Nouvelle Vague - noch 'ne französische Revolution

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    • Nouvelle Vague - noch 'ne französische Revolution

      'Gegen die Tradition der Qualität.'

      Es ist das Vorrecht, vielleicht die Pflicht junger Rebellen, junger Revolutionäre alles in Frage zu stellen, auf breiter Front anzugreifen, hemmungslos und radikal alte Zöpfe abzuschneiden (es müssen ja nicht Köpfe rollen ;) ), zu zerstören und zu verstören, aufzurütteln, quer zu denken, quer zu handeln und das alles rücksichtslos.

      Wenn das so stimmt, war dann die 'Nouvelle Vague' wirklich in toto eine Revolution?

      In den fünfziger Jahren versammelt der Herausgeber der 'Cahiers du Cinema', André Bazin, in Paris eine Reihe von Filmfreaks in seiner Redaktion: Claude Chabrol, Eric Rohmer, Jean-Luc Godard, Francois Truffaut, Jacques Rivette gehörten dazu. Ihre Liebe zum Kino stillten sie permanent in der 'Cinémathèque francaise' von Henri Langlois, in der das gesammelte Filmschaffen dieser Welt ständig gezeigt wurde. Schnell kristallisierten sich Helden des Kinos für die künftigen 'Nouvelle Vague'-Regisseure heraus: Hitchcock und Hawks, Ray und Fuller, Lang, Preminger und Mann. Kino als visuelles Erlebnis, der Realität verpflichtet, eine Kamerafahrt eine Frage der Moral, Film vom Regisseur in allen Bereichen bestimmt. Und dabei gegen die Tradition der Qualität, wie sie gerade im französischen Kino dieser Zeit vorherrschte, bzw. wie es die 'Rebellen' empfanden. Der Regisseur als Ausführender der Ideen des Produzenten, als ein Handwerker unter vielen und eben nicht als 'auteur', als derjenige, der den Film von Beginn an seinen persönlichen Stempel aufdrückt.

      Wann die NV begann? Meistens wird 'Le beau serge' (Die Enttäuschten) von Claude Chabrol (1958) als Ausgangspunkt der 'Welle' genannt, aber möglicherweise kann man auch schon Filme von Astruc, Malle, Varda, Franju dazuzählen. Wenn Chabrol aber den Startschuss gab, dann stand, wie so oft, der Zufall Pate. Chabrols Frau machte eine Erbschaft und mit diesem Geld finanzierte er seinen ersten Film. 1959 folgen dann Resnais mit 'Hiroshima, mon amour' und v.a. 'Les 400 cent coups' (Sie küssten und sie schlugen ihn - Truffaut) und 'À bout de souffle' (Außer Atem - Godard). Während Truffaut mit seinem Erstling in Cannes gewinnt, wird Godards erster Langfilm auch ein finanzieller Erfolg an der Kinokasse.

      Die NV etabliert sich als neue, aufregende Sicht auf das Kino und die gesellschaftlichen Realitäten. Dabei kam der 'Welle' sicherlich zu gute, dass Paris als kulturelles Zentrum sich eh schon von traditionellen kulturellen Sichtweisen verabschiedet hatte. Jazz spielte eine große Rolle und natürlich der Existenzialismus, der sich allerdings wenig in den Werken der NV niederschlug. Aber die Bereitschaft intellektueller Kreise, Neues auszuprobieren, kam den 'Rebellen' durchaus entgegen.

      Wie ging es weiter? Die NV hatte und hat einen enormen Einfluss, gerade auch auf das 'New Hollywood' und auf einzelne Regisseure, veränderte die Sicht auf das Kino und die Rolle des Regisseurs radikal, bestimmte über viele Jahre das Qualitätskino Frankreichs. Die meisten der großen, klassischen Namen des französischen Kinos ab den 50iger Jahren sind in irgendeiner Weise mit der NV verbunden oder von ihr beeinflusst. Aber wie bei jeder 'anständigen' Revolution gibt es diejenigen, die sich den Ideen weiterhin verpflichtet fühlen und die, die mehr oder weniger langsam in den Mainstream abdriften. Das heißt, es gab einerseits die Godards (in seinem Fall 'gibt') und Rivettes, vielleicht auch die Rohmers und Resnais und andererseits die Truffauts und Chabrols. Aber alle schufen auch weiterhin Filme von höchster Qualität, die nicht nur das französische Kino auf lange Zeit verändert haben.

