KOPATCHINSKAJA, Patricia - ein Geigenwunder unserer Tage?

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    Informationen zum Capriccio-Verein als Betreiber des Forums finden sich hier.
    • KOPATCHINSKAJA, Patricia - ein Geigenwunder unserer Tage?

      Damit es nicht vom ersten Moment an in den Regionen der Subjektivität herumbrodelt, nur ein paar wenige Sachinformationen vorneweg (1). Man möge sie nach Herzenslust ergänzen. Ich werde in diesem Einführungsbeitrag auch nichts verlinken. (Aber ich liege doch richtig, dass es noch keinen Thread gibt?)

      (1) Die man überall findet wahrscheinlich und die jeder kennt dahier möglicherweise. ;)

      1977 in Moldavien geboren, hat die Geigerin Patricia Kopatchinskaja [eine der hoffenlich korrekten Transkriptionen] längst in der Schweiz Fuß gefasst, nachdem die Familie sich zunächst 1989 in Wien niedergelassen hatte. Mit zahlreichen Sinfonieorchestern und Plattenproduktionen hat sie sich das klassische Repertoire erarbeitet, aber ihre Rolle für die zeitgenössische Musik ist eigentlich die wichtigere. Sie ist den Neuen Medien zugetan, hat als prima inter pares (ein) eigene(s) Ensemble(s) gegründet, ist Kammermusikpartnerin, singspricht aber auch den Schönberg`schen Pierrot Lunaire und liebt den historischen Originalklang. [NB: Hier ist keine persönliche Hörferfahrung gegeben bislang - ich habe Probleme, mir Analoges vorzustellen. :D :) )

      Die gebürtige Moldauerin spricht trotz des Akzents ein so flüssiges Deutsch, wie ich es bei ähnlichen Konditionen hauptsächlich von Herbert Blomstedt kenne. Beeindruckend für mich!.

      Doch jetzt muss Schluss sein mit der Sachlichkeit.

      Die Klischees sind ebenso Legion, die unmissverständlichen wie die diskussionsbedürftigen. Wildsau, barfuß, stets mit Noten bewaffnet, damit sie dann um so rücksichtsloser mit ihnen umgehen kann, gänzlich unangepasst, unkonventionell um jeden Preis, ein roher Diamant ...

      Und ja, sie polarisiert. Das festzustellen, ist banal.

      Ich mag diese Frau, ich mag ihren Einsatz für zeitgenössische Konzertformen und Solokonzerte, ihre Offenheit, ihr musikalisches Demokratieverständnis, ihre Bescheidenheit (die ich jenem Dirigenten aus einem anderen Land im Südosten, mit dem sie gerne zusammenarbeitet, weniger zuschreiben möchte ...), hinter der echtes Selbstwertgefühl steht, ihre Spontaneität, meine neue Erfahrung mit dem Beethoven-Konzert oder mit Bartok oder mit Strawinski. Den Ligeti finde ich mitreißend.

      Könnte es aber sein, dass der Beethoven mit der Zeit auf die Nerven geht, dass man das merkwürdig zauselig verhuschte Spiel an vielen Stellen satt bekommt und plötzlich den Schluck reinen Wassers einer altehrwürdigen Einspielung ersehnt? Dass die Poulenc-Sonate im Finalsatz zur Zirkusnummer verkommt? Dass nicht jedes Forte ein Fortissimo und nicht jedes Piano ein Pianissimo zu werden braucht und dass nicht alle Möglichkeiten, die Violine zu bürsten und zu schrubben, auch überall realisiert werden müssen?

