HÄNDEL: Vincer se stesso è la maggior vittoria (Rodrigo) HWV 5 (1707)

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    • HÄNDEL: Vincer se stesso è la maggior vittoria (Rodrigo) HWV 5 (1707)

      Ich erlaube mir, hier zu Beginn diesen großartigen Beitrag aus dem Thread zu den Göttinger Händel-Festspielen 2019 einzufügen:

      Giovanni di Tolon schrieb:

      Hallo zusammen,

      auch diesmal habe ich mit einer Gruppe ähnlich Begeisterter den Göttinger Händelfestspielen einen Besuch abgestattet. Leider hat es für uns nur für drei Vorstellungen dieses Jahr gereicht, aber dafür war die Anzahl der Einschränkungen von einem perfekten musikalischen Eindruck dieses Jahr besonders gering.

      Walter Sutcliffe Regie
      Dorota Karolczak Bühnenbild und Kostüme
      Susanne Reinhardt Licht

      Erica Eloff, Sopran – Rodrigo
      Fflur Wyn, Sopran – Esilena
      Anna Dennis, Sopran – Florinda
      Jorge Navarro Colorado, Tenor – Giuliano
      Russell Harcourt, Countertenor – Evanco
      Leandro Marziotte, Countertenor – Fernando

      FestspielOrchester Göttingen
      Laurence Cummings, Musikalische Leitung

      Freitag Abend wurden die Festspiele mit der live von NDR Kultur übertragenenen szenischen Opernaufführung des 'Rodrigo' HWV 5 eröffnet. Diese im Herbst 1707 in Florenz im heute Teatro Niccolini genannten Theater uraufgeführte Oper gilt als schwaches Werk, das erste große Opernwerk des jungen Hallensers in Italien. Angeblich hatte Gian Gastone de’ Medici, der spätere letzte Großherzog der Toskana aus dem Hause Medici, Handel schon von Hamburg aus eingeladen, in Florenz unter guten Bedingungen auftreten zu können. Abgesehen von den Sängern der Uraufführung sind nur wenige Details der ersten Aufführungsserie bekannt.

      Die Göttinger Inszenierung ist von Walter Sutcliffe vorgenommen worden, er orientiert sich bei der Bühnenaufbereitung dieser im Jahr 711 in Südspanien spielenden Geschichte sehr an den gewalttätigen Charakteren, am Niedergang (hier des westgotischen Reiches). Das wird durch das morbide Bühnenbild und die immer stärker vermüllte Bühne, in der am Schluss ein Hund gebraten wird, überdeutlich. Das sind alles Aspekte, die im Text der Oper und in den vielen Rache-erfüllten Arien angelegt sind. Für die Handlung verweise ich auf den recht gut informierten wikipedia-Artikel, hier ist der deutsche recht gut gelungen.

      Wie bei vielen anderen der in den vergangenen Jahren in Göttingen aufgeführten Opern ist dieser sehr gewalttätige Text sicher eine Ursache dafür, dass das Stück nicht so gerne rezipiert worden ist, wie die Qualität des Stücks es erfordern würde. Nach einer Ouvertüre und vielen Tanzstücken, zu denen der Vorhang bereits geöffnet worden ist, steigt die vorhandene Musik bereits mitten im Drama ein: Florinda hat ein Kind von Rodrigo und überzieht ihn wieder mit Vorwürfen, warum er ihr immer noch seine kinderlose Gattin Esilena vorzieht. Rodrigo, hiermit ungemein machohaft-modern wirkend, gibt zurück, dass sie sich ihm ja mehr oder minder an den Hals geworfen hat, sie solle ihm vom Halse bleiben, er werde sie ja eh nicht heiraten. Florinda kocht vor Wut. Dieser Einstieg ist symptomatisch für das Libretto: es gibt kein Drumrum-Reden, Konflikte werden direkt angegangen, mindestens vier der sechs dramatis personae sind ausgemachte Hitzköpfe, die alle mit kurzem Zünder sofort hochgehen, das wird auch in den Arientexten deutlich, ich zähle hier nur die handlungsauslösenden Worte im ersten Akt auf: 'pugneran' (erste Arie der Florinda), 'Agitata' (erste Arie des Fernando), 'fortezza' (erste Arie des Evanco), 'stragi, morti, sangue ed armi' (zweite Arie des Guiliano), usw. Den Hauptgegensatz zu diesen Alphawesen bildet Esilena, die Gattin des Titelhelden, sie dringt immer wieder auf Vergebung, Ausgleich, mithin auf Beruhigung. Das schlägt sich natürlich auch in den Arien musikalisch nieder, die krasse Gegenüberstellung von widerstrebenden Emotionen sind ja die Stärke Handels bis zum Ende seines Komponistenlebens.

