Saariaho, Kaija – Geheime Gärten

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    • Saariaho, Kaija – Geheime Gärten

      Hallo zusammen,

      angegeregt durch die Sommerfestspiele in Luzern, möchte ich hier die Komponistin Kaija Saariaho vorstellen, die dieses Jahr mit Jörg Widmann "Composer in Residence" des Festivals war. (Einen Thread über Jörg Widmann habe ich auch noch vor). Saariaho ist erst vor relativ kurzer Zeit in mein musikalisches Bewusstsein gerückt und auch von den vielen Konzerten der Luzerner Festspiele mit Werken von ihr, konnte ich nur zwei hören, aber was ich da so höre, erfüllt mich mit immer größerer Faszination.

      Hier also ein kurzer Überblick über ihre Biographie:

      Saariaho wurde 1952 in Helsinki geboren. Ihre Schulausbildung absolvierte sie an einer Steiner-Schule, was in Finnland zu dieser Zeit sehr aussergewöhnlich war. Laut Saariaho hat ihr diese Schule erst das Selbstvertrauen und den Mut gegeben, eine Laufbahn als Komponistin anzustreben, was zu ihrer Zeit natürlich noch aussergewöhnlicher war. Sie studierte an der Sibelius-Akademie in Helsinki.
      Die finnische Musikszene zu in dieser Zeit war nach ihrer Aussage noch relativ konservativ, weshalb sie zusammen mit Magnus Lindberg die Gruppe "Ohren auf" gründete, die Aufführungen eigener Werke bzw. Werke der aktuellen Avantgarde organisierte. Später wechselte sie an die Hochschule in Freiburg und studierte bei Ferneyhough und Klaus Huber. Ab 1982 studierte sie dann die Verwendung von Elektronik am Pariser IRCAM und seit dieser Zeit lebt sie in Paris. Laut ihrer eigenen Aussage bot Paris zu dieser Zeit erheblich mehr Möglichkeiten, den eigenen Weg zu finden bzw. zu gehen, als das immer noch sehr beengte Helsinki.

      In Paris wurde sie auch von den Spektralisten Gérard Grisey und Tristan Murail beeinflusst, lehnt aber für ihre Werke die Bezeichnung Spektralmusik ab. Sie habe sich zwar von den Methoden der Spektralisten beeinflussen lassen, ohne diese jemals penibel zu befolgen.

      Oft werden ihre Werke von Naturphänomenen inspiriert (z.B. Lichtbogen von Polarlichtern, Nymphéas und Nymphéa Reflection von Seerosen), sie lehnt aber eine zu einfache Erklärung ihre Musik als Naturbeschreibung oder gar Progammmusik entschieden ab. Das ändert bei mir allerdings nichts daran, dass ich dennoch oft entsprechende Natur-Assoziationen habe, wenn ich ihre Musik höre. Dazu später noch mehr, bei einem eigenen Post über Nymphéa Reflection.

      Ich kann ihre Musik nicht leicht beschreiben. Die Beziehung zu den Spektralisten deutet allerdings schon darauf hin, dass der Klang in ihren Werken eine besondere Rolle spielt. Miktrotonalität wird ausgiebig benutzt. Ich möchte in einem weiteren Post eine genauere Beschreibung von Nymphéa Reflection geben, da es zu diesem Werk eine sehr interessante Werkeinführung gab, bei der ich viel mitgeschrieben habe.

      Wir haben Kaija Saariaho in Luzern in zwei Konzerten, in einem Künstlergespräch und einer Werkeinführung erlebt. Sie macht einen sehr ernsthaften Eindruck und bestätigt das Vorurteil, das es nicht leicht ist, Finnen zum reden zu bekommen. :D Die Small Talk Versuche der Redakteurin bei dem Künstlergespräch gingen dann auch etwas schief. Die Werkeinführung, in der es mehr um Musik ging, war schon besser. Aber von dort ein kurzes Beispiel für einen typischen Dialog (die Interviewerin sprach Deutsch, Frau Saariaho antwortete auf Französisch):

      Interviewerin: Ich Werk Nymphéa Reflection ist ja der spektralen Musik zuzurechnen,
      Saariaho: Mais pas du tout (Aber überhaupt nicht).