      Inwieweit war es nun eine wirkliche Revolution? Wenn man davon ausgeht, dass eine Revolution alles, wirklich alles beseitigen und umkehren will, dann ist die NV keine, denn ihre großen Protagonisten fußten in der großen Tradition der Filmemacher und wollten diese keineswegs beseitigen, sondern wieder aufleben lassen. Es waren traditionsbewusste Revolutionäre und trotzdem erschafften sie ein neues Kino oder vielleicht rückten sie auch nur die wirklichen Qualitäten des Kinos endlich wieder in den Vordergrund.

      :wink: Wolfram
    • Ich poste hier mal den 'offiziellen' Start der NV:



      Und schon habe ich Schwierigkeiten das Neue, das Revolutionäre dieses Films zu beschreiben. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich mehrere Anläufe brauchte, ihn bis zum Ende zu sehen. Was vielleicht auch deutlich macht, dass wir die revolutionären Neuerungen der NV heute gar nicht mehr so wahrnehmen, sondern nur, dass eine heutzutage wenig aufregende Liebesgeschichte zurück bleibt.

      Gut, der Film wurde vollständig außerhalb des Studios gedreht, er hat neue Kameraperspektiven, arbeitet wirklich visuell und erfüllt damit eine Forderung der NV, ist aber verglichen mit anderen Filmen recht brav. Aus heutiger Sicht wohlgemerkt! Damals mag er die Zuschauer durchgeschüttelt haben.

      :wink: Wolfram
    • In meiner Jugend- und Studentenzeit war Claude Chabrol einer meiner absoluten Lieblingsregisseure. Filme wie
      habe ich geliebt, besonders letzteren, den ich in seiner Rätselhaftigkeit faszinierend fand.

      "Die Enttäuschten" kenne ich allerdings gar nicht, jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern.

      Von Godard kenne ich natürlich Außer Atem, Die Verachtung und Weekend. Bei dem Film mit den Stones One plus one war dann aber Schluss mit der Geduld.
    • "Auf Liebe und Tod" von Truffaut liebe ich ja. Besonders Fanny Ardant, aber auch Jean-Louis Trintignant. Herrlich leicht und persiflierend.

      :top:


      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
      Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten
    • Amfortas09 schrieb:

      noch ausreichend nv-ig
      Das ist sicherlich schwierig zu beantworten. Sautet und Melville gehören wohl eher nicht dazu, während man bei den einzelnen Werken von Chabrol oder Truffaut es stilistisch abchecken müsste. Chabrol selber hat davon gesprochen, dass die NV nur 4-5 Jahre ging, während hier:



      Filme zwischen 1955 und 1990 genannt werden. Godard wiederum würde wohl auch einen Großteil der Truffaut-Filme als nicht zugehörig einordnen. Alles sehr kompliziert und wohl auch, was die Aussagen von Regisseuren angeht, von persönlichen Eitelkeiten und Animositäten mitgeprägt.

      Im obigen Buch werden folgende Regisseure mit Werken (teilweise nur einem) als zur NV gehörend genannt:

      Claude Chabrol
      Francois Truffaut
      Jean-Luc Godard
      Jacques Rivette
      Alexandre Astruc
      Agnès Varda
      Roger Vadim
      Louis Malle
      Georges Franju
      Alain Resnais
      Eric Rohmer
      Jacques Doniol-Valcroze
      Jacques Demy
      Jacques Rozier
      Alain Robbe-Grillet
      Jean Eustache
      Maurice Pialat
      André Téchiné

      Dass darüberhinaus sehr, sehr viele Regisseure von der NV geprägt wurden, ist ja klar. Interessant sind wirklich Chabrol und Truffaut, als 'Gründungsväter', die sich dann aber doch gelöst haben.

      :wink: Wolfram


    • Ein toller Film. Das Buch dazu habe ich vor wenigen Wochen noch einmal gelesen. Schon ziemlich visionär wie Ray Bradbury 1952 die Medienweit der Zukunft voraussah. Mal davon abgesehen, dass sie nicht auf den Wohnzimmerwänden sondern den Smartphones stattfindet. Aber kommt ja vielleicht noch.
    • Ohne Frage eines der Hauptwerke der NV:



      Nach drei Kurzfilmen nun das Langfilmdebüt Francois Truffauts. Vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Regiepreis in Cannes 1959 muss dieser stark autobiographisch geprägte Film wie eine Bombe eingeschlagen sein. Ganz aus der Perspektive des Jungen erzählt (Ein absoluter Glücksfall, dass Truffaut Jean-Pierre Léaud entdeckte!!!), verzichtete er auf eine geradlinig erzählte Geschichte, zeigte dafür aber das Pariser Milieu mit einer schonungslosen Genauigkeit und in einem Stil, der immer wieder mit dem klassischen Kino brach. Zudem erfand Truffaut Bilder (Rummelplatz, Schlusssequenz), die auf immer mit der NV verbunden sein werden, die geradezu symbolisch für diese Filmrichtung stehen.

