Joe "King" Oliver

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    • Joe "King" Oliver

      Liebe Jazzfreunde,

      manchmal ist es so, dass man Dingen oder Menschen auf den ersten Eindruck Gefühle von Sympathie, Interesse, Schönheit oder Zufriedenheit entgegenbringt, ohne genau zu wissen, warum eigentlich. So erging es mir zumindest schon in frühen Jahren mit der Musik und indirekt der Person von Joe "King" Oliver, dem großen Bandleader und Kornettisten. Die Aufnahmen, die ja zwischen 1923 bis 1931 aufgenommen wurden, sind selbstverständlich antik, nach heutigen Maßstäben tontechnisch unausgewogen und undeutlich. Dennoch haben sie mich stets magisch angezogen. Das ist auch heute noch so. Wie ich empfinde, ist dies Musik, die direkt von innen nach außen geht; eine auch bei den großen Klassikern nicht immer selbstverständliche Sache.

      Der 1885 auf einer Plantage in Louisiana geborene Joseph Oliver kam schon als Kind nach New Orleans und jobbte dort anfangs als Aushilfsarbeiter, bevor er in den bekanntesten Bands dieser Stadt, so bis 1918 bei Kid Ory, musizierte. Daraufhin siedelte Oliver nach Chicago. Wie damals nicht unüblich, übte er zwei Jobs in Tanzclubs gleichzeitig aus: den einen vom frühen Abend bis nach Mitternacht, dann sofort in dem anderen Club bis zum frühen Morgen. Dies war übrigens die Zeit der großen und anerkannten Gangster wie Al Capone, die durch das Alkoholverbot ihre große Stunde sahen, um die Chefs der (nicht nur Unter-)Welt zu werden.

      Dann endlich brachte es Oliver zu einer eigenen Band: Der legendären „Creole Jazz Band“. Schnell wurde diese, wie es zumindest nachzulesen ist, zur größten, d.h. besten Jazzband Chicagos. Der Erfolg war riesig; Oliver wurde der „King“ genannt. Die größte Zeit kam, als der damals noch unbekannte 22-jährige Louis Armstrong als zweiter Trompeter oder besser: Kornettist zu ihm stieß. Es war die Zeit der Kollektivimprovisationen und kurzen Orchesterbreaks. Die beste Zeit dieser Band war 1922 und 1923, leider verblasste der Erfolg wieder sehr schnell, als sich die besten Solisten entfernten und in anderen Bands ihr Glück suchten und auch fanden.

      Der Kern der Band zu besten Zeiten bestand aus: King Oliver, Louis Armstrong (beide Kornett), Honore Dutrey (Posaune), Johnny Dodds (Klarinette), Lil Hardin (Klavier; die zukünftige Frau Armstrongs) sowie Baby Dodds (Schlagzeug). Dazu kamen Banjospieler wie Bud Scott oder Johnny St. Cyr und wenige andere. Sie spielten einige schöne Stücke in Richmond und Chicago auf Schallplatte ein (Gennett, Okeh und Paramount). Ich habe sämtliche Aufnahmen von 1923 auf zwei CDs und finde diese sehr interessant und mitreißend, lebendig und sehr schön.

      Die Freude am Spiel, aber auch Disziplin, sind gut herauszuhören. Natürlich sind die Improvisationen weder sehr lang noch sehr frei, alles spielt sich im Zweivierteltakt ab; aber wir haben es hier mit einer interessanten Epoche zu tun: Der Glanzzeit Olivers und dem Beginn Louis Armstrongs. Armstrong soll Olivers Lieblingsschüler gewesen sein. Er hat ihn gefördert und neben sich gehabt, bis sich dieser von ihm distanzierte und seine eigene, noch spektakulärere Karriere startete. Diese interessante Beziehung zweier Stars ist für mich schön und tragisch zugleich.

      Denn nachdem Armstrong, wie die anderen Stars auch, King Oliver verließ, ging es mit diesem stetig bergab. Oliver gründete mit wenigerklassigen Musikern zwar noch die „Dixie Syncopators“, um in Savoy zu spielen, schlägt dann aber ein Engagement im Cotton Club aus. Dieses bekam dann ersatzweise der noch unbekannte Duke Ellington, um dort eine unvergleichliche Weltkarriere zu starten. Gehört dies zu den typisch tragischen Fehlentscheidungen? Ich weiß es nicht, da mir die näheren Kenntnisse fehlen.

      King Olivers Erfolge blieben in der Folge aus, was auch am sich wandelnden Publikumsgeschmack hin zu „seichteren und glatteren“ Tönen lag. Es folgten sowohl finanzielle als auch gesundheitliche Probleme; innerhalb kurzer Zeit fielen sämtliche Zähne aus, so dass weiteres Musizieren unmöglich wurde. So jobbte der verarmte „King“ in einem Gemüseladen und als Servierer in Cafes, bis er 1938 völlig verarmt an einer Gehirnblutung starb. Kurz vorher schrieb er, der Brief ist noch erhalten, an seine Schwester: „Wenn sich eine Tür schließt, macht der liebe Gott eine andere auf“. Leider wurde ihm diese Tür nicht geöffnet, wohl aber seinem ehemaligen Lieblingsschüler sehr weit.

      Oliver schrieb mehrere Kompositionen, die noch Jahrzehnte später als Klassiker galten, wie das „Sugar Foot Stomp“. Ist es nicht traurig zu hören, was Louis Armstrong Jahrzehnte später berichtete; dass nämlich Oliver im Jahre 1928 zu einem Konzert des inzwischen großen Stars Armstrong ins Savoy kam und leise für sich hinweinen musste…

      That´s Jazz.

      Die Aufnahmen Joe Olivers sind überschaubar. Ich hoffe, dass sie nicht vergessen, sondern unsterblich und weiterhin Bestandteil des Jazzlebens sein werden..

      Gruß,

      Uwe
      Wenn alle ein klein wenig verrückter wären, dann wäre die Welt nicht so durchgedreht.
    • Schöne Einführung, danke!

      Hat mich inspiriert, in die Aufnahmen der Creole Jazz Band mal (per Streaming) 'reinzuhören, mit dieser Doppel-CD: amazon.de/dp/B085LQMH7H (beim Werbepartner nur als Download erhältlich). Ich finde die Aufnahmequalität erstaunlich gut. Der, den man die meiste Zeit am Kornett so deutlich hört, ist vermutlich allerdings Armstrong. Oliver kann man z. B. deutlich im "Dipper Mouth Blues" hören, für dessen Solo er wohl berühmt war. Sehr prominent auch die Klarinettensoli.

      Das für den alten Jazz übliche Gewusel mehrerer gleichzeitig spielender Instrumente ist hier für meine Ohren tatsächlich besser anhörbar als in anderen alten Aufnahmen. Da greift alles schön ineinander, und man kann die Grundlagen auch für moderne Big-Band-Arrangements herleiten. Eine ganze Doppel-CD mag ich mir davon denn allerdings doch nicht anhören.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Ja, die Aufnahmequalität ist tatsächlich verhältnismäßig gut und einzelne Stimmen meist gut hörbar.

      Nachdem Oliver in New Orleans in mehreren Bars mit unterschiedlichen Besetzungen spielte, wie schließlich auch bei Kid Ory, zog er 1918 nach Chicago. Dort spielte er in einigen Gruppen, bis er schließlich 1922 seine eigene erfolgreiche "Creole Jazz Band" gründete und mit dieser auftrat. Wir haben Glück, dass im Jahr 1923 von April bis Oktober einige Aufnahmesessions stattfanden und uns somit die Musik dieser Gruppe mit 37 Aufnahmetiteln vorliegt. Wer die Musiker der Band waren, habe ich im Eröffnungsbeitrag geschrieben.

      Ein Jahr später verließen die Musiker ihren Chef, angeblich weil ihnen Teile der Gage vorenthalten wurde. Louis Armstrong ging wohl als letzter, und das wars dann mit der tollen Band. Mit anderen Musikern ging es dann in den nächsten Jahren weiter.

      Sämtliche Stücke der Aufnahmesessions von King Olivers Creole Jazz Band aus 1923 sind auf folgender CD zu hören:

      images-na.ssl-images-amazon.co…I/716lzUdzkXL._SX522_.jpg

      Uwe
      Wenn alle ein klein wenig verrückter wären, dann wäre die Welt nicht so durchgedreht.
    • Danke für die schöne Einführung. :top:


      Uwe Schoof schrieb:

      Die Freude am Spiel, aber auch Disziplin, sind gut herauszuhören. Natürlich sind die Improvisationen weder sehr lang noch sehr frei, alles spielt sich im Zweivierteltakt ab; aber wir haben es hier mit einer interessanten Epoche zu tun: Der Glanzzeit Olivers und dem Beginn Louis Armstrongs. Armstrong soll Olivers Lieblingsschüler gewesen sein. Er hat ihn gefördert und neben sich gehabt, bis sich dieser von ihm distanzierte und seine eigene, noch spektakulärere Karriere startete. Diese interessante Beziehung zweier Stars ist für mich schön und tragisch zugleich.
      Armstrong war zu dieser Zeit ein aufstrebender Musiker, aber noch lange kein Star. Hier war er aber das erste Mal ein wichtiger Part in einer Band, die - und das hast Du völlig richtig geschrieben - ein Sprungbrett für viele Musiker war. Allerdings muss man hier auch Lil Hardin erwähnen, die als Ehefrau Armstrongs diesen immer wieder gedrängt hat, mehr aus sich zu machen. Ohne Hardin wären vermutlich die Hot 5 und 7 niemals so erfolgreich geworden. Das hat Oliver gefehlt. Er ist auf dem Stand von 1925 stehen geblieben, während sich die Musik weiter entwickelt hat.

      Doch muss man ihm zugute halten, dass er aus dem alten New Orleans-Stil das Ganze weitergeführt hat.

      Uwe Schoof schrieb:

      Denn nachdem Armstrong, wie die anderen Stars auch, King Oliver verließ, ging es mit diesem stetig bergab. Oliver gründete mit wenigerklassigen Musikern zwar noch die „Dixie Syncopators“, um in Savoy zu spielen, schlägt dann aber ein Engagement im Cotton Club aus. Dieses bekam dann ersatzweise der noch unbekannte Duke Ellington, um dort eine unvergleichliche Weltkarriere zu starten. Gehört dies zu den typisch tragischen Fehlentscheidungen? Ich weiß es nicht, da mir die näheren Kenntnisse fehlen.
      Ich helfe Dir gerne ein wenig aus. Oliver war ein schlechter Geschäftsmann. Das Angebot aus dem Cotton Club war, und hier kommen wir zum großen Unterschied zwischen Oliver und Duke Ellington, finanziell nur der damalige Tarif-Lohn gewesen. Oliver, der 1927 (!!) noch immer eine recht gute Band hatte, war das einfach zu wenig. Was Oliver nicht dabei sehen wollte war die Tatsache, dass man damals täglich (!!!) live aus dem Cotton Club im Radio zu hören war, und zwar landesweit. Genau DAS war aber die Chance gewesen, die der Duke nutzte. Er war einfach schlauer (oder weitsichtiger) gewesen.

      Oliver holte sich als Nachfolger von Armstrong übrigens erneut einen Trompeter aus New Orleans in die Band, Lee Collins. Collins ist heute im Grunde völlig unbekannt, war damals aber mit 24 Jahren ein durchaus erfahrener Musiker gewesen. Es war aber kein Armstrong. So jemand findet man einmal im Leben, das ist nicht der Normalzustand.

      Was Du nicht erwähnt hast, dass King Oliver das Spiel mit Dämpfern so richtig erst in den Jazz eingeführt hat. Er war auch das Vorbild für Bubby Miley gewesen, der sich das Spiel mit dem Plunger (Dem Gummi-Dämpfer) von ihm abgeschaut und weiterentwickelt hat. Auch hier wurde Oliver schnell übertroffen.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Ich muss noch etwas ergänzen.

      King Oliver wählte mit der Doppelung des Kornetts eine eher untypische Besetzung aus für die Zeit um 1925 herum. es gab und gibt sie immer mal wieder, aber damals war es eine Seltenheit gewesen.

      Bob Wilber hat 1981 eine CD eingespielt mit der Musik der Oliver-Band. Leider ist diese CD vergriffen, aber es lohnt sich, wenn man sie irgendwo findet, sie zu kaufen und aznuhören. Er hatte damals mit den Bründern Glenn und Bob Zottola zwei ausgezeichnete Trompeter (nicht Kornettisten) dabei, dazu Tom Artin (Posaune), Mark Shane (Klavier), Chris Flory (Banjo), Phil Flanagan (Bass) und Chuck Riggs am Schlagzeug.

      smile.amazon.de/Music-King-Oli…1594933861&s=music&sr=1-1

      Bekannte Titel waren übrigens der "Canal Street Blues", den man Oliver und Armstrong zuschreibt, "Alligator Flop", "Camp Meeting Blues", den "Dippermouth Blues", der erst später zum "Sugar Fot Stomp" wurde, vor alem auch "Snake It", "Dr.Jazz" (der heute von vielen Bands noch gespielt und besungen wird), auch der "West End Blues" soll auf Oliver zurückgehen,

      Was man auch erwähnen könnte, wären die stilistisch von Oliver geprägten Trompeter (Kornettisten) damals : Etwa eben Bubber Miley, Rex Stewart (der später ebenfalls bei Ellington spielte), der "schwärzeste weiße Kornettist" Muggsy Spanier (sein Dämpferspiel mit dem Plunger geht unmittelbar auf Oliver zurück. Man kann das auf seinen Aufnahmen direkt hören), Ed Allen (der nicht so bekannt wurde) und der um 1926 herum äußerst gefragte George Mitchell (er machte 1926 die Einspielung von "Gatemouth", einem Stück von Lil Hardin, dass sie eigentlich für Armstrong geschrieben hatte, der es nie spielte).
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)