      Die Inszenierung nimmt sich heraus, die gute alte Dreiaktigkeit zu durchbrechen, angesichts der Spielzeit von ca 160 Minuten, ist das verständlich. Die Pause erfolgt nach der vierten Szene im zweiten Akt, nach der großartigen Arie der Florinda 'Fredde ceneri d'amor', einer tollen Bereicherung des Charakters der sonst vor allem sehr exaltierten Rolle der zweiten großen Frauenrolle im Libretto. Das hat auch damit zu tun, dass der dritte Akt deutlich kürzer ist als die beiden ersten (8 statt jeweils 13 Arien bzw. Duette).

      Rodrigo ist ein sehr frühes Beispiel für die Entscheidung Händels, nicht die glorreichen Charaktere ins Zentrum seiner Geschichten zu nehmen, sondern die gebrochenen und letztlich nicht erfolgreichen. Während im diesjährigen Oratorium (dazu später mehr) eine an Neid und Paranoia zerbrechende Titelfigur im Zentrum steht, ist Rodrigo in seiner Selbstverliebtheit und Nicht-Zielstrebigkeit eine merkwürdig unklare Titelfigur. Ich empfinde dies jedoch nicht als Schwäche, sondern als Stärke der Partitur.

      Musikalisch gibt es eigentlich nur Bestes zu berichten: abgesehen von wenigen wegrutschenden Tönen der hochvirtuosen Passagen in den Violinsoli in Esilenas Arie 'Per dar pregio all'amor mio' am Ende des Ersten Akts waren Charaktere, Stimmungen, Emotionen dieser überquellenden Partitur großartig getroffen. Im Vorfeld der Aufführung war ich etwas enttäuscht, Fflur Wyn in der weiblichen Hauptrolle angekündigt zu sehen, letztes Jahr im Galakonzert hatte sie mich als Piacere in 'The Choice of Hercules' nicht überzeugt. Dieses Jahr möchte ich ihr allerdings die Krone für die beste Frauenrolle bei den von mir besuchten Aufführungen geben, ihre riesige Rolle hat sie mit Glanz und Glorie bestanden. Wobei der Abstand von Erica Eloff in der Titelrolle und Anna Dennis als Florinda wirklich klein war. Bei den Männern gebührt die Krone wie schon beim letzten Mal, als er in der Oper dabei war, Jorge Navarro Colorado. Die Präsenz, die Koloraturenstärke, die schauspielerische Leistung waren überragend. Hier habe ich einen Sänger gefunden, den ich gerne einmal als Bajazet im Tamerlano sehen möchte ... (für mich bei Handel das Maß aller Dinge). Wobei Russell Harcourt mit seiner unglaublich hohen, hochvirtuosen, aber dunkel gefärbten Stimme für mich das Ideal einer Soprankastraten-Stimme darstellt. Im Grunde möchte man ihn als Tamerlano hören .... Die Rolle des Fernando ist recht klein, aber Leandro Marziotte hat auch hier alles richtig gemacht.

      Laurence Cummings hat musikalisch wahre Wunder vollbracht, dieses etwas sperrige Stück mit einer 'emotionalen' Leerstelle in der Titelrolle zu einem absolut überzeugenden Plädoyer für ein angeblich schwaches Stück zu machen. Beide Duette von Esilena und Rodrigo im Dritten Akt ('Addio, mio caro bene' am Ende von Szene 2 und 'Prendi l'alma' in Szene 8) würden längst in Händel-Hitparaden auftauchen, wenn sie nicht im HWV 5 stünden. Das gleiche gilt für die schon genannten Arien der Florinda und der Esilena oder das liebevollste Stück des Giuliano am Beginn des zweiten Akts 'Fra le spine'.

      Der Jubel des Publikum war sehr groß, ich denke, dass der NDR den Mitschnitt auch wieder veröffentlichen wird, nur wenige Beifallsunterbrechungen haben den Fluß der Premiere gestört.

