Luis Bunuel - Ich träume, also bin ich.

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    • Luis Bunuel - Ich träume, also bin ich.

      Luis Bunuel *1900 Calanda, Spanien - +1983 Mexiko Stadt, Mexiko

      Ich muss gestehen, dass ich zum Zeitpunkt dieser Thread-Eröffnung noch relativ wenige Bunuel-Filme gesehen habe. Trotzdem muss es jetzt sein, weil es überhaupt nicht angeht, dass noch keiner über diesen wahrlich bedeutenden und besonderen Regisseur existiert und weil ich mich in der nächsten Zeit stärker mit ihm beschäftigen möchte.

      Sohn aus wohlhabendem, bürgerlichen Hause, Besuch der Jesuitenschule. Dann Studium in Madrid und nicht vorgesehener Bruch mit dem ihm vorgegebenen Lebensentwurf durch Freundschaft mit Garcia Lorca und Salvador Dalí. Nach Umzug nach Paris Hinwendung zum Surrealismus. Danach einige Jahre in den USA, langer Aufenthalt in Mexiko, 1960 Rückkehr nach Spanien, ab 1964 erneut Frankreich.

      1929 ein erster künstlerischer Paukenschlag: 'Le chien andalou', ein radikal surrealistischer Film, der auf seinen und Dalís Träumen beruht und nichts zeigen sollte, was rational erklärbar sein würde. Legendär die Anfangsszene, in der ein Rasiermesser das Auge einer Frau durchschneidet. Ein Jahr später folgte 'L'age d'or', der sofort einen Skandal hervorrief, u.a. wegen Blasphemie für Jahrzehnte verboten wurde und Bunuel ins Ausland, in die USA trieb und v.a. seine Filmkarriere für knapp zwei Jahrzehnte quasi unterbrach.

      Nachdem Dalí ihn in einem Interview als Atheisten bezeichnet hatte, musste Bunuel auch die USA verlassen und ging nach Mexiko. Dort konnte er erst 1950 mit 'Los Olvidados' einen weiteren künstlerischen Film (zuvor hatte er Unterhaltungsfilme im Sinne der mexikanischen Filmindustrie gedreht) drehen, der ihn wütende Proteste der mexikanischen Presse und gleichzeitig den Preis als bester Regisseur in Cannes 1951 einbrachte. (2003 war es genau dieser Film, der als zweiter in das Weltdokumentenerbe der UNESCO eingetragen wurde). Bis 1960 drehte er nun international vielbeachtete Filme in Mexiko, bis er auf Drängen von Carlos Saura in seine spanische Heimat zurückkehrte und dort 'Viridiana' realisierte. Und es wiederholte sich. Spanische Regierung und die dazugehörende Presse tobten, während der Film in Cannes preisgekrönt wurde.

      1964 konnte Bunuel dann endlich volle künstlerische Freiheit genießen, diesmal in Frankreich, wo er bis 1977 noch sieben Filme drehte, die mit Kritikerlob und Preisen geradezu überschüttet wurden.

      Was ist es denn nun, was Bunuel zu einem der ganz Großen des Kinos macht?

      Traum, Obsessionen, Fetischismus, Perversion, Kritik am Bürgertum, am Feudalismus, an der Religion, Abgründe des Menschseins, Verlogenheit waren seine Themen und die offenbarte er schonungslos doch nie effekthascherisch. Sein Kino war ein Kino der Enthüllung, der schonungslosen Offenlegung und immer auch eine Gratwanderung zwischen Realismus und Surrealismus. Auch wenn er sich schon relativ früh von diesem distanzierte, war er in seinen Werken immer präsent. Vielleicht ist es aber gerade dieser Aspekt, der seine Sozial- und Religionskritik so deutlich macht.

      Er war ein Nonkomformist und diese Haltung behielt er sein Leben lang bei. Vor Bunuel war nichts sicher. Immer legte er bloß, immer und immer wieder, dabei filmisch in wohlüberlegten, auch verräterischen 'klassischen' Einstellung und Erzählstrukturen, die er dann urplötzlich durch surreale Einschübe, Traumsequenzen, oftmals nicht als solche sofort erkennbar, durch alles offenbarende Perspektiven unterlief und kommentierte. Bunuel hatte eine Lust an der Provokation, nicht um ihrer selbst willen, sondern um Verlogenheiten zu offenbaren. Ob er noch die Welt verändern wollte? Ich weiß es nicht, ich bezweifle es. Ihm ging es um Wahrheit, auch um eine jenseits des Sichtbaren, eine, die tief in uns begraben ist.

      Wenn Bergman vielleicht der Psychologe des Diesseits war, dann war Bunuel ein Erforscher des Jenseits, des Irrationalen, des Traumverbundenen. 'Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer' – bei Bunuel schläft die Vernunft nicht einmal und die Ungeheuer sind trotzdem da, denn sie sind Teil des Menschen. Ich glaube, Bunuel wusste, dass die Aufklärung eine Kopfgeburt war und dass der Mensch von ganz anderen Dingen beherrscht wird.

      :wink: Wolfram


    • Zwei Pilger auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela.

      Bunuel konzentriert sich nahezu vollständig auf eins seiner großen, lebens- und kunstbestimmenden Themen, auf die Auseinandersetzung mit der Religion, v.a. der katholischen Kirche.

      Die beiden Pilger wandern durch Frankreich nach Spanien und sie wandern durch die Zeiten. Dabei werden sie immer wieder mit Menschen konfrontiert, die religiös dogmatische oder ketzerische Haltungen vertreten oder die in irgendeiner Form Stellung zum Christentum beziehen.

      Mehr ein Essay als ein Film geht es Bunuel dabei wohl darum, die Sinnlosigkeit, Widersinnigkeit und auch Hohlheit kirchlicher und religiöser Lehren und Haltungen zu zeigen und zu karikieren. Der Film ist schon sehr klar und einheitlich in seinem Wesen und seiner Aussage, auch wenn man als Zuschauer vielleicht zunächst recht verwirrt dem Ganzen zuschaut. Nur irgendwann wurde mir die Sache klar und dann erschien mir das alles zu offensichtlich. Bunuel inszeniert, wahrlich gekonnt, Originalzitate, reiht sie quasi aneinander und das war es dann auch. Mir fehlt hier das Hintergründige anderer Filme, das absurde Wirken kirchlicher Traditionen im persönlichen und gesellschaftlichen Leben, was er sonst so gut darstellen konnte. Er setzt sich ja noch nicht einmal mit der Theologie oder ihren kirchlichen Auswüchsen auseinander, sondern führt sie eigentlich nur vor. Das ist auf Dauer dann doch zu wenig für mein Empfinden, jedenfalls für einen ganzen Film.

      :wink: Wolfram


    • Der Adoptivvater, das Mündel, der Geliebte. Schon diese Konstellation lässt einen vermuten, worum es in dem Film wohl gehen wird und so kommt es mehr oder weniger auch. Denn natürlich stellt der verarmte Bourgeois seinem Mündel nach, macht sie zu seiner Geliebten und natürlich entflieht sie ihm mit Hilfe des Dritten im Bunde. Allerdings ist es dann ihr Wunsch, schwer krank, nach Hause zurückzukehren, um da zu sterben. Sie übersteht ihre Krankheit, allerdings muss ihr ein Bein vom Knie ab amputiert werden. Sie trennt sich letztlich von ihrem Geliebten, willigt in eine Heirat mit ihrem Adoptivvater ein, führt Jahre später allerdings dessen Tod durch Unterlassung herbei.

      Es gibt die für Bunuel üblichen Traumsequenzen und es gibt v.a. auch nicht näher gekennzeichnete Zeitsprünge. Zeit ist wohl überhaupt ein ganz wichtiges Thema in diesem Film. Gedreht wurde in Toledo, einer Stadt, die Bunuel von Jugend auf kannte und die er immer sehr geliebt hat. Don Lope und Horacio, also Adoptivvater und Geliebter stellen sich als alter ego von Bunuel heraus an denen er sein Verhältnis zu Frauen und auch seine Angst vor dem Verrinnen der Zeit durchspielt.

      Interessant ist dabei v.a. Don Lope, der Tristana aus Eifersucht geradezu wegsperrt, der eine Art Don Juan ist, der aus der nun verarmten Bourgeoisie stammt und dem wir durch seine letzten Jahre begleiten. An ihm erforscht der immerhin schon 70ig-jährige Regisseur, was aus ihm selber vielleicht einmal werden wird. Don Lope wandelt sich von einem hinter jedem Rock herjagenden Lebemann zu einem besorgten, beschützenden Ehemann, der mit drei Priestern zu nachmittäglicher Stunde heiße Schokolade trinkt. Das muss ein Schreckensbild für Bunuel gewesen sein.

