 ausrichtete. Der erste von 1883 hatte noch für Sonzogno negative Folgen gehabt, weil Puccini, der LE VILLI eingereicht hatte, keinen Preis gewann und deshalb zu Sonzognos Konkurrenten Ricordi ging. Das Jahr 1989 aber erwies sich als ein Volltreffer, denn mit GINA, dem ersten Versuch Francesco Cileas, MARINA, der Einreichung Umberto Giordanos, des jüngsten Komponisten, der zwar nur Sechster wurde, aber dennoch einen Anschlussauftrag erhielt, und natürlich Leoncavallos PAGLIACCI, der jedoch als Zweiakter nicht qualifiziert war, und dem glorreichen Sieger CAVALLERIA RUSTICANA von Pietro Mascagni, traten nicht nur gleich vier bedeutende Komponisten ins Licht der Öffentlichkeit, sondern schlossen sich auch alle führenden Vertreter einer neuen Stilrichtung seinem Musikverlag an, die man später, in Anlehnung an parallele Bestrebungen der Kunst und Literatur um einen neuen Realismus, Verismo nannte.

      Standen in den ernsten Werken der Musikbühne bislang fast immer nur Fürsten oder anderweitig besonders herausragende Menschen im Zentrum des symbolisch romantisierten Geschehens, deren Interpreten noch Verdi, der dem neuen Trend extrem reserviert gegenüber stand, sogar ein all zu konkretes Husten verbot um eine kreative Distanz zwischen Kunst und der Imitation des Lebens auf der Bühne zu wahren, so konnten plötzlich die Opernhelden nicht mehr lebensnah genug sein und ihre Schicksale nicht mehr grell genug beleuchtet werden. Nicht von ungefähr ist gerade Mascagnis Melodram um ein Stück sizilianischer Bauernehre zu einem Lieblingsstück der besonders bildkräftigen, italoamerikanischen Meisterregisseure geworden, die große Teile des „Intermezzo sinfonico“ in ihren Filmen einsetzten, wie Martin Scorsese in dem Boxerdrama RAGING BULL, wo er auch andere Stücke aus Mascagnis Schaffen einsetzte, und natürlich Francis Ford Coppolas DER PATE III, dessen Finale eine grandiose Paraphrase über die Emotionsdichte dieser Oper ist.

      In einem früheren Leben habe ich den Inhalt der Oper mal in einem Limerick zusammengefasst, auf den ich mich hier beschränken möchte, weil ihr Inhalt hier wohl nicht mehr eigens wiedergegeben werden muss.

      Scheidung auf sizilianisch
      Lola lockt.
      Santuzza bockt.
      Turiddu, der Tor,
      Kriegt Bisse ins Ohr.
      Ausgezockt.

      Ebenso wie die PAGLIACCI Leoncavallos hätte die CAVALLERIA RUSTICANA eigentlich gar nicht zu dem Wettbewerb zugelassen werden dürfen, denn es handelt sich auch bei diesem Drama unübersehbar um einen Zweiakter, der nur durch das Intermezzo zu einem durchgängigen Stück - immerhin mit nur einer Kulisse - verklammert ist. Intermezzi oder Entr'Actes waren zu der Zeit aber überall derart in Mode, dass sie kaum mehr als Einlagen gesehen wurden. Dienten sie nämlich den frühen romantischen Komponisten vor allem dazu, nach einer Pause wieder an das vorangegangene musikalische Geschehen anzuknüpfen, so nutzten die großen Musikdramatiker Weber, Berlioz, Wagner oder Verdi bis hin zu Offenbach und Massenet diese Brücken, um auch die Handlung voran und die emotionale Kurve empor zu treiben, ohne sich all zu sehr mit Details und Dialogen aufhalten zu müssen. Im ausgehenden 19. Jahrhundert waren aus diesen Intermezzi dann regelrechte Tondichtungen geworden, die oft die früher üblichen Ouvertüren ersetzten, weil den Komponisten inzwischen der direkte Sprung in das Geschehen attraktiver erschien als die oft eher distanzierende als einstimmende Ouvertüre. Bezeichnenderweise konnten sich diese Zwischenspiele bald mit viel Erfolg von ihrem Umfeld emanzipieren und eine eigene Erfolgskarriere im Konzertsaal absolvieren. Eindeutig meine Lieblingseinspielung der gesamten Oper, und die sollte man natürlich nicht nur aus diesem Ausschnitt kennen, ist aber, trotz immens starker Konkurrenz, eine Aufnahme, der man mit gutem Grund vorwerfen kann, dass sie gegen das veristische Konzept der Oper selbst dirigiert wurde, weil sie in einem Maße kultiviert ist, als handele es sich um ein alternatives Nachspiel zu LA TRAVIATA:


      Was Agravain im vorigen Posting schrieb, kann ich nur unterstreichen. Wohlklingender und dennoch forscher als die superbe Fiorenza Cossotto, der nie angestrengt wirkende Carlos Bergonzi und vor allem Karajan, der hier, optimal unterstützt von dem großartigen Chor und Orchester der Mailänder Scala, wirklich seinem Ruf als Klangmagier gerecht wird, kann man diese Oper nicht interpretieren, und da die Aufnahme derzeit endlich im Billigpreissektor angekommen ist, kann und sollte sich jeder diese schier unübertreffliche Aufnahme der Oper leisten, und sei es nur um zu sinnlich erfahren, wie sie klingen kann.

      Vielleicht ist Karajans Lösung aber gar nicht so extrem, wie es zunächst erscheinen mag, denn wer sich die alte Aufnahme von 1940 anhört, die Mascagnis selbst mit Benjamino Gigli und der jungen Giulietta Simionato aufnahm, wird mit Erstaunen feststellen, dass auch er das Temperament seiner Partitur enorm zügelte und eher die Musik als die Leidenschaften zum Klingen brachte. Selbst der sonst so gern schluchzende Gigli ist hier ein Vorbild an Zurückhaltung. Sie werden ihre Gründe dafür gehabt und vom KOmponisten selbst mitgeteilt bekommen haben, denn tatsächlich ist die Kitschgefahr bei einem Werk des Verismus um so größer, je hemmungsloser man die, ohnehin schon grell gezeichneten, Leidenschaften ausspielt. Schade, dass die Klangtechnik von Mascagnis Einspielung das nicht vollgültig transportieren kann, wobei ich gestehen muss, dass ich die Naxos - Edition (noch) nicht kenne, weil ich die Aufnahme selbst noch auf alten, zerkratzten und lange nicht mehr gehörten LPs habe:


      Braucht man diese extrem bildhaft komponierte Oper auf DVD? Ich eher nicht. Jedenfalls bin ich mit meiner einzig kommerziell erhältlichen DVD, der von Zeffirelli recht distinguiert verfilmten CAV und PAG unter der Leitung Georges Prêtres, vollauf zufrieden, zumal Pretre und die Solisten Obratzsova, Domingo, Barbieri und Bruson, verglichen mit Karajans Ensemble und Orchesterkultur, vielleicht nicht die idealen, aber durchweg weit besser als zufriedenstellend sind:


      Gerade bei Werken desd Verismo gilt natürlich das "suum quique", aber die Vorgaben des Komponisten selbst sollte man schon ernst nehmen, und ich denke, die hat niemand konsequenter beachtet und besser zum Klingen gebracht als Karajan.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Ramona hatte weiter oben diese Aufnahme sehr gelobt:



      Ich gestehe, ich kann mich mit ihr nicht wirklich anfreunden. Mir scheint es, als habe Sinopoli allen Beteiligten eine reichliche Dosis Sedativa verabreicht, bevor er diese Aufnahme startete. Er tut das, was er mit jedem Werk -egal, ob Oper oder Symphonie- macht: Melodienstränge werden fein säuberlich freigelegt, von allen Seiten beleuchtet und analysiert. Das spricht zwar für den wissenschaftlichen Ansatz dieses ärztlichen Ausnahmedirigenten, aber darüber geht ganz entscheidend das Feuer der Cavalleria verloren.

      Placido Domingo singt einen sehr erwachsenen Turiddu, m.E. viel zu überlegt und fast zu wohltönend. Der -flapsig ausgedrückt- maulige Charakterzug dieses ja doch eher problematischen Jünglings kommt nicht sehr zum Ausdruck. Er wirkt eher unglücklich, und das ist ja nun wirklich kein Merkmal dieser Partie.

      Agnes Baltsa scheint mir ebenfalls wie angebunden; selbst in den Ausbrüchen beider großen Duette (mit Turiddu und mit Alfio) wirkt sie stimmlich und stimmdarstellerisch ganz ungewohnt zivilisiert - das sonst von ihr vielfach verwendete Stilmittel des abrupten Registerwechsels, das hier ausnahmsweise mal nicht fehl am Platze wäre, findet nicht statt. Das macht m.E. gerade die Santuzza uninteressant, denn sie ist ja nun wirklich kein intellektuell-reflektierender Charakter, sondern ihre Darstellung lebt von der ihr selbst wegen der Heftigkeit des Gefühls fast verhaßten übergroßen Leidenschaft.

      Der Alfio von Juan Pons poltert wie in dieser Partie üblich, aber wie alle anderen Mitwirkenden dieser Aufnahme eher blaß-gebremst. Ich kann mir nicht vorstellen, daß der Alfio irgend jemandes Lieblingspartie sein könnte, der Charakter ist auch musikalisch ja eher plakativ; andererseits kann man mit Zügen fast atavistischer Kraft dieser Figur und den anderen Partien schon ein Gesicht geben. Das geschieht hier m.E. bei keinem der Mitwirkenden.

      Das Hören dieser Aufnahme war summa summarum enttäuschend, wenngleich es natürlich immer schlimmer geht. Besser aber auch, siehe die DVD mit Domingo und Obraztsowa, die Rideamus angeführt hat.

      Grüße!

      Honoria
      "...and suddenly everybody burst out singing." (Busman's Honeymoon)
    • Liebe Honoria!

      Agnes Baltsa war mit andern Partnern, an der WStO, die den Turridu sangen, bedeutend besser. Du hast eindeutig Recht, Placido ist zu alt, er hat zwar Temperament, aber nicht ganz so wie man ihn sich wünscht. Da ist die DVD mit Waltraud Meier und José Cura wohl das Beste was ich in den letzten Jahren hörte und gesehen habe. Beim "Anhängstück" dem "Bajazzo" da habe ich meine Schwierigkeiten, mir sagt das Thema nicht so zu.

      Liebe Grüße und Handküsse sendet Dir Peter aus Wien. :wink: :wink:
    • Honoria Lucasta schrieb:

      Placido Domingo singt einen sehr erwachsenen Turiddu, m.E. viel zu überlegt und fast zu wohltönend. Der -flapsig ausgedrückt- maulige Charakterzug dieses ja doch eher problematischen Jünglings kommt nicht sehr zum Ausdruck. Er wirkt eher unglücklich, und das ist ja nun wirklich kein Merkmal dieser Partie.
      Liebe Honoria,

      zu überlegt darf der Turridu in meinen Ohren auch nicht klingen, aber zerrissen (ein Teil von ihm mag vielleicht Santuzza doch noch, er legt sie ja auch am Schluß seiner Mutter "ans Herz").

      Das hat Jose Cura 1996, obwohl ich kein richtiger Fan von ihm bin, sehr überzeugend gesungen und vor allem gespielt. Trotzdem ist und bleibt mein Turridu Franco Corelli, ob mit Simionato oder de los Angeles, da kann ich mich nicht entscheiden.


      Viele Grüße

      Kristin :wink: :wink:
      Vom Ernst des Lebens halb verschont ist der schon der in München wohnt (Eugen Roth)
    • Liebe Kristin,

      ein schlechtes Gewissen mag Turiddu ja haben, aber ich fürchte, geliebt hat er Santuzza nie...sie war halt ein bequemer Zeitvertreib für diesen verwöhnten und nicht sehr arbeitsamen Jüngling :evil:

      Jedenfalls habt Ihr alle José Cura jetzt so oft in dieser Rolle über den grünen Klee gelobt, daß ich die Aufnahme eben bei operpassion bestellt habe. Mal schauen, ob er mich auch so überzeugt. Waltraud Meier wird es als Santuzza ganz gewiß, in der Rolle habe ich sie schon in Bonn auf der Bühne gesehen, und das war großartig. Leider will mir partout nicht mehr einfallen, wer damals der Turiddu war; kann also nicht so wahnsinnig eindrücklich gewesen sein.

      Grüße!

      Honoria
      "...and suddenly everybody burst out singing." (Busman's Honeymoon)