ZELLER, Carl: DER VOGELHÄNDLER - Wiener Volksoper, 8.September (Premiere) und 12.September

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    • ZELLER, Carl: DER VOGELHÄNDLER - Wiener Volksoper, 8.September (Premiere) und 12.September

      Die Wiener Volksoper bezeichnet sich selbst als das bedeutendste Operettenhaus in Europa und also sollte diese Form des Musiktheaters auch eine tragende Säule dieser Institution bilden. Insgesamt zehn Operetten weist der Spielplan der Saison 2009/2010 auf, davon drei Premieren und eine Wiederaufnahme. Dass es im Angebot daher große Löcher gibt, liegt somit auf der Hand.
      Mit der Premiere (8. September) von Carl Zeller´s „Der Vogelhändler“ hat die Direktion eines dieser Löcher gestopft, zählt diese Operette doch seit ihrer Uraufführung 1891 zu einem der Pfeiler des Operettenrepertoires. In der Volksoper (damals noch Kaiserjubiläums- Stadttheater) wurde „Der Vogelhändler“ erstmals 1916 gespielt, die neue Produktion ist die achte Inszenierung im Haus am Gürtel; zuletzt war das Werk 2001 neuinszeniert worden.
      Regisseur der aktuellen Produktion ist der Intendant des Grazer Jugendtheaters Next Liberty Michael Schilhan, der sich damit dem Publikum erstmalig präsentiert. Im Bühnenbild von Mignon Ritter und in Kostümen von Alexia Redl verlegt er das Stück in ein Ambiente der 1950er Jahre und landet dabei in einem Ideenvakuum (Olivier Tambosi hat im vergangenen Jahr mit dem „Vetter aus Dingsda“ bewiesen, wie man Operette aus einem heutigen Blickwinkel und mit Augenzwinkern inszenieren kann, ohne jedoch das Werk zu brechen). Auch wenn Teile des Publikums darüber lachen, ich finde es nicht wahnsinnig witzig, wenn ein Kind während des Vorspiels ein an der Fernsteuerung hängendes Ferkel vor dem Vorhang über die Bühne führt und auch über uralt Witzchen („Welches Tier kann man nicht baden ?“ – „Die Biene; weil es heißt doch Badekabine“) und Zitate aus (nur mehr der älteren Generation bekannten) Fernsehsendungen kann ich kaum schmunzeln. Da ist es schon beinahe ein hochgeistiger Erguss, wenn zu Beginn des zweiten Aktes der Chor aufgereiht in einem Friseursalon sitzt und einem auch im wahren Leben beinahe glatzköpfigen Sänger die Trockenhaube übergestülpt wird (die ihm dann prompt Brandwunden zufügt). Am Rande der Peinlichkeit ist es, dass die Wirtin des Gasthauses, in dem er gesamte 1.Akt spielt, hinter dem Rücken der Protagonisten quer über die Bühne eine Matratze in den Raum schleppen muss, der dem falschen Kurfürsten für „Privataudienzen“ dienen soll.
      Der 1.Akt spielt also, wie bereits angedeutet, in einer Gaststube, ganz im Resopalstil der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, wo sich in der Realität Küchenduft, verschüttete alkoholische Getränke und kalter Zigarettenrauch zu einer immergültigen Melange mischen. Manch Bahnhofsgaststätte oder Dorfwirtshaus könnten für diese Szene Pate gestanden sein. Hier steht die Dorfgemeinschaft an der Theke und trinkt Bier und Wein (warum nur bleibt die Schaumkrone auf den Biergläsern stehen, auch wenn ein kräftiger Schluck genommen wird), in dieser Szenerie baggert Adam die (ihm unbekannte) Kurfürstin Marie an, zankt er mit seiner Briefchristel und werden Rollentäusche vorbereitet oder Intrigen geschmiedet. Dank der sinnvoll genutzten Drehbühne kann ein Autobus die Hofdamen der Kurfürstin auf- und wieder wegfahren lassen.
      Der Beginn des 2.Aktes spielt im schon erwähnten Friseursalon, ehe ein Vorhang zur Seite geschoben und der Blick in das Schloss freigegeben wird. Eine hohe Leiter zu einem fast echt venezianischen Luster wird später wird später gute Requisitendienste leisten, durch diverse Türen an der Seite und in der Hinterwand kann man gleichzeitig auf- oder abtreten, ohne einander zu sehen. Insgesamt hat das Schloss, in dem dann auch der 3.Akt spielt, zweifellos schon bessere Zeiten erlebt und ist deutlich renovierungsbedürftig (Adam: „Wenn man am Abend eine Mausefalle aufstellt, hängt in der Früh eine Forelle drinnen“). Zum Hoffest, bei dem die Tiroler den kurpfälzer Adeligen aufspielen sollen, wird eine Berglandschaft als Bühne aufgestellt, in der Adam als trefflicher Hansi-Hinterseer-Verschnitt den Operettenohrwurm „Wie mein Ahnl zwanzig Jahr“ im Rockerstil schmelzt. Ob diese auf weite Strecken nichtssagende Deutung ein Publikumsmagnet wird ? Ich melde meine Zweifel an.
      Immerhin bietet die Volksoper in den wesentlichen Rollen durchaus unterschiedliche Besetzungen an, die zum häufigeren Besuch verlocken und mich nach der Premiere auch zur zweiten Aufführung verführten. Daniel Prohaska singt in der Premierenserie den Adam aus Tirol (in späteren Aufführungen wird Sebastian Reinthaller diese Rolle übernehmen). Dieser Nachfahre von Papageno wird vom Regisseur weniger als liebenswerter Naturbursche denn als sturer Softrocker und beinahe Looser gezeichnet. War Prohaska, den ich vom „Vetter aus Dingsda“ durchaus positiv in Erinnerung hatte, bei der Premiere hörbar indisponiert, ließ er bei der gestrigen zweiten Aufführung doch erkennen, dass er über beachtliche stimmliche Qualitäten und den notwendigen Operettenschmelz verfügt. Birgid Steinberger, einst in diesem Haus eine erfolgreiche und bejubelte Christel, hat en Fachwechsel zur Kurfürstin gewählt und gibt diese eher jugendlich frisch. Von den stimmlichen Fähigkeiten könnte sie die Christel zweifellos noch immer singen. Diese war in der Premiere Andrea Bogner, die die Rolle zwischen burschikos im Dienst der Post und in ihrer Liebe zu Adam tief gekränkt im Privaten zeichnet. Wäre da nicht diese kleine Stimme, wodurch der Gesamteindruck doch etwas getrübt wird. Ganz anders die Hausdebutantin Anja-Nina Bahrmann, die – zurecht bejubelte – mit gutgeführter Stimme aufhorchen ließ und auch darstellerisch eine runde und stimmige Umsetzung des Regiekonzeptes bot (es sollte mich nicht wundern, wenn sie dem Ensemble nicht lange erhalten bleibt). Einen trotz seiner Körperfülle hinreißenden Stanislaus, der als verkleideter Kurfürst diverse Abenteuer überstehen muss, singt Jörg Schneider; bei dieser tenoralen Qualität bedauert man, das die sängerischen Highlights nicht von ihm sondern vom Sänger des Adam dargeboten werden. Als sein Onkel Baron Weps ist Carlo Hartmann in der Premiere eine Idealbesetzung in Spiel und Stimme; die Alternative Kurt Schreibmayer hat seine besten Zeiten leider hinter sich. Regula Rosin hat als schrill und schräg gezeichnete Adelaide nicht viel zu singen; die Nebenrollen sind ordentlich besetzt. Zu Lachstürmen reizen das Professorenduo Gerhard Ernst und Gerald Pichowetz, die in der Szene der Prodekane Süffle und Würmchen zu kabarettistischer Hochform auflaufen.
      Sehr gut präsentiert sich einmal mehr der Chor (der ein Extralob verdient), dem die Regie in mehr als einer Szene auch tatsächliche schauspielerische Leistungen abverlangt. Sauber spielt das Orchester unter der aufmerksamen Leitung von Henrik Nánási (vielleicht sollte er aber das Vorspiel etwas weniger knallig dirigieren), der mit dem „Vogelhändler“ an der VOP durchaus mit Erfolg seine erste Premiere dirigieren durfte.
      Michael
    • Lieber Michael!

      Danke für Deinen ausführlichen Bericht, der nicht so wirklich Lust macht, sich das auch anzusehen.
      Anja Nina Bahrmann ist also an der Wiener Volksoper gelandet. Das wusste ich nicht und es tut mir als Besucherin des Linzer Landestheaters auch leid, denn in der vorigen Saison habe ich sie zweimal erlebt und sie hat mir beide Male sehr gut gefallen.
      In einem total verunglückten "Ballo in maschera", bei dem der Sänger des Riccardo nach undiskutabler Leistung im letzten Akt w.o geben musste, hat sie einen Oscar gesungen, der stimmlich und darstellerisch außerordentlich herausgestochen hat und der Vorstellung für mich doch noch einen positiven Aspekt gegeben hat.
      Das zweite Mal war sie dann die Susanna in "Le nozze di Figaro" in einem insgesamt sehr jungen Ensemble und hat auch da wieder aufhorchen lassen. Die Spielfreude und darstellerischen Qualitäten sind mir noch in guter Erinnerung. Schade, dass sie für Linz verloren ist, aber ich glaube auch, dass sie der Weg noch weiter hinauf führen wird.

      Dir wünsche ich das nächste Mal eine schönere Vorstellung/Inszenierung!

      Liebe Grüße,
      :wink:
      Renate
      Unsre Freuden, unsre Leiden, alles eines Irrlichts Spiel... (Wilhelm Müller)
    • Liebe Renate,

      die Susanna von Bahrmann habe ich in Linz auch erlebt (bei der Premiere) - und sie war der eigentliche Grund, warum ich nach der Premiere auch in die erste Reprise gegangen bin. Im Oktober wird sie in der VOP die Adele in der "Fledermaus" singen und wenn meine Buschtrommler richtig berichten, soll sie im Laufe der Saison auch in "Ariadne" zu hören sein. Ganz kommt sie Linz ja nicht abhanden, denn in der Jahresvorschau im Internet steht sie bei den Besetzungen für "Figaro" (wenn es eine Vorstellung an einem Freitag oder Samstag gibt, in der sie und Christiane Bösiger gemeinsam singen - und vielleicht auch noch Ratzenböck den Cherubino, mache ich mich auf den Weg nach Linz).
      Was den "Vogelhändler" betrifft: Bahrmann, Schneider und Hartmann sind wirklich gut - Augen zu und durch. 8+)
      liebe Grüße aus Wien
      Michael