      Tristana, sein Mündel, ist eine von von Träumen geplagte (wiederkehrend das Bild des geköpften Don Lope, dessen abgeschlagener Kopf am Klöppel einer Kirchenglocke hängt) Unschuld, die sich aber zunächst gehorsam, dann immer widerwilliger seinen sexuellen Wünschen hingibt, später aber dann Lust an der Zurschaustellung ihres eigenen, durch Amputation zerstörten Körper gewinnt und v.a. auch an der macht, die sie auf das andere Geschlecht ausüben kann. Zum Schluss kehrt sie den Spieß um und zerstört den, der sie einst zerstört hat.

      Tristana ist eigentlich ein relativ stiller Film, wunderbar inszeniert, bei dem das Geschehen, wie bei Viridiana oder dem Tagebuch einer Kammerzofe, mehr unter der Oberfläche passiert. Aber da brodelt es natürlich, sonst wäre es ja auch kein Bunuel. ;) Ein wirklich großer Film.

      Zwei Jahre später erzählte Hitchcock, dass er Tristana schon häufig in seinem eigenen Heimkino voller Bewunderung gesehen hätte und antwortete auf die Frage eines Journalisten, welchen Regisseur er für den bedeutendsten halten würde: 'Neben mir - Luis Bunuel.'

      :wink: Wolfram


    • Ein Oscar-prämiertes Meisterwerk des Surrealismus.

      Der Surrealismus spiele immer eine bedeutende Rolle in den Filmen Bunuels, aber selten so stark wie in dieser Gesellschaftsfarce des 72ig-jährigen. Der Film ist durchzogen von Traumsequenzen, von Träumen in Träumen, vom permanenten Wechselspiel von real und irreal.

      Sechs Großbürger versuchen sich zu einem gemeinsamen Abendessen zu treffen und stets wird ihr Bemühen um dieses Ritual gestört. Bunuel zeigt mit viel Witz und Ironie, vielleicht auch mit einer gewissen Altersmilde, da er nie verurteilt, die Bemühungen der Bourgeoisie, ihre sinnentleerte Existenz aufrecht zu erhalten. Eigentlich befinden sich alle auf einer Straße ohne Ziel (wunderbares, wiederkehrendes Bild), sind unfähig, ihre Lage zu durchschauen und von daher geradezu verdammt, ihr Spiel weiter zu spielen. In den Träumen wird die Absurdität ihres Seins dann noch einmal auf die Spitze getrieben, werden sie immer wieder auch mit der einen realen wie irrealen Wirklichkeit, dem Tod, konfrontiert und trotzdem können sie sich nicht aus ihrer Situation befreien. Sie sind angepasst an ihre Welt, sie agieren in dem ihnen von der Gesellschaft zugewiesenen Raum und stoßen nicht durch zu neuen, wirklichen Erfahrungen und Wahrnehmungen.

      Das alles inszeniert Bunuel geradezu mit leichter Hand, charmant, mit vielen Andeutungen und mit sehr viel Humor. Ein vordergründig vergnügliches und wirkliches Meisterwerk des surrealen Kinos. Scheinbar eine Komödie, aber wehe, wenn man an der Oberfläche kratzt. ^^

      :wink: Wolfram


    • Wie soll man diesen Film nun genremäßig einordnen? Im weitesten Sinne wohl eine Art Episodenfilm, allerdings werden diese nie abgeschlossen, sondern eine Nebenfigur aus Episode A wird zur Hauptperson in Episode B, woraufhin dann wiederum eine in Episode C die Geschichte einer Nebenfigur aus B erzählt wird und so fort. Angereichert wird dies alles mit surrealen Aspekten.

      Bunuel zeigt ironisch, witzig, sarkastisch die Grenzen unserer eigenen Freiheit im Denken und Handeln auf, er fordert uns ständig in seiner bekannten Weise, in dieser Mischung von Realität und Irrealität, die immer weniger voneinander getrennt sind, unsere ritualisierte Denkweise zu überdenken und zu hinterfragen. Mut zur Freiheit, zum Nonkonformismus, zur Bereitschaft, erst einmal alles 'über Bord zu werfen'. Erkennen, dass das Leben und das Sein paradox sind und aus dieser Situation ein neues Empfinden und eine radikal andere Wahrnehmung gewinnen.

      Das klingt jetzt alles sehr vom Kopf her gedacht, aber Bunuel und sein Co-Autor Jean-Claude Carriere schaffen es, diese ganzen angerissenen Episoden so spannend, absurd und witzig zu gestalten, dass der ganze Film zunächst einmal ein großes Vergnügen ist, näher an der Fantasiewelt eines Fellinis, als an der eines Bergmans.

      :wink: Wolfram


    • Das Werk eines 76ig-jährigen, der letzte Film von Luis Bunuel.

      Wie brav kommt Bunuel scheinbar daher, wie selten bricht er dieses Werk mit verstörenden, surrealistischen Einschüben auf!

      Ein Mann erzählt seinen Mitreisenden auf einer Zugreise, warum er eine Frau bei der Abfahrt des Zuges ziemlich schlecht behandelt hat. Es schält sich die Geschichte einer großen Obsession, einer den Verstand tötenden Begierde heraus, höchstens einmal durchbrochen von Verweisen auf terroristische Aktionen.

      Und trotzdem schwelt unter der Oberfläche so viel. Da ist dieser Großbürger, offensichtlich Angehöriger einer zum Untergang auserkorenen Schicht, der nicht mehr in der Lage ist, mit Hilfe seiner einstmals sicherlich vorhandenen Macht, eine Frau zu beherrschen. Es reicht gerade noch dazu, sie zu verprügeln, etwas, was im Sittenkodex der Bourgeoisie wohl nicht vorkommt, und über sie einen Eimer Wasser auszukippen. Gleichzeitig steht er desinteressiert und hilflos den Aktionen der Terroristen, einer Verbindung von linken, rechten und christlichen Gegnern gegenüber.

      Bunuel lässt die weibliche Hauptrolle Conchita von zwei verschiedenen Schauspielerinnen verkörpern. Der Bourgeois sieht also in jeder Frau ein Ziel seiner Begierde, aber eben mit dem gezeigten Ergebnis. Beide tanzen ihm auf der Nase herum. Das Großbürgertum, dass sich nur noch seinen Obsessionen hingibt und für die gesellschaftlichen Realitäten keinen Sinn mehr hat. Durch das Netzwerk mit Justiz und Polizei ist noch eine gewisse Macht vorhanden, aber die Tage sind gezählt.

      Bunuel am Ende seines Filmschaffens mit einer sehr hoffnungsvollen Utopie, die sich aber im Nachhinein als Irrtum herausgestellt hat. Was hätte er wohl zur Globalisierung gesagt?

      :wink: Wolfram


    • Zwanzig Jahre nach 'Das goldene Zeitalter' konnte Bunuel sich endlich wieder mit einem künstlerisch anspruchsvollen Spielfilm zurückmelden und wurde sogleich als bester Regisseur in Cannes ausgezeichnet.

      'Los Olvidados' zählt neo-realistisch die Geschichte von verwahrlosten und kriminellen Jugendlichen und Kindern aus den Randbezirken von Mexico City. Dabei ist Buunuel nie sentimental oder schlachtet die Zustände propagandistisch aus. Er zeigt. Natürlich ist er auch hier schon typischer Bunuel, d.h. Träume spielen eine Rolle, Fetischismus, Symbole. Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft scheint am Rande durch, in so fern, dass sie diese Zustände zulässt. Nur Kirche und Religion spielen hier keine Rolle.

      Eigentlich schätze ich naturalitische oder auch neo-realistische Werke nicht unbedingt, aber dieser hat mich sehr getroffen. Bunuel erschafft mit seinen Laien-Darstellern eine Atmosphäre, der ich mich nicht entziehen konnte. Eigentlich ist alles bekannt, das Ende vorhersehbar, kenne ich diese Strukturen aus meiner beruflichen Erfahrung zur Genüge und trotzdem... Der Film hat eine gewisse Magie, die vielleicht aus der schonungslosen Darstellung und der unkommentierten Nähe zu den Jugendlichen erwächst.

      Der Film wurde übrigens als zweiter überhaupt (nach 'Metropolis') in das Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen.

      :wink: Wolfram