      Ihr seid dran. :)

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • andréjo schrieb:

      Ihr seid dran.
      Auf Anraten meines Arztes halte ich mich da lieber raus. Nur soviel: Ich bekomme mehr oder weniger regelmäßig von einem lieben Mitglied der Berliner Philharmoniker Freikarten und habe ein einziges Mal dankend abgelehnt. Richtig geraten! Mir ist ein absolutes Rätsel, wie eine hervorragende Instrumentalistin einen solchen musikalischen Mist zusammenspielen kann. Ihre "Tzigane" kann ich nicht anders als unfreiwillig komisch finden, wenn es mir ausnahmsweise mal gelingt, meinen Ärger über eine solche Entstellung beiseite zu schieben. Das hat mit Ravels minutiös ausbalancierten Tempi, Charakteren und Rhythmen wirklich gar nichts mehr zu tun, aber es tritt außer langweiliger Dauer-Emotionalität auch nichts an dessen Stelle. Die Poulenc-Sonate .... ach nee, ich hör lieber auf und empfehle statt dessen das hier: youtube.com/watch?v=XBNwF25uHiw
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Ich habe Kopatchinskaja zweimal live gehört. Einmal mit Stravinsky, damals kannte ich sein Violinkonzert nicht gut genug, um mir ein Urteil zu bilden, der Eindruck, dass sie, sagen wir mal, ungewöhnlich ist, entstand schon damals.

      Jahre später mit Beethovens Violinkonzert: Seitdem mache ich einen Riesenbogen um sie. Was das bringen muss, innerhalb jedes Taktes 4 unterschiedliche Lautstärken zu verwenden und grundsätzlich jede einzelne Phrase neu zu erfinden, ist mir nicht klar. Das war ein Stottern und ein Japsen, dass es am Ende nur mehr zusammenhangslos aneinandergereite Noten waren, Ihre CD-Aufnahme kenne ich auch, aber das gibt das Desaster der Liveaufführung nur inadäquat wieder. Da wurde viel geglättet (ist aber schon früher entstanden).
      Wenn ich F10 auf meinem Computer drücke, schweigt er. Wie passend...
    • Mein Eindruck von Patricia Kopatchinskaja ist, dass sie die Musik, die sie liebt, in etwa so spielt, wie Glenn Gould die Musik gespielt hat, die er verabscheute. :D

      Man kann natürlich sämtliche Ideale von Phrasierung, dynamischer Abstufung und Klangkultur über Bord werfen und dann darauf hinweisen, dass das Resultat "anders" oder "was eigenes" ist. Hierzu kann ich nur den großen norddeutschen Musikphilosophen Dieter B. aus Tötensen zitieren: "Ja - aber sch... eigen!" :D

      Etwas ernsthafter: ihre Interpretationen von Musik der 20. Jahrhunderts würden mich durchaus interessieren, ihre Darbietungen der großen Klassiker halte ich nicht über die volle Distanz aus.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Es wird Euch wahrscheinlich nicht überraschen: Kaum Widerspruch von meiner Seite. [Und doch ... ;) ]

      Danke für Eure Antworten!

      Ist es ein Zug unserer Zeit, dass solcherlei Extravaganzen ihre bedingungslosen Befürworter finden - quasi aus Prinzip? Ich weiß auch längst nicht mehr, warum ich ihren op.61er-Beethoven anfangs so erfrischend fand. Vermutlich, weil ich das Konzert wirklich mal anders hören wollte, um es wieder hören zu wollen. Eine solche Aussage könnte gegen mich sprechen - ich muss damit leben. :D

      Der Bartok hat mir tatsächlich gefallen. Beim Ligeti nehme ich einmal an, dass die Grundhaltung des Komponisten ein solches Spektrum allenthalben gestattet. Strawinski wiederum kann man nicht kaputt machen - und das meine ich nicht bös, höchstens ein ganz, ganz kleines bisschen ... Aber dann macht Mutter ihn auch kaputt ...

      Tschaikowski habe ich mir mit ihr nicht zugelegt und will das auch nicht ändern. Poulenc übrigens auch nicht, da waren die Noten auf yt und die Tatsache, dass ich die Sonate auf CD und im Rundfunk oft gehört habe mit einschlägig renommierten Solisten, ausschlaggebend.

      Es scheint mir dennoch bemerkenswert, dass sie so viel Zeitgenössisches einspielt, kaum Geläufiges wie die folgende CD, die interessant ist, vermutlich nicht von überragender Bedeutung, aber eben auch nicht allzu beliebig und billig postmodern, die vor allem - auf mich - einen ehrlichen Eindruck macht. Denn die Interpretin wird so keineswegs alle musikalischen Salon- und Modeanarchisten gewinnen können, denen solche Klänge denn doch viel zu anstrengend sein dürften, viel zu wenig auf Effekt getrimmt und viel zu unbekannt.