      Nach einem längeren Schweigen viel ihr dann wohl ein, dass sie das etwas begründen sollte und dann gab es sehr interessante Informationen. Überhaupt hat sie wohl einiges zu sagen, verweigert sich aber konsequent einfachen Erklärungen (was mir sehr sympathisch ist), d.h. die Zeit war auch immer zu knapp.

      Besonders gut gefallen haben mir folgende DVD / CDs:

      Die Oper L'Amour de Loin, dauf einen Text von Amin Maalouf. Hier geht es um den Troubadour Jaufré Rudel aus Blaye der Liebesgedichte an eine unbekannte imaginäre Gräfin in Tripoli schreibt. Über einen Pilger zwischen Blaye und Tripoli (zwischen West und Ost) erfährt er, dass diese Gräfin tatsächlich extistiert. Die DVD hat mir ausgesprochen gut gefallen.



      Folgende CD:



      Wie bereits oben angesprochen, möchte ich über Nymphéa Reflection, das auf dieser CD erhalten ist, noch ausführlicher schreiben.

      Was kennt Ihr denn von Saariaho? Könnt Ihr etwas empfehlen? Ich möchte unbedingt noch mehr kennen lernen.

      Viele Grüße,

      Melanie

      Quellen:
      • Wikipedia
      • Meine Aufzeichnungen aus Luzern
      • Die Luzerner Programmhefte, aus denen ich mir auch den Untertitel "Geheime Gärten" geklaut habe.
      • Ihre Hompage: saariaho.org/. Hier gibt es noch mehr Informationen zur Biografie und wichtigen Werken, allerdings scheint sie nicht 100% aktuell zu sein.
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Liebe Mela, das klingt faszinierend und ich habe verzweifelt nach einem Hörbeispiel auf der Homepage gesucht. Gibt es da etwas?

      Mich spricht allein schon das Sujet und die Besetzung der Oper "Amour de loin" so an , dass ich da zu gerne mal reinhören würde.

      Wenn schon Dawn Upshaw mitmacht, kann das nur gut sein. Wo kann man da etwas hören?

      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Liebe Fairy,

      ich fürchte auf der Home-Page ist nichts, auch hat jpc leider kein Beispiel zum Video.

      Wenn es um Hörbeispiele geht: Demnächst erscheint eine neue CD-Aufnahme von L'Amour de Loin:



      Allerdings nicht mit Dawn Upshaw, dafür aber mit Kent Nagano, der die Uraufführungsproduktion dirigiert hat. Hier gibt es wenigstens die Hörschnipsel.

      Bei der üblichen Quelle Youtube gibt es auch Beispiele aus der DVD - einfach nach Saariaho Amour de Loin suchen. Dort findet man auch noch so manches interessante, wie ich gerade sehe, z.B. ein Mini-Porträt von Kaija Saariaho, Auszüge aus der Londoner Produktion vom Amour de Loin und Beispiele anderer Stücke. Muss ich selber mal stöbern. :wink:

      Viele Grüße,

      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Liebe Fairy,

      dann unbedingt mal ausrpobieren. Die Inszenierung von Peter Sellars finde ich auch gelungen.

      Klangteppich klingt in meinen Ohren etwas negativ, aber ich glaube, ich weiss woher der Eindruck kommt. Saariahos Musik kann auf den ersten Höreindruck recht statisch klingen, aber beim genaueren Hinhören passiert dann doch sehr viel. Es ist aber richtig, dass sich die Oper eingängigen Melodien nicht verweigert. Das Troubadour-Lied (soweit ich beurteilen kann kein Zitat, sondern eine Komposition Saariahos), das immer wieder kommt, prägt sich sehr gut ein und ich bildete mir am Ende ein, es fast nachsingen zu können. Aber eben nur fast, die Melodie ist so einfach nicht, was sie dann wieder interessant macht.

      Viele Grüße,

      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Liebe Mela!

