Was ist "Cantabile"?

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    • Was ist "Cantabile"?

      anläßl. einer Diskussion im Faden zu Tschaikowskys Violinkonzert stelle ich hier mal die Frage "was ist cantabile?".

      zunächst zwei/dreiererlei:

      (1)
      eine einer Komposition oder einem Teil einer solchen zugesprochene Eigenschaft
      (2a)
      ein Vortragsvorschrift
      (2b)
      eine Eigenschaft der Ausführung von Musik (etwa: "X spielt Schuberts B-Dur-Sonate mit ausgesuchter Cantabilität")

      Natürlich gehören diese Bedeutungen zusammen. Ich möchte mich aber zunächst auf Bemerkungen zu (1) beschränken, Diskussionen zu (2a) und (2b) sind aber ebenso erwünscht.

      Besonders erwünscht sind auch einfach Nennungen von Stücken oder Stellen, mit denen ihr besonders Cantabilität assoziiert, ob dies nun von einer Angabe des Komponisten gestützt wird oder nicht.


      Historisch gesehen gibt es im Verständniß von Cantabilität anscheinend zwei wichtige Etappen, die mir in unsere Vorstellung im Hintergrund immer noch wirksam zu sein scheinen.

      (1)
      die regulierte Melodiebildung im "alten" Kontrapunkt, deren "Ideal" man vielleicht als eines von "Ausgeglichenheit in der Veränderung" kennzeichnen kann. Natürlich hat dieses "Ideal" längst seine Rolle als Vorschrift und als Wertungsmaßstab verloren und wäre zur reinen Charakterbestimmung geworden

      (2)
      mit der Empfindsamkeit und später kam ein Ideal auf, das im Koch-Lexikon (1802) so beschrieben wird:

      Cantabile, singend: Cantabel nennet
      man überhaupt alle diejenigen Stellen der Melodie, die
      einen so leichten und fließenden Zusammenhang der
      Töne haben, daß sie auch vermittelst der Singorgane leicht,
      und ohne besondere Anstrengung hervorgebracht werden
      können. Solche cantable Sätze müssen auch auf den Instrumenten
      leicht dahinfließend, das heißt, mit an einander
      geschleiften Tönen von mäßiger Stärke, und mit Vermeidung
      solcher Manieren und Verzierungen vorgetragen
      werden, die der Singstimme nicht angemessen sind.


      daß dieses Verständnis ebenfalls epochal weiter wirkt, zeigt m.E. z.B. diese Stelle aus dem Lexikon Mendel/Reimann (1872) zur Vortragsbezeichnung "Cantabile":


      Cantabile: Als
      Vortragsbezeichnung gebraucht, verlangt das Cantabile
      eine fliessende, natürliche und dabei durchaus gebundene
      Ausführung, so wie mässige Klangstärke und keine zu
      scharfen Contraste.

      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • zabki schrieb:

      Besonders erwünscht sind auch einfach Nennungen von Stücken oder Stellen, mit denen ihr besonders Cantabilität assoziiert, ob dies nun von einer Angabe des Komponisten gestützt wird oder nicht.
      [...]
      (1)
      die regulierte Melodiebildung im "alten" Kontrapunkt, deren "Ideal" man vielleicht als eines von "Ausgeglichenheit in der Veränderung" kennzeichnen kann.
      Palestrina: Missa eh schon wissen?
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
      playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)
    • Beethovens Neunte, dritter Satz: Adagio molto e cantabile.

      Bernstein hat mal gelästert, die meisten würden "Adagio e molto cantabile" dirigieren.

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Ich will keine leidenschaftslose Gehirnarbeit, sondern ein durchlebtes Kunstwerk mit einer Aussage." - Karl Amadeus Hartmann, aus seinem Artikel "Von meiner Arbeit" (1962)
    • Hm .....ich denke ins Unreine:

      JS Bach hat seinen Inventionen und Sinfonien die Anweisung vorangesetzt, dass man sie uA zum Entwicklen eines kantablen Spiels verwenden könne.

      Wie passt das jetzt zu den beiden vermuteten Etappen? Bach meint doch eindeutig schon den Vortrag und spricht hier nicht von seinem Kontrapunkt. Aber ich vermute schon, dass er keinen gesanglichen Vortrag, sondern einen ausgeglichenen schulen möchte.
      Gesanglich wäre wohl auch schwierig auf dem Cembalo......

      Im Grove steht, so weit ich das sehen konnte, das hier:

      Cantabile (It.: ‘singable’ ) A word used in musical contexts to mean ‘in a singing style’ and thus representing an ideal in certain kinds of performance. Zarlino ( Le istitutioni harmoniche , 1558 /R ) expressed the opinion ‘che le parti della cantilena siano cantabile: cioè che cantano bene’, and by the late 17th century the word had found its way into German: the title-page of Bach's three-part inventions offers to aid ‘eine cantabile Art im Spielen zu bekommen’. As a direction in tempo and expression marks it appears from the beginning of the 18th.
    • na klar, besonders dir ...
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