      :wink: Wolfram
    • Der dritte Paukenschlag der neuen Welle war dann der von Truffaut inspirierte Erstling von Godard aus dem Jahr 1959:



      Wesentlich radikaler in seiner Filmästhetik als Chabrol und Trufffaut, brach Godard hier in einer Tour mit gängigen Techniken des klassischen Kinos. Das Gespräch des Schauspielers mit dem Zuschauer, Jump-Cuts, Handkamera, natürliches Licht, asynchrone Dialoge usw. Manches mag, ähnlich wie beim frühen Fassbinder durchaus auch der technischen Unreife Godards geschuldet sein, aber natürlich hatte er Selbstbewusstsein genug, diese Mängel als gewollten Stilbruch zu deklarieren. :D

      Außer Atem, in der Tradition der amerikanischen Gangsterfilme stehend (und Verweise auf dieses Genre gibt es zuhauf), wurde vielleicht der Kultfim der NV und etablierte v.a. Jean-Paul Belmondo als einen ihrer Schauspieler.

      :wink: Wolfram
    • Um die 'Viererbande' zu komplementieren ein weiterer Erstling:



      Bereits 1957 begonnen, aber erst 1961 fertiggestellt, präsentiert sich Jacques Rivette hier als der Magier der NV. Schon in diesem Film deuteten sich Grundmuster seines Oeuvres an: das Theater, geradezu schemenhaft auftauchend, die Verschwörung, die nicht unbedingt aufgelöst wird, das Irreale der Stadt und des Lebens, das Leben überhaupt als Labyrinth, als etwas Ungewisses, Chaotisches. Und gleichzeitig erzeugt Rivette eine magische Atmosphäre durch die Lichtsetzung, die Langsamkeit des Ablaufs, durch das Schwebende, Entrückte, Fremdartige.

      :wink: Wolfram
    • Chabrols <Nada> kommt beim Reinziehn nv-ig rüber. Terroristen/Anarchisten sind da totalst abgefuckt und ausgebrannt; dazu cooler, lakonischer Speech bzw. Duktus, der lediglich ganz am Ende durch Umschlag in selbstgerechten-moralinsaures Statement gegen bürgerlichen Staat durch einen der Terroristen leider etwas verkackt... bisher mein Lieblings-Chabrol...

      „..aber das sag’ ich Ihnen im Voraus, Sie zahlen Apothekerpreise dafür!..“ :(
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Wolfram schrieb:

      Das ist sicherlich schwierig zu beantworten. Sautet und Melville gehören wohl eher nicht dazu, während man bei den einzelnen Werken von Chabrol oder Truffaut es stilistisch abchecken müsste. Chabrol selber hat davon gesprochen, dass die NV nur 4-5 Jahre ging,
      Eine gute Frage - wo beginnt die Nouvelle Vague, wo hört sie auf? Zeitlich, stilistisch, inhaltlich - ich könnte es auch nicht genau einkreisen. Ich gestehe aber, daß es mir etwas egal ist. Ich genieße eher die Frische, die diese Filmemacher in ihren Werken einbringen. Aber von Anfang an war es nichts Exaktes, sondern ein Sammelsurium verschiedener Persönlichkeitsstile. Godard, Truffaut, Rivette, Rohmer, Varda, Chabrol usw. haben nie das NV-Kino geschaffen, sondern ihren eigenen Neigungen Form gegeben. Der Bruch zwischen Truffaut und Godard kommt vielleicht gar nicht von ungefähr, denn sie passen stilistisch überhaupt nicht zusammen. Der radikale Ästhet gegen den subtilen Erzähler. Und die anderen sind auch nicht immer zueinander kompatibel.