      Der Vergleich mit Gould oben lässt mich grinsen. Ob Gould letztlich ein sympathischer Mensch war? Ob er das sein wollte oder auch nur hätte sein sollen? Geschenkt. Die Kopatchinskaja ist mir sympathisch. Ist es nur Show? Ich glaube eigentlich nicht und ich habe andererseits große Probleme in dieser Hinsicht mit jemandem wie Currentzis - ich hab's ja oben angedeutet.

      Zugestanden: Das hat letztlich wohl wenig zu tun mit dem, was man als Solist, als Solistin musikalisch zu bieten hat. Vermutlich. Und aus beiden Richtungen angenähert.

      Die folgende CD zu erwerben, würde mich reizen. Da wäre ich dankbar für Meinungen. Wohlgemerkt: Das Konzert von Hartmann kenne ich in mehreren guten Einspielungen - aber es ist auf dieser Scheibe ja mehr zu hören an hoffentlich Berührendem.



      :wink:
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Das habe ich schon mal gesehen und so viel Humor, hier zu lachen und nicht beleidigt zu sein, sollte man mitbringen.

      Nur: Ist nicht genau eine solche Pointe im Werk selbst angelegt, denkt man es zu Ende? Und geht nicht der Karikierende hier eher einen Schritt zurück?

      Oder anders formuliert: Humor ist ein so weites Feld, dass man lange im Kreis gehen kann ... Das lassen auch die Kommentare erkennen zum Video.

      :cincinbier:
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • andréjo schrieb:

      Könnte es aber sein, dass der Beethoven mit der Zeit auf die Nerven geht, dass man das merkwürdig zauselig verhuschte Spiel an vielen Stellen satt bekommt und plötzlich den Schluck reinen Wassers einer altehrwürdigen Einspielung ersehnt?
      Ja, geht mir jedenfalls so und zwar recht schnell.

      Ich habe mir gerade ihre 'Tzigane' angehört und als Vergleich Perlman, weil er bei You Tube direkt danach kam. Bei ihrem Spiel musste ich unwillkürlich an Regietheater denken, an die häufig anzutreffende Art und Weise, wie dort klassische Verse gesprochen werden. Texte, die ganz bewusst gegen den inneren Rhythmus, gegen den Fluss der Sprache gesprochen werden, bei denen gegen den Strich betont wird, die manchmal wie eine Art Steinbruch benutzt werden, aus dem für die Deutung Wesentliches herausgeholt, während anderes vernachlässigt wird. Das kann sehr spannend und aufregend sein, kann neue Einsichten, Sinnzusammenhänge fördern, kann ein neuer, zeitgemäßerer Stil sein.

      Das kann aber auch bedeuten, dass der innere Fluss des Textes, die Linie, die Schönheit verloren gehen, dass (übertrieben jetzt) ein Vers von Goethe klingt wie von Kleist wie von Brecht. Und es kann eben auch zur Marotte werden. Es kann seine Sinnhaftigkeit verlieren und dann klingt solch ein Vers einfach nur noch falsch. Und langweilt spätestens beim erneuten Hören.

      Ein wohlgeformter Vers, eine ebenso gespielte musikalische Phrase kann eine Schönheit in sich haben, kann aus sich heraus leuchten. Im Regietheater habe ich das selten erlebt und bei der Kopatchinskaja eben auch kaum. Das Verstörende, Neuartige ihres Spiels, spannend wie es auch wirklich ist, formt für mich noch nicht diese gemeinte Schönheit, weder der Phrase noch des Werkes. Das ergibt sich vielleicht eher beim erneuten und erneuten Hören, aber gerade damit habe ich große Probleme (siehe eben Beethoven).

      :wink: Wolfram
    • Ich höre das Beethovenkonzert mit ihr und Herreweghe sehr gerne und sehe keinen Grund, diese Aufnahme nicht ernst zu nehmen. Übrigens sind auch die beiden Romanzen, die sich ja keiner allzu grossen Beliebtheit erfreuen, ganz wunderbar gelungen.
      Ansonsten kann ich mich nicht über ihre Aufnahmen aufregen. Aufnahmen des Tschaikowskykonzerts sind sich alle so langweilig ähnlich, warum soll ich ärztliche Hilfe benötigen, wenn eine Aufnahme mal vom Standard abweicht?
      Es war übrigens Herreweghe selbst, der sie sich als Solistin für die Aufnahme des Beethovenkonzerts ausgesucht hat.
    • Harnoncourt-Fan schrieb:

      Ich habe Kopatchinskaja zweimal live gehört.
      Ich auch, ist aber schon Jahre her. Jedenfalls war ich sehr angetan von dieser Künstlerin, die ich schon als außergewöhnlich und - ich weiß, abgegriffenes Wort - authentisch empfand.

      Ihre Aufnahmen kenne ich allerdings noch nicht.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Abendroth schrieb:

      Ich höre das Beethovenkonzert mit ihr und Herreweghe sehr gerne und sehe keinen Grund, diese Aufnahme nicht ernst zu nehmen. Übrigens sind auch die beiden Romanzen, die sich ja keiner allzu grossen Beliebtheit erfreuen, ganz wunderbar gelungen.

      Gurnemanz schrieb:

      Jedenfalls war ich sehr angetan von dieser Künstlerin, die ich schon als außergewöhnlich und - ich weiß, abgegriffenes Wort - authentisch empfand.

      Außerdem befindet sich auf der CD noch eine - mehr oder minder natürlich zurechtkonstruierte - Aufnahme des unvollständigen frühen Satzes für Violine und Orchester (WoO 5).

      Das würde wiederum dafür sprechen, dass die Künstlerin es in der Tat ehrlich meint. Wen sollte man hier im Sinne einer affektiert wider den Strich gebürsteten Deutung beeindrucken respektive blenden?

      (NB: So wird die Platte voll. Es soll ja Dirigenten geben, die für zwei Sinfonien Beethovens zwei Scheiben benötigen und dies dann ideologisch begründen ...)

      In diversen kleinen Interviews oder Auszügen daraus, die ich mittlerweile gehört habe, wird der Eindruck einer Authentizität bekräftigt, die sich nicht nach Moden richten will. Andererseits wird deutlich, dass Koptchinskaja Kritik an eingefahrenen Gleisen übt. Dies geschieht - für mich - auf eine angenehme Art, gemäß einer Haltung, die ich ihr glaube. Dass man in jedweder Hinsicht und mit allem kokettieren oder ein (un-)kultiviertes Spiel mit Gemeinplätzen betreiben kann, ist mir klar. Aber dann müsste ich mich in der Tat sehr in ihr und in meiner Menschenkenntnis täuschen ...

      PS: Wenn ich schon den Faden aufgetan habe, so werde ich mir das Beethoven-Konzert mal wieder anhören. Wie gesagt: Meine letzte Erinnerung ging dann doch ein wenig in Richtung dessen, was Wolfram zuletzt ausgeführt hat.

      Ich freue mich, dass das Thema Fahrt aufgenommen hat. Damit es nicht untergeht: Hat jemand die CD mit dem Titel Time & Eternity komplett gehört ?

      :wink:
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Abendroth schrieb:

      Aufnahmen des Tschaikowskykonzerts sind sich alle so langweilig ähnlich, warum soll ich ärztliche Hilfe benötigen, wenn eine Aufnahme mal vom Standard abweicht?
      Vielleicht hängt es auch ein kleines bisschen davon ab, wie die Aufnahme abweicht? Es ist nichts einfacher als alles anders zu machen als andere und als es der Komponist geschrieben hat. Ich kann Dir sofort, ohne jede Vorbereitung eine Version von sagen wir Schuberts B-Dur-Sonate vorspielen, die extrem "vom Standard abweicht" und nicht "so langweilig ähnlich" ist wie alle anderen. Wäre das für sich genommen irgendeine nennens- oder gar bemerkenswerte künstlerische Leistung? Ich finde: Im Gegenteil, weil ich allen tatsächlichen Interpretationsproblemen - die einen allerdings, wenn man sie wirklich ernst nimmt, fast zur Verzweiflung treiben können - einfach aus dem Weg gegangen wäre. Was gewinnt denn Kopatchinskaja durch die Verstümmelung aller Phrasen, durch das Hin- und Herspringen zwischen dynamischen Extremen oder den beinahe völligen Verzicht auf eine nachvollziehbare Tempogestaltung der Großform? Ja, sie macht alles "anders", das mag für den saturierten Klassikhörer mit acht Aufnahmen des Tschaikowsky-Konzertes im Regal "spannend" sein. Reicht das? Mir nicht.
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • andréjo schrieb:

      Rosamunde schrieb:

      Soll sie es doch machen, wie sie will. Geigen kann sie.
      :top:

      Disclaimer: Ein paar andere können's auch. ;( :P

      Du darfst übrigens noch mehr zum Thema sagen. :versteck1:
      :D

      Tzigane fand ich gar nicht so übel, weil ihre Art gut zum Zigeunerischen passt.

      Beethoven und Tschaik Konzerte sind insgesamt nichts für mich, weil zu manieriert. Allerdings gibt es durchaus auch Stellen, die mir gefallen, und ich muss @Abendroth in etwa zustimmen. Er meinte zwar Tschaik, aber auch bei Beethoven gibt es so viele Aufnahmen. Alle sind etwa gleich langweilig, sodass ich bie ihr wenigstens zum Hinhören gezwungen werde. Das Seltsame ist bei Beethoven und auch bei Tschaikovsky, dass ich nachvollziehen kann und auch zustimme, welchen Ausdruck sie an welcher Stelle anwendet , aber es ist mir zu extrem , zu extrovertiert, zu wenig verinnerlicht, zu mit dem Holzhammer UND sie zersplittert deshalb die grosse Linie und verliert sich im Detail.

      Das ist aber Geschmacksache. Ich fände es kleinlich ihre Sachen abzulehnen, weil sie mehr Rubato oder andere Lautstärken oder Tempi macht.
      Sie spielt eindeutig sehr gut Geige.
      Eben habe ich aber auf YT in ihre Kreutzersonate reingehört und die ist fetzig ! Die ersten paar Takte nicht ganz so toll, und nur in der Reprise kurz etwas maniriert, aber ansonsten schön wild, (eventuell manchmal dann doch zu wild, aber ist mir bei Kreutzer lieber, als zu zahm). Und das Ensemble ist hervorragend.
    • Deinem letzten Beitrag, Christian, kann ich folgen und es liegt mir fern Dir zu widersprechen. Eigentlich bin ich beinahe dankbar, dass ich das schon mangels Sachkompetenz nicht kann - weil ich eben ihren Tschaikowski nicht kenne.

      Bei Beethoven stellt sich das Problem vielleicht weniger. Man kann, denke ich, nicht guten Gewissens die beiden Konzerte nebeneinander stellen, weder in ihren jeweiligen Intentionen, noch in ihrer Bedeutung, noch in ihrer jeweiligen Haltung.

      Es wundert mich dennoch, denn eine solche Form der Effekthascherei durch Willkür widerspricht dem Eindruck, den ich insgesamt von dieser Künstlerin bislang hatte, sobald nicht die großen Nummern des Repertoires betroffen sind. Hinzu kommt, dass Tschaikowskis Glanznummer hoch virtuos geartet, eben ein romantisches Schlachtross darstellt und einen rücksichtsloseren Zugriff vielleicht nicht nur erlaubt, sondern sogar fordert. Dass jener eine Groß-Struktur erkennen lassen muss, würde ich natürlich nicht bestreiten.

      Ich bekomme es nicht, vielleicht noch nicht auf die Reihe: P.K. in der Avantgarde eine Dienerin, beim geläufigen Repertoire eine Hexe?

      :wink:
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Dank an Rosamunde!

      [NB: Bist Du jetzt eigentlich Geigerin oder Bratscherin? Sorry ... ich war Lehrer und dumme Fragen gewohnt.]

      Rosamunde schrieb:

      Alle sind etwa gleich langweilig, sodass ich bie ihr wenigstens zum Hinhören gezwungen werde.
      In gewisser Hinsicht liest man so etwas von einer ausübenden Musikerin gerne. Denn eigentlich gehört es zu den Kardinalsünden, für die ich mich als begeisterter Laie schämen müsste. Ich habe aber keine Lust, mich fortwährend zu schämen ... :P
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Du hast natürlich recht, Christian, die Abweichung vom Standard an sich, macht eine Interpretation noch nicht empfehlens- oder anerkennenswert, selbst wenn sie spannend, weil überraschend ist. Sie muss auch eine "innere" Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft haben. Ob sie die hat, wird man merken, wenn man sie immer mal wieder neben anderen Aufnahmen hört. Kopatchinskajas Beethovenkonzert hat für mich diese Überzeugungskraft noch immer nicht verloren. Den Tschaikowsky hingegen, ich traue mich gar nicht den Dirigenten zu erwähnen, empfinde ich dagegen eher als zu gewollt effektvoll,
    • Ihre recht extreme Deutung der Kreutzersonate hat Kopatchinskaja zu begründen versucht. Wir sind diese Musik ja inzwischen gewöhnt, sie hat deshalb etwas von ihrer Vehemenz verloren, sie erscheint uns normal. Durch ihre extreme Deutung will Kopatschinskaja erreichen, dass die Musik wieder einen Schockeffekt zustande bringt, so wie es ja auch vor 200 Jahren der Fall gewesen sein wird.
    • Abendroth schrieb:

      Ihre recht extreme Deutung der Kreutzersonate hat Kopatchinskaja zu begründen versucht. Wir sind diese Musik ja inzwischen gewöhnt, sie hat deshalb etwas von ihrer Vehemenz verloren, sie erscheint uns normal. Durch ihre extreme Deutung will Kopatschinskaja erreichen, dass die Musik wieder einen Schockeffekt zustande bringt, so wie es ja auch vor 200 Jahren der Fall gewesen sein wird.
      Dieses Argument hat die Moldauerin nun nicht erfunden, sondern dürfte auch zum Repertoire der HIPper gehören, aber es scheint mir zumindest eine Diskussionsgrundlage darzustellen. Wichtig - Du hast es ja nochmals gesagt, Meister Abendroth - bleibt wohl das Moment einer strukturellen Schlüssigkeit - wie weit oder wie eng oder in welchem Rahmen man diese auch immer einfordert.

      Danke übrigens für die Anregung der Kreutzersonate. Ich kenne sie nicht mit P.K., bin aber mehrmals darüber gestolpert - wieder aufgestanden und weitergegangen ...

      :wink:
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Teil 1 der berühmtesten Violinsonate Beethovens

      Hier der Link zur Kreutzersonate mit Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say.

      youtube.com/watch?v=OF9fneQ50Us

      Ich habe bislang den ersten Satz gehört.

      Das ist eine hoch impulsive Deutung - was sich auch im Mienenspiel der Beteiligten widerspiegelt, insbesondere des Pianisten. Man muss das nicht mögen - ich mag es nicht. Aber damit kann man nicht argumentieren.

      Abrupte Blocksetzung bedeutet für mich noch immer die Verfolgung eines schlüssigen Konzepts. Es ist der Gigant, der hier auftrumpft, der Kontraste und dynamische wie Geschwindigkeitsextreme setzt, die man vielleicht nicht eigens hervorheben muss, da sie zur Genüge im Werk per se angelegt sind. Ich würde aber eigentlich nirgends so weit gehen, zu behaupten, dass zugunsten des Detailaspekts der Blick auf das Ganze verloren geht.

      Eher stört mich, das Sensibelchen, dann doch die sporadisch hässliche Tongebung der Solistin bei blitzschnellen Repetitiv-Passagen oder bei Fortissimi. Weniger fällt mir der Hang zum Verlust eines angemessen fülligen Piano auf. Vielleicht bedarf es dazu des (nur bedingt) langsamen Satzes.
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.