Andrei Tarkovski (1932 - 1986)

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    • Andrei Tarkovski (1932 - 1986)

      Der Solaris-Thread ist gesperrt. Allerdings hat Tarkovski, obwohl er nur 7 Spielfilme gemacht hat, durchaus seinen eigenen Thread verdient.
      Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich Schlegelianer (Tendenz August-Wilhelm) bin. Und zwar, dass ich oft Bezug nehme auf das, was er in seiner 23. Vorlesung über schöne Literatur und Kunst äußert:

      August-Wilhelm von Schlegel schrieb:

      Es wird aber in der Poesie schon Gebildetes wieder gebildet; und die Bildsamkeit ihres Organs ist eben so gränzenlos, als die Fähigkeit des Geistes zur Rückkehr auf sich selbst durch immer höhere potenzirte Reflexionen
      Dies ist m.E. nicht nur auf die Poesie beschränkt, sondern gilt für die Kunst im allgemeinen, insofern sie sich mit "schon Gebildetem", mit geistigen Artefakten, beschäftigt.

      Tarkovski ist einer der größten Filmemacher überhaupt, in einer Liga mit Bergman oder Pasolini. Wie diese beide behandelt er unterschiedliche Themen, und zwar nicht durch bloße Darstellung, sondern mit den Mitteln der Schlegelschen "Bildsamkeit", durch Reflexion des Geistes.

      Es gibt für ein großes Kunstwerk m.E. keine Deutung, sondern höchstens Deutungselemente, die der Anlaß zu "potenzirten Reflexionen" sein können. Dies habe ich wiederholt im Thread über Schuberts Winterreise geäußert. Diese Deutungselemente fügen sich nicht zusammen zu einer eindeutigen Abhandlung; sie können sogar Widersprüche haben. Sie befähigen unseren Geist "zur Rückkehr auf sich selbst". In dieser Hinsicht kann kein großes Kunstwerk "Verpackung einer Botschaft" sein. Der Künstler mag eine Botschaft vermittelt haben wollen; als Kunstwerk wird sie aber transzendiert. Dies ist eben das, was einen Jacques-Louis David von einem Géricault oder Delacroix trennt.

      Genug der Worte; in diesem Thread sollte es um das schöpferische Universum Tarkovskis gehen.

      Abgesehen von ein paar Studentenfilme wie Die Straßenwalze und die Geige, die er selber nicht zu seinem Werk zählte, und vom Dokumentarfilm Tempo di viaggio für die RAI in Zusammenarbeit mit Tonino Guerra, besteht sein filimsches Oeuvre aus
      • Ivans Kindheit (Ivanovo detstvo) 1962
      • Andrej Rubljov 1964-66
      • Solaris 1972
      • Der Spiegel (Zerkalo) 1974-75
      • Stalker 1979
      • Nostalghia 1983
      • Opfer (Offret) 1985-86
      Nostalghia wurde in Italien gedreht und ist auf Russisch und Italienisch. Opfer wurde in Schweden gedreht und ist hauptsächlich auf Schwedisch (mit Englisch und Französisch).

      Tarkovskis Stil in ein paar Worten: ruhige und ausdrucksstarke Bildsprache, metaphorischer Reichtum, eigene Konzeption der Zeit. Dies nur als Ausgangsbegriffe zum Eintauchen in Werke von beinah unerschöpflichem Reichtum, die - im Schlegelschen Sinne - auch potenzirte Reflexionen über Kunst, Philosophie, Metaphysik ... sind.

      Es muss auch erwähnt werden, dass etliche Werke Tarkovskis wegen der Zensur oder auf Wunsch des Vertriebs gekürzt wurden. So gibt es von Andrej Rubljov Versionen, die zwischen 145 und 205 Minuten dauern. Wie bei Guillaume Tell und Semiramide ist es so, dass Tarkovskis Filme subjektiv länger dauern, wenn sie gekürzt sind. Solaris wurde auch auf Grund der sowjetischen Zensur von 198 Minuten auf 165 gekürzt und dann in Versionen von 144 Minuten vertrieben. Wer einen Hinweis auf eine restaurierte 198 Minuten-Fassung hat, ist willkommen :-). Für die 144 Minuten-Version wurde der ganze Anfang bis Kelvins Flug zur Raumstation gestrichen.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Hier etwas zu Tarkovsky und zu Stalker. […]

      Tarkovsky spricht sich manchmal gegen "Auslegung" seiner Filme und einzelner Szenen oder Elemente aus.

      Er sagte zB das, im Bezug auf Zen Buddhismus und sein Filmen:
      “Haiku creates images in such a way that they mean nothing beyond themselves.”

      oder das im Bezug auf Musik:
      "The principal musical theme will have to be stripped of emotion, on the one hand, and of thought, on the other, of any programatic design."

      Andereseits widerspricht er sich hier in gewisser Weise und legt den gesamten Stalker Film aus:
      nostalghia.com/TheTopics/Tarkovsky_Guerra-1979.html

      Und hier etwas zu den Wasserszenen in Stalker (nicht Tarkovskys Worte):
      "When we are watching the film, we are thinking only of the strange beauty of the waterlogged landscape across which the Stalker, the Writer, and the Professor carry out their weird, experimental pilgrimage. And yet it was not beautiful at all, in fact it was horrific, for the people who were working there. In one of the locations—a disused refinery—the crew had to stand for hours on end up to their knees in stinking puddles of oil, while the effluent discharged, upriver, from a paper processing plant enveloped the set in a fetid miasma. This went on for months on end."
      criterion.com/current/posts/4739-stalker-meaning-and-making

      Und:
      "A few years later, when it turned out that most of the members of the crew had passed away, rumors appeared that it was because the area around the place of filming had been poisoned. Some say it might have been radiation, but I don’t know any specific facts about it."
      cinephiliabeyond.org/unique-pe…away-tarkovskys-guidance/
    • Rosamunde schrieb:

      Andereseits widerspricht er sich hier in gewisser Weise und legt den gesamten Stalker Film aus:

      nostalghia.com/TheTopics/Tarkovsky_Guerra-1979.html
      Wo tut er das? In diesem Gespräch finde ich nichts, was man »Auslegung« nennen könnte, schon gar nicht des gesamten Films. Vielmehr fällt auf, dass er immer wieder seine Unsicherheit bekundet, was das alles bedeutet. Er gibt ein paar Fingerzeige, wo eventuell die Türen liegen könnten, durch die man der Sache näherkommt, aber er macht deutlich, dass er weder weiß, ob und wo man die Schlüssel zu diesen Türen findet, noch ob sie wirklich dorthin führen.

      Insofern macht er deutlich, was jeder Künstler im Grunde weiß: Seine Interpretation ist auch nur eine unter vielen, ob sie mehr Autorität beanspruchen kann, als andere, kann man nicht wissen. Und vieles im Kunstwerk bleibt auch dem Autor rätselhaft.

      (Was man übrigens klar aus dem Interview entnehmen kann: Irgendwelche Beziehungs- oder Selbstfindungsgeschichten interessieren ihn gar nicht. Er sieht auch Zen und Taoismus nicht in dem heute im Westen modischen Sinne als Hilfsmittel bei der Reise nach innen. Offensichtlich hat er vor diesen religiösen Systemen einen so großen Respekt, dass er kaum anzudeuten wagt, was ihn da interessiert. Eine im Westen extrem seltene, sehr sympathische und sehr kluge Haltung.)