      Das, was die NV-Regisseure für mich ausmachen, ist im Wesentlichen die Neuaufstellung des Filmemachens an sich: ein anderer persönlicher Blick auf die Handlung; eine dokumentarische Behandlung der Filmtechnik; die Entwicklung einer neuen Schnittästhetik, die Brüche zuläßt; das Erzählen von Geschichten, die nicht immer "normal" ablaufen. Tatsächlich ziehe ich da auch keine exakten Grenzen, für mich gehört Sautet auch dazu, und Melville müßte man aufgrund seines eigenen Stils auch dazu zählen, obwohl er eher zu den älteren gezählt wird. Außerdem ist Rivettes Céline und Julie fahren Boot (1974) ebenso reine NV, obwohl die 1970er Jahre nicht mehr zur Kernzeit dieser filmischen Revolution gehören. Chabrol hat durchaus Recht: um 1965 waren diese Neuerungen in den französischen Mainstream hineingegangen, von da aus breiteten sie sich in Europa und später in den USA aus. Nicht mehr so pur und konzentriert wie in Frankreich, aber spürbar anders.

      Dabei zeigt ja gerade das Werk Bunuels, daß die Nouvelle Vague zumindest stilistisch/inhaltlich nicht aus dem Nichts geschaffen wurden (zumal es konkret Vorbilder gab). Die grundsätzlich gemäßigte Radikalität war genau der richtige Impuls zur richtigen Zeit, um eine neue Legende zu schaffen.
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Grundsätzlich sehe ich das ähnlich. Die zeitliche und stilistische Eingrenzung ist schwierig. Heute trudelte Godards 'Bildbuch' von 2018 bei mir ein. Von Ausschnitten her stellt sich mir die Frage, ob das noch NV ist oder eher ein filmischer Essay oder ein Experimentalfilm. Oder alles zusammen.

      Josquin Dufay schrieb:

      und Melville müßte man aufgrund seines eigenen Stils auch dazu zählen, obwohl er eher zu den älteren gezählt wird.
      Ich bin mir nicht mehr sicher, aber irgendwo in meinem Klapperkasten von Gehirn habe ich abgespeichert, dass er sich selber als nicht zur NV gehörend, angesehen hat.

      Josquin Dufay schrieb:

      um 1965 waren diese Neuerungen in den französischen Mainstream hineingegangen,
      Stellt sich dann die Frage, ob z.B. Werke von Chabrol oder Truffaut ab der Zeit auch vermehrt Merkmale des Mainstreams übernommen haben und ab wann dann ein Film noch typischer NV-Vertreter ist.

      Josquin Dufay schrieb:

      Dabei zeigt ja gerade das Werk Bunuels, daß die Nouvelle Vague zumindest stilistisch/inhaltlich nicht aus dem Nichts geschaffen wurden (zumal es konkret Vorbilder gab).
      Die (zeitlich) erste Riege der NV-Regisseure hat sich ja immer vehement zu ihren Vorbilder bekannt, sie zitiert und logischerweise auch von ihnen profitiert.

      Ausgangspunkt war dann ja v.a. ein Protest gegen das französische 'Qualitätskino' der Nachkriegszeit. Der Regisseur als ein Rädchen bei der Herstellung eines Film und nicht als 'Auteur', der von A bis Z dem Werk seinen Stempel aufdrücken sollte.

      'Gemäßigte Radikalität' drückt das schön aus. Sie waren eben keine Revolutionäre, die alles über den Haufen werfen wollten,, sondern sie standen eben in einer Tradition, die sie auch sehr verehrten. Was sie sicherlich aber trotzdem mitbrachten, war eine gewisse Lust an der Provokation, die aber ja mit den Jahren üblicherweise auch verschwindet, aus verschiedenen Gründen.

      Ansonsten erging es der NV natürlich wie jeder anständigen 'Revolution'. Hat sie das erreicht, was sie will, nämlich Neues etabliert und Menschen davon überzeugt, wird sie selber zum Mainstream.

      :wink: Wolfram
    • Wolfram schrieb:

      Ansonsten erging es der NV natürlich wie jeder anständigen 'Revolution'. Hat sie das erreicht, was sie will, nämlich Neues etabliert und Menschen davon überzeugt, wird sie selber zum Mainstream.
      :jaja1: :jaja1: :jaja1: :jaja1:
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    • Neu

      Amfortas09 schrieb:

      Chabrols <Nada> kommt beim Reinziehn nv-ig rüber.
      Ein Nachklapp : Das Buch von Manchette finde ich ziemlich gut , obwohl ich es nur in der Übersetzung kenne . Der relativ neue Comic von Cabanes konnte mich bislang nicht so recht begeistern . Für mich bleibt das Buch überzeugend , während Chabrols und Cabanes Adaptionen dahinter zurückbleiben .

      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang "