Das Stegreiforchester - Brahms und Co wirklich modern gespielt

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • zabki schrieb:

      in beiden Aufnahmen höre ich ein bekanntes tonales Werk (bzw. Fragmente daraus), und zwar "verfremdet" so, daß die Verfredung schon in der Tongebung selbst liegt, Und damit mich das auch nur einigermaßen überzeugt, bedarf es m.E. viel mehr "Biß" als die Brahmsverarbeitung aufweist. >Da sind die Kinder mit ihrem Zarathustra deutlich näher dran, wenn auch ohne Absicht, aber das schadet nichts.
      Mir entgeht völlig, was an der Performance des Stegreif Orchesters "schräg" sein soll.
      Der Vergleich mit dem "Zarathustra-Ding" ist eigentlich eine ziemliche Beleidigung für das Stegreif-Orchester.
      . :wink:
    • Hudebux schrieb:

      Video und Musik haben nichts miteinander zutun. Einfach mal Portsmouth Sinfonia googlen. Nach meinem Verständnis war das in den 70ern ein Spass mit Kultstatus. Die Monty Pythons der Orchester Szene.
      Sorry, ich verstehe absolut kein Wort! Absolut nicht. Nicht die Bohne. Ich bezog mich einzig und allein auf das verlinkte Video in #1. Kannst Du mich Naivling bitte aufklären? Worauf beziehst Du Dich?


      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
      Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten
    • maticus schrieb:

      Worauf beziehst Du Dich?
      Hudebux bezieht sich auf diesen Beitrag von zabki:


      zabki schrieb:

      ... Ich finde nur, wenn schon schräg, dann wenigstens so wie diese (auf Capriccio schon bekanntgemachte) Zarathustra-Version:
      youtube.com/watch?v=5umEUBDXfU0
      Verlinkt ist eine Zarathustra-Aufnahme mit Bildern von einem Kinderensemble, aber Ton von der Portsmouth Sinfonia, die in den Siebzigern aktiv war und deren Mitglieder ihr Instrument nicht beherrschen durften, wenn sie mitspielen wollten.
    • maticus schrieb:

      Hudebux schrieb:

      Video und Musik haben nichts miteinander zutun. Einfach mal Portsmouth Sinfonia googlen. Nach meinem Verständnis war das in den 70ern ein Spass mit Kultstatus. Die Monty Pythons der Orchester Szene.
      Sorry, ich verstehe absolut kein Wort! Absolut nicht. Nicht die Bohne. Ich bezog mich einzig und allein auf das verlinkte Video in #1. Kannst Du mich Naivling bitte aufklären? Worauf beziehst Du Dich?


      maticus
      Ich hatte mich ausschliesslich auf das Video in Beitrag 9 von zackig bezogen. Sorry für das Missverständnis.
    • Hudebux schrieb:

      Ich hatte mich ausschliesslich auf das Video in Beitrag 9 von zackig bezogen. Sorry für das Missverständnis.
      Da dieses Video gerade mal eine Minute lang war, konnte ich es gerade noch aushalten, ohne eine PTSD erwarten zu müssen. Was soll an dem Scheiß so toll sein?


      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
      Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten
    • Nichts. Schon gut. Ich denke, die hatten damals Ihren Spass. Jeder bekommt ein Instrument in die Hand gedrückt, das er oder sie nicht beherrscht, dann spielt man Zarathustra und das Ergebnis ist natürlich mehr als schräg. Ich finde es ganz amüsant und durch die Verfremdung auch ab und zu ganz hörenswert. Aber man kann das natürlich auch als Scheiss empfinden. Warum das jemand in Youtube mit falscher Überschrift und falschen Bild versehen hat, ist mir schleierhaft. Vielleicht is das von Interesse: spiegel.de/geschichte/schlecht…h-sinfonia-a-1261030.html

      @philmus Sorry für das obige OT
      Den „Brahms“ habe ich mir gerade reingezogen. Da hat’s ja ganz schön geknistert auf der Bühne. Musikalisch hat es mich letztlich nicht überzeugt.
    • Leider ist der Auftritt auf der Fusion das einzige komplette Set, das in der Tube zu finden ist, ansonsten findet man auf ihrem Kanal Trailer und kurze Ausschnitte und seit Corona Videos, in denen einzelne von ihrer Arbeit und Motivation berichten. Vielleicht mag das ja den Einen oder Anderen von der Spur, es ginge in erster Linie um Schrägheit und eine Art Joke, wieder abbringen.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Ich habe mir das mal angehört. Grundsätzlich ist das, was da gemacht wurde nicht neu. Ob man es gut findet oder nicht, man muss zumindest den Musikern eines lassen, sie können spielen. Das sind nicht elf total Verrückte, die man auf die Bühne lässt, auch wenn es vielleicht so wirkt hin und wieder. Die improvisierten Teile, so weit ich das heraushören konnte, sind teilweise schon verdammt gut gelungen. Das muss man erst mal so können.

      Ob man aber nicht besser auf die Verfremdung von bekannten klassischen Werken verzichtet hätte, und nicht gleich was wirklich Eigenes, Neues geschrieben hätte, das vermag ich nicht zu sagen. Dass hier die erzkonservativen Klassiker nichts mit anfangen können verstehe ich. Hier dürften sich doch bei dem ein oder anderen User die Nackenhaare gesträubt haben.

      Ehrlich gesagt kann ich mir nicht denken, dass man damit auch nur einen jungen Menschen nun überzeugen könnte, sich anschließend das Werk im Original anzuhören im Konzerthaus. Eher traue ich es einigen Usern zu, mal in das Konzert des Stehgreif-Orchesters zu gehen, rein aus Neugierde heraus schon.

      Als aktiver Musiker, der selbst schon in diversen musikalischen Richtungen tätig war, finde ich das Ganze sehr interessant und spannend. Das Zuhören finde ich weitaus anstregender als etwa das mitmachen als Musiker jetzt. Das würde mich durchaus mal reizen, gerade das Improvisieren dann. Allerdings würde ich dazu auch Dämpfer einsetzen, das hat mir ein wenig gefehlt bei der Aufnahme jetzt. Wobei ich z.B. den Trompeter wirklich sehr gut fand, gerade sein Solo. Es hatte einen gewissen Einschlag von Miles Davis, und den hatte ich heute Abend mit "Sketches of Spain", zufällig auch mit einem klassischen Werk, ier auf dem Programm. Auch hier wurde ein Werk aus der Klassik in den Jazz arrangiert und übertragen.

      Fazit: Brahms unter Günter Wand liegt mir näher als Brahms mit dem Stehgreif-Orchester. Teile daraus fand ich richtig klasse, aber eben nur Teile. Trotzdem ein großes Lob an die Band, sie gehen andere Wege, und die sind mir persönlich lieber als eine Umsetzung a la André Rieu oder dem "Rondo Veneziano". Dann lieber krass-geil als krass-langweilig-bieder und schnmalzig.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Maurice schrieb:

      Ob man aber nicht besser auf die Verfremdung von bekannten klassischen Werken verzichtet hätte, und nicht gleich was wirklich Eigenes, Neues geschrieben hätte, das vermag ich nicht zu sagen.
      Es wird schon etwas wie Liebe sein, zu z.B. Brahms, was dahintersteht. Und wenn man sich mal durch die ersten rauhen Töne (ja, auch in der Intonation) durchgehört hat, merkt man das auch.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Maurice schrieb:

      Ob man aber nicht besser auf die Verfremdung von bekannten klassischen Werken verzichtet hätte, und nicht gleich was wirklich Eigenes, Neues geschrieben hätte, das vermag ich nicht zu sagen.
      Die Frage habe ich mir auch gestellt. Um sie zu beantworten, müsste man Bearbeitungen verschiedener Werke durch das Stegreif-Orchester miteinander vergleichen: Ist tatsächlich ein deutlicher inhaltlicher oder stilistischer Unterschied zu hören, wenn das Orchester Schubert statt Brahms durch den Wolf dreht? Das könnte immerhin ein Hinweis darauf sein, dass das ausgewählte Werk nicht nur Wichsvorlage für eigene Ergüsse ist (ich bitte um Entschuldigung, aber die Metapher drängte sich mir beim Anblick und Hören der Aufführung stellenweise einfach auf).

      philmus schrieb:

      Es wird schon etwas wie Liebe sein, zu z.B. Brahms, was dahintersteht. Und wenn man sich mal durch die ersten rauhen Töne (ja, auch in der Intonation) durchgehört hat, merkt man das auch.
      Ob "man" das merkt, sei mal dahingestellt, aber die Intonation ist keineswegs nur am "rauhen" Beginn schlecht. Irgendwo gab es z.B. eine Streicherpassage, die relativ nah an Brahms und einfach extrem unsauber war.
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • ChKöhn schrieb:

      Ob "man" das merkt, sei mal dahingestellt, aber die Intonation ist keineswegs nur am "rauhen" Beginn schlecht. Irgendwo gab es z.B. eine Streicherpassage, die relativ nah an Brahms und einfach extrem unsauber war.
      man könnte es merken, wenn man mal auf das hört, was da an kreativer Anverwandlung passiert, anstatt sich an "irgendwo" unsauberen Streicherpassagen aufzugeilen. Sorry, aber

      ChKöhn schrieb:

      die Metapher drängte sich mir ... auf
      angesichts der Tatsache, daß hochsommerlich bis fast garnicht bekleidete Musiker offensichtlich geradezu automatisch zu schrägen Metaphern reizen:

      ChKöhn schrieb:

      dass das ausgewählte Werk nicht nur Wichsvorlage für eigene Ergüsse ist
      Jaja, Kreativität und sexuelle Konnotationen, ein "weites Feld"....

      Zugegebenermaßen fand ich schon beim Hören (und Sehen) live, dass der melodische Mehrwert eines Cellosolos, das darin kulminiert, dass der Cellist sich auszieht und nackig in die Traverse klettert, begrenzt ist. Aber da bin ich mal gnädig, wenn man einmal auf der Fusion spielt, wo so was geht, und das für seine persönliche Entwicklung braucht, okay. Auf die Dauer fände ich ein musikalisches Solo an der Stelle schon interessanter....

      Auch an den Sounds und Grooves an den Stellen, wo es nach elektronischer Tanzmusik klingen soll, ließe sich noch feilen, aber das ist schon auf recht hohem Niveau gemöppert.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • ChKöhn schrieb:

      Das könnte immerhin ein Hinweis darauf sein, dass das ausgewählte Werk nicht nur Wichsvorlage für eigene Ergüsse ist (ich bitte um Entschuldigung, aber die Metapher drängte sich mir beim Anblick und Hören der Aufführung stellenweise einfach auf).
      "Gefallen" in dem Sinne, dass ich es um des Hörgenusses nochmal hören wollte, hat mir das nicht, ich habe nur etwa 10 Minuten gesehen.

      Mein Eindruck war schon, dass es mehr durchorganisiert ist, als der Name "Stegreiforchester" suggerieren möchte.

      Mein Eindruck war auch, dass die Musikerinnen und Musiker tatsächlich Spaß daran hatten. Der Bezug von Künstlern und Zuhörenden war so ähnlich, wie Celi ihn bisweilen als Ideal darstellte: Wir machen hier Musik auf die uns bestmögliche Weise und lassen andere daran teilhaben. (Ok, der Trompeter in der ersten Minute war schon publikums- und aufmerksamkeitsfixierter. Berufskrankheit?)

      Wenn die Musikerinnen und Musiker das Werk als "Wichsvorlage" benutzen, um bestimmte Erregungszustände zu erreichen, dann steht ihnen das natürlich frei. In einem bestimmten Alter finde ich das völlig ok. Man kann ja wohl kaum schon mit zwanzig so sein, wie der alte Rubinstein von seinen Plattencovern schaute. (Es sein denn, man will das genau so und lebt einige Entwicklungsphasen dann halt nicht durch.)

      Das Ganze hatte einen Beigeschmack von der Zeit Mahlers als Student, als er mehrmals aus seiner Bleibe rausgeflogen ist, weil er mit seinen Kumpanen auch mitternächtens die Götterdämmerung mit Klavierauszug aufführte - wobei die Kumpanen auch die Frauenstimmen übernommen haben ...

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Es ist ein Jammer, dass die Dummköpfe so selbstsicher und die Gescheiten so voller Zweifel sind." - Bertrand Russell
    • philmus schrieb:

      angesichts der Tatsache, daß hochsommerlich bis fast garnicht bekleidete Musiker offensichtlich geradezu automatisch zu schrägen Metaphern reizen:
      Mit der "Bkleidung" hatte ich auch so meine Probleme. Ich bin in dieser Hinsicht eigentlich sehr locker drauf (selbst für einen Jazzer), spiele im Sommer bei der ein oder anderen Location auch mal in Shorts und barfuß (aber mit Sandalen, da würde sich jeder Klassiker vermutlich mit Grausen abwenden, aber ich mache daraus bestimmt keine Inszenierung.


      Mauerblümchen schrieb:

      Mein Eindruck war schon, dass es mehr durchorganisiert ist, als der Name "Stegreiforchester" suggerieren möchte.
      Das ist, so würde ich es mal vermuten, sogar durcharrangiert. Die ganzen Übergänge wurden mit Sicherheit eingeprobt, die harmonischen Grundlagen für die Improvisationen sind vorgegeben, vermutlich hier nicht mehr. Bei der Menge an Musikern und dem ganzen Firlefanz, was die auf der Bühne veranstalten, muss eine klar strukturierte Basis gut einstudiert worden sein. Selbst bei Charles Mingus' Town Hall Concert 1961 herrschte weniger Ordnung und mehr Chaos als hier. Doch Mingus war ein ganz anderes Kaliber, Sun Ra übrigens auch, der ja auch einen sehr großen Hang zur Inszenierung und Selbstdarstellung hatte.


      Mauerblümchen schrieb:

      (Ok, der Trompeter in der ersten Minute war schon publikums- und aufmerksamkeitsfixierter. Berufskrankheit?)
      Ich hatte da nix Besonders bemerkt bei. In seinem Solo hat er völlig entspannt und auch gut gespielt. Da war er völlig frei von irgend welchem sinnlosen Popanz. Und spielen konnte der definitiv auch sehr gut.


      ChKöhn schrieb:

      Ob "man" das merkt, sei mal dahingestellt, aber die Intonation ist keineswegs nur am "rauhen" Beginn schlecht. Irgendwo gab es z.B. eine Streicherpassage, die relativ nah an Brahms und einfach extrem unsauber war.
      Es stellt sich die Frage, was davon gewollt und einfach nicht besser live möglich war. Auch hier kann ich nur Vermutungen anstellen. Auf Grund von ähnlichen Spielereien früher im modernen Jazz (auch dort hat man gelegentlich zu solchen "schrägen" Mustern gegriffen, etwa Charles Mingus. Doch er hat das völlig anders, und auch letzten Endes absolut hochwertig getan. Das ist hier eine andere Geschichte) auch getan.

      Die ganzen alten Brass Bands in New Orleans haben das schon so herrlich schaurig-schön gemacht. Es ist also absolut nichts Neues, sondern hier wurde tief in die Retro-Kiste gegriffen, aber durch die klassischen Themen neu und verfremdet anders gestaltet.


      ChKöhn schrieb:

      Um sie zu beantworten, müsste man Bearbeitungen verschiedener Werke durch das Stegreif-Orchester miteinander vergleichen: Ist tatsächlich ein deutlicher inhaltlicher oder stilistischer Unterschied zu hören, wenn das Orchester Schubert statt Brahms durch den Wolf dreht?
      Nein, definitiv nicht. Es wäre auch nicht anders, wenn man etwa Glenn Millers "In the Mood" so "neu" aufgearbeitet hätte. Es ist immer nur ein Abklatsch dessen, was bereits andere Kollegen viel früher und auch besser drauf hatten.

      Beispiele: Sun Ra machte das mit etwa dem "Moten Swing", einem Stück der Bennie Moton, "Take te A-Train" von Billy Strayhorn, u.a. Lester Bowies Brass Fantasy machte das mit bekannten Popstücken ebenso wie mit alten Jazzsachen. Beide völlig anders,aber schon sehr gekonnt, mit außerdem hervorragenden Leuten.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • philmus schrieb:

      man könnte es merken, wenn man mal auf das hört, was da an kreativer Anverwandlung passiert, anstatt sich an "irgendwo" unsauberen Streicherpassagen aufzugeilen.
      Woran ich mich "aufgeile", habe ich mit keiner Silbe erwähnt (es sei Dir aber versichert, dass unsaubere Streicherpassagen definitiv nicht dazu gehören), also lass bitte solche persönlichen Unterstellungen sein. Du hattest suggeriert, dass lediglich der "rauhe Anfang" unsauber war, und ich habe darauf hingewiesen, dass das nicht stimmt, mehr nicht. Unter "kreativer Anverwandlung" verstehe ich, dass der anverwandelte Gegenstand inhaltlich reflektiert, befragt, vertieft wird. Das habe ich hier nicht wahrgenommen. Natürlich ist es auch legitim, eine Symphonie als eine Art Steinbruch für etwas ganz anderes zu gebrauchen, aber Maurices Frage, warum man dann überhaupt eine konkrete Vorlage nimmt, ist schon berechtigt.

      Mauerblümchen schrieb:

      Wenn die Musikerinnen und Musiker das Werk als "Wichsvorlage" benutzen, um bestimmte Erregungszustände zu erreichen, dann steht ihnen das natürlich frei.
      Natürlich steht ihnen das frei. So wie es mir freisteht, die öffentliche Zurschaustellung der eigenen Erregung peinlich und abstoßend zu finden.
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • ChKöhn schrieb:

      Natürlich ist es auch legitim, eine Symphonie als eine Art Steinbruch für etwas ganz anderes zu gebrauchen, aber Maurices Frage, warum man dann überhaupt eine konkrete Vorlage nimmt, ist schon berechtigt.
      Sie ist vor allem nahe liegend. Im Bereich der gehobenen Blasmusik wurde mal der Marsch "Alte Kameraden" völlig neu arrangiert, nämlich als eine Art "Concerto Grosso für Blaskapelle und Bigband". Auf der einen Seite der sture Rhythmus und die Tradition, auf der anderen Seite die Bigband, die das Thema mal im Swing-Sound a la Glenn Miller, im Latin Sound a la Perez Prado, im Happy Sound a la James Last und im Walzertakt präsentierte Das war wirklich hervorragend gemacht, ohne aber das Stück an sich zu verarschen. Die Musiker und der Dirigent mussten dabei höllisch aufpassen, und es musste auch wirklich sehr gut geprobt werden zuvor. Ob dabei improvisierte Stellen waren, kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Das war 1995 etwa gewesen.

      Mir missfällt es, wenn man etwas Großartiges durch plumpe Showeinlagen zum Zirkus-Theater abwertet. Ich mag es nicht, wenn die Musik am Ende nur noch als Mittel zum Zweck missbraucht wird, oder eigene Egozentrik über allem steht. Muss man da in einer Art Choreographie halbnackt über die Bühne laufen, oder ist auch das am Ende nur Show? Für MICH ist es nur Show und eine reine Effekthascherei. Das junge Publikum ist entzückt, was sie sonst noch so treiben soll sich jetzt jeder selbst zusammen fantasieren.

      Ist es ein Projekt, kann man das mit eigenen Themen machen, oder veriiert z.B. das Hauptthema eines Satzes immer wieder, ohne aber den ganzen Quatsch drum herum. DANN würde man vielleicht auch die Musik an sich besser würdigen, und auch das Stück selbst wäre nicht entstellt gewesen. Auch etwas völlig Eigenes wäre eine sehr sinnvolle Alternative gewesen. Mehr gibt es von meiner Seite aus nicht mehr dazu zu sagen. Alles weitere wäre reine Zeitverschwendung, es sei denn, es gäbe noch einen Beitrag, den ich für beantwortenswert halte. Möglich ist es bestimmt.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Mich erinnert die Diskussion an ein Gespräch, welches ich vor vielen Jahren mal mit Helmut Lachenmann hatte: Er erzählte damals von einem Stück, in dem Penderecki einen Bach-Choral zitiert und dabei diesen ohne jeden Respekt als dekoratives, spekulatives Element missbraucht habe. Lachenmann sagte damals wörtlich: "Das ist so, als ob man eine antike Vase nehmen, unter den Arm klemmen und einfach irgendwo in eine Skulptur stellen würde." Er habe nach der Aufführung (bei der der Komponist anwesend war) laut "Scheiße!" gerufen :D . Ich fand damals sehr beeindruckend, dass der Neuerer Lachenmann das Alte mit so viel Respekt und mit künstlerischer Verantwortung, ja mit Liebe betrachtete und behandelte. Als leuchtendes Gegenbeispiel zu Penderecki nannte er damals Alban Bergs Violinkonzert.
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • ChKöhn schrieb:

      Maurice schrieb:

      Ob man aber nicht besser auf die Verfremdung von bekannten klassischen Werken verzichtet hätte, und nicht gleich was wirklich Eigenes, Neues geschrieben hätte, das vermag ich nicht zu sagen.
      Die Frage habe ich mir auch gestellt. Um sie zu beantworten, müsste man Bearbeitungen verschiedener Werke durch das Stegreif-Orchester miteinander vergleichen: Ist tatsächlich ein deutlicher inhaltlicher oder stilistischer Unterschied zu hören, wenn das Orchester Schubert statt Brahms durch den Wolf dreht? Das könnte immerhin ein Hinweis darauf sein, dass das ausgewählte Werk nicht nur Wichsvorlage für eigene Ergüsse ist (ich bitte um Entschuldigung, aber die Metapher drängte sich mir beim Anblick und Hören der Aufführung stellenweise einfach auf).
      Ich wollte es eigentlich nicht bis zum Ende ansehen/-hören, aber wenn die BHs noch ins Publikum fliegen, denk ich nochmal drüber nach.
      Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
      (B. Pascal)
    • Kater Murr schrieb:

      Ich wollte es eigentlich nicht bis zum Ende ansehen/-hören, aber wenn die BHs noch ins Publikum fliegen, denk ich nochmal drüber nach.
      :megalol: :megalol: :megalol: :megalol: :spock1: ape01
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Etwas ernster nach gut drei Minuten. Die meisten ähnlichen Verwendungen klassischer Musik haben meinem Eindruck nach eines gemeinsam: Sie verfehlen praktisch komplett, was die Vorlagen zu großartigen und bewegenden Musikstücken macht, was ihren musikalischen und dramatischen Kern und ihre Besonderheiten ausmacht. Das ist bei Brahms auch kaum zu vermeiden, denn es ist sozusagen "anti-improvisatorische" Musik, die bei der systematischen Integration aller möglichen musikalischen Parameter schon recht weit fortgeschritten ist. (Jedenfalls die 3. Sinfonie, Ungarische Tänze o.ä. mag man eher so behandeln können.) Die einzige Möglichkeit, wie eine Improvisation die Faszination einer Vorlage erhalten kann, ist wenn diese Vorlage melodisch/harmonisch so prägnant ist, dass es durch die Improvisation durchscheint, wenn sich aber der Reiz der Vorlage auch im wesentlichen in dieser prägnanten melodischen Phrase oder Harmonie erschöpft.
      Das kann bei Brahms einfach nicht funktionieren. Wie gesagt, nur drei Minuten durchgehalten, aber der Anfang mit dem Seitenthema als Walzer ist schon sehr bezeichnend. Ein Witz bei diesem Seitenthema ist (mal ganz abgesehen von der Kontrastfunktion im Rahmen des Satzes, die natürlich auch nicht funktioniert, wenn man damit beginnt und die Melodien portionsweise serviert), dass es eben kein Walzer mit simpler hm-tata-Begleitung ist, sondern diesen Gestus zwar andeutet, aber nicht erfüllt.
      Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
      (B. Pascal)