      Ich kannte Kaija Saariaho bisher auch noch nicht, was ich da auf den jpc-Schnipseln von "L'amour de loin" höre, klingt aber äußerst reizvoll! Danke für diese schöne Vorstellung!

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • L'amour de loin

      Gerade habe auch ich mich etwas durch die JPC-Schnipsel gehört: Das klingt versprechend! Auch das Troubador-Thema: zwei Liebende, die voneinander träumen und singen, sich aber nicht vereinigen können, hat seine Faszination. Hier habe ich ein paar Informationen gefunden:

      sikorski.de/3077/de/kaija_saariaho_l_amour_de_loin.html

      Kommt auf die Liste; vielen Dank für die Einführung, liebe Melanie!
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Ein Hinweis für die steigende Zahl von Saariaho-Fans :thumbup: :

      Am 1.3.2010 wird in Lyon eine neue Oper von Kaija Saariaho uraufgeführt, Emilie. Beschreibung von der Homepage de Oper Lyon:
      L’Opéra commence le soir du lundi 1er septembre 1749. Émilie du Châtelet commence une lettre à son amant le marquis de Saint-Lambert. Elle a 43 ans et elle est enceinte ; elle ressent de sombres pressentiments, elle n’a plus que quelques jours à vivre… Toute une nuit d’errance à travers sa jeune vie : l’amour et l’admiration de Voltaire, le monde, la science – la perception de la couleur, la nature du soleil, le feu, toujours le feu, celui de la passion de la science, celui de l’amour. Et la vie et la mort qui viennent ensemble – la délivrance…
      Die (einzige?) Rolle der Emilie singt Karita Mattila, inszeniert wird von François Girard, es dirigiert Kazushi Ono.

      Die gleiche Produktion ist Mitte März 2010 in Amsterdam für 3 Vorstellungen an der Nederlandse Opera zu Gast, auf der dortigen Homepage findet man auch eine englischsprachige Beschreibung:
      Emilie du Châtelet is pregnant by her young lover, the poet Saint-Lambert, and soon to go into labour. She writes him a letter full of reflections and premonitions. It is one day since she finished her translation of Newton’s Philosophiae Naturalis Principia Mathematica, four days before she will give birth to her daughter and nine days before she herself will die. She thinks not only of the nights of passion with Saint-Lambert and with Voltaire, her great love, but also of the end of their love and of death. How will she be remembered?
      Having lost her great love, she had retreated into the worlds of physics, astronomy, philosophy and metaphysics. With her exposition of the properties of the element of fire she had warded off many of her masculine contemporaries and was highly regarded in Parisian scientific circles.
      She is becoming more alienated from her body with each passing minute, although her realisation of her approaching childbirth also fills her with the joy of bringing a new life into the world. If it is a girl, then Emilie will wish her all the happiness needed by a woman: a worthy husband who will understand her, one like Emilie’s own father, who revealed the worlds of science, languages and the arts to her, as well as lovers like Voltaire and Saint-Lambert. Her fear of death lessens, but the idea that she might not be present at the publication of her translation of Newton is unbearable. The book is already being printed and only a few corrections await her eagle eye. Emilie falls asleep with the melancholy thought that she will soon leave this earth: she will miss colours, dreams, and life itself.
      Viele Grüße
      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Hallo zusammen,

      wir haben jetzt Karten für die von Michel angekündigte Emilie in Lyon (am 13.03.). Die Vorstellungen sind schon fast ausgebucht. Wenn man berücksichtigt, dass eine Karte der teuersten Kategorie in Lyon plus Flug weniger kostet als eine entsprechende Karte für den Don Giovanni in München, frage ich mich ja doch, wer hier überteuert ist....

      Wir werden natürlich berichten.

      Und ja, die versprochenen Updates auf diesen Thread werden hoffentlich auch noch kommen.

      Dieses Buch ist jedenfalls jetzt endlich bei mir eingetroffen:



      Das Buch ist bei jpc übrigens deutlich billiger, da hat aber der Link auf's Bidlchen nicht funktioniert.

      Leider konnte ich die Zeit zum Lesen und Hören nicht mitbestellen ;(

      Viele Grüße,

      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Vor einigen Wochen kam ich durch ein günstiges Geschick (ein Dankeschön nach Südhessen ;+) ) an diese schöne CD mit drei Werken K. Saariahos::



      Graal Théâtre (1994)
      Gidon Kremer, Violine; BBC Symphony Orchestra; Ltg.: Esa-Pekka Salonen
      Château de l'Âme (1985)
      Dawn Upshaw, Sopran; Mitglieder des Finnish Radio Chamber Choir; Finnish Symphony Orchestra; Ltg.: Esa-Pekka Salonen
      Amers (1992)
      Anssi Karttunen, Violoncello; Avanti! Chamber Orchestra; Ltg.: Esa-Pekka Salonen
      Sony, aufg. 1996/2000/1998

      Alle drei Kompositionen zeichnet ein gut erkennbarer und charakteristischer Personalstil aus. Graal Théâtre ist ein knapp halbstündiges, zweisätziges Violinkonzert mit einem virtuos agierenden Solisten und einem klar durchscheinenden Orchstersatz, bei aller Statik der Klangschichtungen eine lebendige und hochgespannte Musik, Château de l'Âme ein Liederzyklus, der die Liebe zum Thema hat, auch im Duktus bereits die Oper L'Amour de Loin vorzubereiten scheint und dem alte Texte aus der hinduistischen Tradition und der ägyptischen Antike zugrundeliegen, und Amers (=Seezeichen) ein zweisätziges Cellokonzert von knapp 20 Minuten Dauer. Die Komponistin erläutert in einem Interview, das im Booklet abgedruckt ist:
      [...] das Cello war für mich eine Art Boot, das sich in unterschiedlichen Richtungen durch dieses Meer aus elektronischen und instrumentalen Klängen bewegt.
      Aus der Musik K. Saariahos spricht für mich eine große Ruhe, wie sie immer wieder Klänge aufschichtet und das Ganze in einem langsamen, nie langweiligen Fluß sich entfalten läßt, das fasziniert mich. Eine schöne Einspielung, nicht nur für Saariaho-Fans!

      Und ein wenig erinnert diese Musik mich an Solaris, dem Roman von Stanisław Lem, der dort einen weltumfassenden, von Bewußtsein erfüllten und dabei nicht faßbaren Ozean beschreibt.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Habe gerade erstmals ein Werk von Frau Saariaho gehört:

      Notes on Light (2006/10) für Violoncello und Ensemble

      Dirk Wietheger, Violoncello
      Ensemble musikFabrik
      Leitung Emilio Pomàrico

      Radiomitschnitt WDR3 26.1.11

      Ich bin wenig begeistert von dem 25-minütigen Werk. Ich höre, vor allem im zweiten Teil, ein paar hübsche Orchesterklangeffekte mit Harfen, Flöten und Xylophonen, die sehr französisch klingen und die ich von Boulez und sonst aus dem IRCAM-Umfeld durchaus schon kenne und dort meist in sinnvollerem Kontext erlebt habe. Ansonsten: Jede Menge aufgeschichtete Quinten, eine rhythmisch wenig abwechslungsreiche Musik, ziemlich banale Motive, und vor allem eine ganz penetrante Fixierung auf einen Grundton, auf den immer und immer wieder alles zurückführt. Insgesamt eine statische und wenig interessante Musik in meinen Ohren, eine Art New Age-Klon dessen, was Murail, Grisey, der späte Boulez und einige andere entwickelt haben.

      Grüße
      vom Don
    • Don Fatale schrieb:

      vor allem eine ganz penetrante Fixierung auf einen Grundton, auf den immer und immer wieder alles zurückführt. Insgesamt eine statische und wenig interessante Musik in meinen Ohren, eine Art New Age-Klon dessen, was Murail, Grisey, der späte Boulez und einige andere entwickelt haben.


      Könnte für mich eventuell ganz interessant sein. Muss ich mir mal anhören.

      Tharon.
    • Asteroid 4179: Toutatis

      Herzlichen Dank an Mela für diesen wunderbaren Thread!

      Ich möchte zwei Werke vorstellen, die einen astronomischen Bezug haben.

      Das erste ist eine Auftragsarbeit der Berliner Philharmoniker. Der vorgebenene Kontext war, die Suite „The Planets“ von Gustav Holst für ein Konzertprogramm mit weiteren Stücken über Himmelkörper zu ergänzen. Diese Werke sollten „so etwas wie die Visitenkarte des Orchesters werden“ (O-Ton Sir Simon Rattle).

      Kaija Saariaho hat sich den Asteroiden mit dem Beinamen „Toutatis“ ausgesucht – wer durch vieljährige Asterix-Bildung den Namen „Teutates“ wiedererkennt, liegt richtig. Es geht um einen Himmelskörper, der zwischen Mars und Jupiter seine Ellipsen um die Sonne zieht. Er sieht aus wie eine längliche Kartoffel mit deutlicher Taille. Die starke Abweichung von der Kugelform führt dazu, dass der Asteroid eine eigenartige Doppelrotation ausführt, die die Überlagerung zweier unabhängiger Drehungen mit Umlaufdauern von ca. 5,4 bzw. 7,3 irdischen Tagen ist. Das bedeutet, dass sich der Sternenhimmel von der Oberfläche des Toutatis aus gesehen immer anders darstellt. Die Ausrichtung der Kartoffel im Sonnensystem wiederholt sich nie.

      Diese Eigentümlichkeit und die Tatsache, dass Toutatis schon des Öfteren mit anderen Himmelskörpern kollidierte, haben Kaija Saariaho nach eigener Aussage zu diesem kleinen Werk inspiriert.

      Im absoluten Pianissimo geht es los, Musik aus dem Nichts. Gehauchte und glitzernde Klänge schweben über einem tiefen Raunen. Immer wieder ist ein Pulsen in tieferen Lagen zu hören, immer wieder schwillt die Musik an und wieder ab, dabei wird es insgesamt unmerklich lauter. Etwa in der Mitte des Stücks (ab 2:14) führt ein kurzes kräftiges Crescendo zu Eruptionen in den Bläsern und Pauken, die nach und nach zu Hintergrundgeräuschen werden. Es ist gar nicht immer klar, was Vordergrund und was Hintergrund ist. Scheinbar Wichtiges geht in Begleittextur über, andere Klänge drängen dafür aus dem Hintergrund plötzlich nach vorne.

      Uraufführung am 16. März 2006 durch die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle. Enthalten auf folgender CD:

      "Nur Hexenverbrennung und Lynchmord gibt es bei uns nicht mehr so oft. Das haben wir erfolgreich in soziale Netzwerke ausgelagert." (Axel Weidemann im Artikel "Dorfkinder über #Dorfkinder" in der Online-Version der FAZ)
    • Orion (2002)

      Das zweite Werk, das ich vorstellen möchte, ist das bis dato längste Orchesterwerk von Kaija Saariaho. Sie greift auf eine Figur aus der griechischen Mythologie zurück. Orion ist ein sterblicher Sohn des Meeresgottes Poseidon und der Gorgone Euryale.

      Die Familienverhältnisse: Weingott Dionysos hat einen Sohn namens Oenopion, der wiederum eine Tochter namens Merope. Letztere verliebte sich in Orion, doch Oenopion wollte sie ihm nicht zur Frau geben. Orion war darüber ziemlich sauer und vergewaltigte die Enkelin des Dionysos. Ihr Vater Oenopion nahm grausame Rache: Erst machte er den Orion mit Wein betrunken, dann stach er ihm die Augen aus.

      Eos, die Göttin der Morgenröte, stellte Orions Sehkraft mit Hilfe des Hephaistos wieder her. Orion wollte sich an Oenopion rächen, aber Hephaistos, der Gott des Feuers und der Schmiede, versteckte diesen unterirdisch.

      Der Eos zuliebe ließ sich Orion auf der Insel Delos nieder. Artemis, die Göttin der Jagd, erschoss Orion aus Eifersucht. Später versetzte sie ihn aus Reue als Sternbild an den Himmel, wo er den Plejaden nachstellt.

      (Für die Astronomen: Merope ist einer der Sterne der Plejaden mit einem berühmten, wunderschönen Reflexionsnebel – bei idealen Bedingungen bereits im 10x50-Fernglas einigermaßen sichtbar. Für alle anderen: Die genannten Figuren Orion, Plejaden, Merope liegen eng beieinander, auch die Hunde des Orion - Sirius und Procyon - liegen dicht an seinem Sternbild. Am besten sind die Sternbilder im Winter zu sehen.)

      Zur Komposition: Sie ist dreisätzig, die Satzüberschriften sind:
      • I. Memento mori
      • II. Winter Sky
      • III. Hunter

      Es geht um die gleichzeitige Darstellung von Stillstand und Raserei. Der Stillstand bezeichnet die Lage des Orion, der an seinem Platz am Sternenhimmel gebunden ist, die Raserei gibt die Energie und den Tatendrang des Jägers wieder. Eine unglaubliche kompositorische Herausforderung liegt darin, Raserei und Stillstand gleichzeitig auszudrücken – und wie sie es bewältigt hat, ist phänomenal. Sehr hörenswert!

      Das Werk ist auf diesen beiden CDs enthalten, ich kenne nur die linke, die rechte ist derzeit einigermaßen preiswert zu haben:

      "Nur Hexenverbrennung und Lynchmord gibt es bei uns nicht mehr so oft. Das haben wir erfolgreich in soziale Netzwerke ausgelagert." (Axel Weidemann im Artikel "Dorfkinder über #Dorfkinder" in der Online-Version der FAZ)
    • Ich habe seit einiger Zeit auch Gefallen an Saariahos Musik gefunden und bin nun schon länger auf der Suche nach einer Aufnahme ihres Werkes "Adriana Mater", bin bisher aber leider nicht fündig geworden? Weiß da jemand Bescheid? Gibt es überhaupt eine Einspielung?
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Succubus schrieb:

      Ich habe seit einiger Zeit auch Gefallen an Saariahos Musik gefunden und bin nun schon länger auf der Suche nach einer Aufnahme ihres Werkes "Adriana Mater", bin bisher aber leider nicht fündig geworden? Weiß da jemand Bescheid? Gibt es überhaupt eine Einspielung?


      Eine Aufnahme bzw. einen Mitschnitt auf CD oder DVD gibt's m.W. nicht, aber im Netz kursieren bei entsprechenden anmeldepflichtigen Websites (legale) Rundfunkmitschnitte - hier z.B. von der Pariser Uraufführung:

      "http://www.bootsdaily.com/?nav=details&id=322016"


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)


    • Wer Lust hat, Kaja Saariaho kennenzulernen, und dies bereits großflächig bezüglich der Orchestermusik zumindest, dem ist die kleine Box zu empfehlen. Ich würde sie unbedingt mit dem Klarinettenkonzert ergänzen.

      Mir kommt gelegentlich Dutilleux in den Sinn, wobei die Finnin noch etwas moderner schreibt. Dass wir uns in einer späten Debussy-Nachfolge befinden, dürfte klar sein. Im Übrigen wurden hier bereits mehrere sehr informative Beiträge gerade zu Werken verfasst, die in der Viererbox enthalten sind. Und natürlich gilt mein Dank der Thread-Starterin.

      Vielleicht hat Don Fatale weiter oben falsche Erwartungen gesetzt. Und New Age ist für mich denn schon eine Nummer trivialer.

      Das Klarinettenkonzert würde ich eigentlich als besonders markant und auch als relativ avantgarde-nahe einordnen. Man muss davon ausgehen, dass die Komponistin an Klangfarben interessiert ist und diese gerne außermusikalisch assoziiert, selbst wenn sie das lieber von sich weist - wie manch andere Komponisten ja auch. Weniger gilt ihr Interesse der Strukturierung oder der Rhythmik, wie mir scheint.

      Ich kenne auch noch ein Kammermusikwerk, ein Trio, das recht zugänglich ist und zur Genüge originell.

      :cincinbier: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.