      Natürlich gehört das Stück nicht in eine Schublade mit den Meisterwerken des Hallensers, dafür sind die Charaktere alle zu gleichermaßen kriegerisch-aggressiv. Eine gute Aufführung sollte man als interessierter Barockhörer aber auf jeden Fall mal gehört haben. Weitere Aufführungen in Göttingen: Mittwoch, 22. Mai 2019, 19.00 Uhr; Samstag, 25. Mai 2019, 15.00 Uhr; Sonntag, 26. Mai 2019, 17.00 Uhr

      Oder momentan auch hier verfügbar: ndr.de/ndrkultur/epg/Live-aus-…odrigo,sendung907976.html

      Gruß Benno

      AlexanderK schrieb:

      Giovanni di Tolon schrieb:

      ich denke, dass der NDR den Mitschnitt auch wieder veröffentlichen wird

      Ich habe gestern mit dieser Aufnahme das Werk kennengelernt. Mein Eindruck:

      Es heißt, diese frühe Händel-Oper habe noch nicht die Qualität späterer Hauptwerke. Die großteils kürzeren Arien werden schon eher ergänzend zu den ausführlichen Rezitativen gesetzt, bei denen es unbedingt notwendig ist (versteht man kein Italienisch), den Text in der deutschen Übersetzung mitzulesen. Das nimmt ihnen die Langatmigkeit. Wie bei späteren Händel-Opern werden die drei Akte immer kürzer, der erste ist der längste.

      Schwächer hin oder her, mit der Ouvertüre und den an diese anschließenden Tänzen (insgesamt 12 Minuten für mich wunderbare Händel- Instrumentalmusik!), mit der ersten Arie des Werks, der innigen Rodrigo-Arie Occhi neri, und dann erst recht mit Esilenas erster, an sich heiterer, aber auch sanft getrübter Arie Nasce il sol, e l’aura vola ist man sofort auch hier wieder mittendrin im Händel-Opernzauber.

      Die sich zurücknehmende, ausgleichende, friedliebende Esilena wird für mich gleich zur „Herzensrolle“ der Oper. Den Weg hin zum umfassend harmonisierten Happy End steuert durchgehend ausschließlich sie, eine der wohl edelsten, positivsten, pazifistischsten Figuren der Operngeschichte. Sie bewirkt im 1. Akt die Begnadigung Evancos, sie wäre bereit, als Gemahlin Rodrigos zugunsten Florindas zurückzutreten, sie wäre auch zum gemeinsamen Tod mit Rodrigo bereit, dann setzt sie sich für den gefangengenommenen Giuliano ein, und sie würde sich auch opfern, bis sie im entscheidenden Moment im 3. Akt zum letzten Mittel greift, Florindas und Rodrigos Kind als „Pfand“ für den Frieden einzusetzen, wissend, soweit würde Florinda nie gehen, ihr eigenes Kind zu opfern.

      Florinda muss meist wütend aufdrehen, aber auch sie sowie der reumütige Rodrigo und Giuliano haben weitere durchaus innigere Arien in diesem Werk für sich. Das Glanzstück, neuneinhalb Minuten lang, ist die ja auch von Giovanni di Tolon hervorgehobene große Esilena-Arie mit Solovioline Per dar pregio all’amor mio am Ende des 1. Akts. Wieder innig singt Esilena im 2. Akt ihr Egli è tuo, né mi riserbo – umso dramatischer ihre gleich darauffolgende Arie Parto, crudel, sì parto. Im 2. Akt sei von mir auch Florindas Arie Fredde ceneri d’amor hervorgehoben – im Text düster, die Musik aber zauberisch schön. Wenn Esilena, um das Leben ihres Mannes zu retten, mit Florindas Kind zusammen im 3. Akt auftritt, hat sie einen weiteren zentralen innigen Augenblick für sich, Perché viva il caro sposo. Das Glück von Esilena und Rodrigo wird mit einem Duett besiegelt.

      Für mich ist diese CD-Liveaufnahme allemal gut genug – das Orchester wunderbar natürlich und beherzt, die gesanglichen Leistungen vorzüglich und schön differenziert sowie ein Schuss Liveatmosphäre mit Bühnengeräuschen, die nicht stören, ganz im Gegenteil. Ich mag das so.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK