Nouvelle Vague - noch 'ne französische Revolution

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    • Heute mal wieder Godard:



      1967 gedreht, also ein Jahr, bevor die Mai-Unruhen in Paris losgingen.

      Gezeigt wird, in typischer späterer Godard-Manier, die Entstehung einer revolutionären Zelle aus einer Wohngemeinschaft heraus. Geradezu zwangsläufig planen sie ein Attentat und führen es auch durch, scheitern aber dabei. Der Film ist zunächst einmal eine Aneinanderreihung endloser marxistisch-leninistischer Statements und gegenseitiger Schulung, bis es dann zu dem mehr als amateurhaften Attentat kommt.

      Im ersten Moment wirkt das alles sehr veraltet, aber dann kommt man als Zuschauer doch in einen gewissen Sog hinein. Der Film wirkt eben immer noch als Zeitdokument einer völlig verwirrten Jugend damals, aber zeigt auch immer wieder, ungewollt natürlich, Parallelen zu den Verschwörungstheoretikern von heute auf. Von daher bleibt er, jenseits der modernen Erzähltechnik, wohl auch heute noch aktuell.

      :wink: Wolfram
    • Heute gab es bei mir eines der klassischen Meisterwerke der NV:



      Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich den Film noch nie gesehen habe. Ich weiß gar nicht, warum. Irgendwie flutschte er immer durch. Aber ist auch wurscht, lieber spät als gar nicht.

      'Meisterwerk' ist ja auch so ein Begriff. Schwer zu fassen, schwer zu definieren, schwer zuzuordnen. Aber hier würde ich diesen schwammigen Begriff wirklich benutzen und ich glaube auch mit Recht.

      Truffaut erzählt die wohl damals noch eher anstößige Geschichte einer Menage à trois, die zu Beginn des I.WK anfängt und irgendwann nach dem Krieg tragisch endet. So weit, so gut. Vorlagen, Plots sind ja nur Ausganspunkte, sind die Grundlage für die banale Feststellung, dass das, was dann daraus gemacht wird, zählt.

      Und da wird es dann wirklich furios. Truffaut erschafft ein dichtes, mitreißendes Psychogramm dieser Beziehung, kombiniert es mit historischen Aufnahmen und geht gegen fast alle Gesetze der klassischen Erzähltradition vor. Ein Erzähler teilt uns Dinge mit, die wir im Film gar nicht einmal so sehen, es gibt die üblichen Jump Cuts, er friert Bilder ein, variiert das Tempo, kombiniert das Geschehen, wie gesagt, mit historischen Filmaufnahmen, entfesselt mit Hilfe von Raoul Coutard die Kamera und lässt den Film von Claudine Bouchér unkonventionell schneiden. Da ist ein Meister am Werk, der alle technischen 'Kniffe' kennt und beherrscht und sie aber auch erneuert oder neu kombiniert. Und das ohne, dass sie zum spielerischen Selbstzweck werden.

      Denn heraus kam ein Film von großer Poesie und psychologischer Dichte, der einen als Zuschauer zutiefst berührt. Was natürlich, das darf auf keinen Fall vergessen werden, auch dem grandiosen Schauspieler-Trio Jeanne Moreau, Oscar Werner und Henri Serre zu verdanken ist. :verbeugung2: :verbeugung1:

      :wink: Wolfram
    • Noch so ein Film, den ich als Jugendlicher im TV gesehen habe und danach nie wieder.



      Diese Tage also erst die Zweitbegegnung. Was ich von früher noch erinnere, dass es eine Hommage an die Literatur ist, die diesen Film bestimmt. Und genau das habe ich wieder gefunden. Dabei interessiert es mich eigentlich weniger, ob 'Fahrenheit' ein mehr oder weniger gelungener SF-Film ist (ein Genre, um das es Truffaut wohl auch nicht ging), sondern mich fasziniert mehr, wie sehr Truffaut, aber wohl auch Bradbury, die Lebensnotwendigkeit von Büchern in den Vordergrund stellen und deutlich machen, was die Abwesenheit für den Menschen bedeutet.

      Und trotzdem ist es ein seltsamer Film. Eigentlich spürt man ständig, dass sich Truffaut in einer ihm fremden Umwelt bewegt. Eine großangelegte englischsprachige Produktion war wohl nicht so seins. Er hat dieses Experiment ja auch nie wiederholt. Der Film atmet geradezu eine künstliche, fremdartige Atmosphäre, die natürlich zum Sujet passt, die aber trotzdem darüber hinausgeht.

      Aber ist es v.a. noch Nouvelle Vague? Ich erinnere die beiden vorhergehenden Filme nicht mehr, habe aber das Gefühl, dass diese unter der Ägide von Universal stehende Produktion ihn auch in einer gewissen Weise gebändigt hat, dem Film mainstream-artiger gemacht hat, auch wenn er ja trotzdem damals an der Kinokasse und bei den Kritikern nicht der durchschlagende Erfolg war. Es gibt diese durchaus typischen NV-artigen Ideen. Der Vorspann gehört sicherlich dazu, auch wenn der dramaturgisch eh Sinn machen würde, dann einen Jump-Cut zu Beginn des Films oder auch die Szene auf dem Spielplatz. Aber die Filmsprache der NV ist relativ spärlich vorhanden. Beim nächsten Film, 'Die Braut trug schwarz', wird das wieder ganz anders sein. Anders als Godard neigte Truffaut eher zu einer gewissen Einebnung und Anpassung seiner Filmsprache. Ob das hier schon deutlich wird, weil er, wie gesagt, Universal 'im Nacken hatte' oder ob es Teil einer Entwicklung war, mag ich nicht zu behaupten.

      Sehenswert ist der Film aber trotzdem, weil er u.a. mit unglaublich vielen künstlerischen Details ausgestattet ist, die einen großen Regisseur voraussetzen, auch wenn es nicht unbedingt ein großer NV-Regisseur sein muss. Er ist schlichtweg eine verdammt gute Inszenierung und, auch schon gesagt, es ist diese Hommage an Bücher. Und wer immer Bücher liebt, wird diesen Film mit Schmerzen anschauen, weil er gerade heute vielleicht aktueller ist als zu Entstehungszeiten. Nicht dass die Feuerwehr kommt, um uns unsere Bücher zu verbrennen. Nein, wir entsorgen sie sozusagen schon selber. In einer Zeit, in der mit Kurznachrichten höchste Politik gemacht wird, in der es in Buchhandlungen v.a. von Ratgebern (Wie erziehe ich richtig?, Wie lebe ich richtig?, Wie atme ich richtig?, Wie ernähre ich mich richtig? Wie koche ich Wasser?) wimmelt, in der Lesen bei einem Großteil der einen Hälfte der Menschheit mindestens auf Unverständnis trifft, in der auch Studenten es immer mehr als Zumutung empfinden, einen Buchdeckel aufzuklappen, weil im Netz.... in solch einer Zeit ist diese 'Hommage' für manche bestimmt verwirrend, für andere aber durchaus eine Bestätigung für die Bedeutung des geschriebenen Wortes in Form von Büchern.

      Mehr als NV ist 'Fahrenheit' wohl auch eher eine Reminiszenz an Alfred Hitchcock. Der Film wimmelt von Zitaten und zudem fährt er mit Bernhard Herrmann den Hitchcock Komponisten auf, der hier, nach der für ihn tragischen Trennung, seine erste und auch eine wirklich grandiose Filmmusik ablieferte. Herrmann ist ein absolutes Plus. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie der Film ohne ihn wirken würde.

      :wink: Wolfram
    • Allein wegen Oskar Werner sehenswert. Er hatte sich während der Dreharbeiten mit Truffaut ständig wegen unterschiedlicher künstlerischer Auffassungen in den Haaren. [Aus Protest hatte er sich mittendrin die Haare sehr kurz schneiden lassen. Der Film zeigt dann ein völlig unmotiviertes und plötzliches Haarwachstum.] Meiner völlig unmaßgeblichen Meinung nach merkt man es dem Film an, dass die Produktion nicht rund verlief, trotzdem halte ich es für ein wichtiges und schönes Dokument.

      :wink:

      Jean
      "You speak treason" - "Fluently"
      "You've come to Nottingham once too often!" - "When this is over my friend, there'll be no need for me to come again!"
    • Jean schrieb:

      Meiner völlig unmaßgeblichen Meinung nach merkt man es dem Film an, dass die Produktion nicht rund verlief, trotzdem halte ich es für ein wichtiges und schönes Dokument.
      Genauso sehe ich das auch. Irgendwo scheint da der Wurm drin zu sein, wobei man das vielleicht gar nicht einmal spezifizieren kann. Und trotzdem übt der Film eine Faszination aus und nicht nur, weil es so beeindruckende Sequenzen gibt.

      :wink: Wolfram
    • Wolfram schrieb:

      Und trotzdem ist es ein seltsamer Film. Eigentlich spürt man ständig, dass sich Truffaut in einer ihm fremden Umwelt bewegt. Eine großangelegte englischsprachige Produktion war wohl nicht so seins. Er hat dieses Experiment ja auch nie wiederholt. Der Film atmet geradezu eine künstliche, fremdartige Atmosphäre, die natürlich zum Sujet passt, die aber trotzdem darüber hinausgeht.
      Das ist auch der Grund, warum ich den Film zu den interessantesten SF-Filmen ever zähle: es ist richtig - das war nicht Truffaut in Reinform, da fehlte das Land, die Sprache, die Intimität der Produktion. Mit Nicolas Roeg hatte er außerdem einen Kameramann an der Hand, der auch sehr eigene Ideen hatte. Und dennoch spüre ich seine Handschrift - in dem alten Feuerwehrauto, in den seltsam kühlen Darstellungen aller Protagonisten (die durch die englische Mentalität erst recht wirkt), in der Auswahl der Bücher, die man sieht, in diesem erstaunlichen Ende, was nichts mehr mit dem Bradbury-Roman zu tun hat. Auch hier ist die Humanität Truffauts zu spüren, die Tragödien schildern kann, aber nie kalt wird. Es ist erstaunlich, wie eine Dystopie ihre Wirkung entfalten kann, ohne dabei ihre Abartigkeit zur Schau zu stellen. Das ist es, was Fahrenheit 451 vor allem von anderen filmischen Dystopien unterscheidet.

      Mich begleitet der Film schon sehr lange, bestimmt 35 Jahre. Und er gehört zu den besten Beispielen eines Genres, was so häufig Opfer von Oberflächlichkeit oder Unvermögen wird. Umso mehr erstrahlen die wirklich gelungenen Werke.

      :verbeugung1: :verbeugung1: :verbeugung1: :verbeugung1: :verbeugung1: :verbeugung1:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Heute ein Film, der natürlich nicht zur NV gehört und trotzdem ganz viel damit zu tun hat.

      (1957)

      Der Regisseur Sam Fuller war ja bekanntermaßen eines der großen Vorbilder der NV-Regisseure und tritt dann folgerichtig auch in Godards 'Pierrot le Fou' als er selber auf.

      Sieht man nun 'Vierzig Gewehre' wird sehr schnell klar, welchen Einfluss Fuller gehabt hat. Dabei geht es natürlich nicht um die teilweise radikalen Themen dieses wirklich außergewöhnlichen Western, sondern um die Erzählstruktur, die Arbeit mit der Kamera, den wilden Stilmix, das Aufbrechen einer traditionellen Dramaturgie. Brüche sind gewollt und das in allen Bereichen. Einer hochgradig sexuell aufgeladenen Eingangssequenz folgt alsbald eine Szene, in der der Besitzer des Badehauses einen kitschigen Westernsong zur Gitarre vorträgt. Barbara Stanwyck als eine Art Domina vierzig Gunmen befehligend (Fuller selber sprach während der Dreharbeiten immer nur von 'forty pricks'.) spricht später zu ihrem Lover, dem Scharfschützen (sie im Kleid, er am Klavier, Kerzenschein), solche ewigen Wahrheiten wie: 'Liebe ist wie Krieg. Leicht zu beginnen, aber schwer zu beenden.' Eine fast vierminütige Plansequenz kontrastiert mit einem visuell hochgradig aufgelösten Duell. Der Bruder des Helden streichelt den Schaft seines Gewehres, hochaufgerichtet natürlich, während es einen ziemlich anzüglichen Dialog mit seiner späteren Geliebten und Ehefrau gibt. Bei seiner Beerdigung dürfen wir dann aber noch einmal dem Gitarre spielenden Badehausbesitzer lauschen.

      Brühe überall. Stilmix überall. Fuller bedient sich aus dem Repertoire, was aber Sinn macht. Das ist keine postmoderne Aneinanderreihung von Zitaten. Hier geht es um ein Endspiel, um ein letztes Aufleuchten des alten Western, bevor die Lichter ausgehen, bevor die neue Zivilisation einzieht. Fuller aber benutzt all dies auch, um es zu verwandeln, zu verändern, um es seiner wilden Fantasie anzupassen. Aus den Traditionen entsteht bei ihm das Neue, eine andere Filmsprache, eine neue Welt.

      Godard hat den Film sehr bewundert und die Parallelen im Stil sind in seinem 'Außer Atem' mehr als deutlich. Genau diese Brüche, diesen Stilmix, diese aufgelöste Dramaturgie wird er dort auch benutzen. Er wird eine Einstellung (aus einem Pistolenlauf betrachtet einer seine Geliebte) direkt zitieren. Und die vielgerühmte Neuerung des 'Jump Cut' - von wem hat er sie? Natürlich von Sam Fuller aus 'Vierzig Gewehre'.

      Jede Revolution hat ihre Väter, was die NV-Regisseure ja auch nie verleugnet haben. Hier ist einer von ihnen mit einem wirklich überwältigenden Werk.

      :wink: Wolfram


    • 'Die Geschichte der Nana S.' (Vivre sa vie) von 1962.

      Kürzlich sah ich einen Godard, 'Détective - 1985), der mich ziemlich ratlos und verwirrt zurückließ. Das war nun bei 'Nana S.' ganz anders.

      Die Geschichte ist kurz erzählt. Angestellte wird aus Geldnot Prostituierte und wird beim 'Weiterverkauf' von zwei Zuhältern erschossen.

      1961 heiratet Godard Anna Karina und 1962 setzen er und Kameramann Raoul Coutard sie als Gesicht und als Bild in das Zentrum dieses Films. Alles in diesem Film läuft über sie, v.a. über ihr Gesicht. Und was für ein Gesicht! Der Film sei 60% Anna Karina und 40% er selber, meinet Godard. Nun könnte man sich über die Gewichtung streiten, aber Fakt ist, dass sie und nur sie allein mit den Porträtzeichnungen ihres Gesichts zunächst alles beherrscht. Godard zeichnet sie wie ein Maler, vergräbt sich in ihr Gesicht, lotet alle Emotionen aus. Es ist eine Huldigung und Liebeserklärung an Anna Karina, an die Schauspielerin und Ehefrau. Es ist aber auch ein Film über eine Selbsterkenntnis. Godard spricht selber zum Ende hin Sätze von Edgar Allan Poe, die einen Porträtmaler beschreiben, der so auf sein entstehendes Werk fixiert ist, dass er nicht bemerkt, wie jeder Pinselstrich der lebenden Person ein wenig mehr von ihrer Substanz nimmt. Am Ende ist sie tot.

      'Nana S.' ist aber nicht nur ein Film über eine Obsession und eine daraus folgende Zerstörung, es ist auch ein sehr philosophisches Werk. Wenn meine äußere Schale wegfällt und auch meine innere, bleibt noch die Seele. Aber was ist das, wer bin ich, wie finde ich mich? Die Freiheit der Handlung in jeder Situation. Das Denken, das ohne Sprache nicht funktioniert, die Sprache, die aber ohne Wörter nicht auskommt. Wann aber sprechen die Wörter die Wahrheit? Lüge und Irrtum. Wann ist Liebe wahrhaftig? Schlaglichtartig tauchen diese Themen auf, werden in Gesprächen angerissen, liegen aber auch filmisch umgesetzt über dem ganzen Werk.

      Godard wäre nicht Godard, würde er einen Film drehen, der sich nur auf einer fiktionalen Ebene bewegen oder nur ein Thema abhandeln würde. Das Thema Film taucht immer wieder auf, als Kino-Besuch, als Zitat, als Hintergrund des 'Show-Downs' am Ende des Films. Bezeichnend ist ein kurzer Ausschnitt aus der 'Passion der Jeanne d'Arc', dem legendären Stummfilm von Carl-Theodor Dreyer, den Nana S. sich im Kino anschaut. Dieser Film ist ja fast reines Kino. Ein Mensch erblickt etwas, Schnitt auf das Gesehene, Schnitt auf die Reaktion im Gesicht. Als Stummfilm kommt er zudem ohne die gesprochenen, verräterischen Wörter aus. Godard versucht mit 'Nana S.' etwas Ähnliches. Allerdings mit einem großen Unterschied. Dreyers Film besteht fast nur aus Großaufnahmen von Gesichtern. Godard behandelt die weiteren Figuren in seinem Werk ganz anders. Kurze Großaufnahmen, wenn überhaupt, Sicht auf die Personen von hinten oder die Kamera streift sie im Gespräch eher beiläufig. Manchmal erscheinen ihr Abbild in einem Spiegel, aber auch das ist nur kurz und distanziert. Schuss - Gegenschuss während eines Gesprächs findet in der bekannten, klassischen Manier kaum statt. Überhaupt bricht Godard ständig mit allen dahin vertrauten Konventionen des Kinos, inhaltlich wie formal. Eigentlich ist das sein erster filmisches Essay, zu dem er eben auch filmisch eine neue Sprache gefunden hat.

      Distanz. Durch die Einstellungen, die Bewegungen der Kamera erschafft er schon eine gewisse Kühle, eine Objektivität, die den Zuschauer nicht mehr direkt mit den Akteuren kommunizieren lässt. Natürlich gibt es auch emotionale Momente, die er aber immer wieder radikal abbricht, nicht zulässt oder zulassen kann. Und trotzdem ist es ein hochgradig emotionaler Film und das passiert durch Anna Karina. Die Gleichzeitigkeit von Gedanken und Gefühlen von Anspielungen und Fiktion bei Godard wird auch in diesem Punkt deutlich. Kühle und Mitgefühl - Godard (und Anna Karina und Raoul Coutard) schafft beides gleichzeitig.

      'Die Geschichte der Nana S.' - ich bin wirklich des Staunes voll. Film als hochkomplexe Vermittlung. Nein, Film kann auch anders und soll auch und darf auch und muss auch. Aber wenn man kennenlernen möchte, was Film eben auch sein kann, dann ist 'Nana S.' ein wunderbarer Beitrag dafür.

      :wink: Wolfram


    • Frei ab 6 Jahren. Als der Film 1960 für das unschuldige deutsche Publikum synchronisiert werden sollte, hagelte es Eingriffe. Viel zu häufig würde das Wort 'merde' verwandt, Homosexualität ginge schon einmal gar nicht, Bemerkungen über Onkel, die junge Mädchen auf den Strich schicken - ein Unding. Und so weiter und so fort. Die deutsche FSK tat sich unendlich schwer mit diesem Film, der doch nur die Abenteuer eines kleinen Mädchens vom Lande während einiger Tage in Paris schildert.

      Aber auch in Frankreich fiel er zunächst einmal durch. Dabei beruht er auf einem dort durchaus populärem Buch, nämlich auf 'Zazie in der Metro' von Raymond Queneau. Queneau, im Umfeld der Surrealisten großgeworden, spielt in seinem bekanntesten Werk aus dem Jahr 1959 v.a. mit der Sprache. Umgangssprache, Wortneuschöpfungen, Durchmischung und Gegenüberstellungen von Sprachmilieus. Und diesem 'Wort'-Werk nahm sich Louis Malle nun ein Jahr später bei seiner Verfilmung an. Zum Glück wurde es nun kein wortlastiger Film, keiner, der die Dialoge mit Sprachmöglichkeiten überfrachtet würde.

      Nein, Malle wählte einen ganz anderen, aber filmisch viel naheliegenderen Weg. Er machte aus dem Spiel mit Worten ein Spiel mit Filmmöglichkeiten.

      Auch weiterhin besucht Zazie, von ihrer Mutter abgeschoben, Paris, auch weiterhin versucht sie mit der Metro zu fahren, die aber gerade bestreikt wird und auch weiterhin entspricht ihre Sprache und ihr Auftreten in keiner Weise einer Schule für höhere Töchter. Aber danach kommt Malle in's Spiel. Danach entfesselt er Film. Zwischen Slapstick und Absurdität pendelt der Film nun hin und her, überbordend von Einfällen, immer versucht die Wortspielereien in Filmspielereien zu übersetzen. Das ist total schräg und abgefahren, macht einen unendlichen Spaß, ist immer wieder frisch und überraschend.

      Und es ist absolute Nouvelle Vague, denn Malle ignoriert alle gängigen Vorgaben, wie man einen Film zu drehen hat, macht sich darüber lustig, kehrt zu den unbeholfenen Anfängen des Films zurück.

      'Zazie dans le Metro' macht richtig gute Laune, man genießt das Spiel mit dem Unkonventionellen, freut sich über all die schrägen Einfälle. Aber er ist nicht nur 'Einen Jux will er sich machen', sondern eine wirkliche Literaturverfilmung, die nicht eins zu eins das Geschehen bebildert, sondern die die Eigentümlichkeit des Romans in eine entsprechende Filmsprache überträgt.

      Und für Nostalgiker: 'Zazie' zeigt noch einmal ein Paris von 1960 ohne Tour Montparnasse, ohne Hochhäuser der Banlieue, ohne Massentourismus etc., sondern eine völlig normale Großstadt. Und das in Farbe! ;)

      :wink: Wolfram


    • 'Ein Film ist das Leben'' - 'Ich finde den Film zum Kotzen!' Beides sind Zitate aus dem Film und und in etwa pendelt der Film zwischen diesen Polen hin und her.

      Ich glaube Truffaut sagte mal, dass man die Handlung eines guten Films in einem Satz zusammenfassen kann. Das wird bei 'Weekend' schwierig. :D Grob gesagt, ist es die Reise eines bourgeoisen Ehepaares zur Mutter, die dann allerdings chaotisch verläuft und im Kamp einer halbkannibalischen Guerillaarmee endet.

      Dahinein packt Godard nun das Leben, so wie er es 1967 empfand und gleichzeitig verweist er immer wieder darauf, dass es eben Film ist, Kunst ist, dass sich alle Beteiligten bewusst sind, dass sie eben nicht das Leben darstellen, sondern dessen Interpretation, auch das Spiel damit. Dazu dienen ihm seine berühmten blau-weiß-roten Zwischentitel, bewusste Kamera- oder auch technische Fehler oder z.B. eine Szene, in der das Paar an ziemlich heruntergekommenen Menschen vorbeigeht, die am Straßenrand sitzen. Sie: Was sind das für Menschen? - Er: Das sind die Statisten vom italienischen Co-Produzenten.

      Und trotzdem ist es auch eine große Gesellschaftskomödie. Der Absturz eines völlig dekadenten Ehepaars der französischen Bourgeoisie in den Abgrund. Plant man zu Beginn 'nur' die Ermordung ihrer Mutter, um an das Erbe zu kommen, endet es damit, dass sie, die Ehefrau, sich einer revolutionären Bewegung anschließen wird. Aber auch darin erkennt Godard keine Lösung der gesellschaftlichen Probleme. Der Koch der Gruppe serviert ihr und dem 'Führer' dieser Truppe Schwein zum Mittag, allerdings gemischt mit den Resten eines englischen Touristen, was die Gattin als Information ziemlich ungerührt hinnimmt, nur um danach noch um eine Kostprobe von ihrem ermordeten Gatten zu bitten.

      Dazwischen liegt dann eben diese Reise. Am Wochenende geht es los. Es herrscht Krieg auf den Straßen der Republik. Staus ohne Ende, blutige Verkehrsunfälle, Kampf jeder gegen jeden. In dieser Gesellschaft gibt es keinerlei Moral, keinerlei Mitleid, keinerlei Rücksichtnahme. Auch nicht in dieser Ehe. Man schreit sich an und beschimpft sich, hält dann aber wiederum zusammen, wenn es gegen Dritte geht. Nur der Vorteil zählt. Wenn seine Frau neben ihm vergewaltigt wird, interessiert es ihn nicht. Dafür darf sie ihn danach aber wieder huckepack nehmen, für 10 Sekunden, dann wird immerhin gewechselt.

      In der Mitte des Films gibt es eine lange Szene (drei 360°-Fahrten der Kamera), in der ein Pianist auf einem Gutshof für die Landarbeiter Mozart spielt. Die Kunst bricht ein. Aber auch sie spielt bei allen Beteiligten, beim Ehepaar aus dem Bürgertum, wie bei den Arbeitern keine Rolle mehr. Alle hören mehr oder weniger gelangweilt zu und der Pianist sinniert während des Spiels darüber, welche Tantiemen Mozart heutzutage bekommen würde. Und auf dem Flügel prangt in riesigen Werbeletter 'Bechstein'. Emily Bronte tritt dann auf und eine Figur aus 'Alice im Wunderland'. Das bürgerliche Paar zeigt in keiner Weise, dass es begreift, was ihnen da begegnet. Es geht nur um ihren Nutzen, um den Weg zur Mutter, zur deren Ermordung, damit sie das Erbe rechtzeitig kassieren können. Saint-Just tritt auf - ebenso keine Reaktion, kein historisches Bewusstsein. Vertreter Afrikas tauchen auf und rufen zum bewaffneten Kampf gegen die weißen Unterdrücker auf. Keine Reaktion bei beiden, die schon längst zu Müllsammlern heruntergekommen sind, sich nun mit den Afrikanern und Arabern in einer Klasse befinden. Aber Solidarität findet auch dort nicht statt. Die beiden Afrikaner wiederum machen weiter ihren Job und helfen nur gegen Bezahlung. Auch bei den Unterdrückten wird nur schwadroniert, das System aber nicht angerührt.

      Der Film ist von 1967, was wichtig ist, denn nach dem Mai '68 hätte Godard ihn womöglich anders gedreht. So aber ist eine unendlich vielschichtige, assoziationsreiche, vollgepackte, bitterböse, witzige, sarkastische Abrechnung mit der französischen Gesellschaft vor den Umbrüchen des darauffolgenden Jahres entstanden. Was nicht heißt, dass der Film auch nur ein Jota an Aktualität verloren hätte. Beim Anschauen beschlich mich immer wieder das Gefühl, dass man ihn 1:1 auf heute übertragen kann. Wenn 1789 in dem endete und zu dem führte, was uns 'Weekend' vorführt, dann gilt das auch für '68 und für das Heute.

      Mich erinnerte der Film immer an den ein paar Jahre später gedrehten Fassbinder-Film: Die dritte Generation. Beide kommen im Gewande von Übertreibung, Absurdität, auch Klamauk, Witz und Satire daher, beide bieten ein überbordendes, durchgeknalltes Szenario. Aber beide liefern andererseits eine exzellente Gesellschaftsanalyse.

      Godard erklärte im Nachhinein alle filmtechnischen Fehler bei 'Außer Atem' zu Merkmalen eines neuen Stils. Völlig legitim in der Situation. Aber zu solchen Ausreden musste er 1967 schon lange nicht mehr greifen. Bei 'Weekend' merkt man, wie sehr er sein Handwerk beherrscht. Bestes Beispiel dafür ist eine fast 10-minütige Plansequenz relativ zu Beginn des Films. Das Ehepaar fährt in ihrem flotten Sportwagen an einem Stau vorbei. Die Kamera ist dabei immer auf Höhe ihres Wagens, bewegt sich auf einer Linie parallel zur Straße. Dabei passieren sie alle möglichen Bestandteile der französischen Gesellschaft, rufen unterschiedlichste Reaktionen hervor. Das ist filmisch virtuos, ein unendlicher Spaß und erschreckend entlarvend. Und eine der großen Szenen überhaupt.

      :wink: Wolfram