Die bedeutenden Violinkonzerte des ausgehenden 20. und des 21. Jahrhunderts (1960-2020)

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    • Über diese Anschaffung, werter Namensvetter, denke ich nach. Meine bisherigen drei oder vier CDs mit Musik von Daugherty haben mich durchaus angesprochen. Man kann die programmatischen Skizzen nachvollziehen, aber man muss das nicht unbedingt tun. Das heißt indes auch, dass sie mir nicht beliebig erscheinen.

      Er hat mir also Hörfreude [ ;) ] bereitet ... Ives bereitet mir noch mehr Hörfreude - aber was soll's ... :)

      Daugherty hat seinen Personalstil gefunden. Er wird nie die Bedeutung eines Strawinsky, vielleicht auch nicht eines Copland (1) erreichen, aber er erscheint mir originell genug und biedert sich nicht an wie der eine oder andere aus dem neuklassisch-postmodernen Bereich. Namen nenne ich jetzt mal keine ... [ :P :) Boyer kenne ich übrigens nur dem Namen nach - und das erst mittlerweile! - und ich werde mich hüten, hier an irgendeiner Diskussion zu ihm teilzunehmen. ...]

      (1) Copland scheint mir ähnlich ur-amerikanisch neuromantisch und bildkräftig geartet, aber sein Stil dürfte unverwechselbarer sein. Ich mag es schon, wenn ich das wahr(zu)nehme(n glaube) ...

      Besten Gruß,

      Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Ich habe mir gestern auch die beiden Stücke von Amman und Jost angehört. Ich finde das Stück von Amman interessant, aber auch schwieriger anzuhören. Den ganzen ersten Teil, wo die Violine nur im pizzicato spielt, finde ich ziemlich problematisch, da sie doch gegen ein immer mehr an Masse zunehmendes Orchester anspielen muss und letztlich untergeht. Kann natürlich ein Problem dieser Aufführung gewesen sein. Dass der Bogeneinsatz dann nach einem längeren Orchesterzwischenspiel kommt, fand ich ziemlich unmotiviert. Danach wird's dann aber spannender.

      Khampan schrieb:

      Ich bin jetzt gerade bei 14 Minuten angekommen und es hat sich immer noch nicht dauerhaft von a-Moll wegbewegt. Wird allmählich eintönig.
      Nach meinem Eindruck geht diese Kritik an der Sache bzw. der Intention des Stückes vorbei. Hier geht es nicht um harmonische, sondern um klangliche Vielfalt, und da ist das schon verdammt gut gemacht. Was den Einsatz der klanglichen Möglichkeiten von Violine vs. Orchester angeht, hat Jost hier die Nase vorn. Wenn denn ein solcher Vergleich sinnvoll ist - ich habe den Eindruck, da stecken einfach unterschiedliche Musikverständnisse hinter.

      Auf jeden Fall sind beide Geigerinnen phänomenal!
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Quasimodo schrieb:

      Khampan schrieb:

      Ich bin jetzt gerade bei 14 Minuten angekommen und es hat sich immer noch nicht dauerhaft von a-Moll wegbewegt. Wird allmählich eintönig.
      Nach meinem Eindruck geht diese Kritik an der Sache bzw. der Intention des Stückes vorbei.
      "Kritik" war das gar nicht so sehr. In den vorangegangen Beiträgen ging um die Frage ob atonal, dodekaphon oder so.
      Dass die Musik eine Viertelstunde oder länger um a-Moll kreist, kam mir angesichts dieser Fragestellung dann schon etwas kurios vor. Natürlich habe ich da den Absoluthörer raushängen lassen, ich geb's zu, und als solcher ist mir die Musik zu eintönig. Das sollte nicht so sehr Kritik sein als vielmehr die Beschreibung meines Gefühls beim Hören. Dass das Stück ansonsten angenehm anzuhören ist, habe ich ja auch angedeutet. Dass mir das nicht genügt, ist meine Sache.
      Wolltest du sicher auch nicht bestreiten 8)
      :cincinbier: Khampan
    • Aulis Sallinen - Violinkonzert op.18 (1968)

      Aulis Sallinens Sinfonien _ GA war mein bester Neuzugang im Jahre 2016.
      In der GA ist sein Violinkonzert (und Cellokonzert) enthalten.

      Das Konzert sollte vom Violinsolisten Oleg Kagan uraufgeführt werden. Da die sowjetischen Behörden ihm die Ausreise verweigerten, wurde es von Okko Kamu am 8.April 1970 uraufgeführt. Kamu war zu dieser Zeit gerde dabei seine Solistenlaufbahn mit dem Taktstock zu vertauschen.

      Das VC ist traditionell in 3 Sätze Andante sostenuto - Larghetto - Allegro giocoso gehalten. Die Sätze 2 und 3 gehen ohne Pause ineinander über.
      Die moderne und eigenständig ausgebildete Klangsprache Sallinens ist allerdings keinesfalls traditionell. Mit einer interessanten Instrumentation (Vibraphon wird mit Fingernägeln angeschlagen; Klavier und Harfe werden mit einem Plektrum gezupft; lang andauernde Klangcluster) begeistert er durch eine unglaubliche Atmosphäre und erzeugt farbenreiche Klangwirkungen. Die Tonsprache mit kontrastierenden Materialien wechselt zwischen tonal und atonal, die Harmonien mit Bruchstücken von Tanzmusik und orchestralen Finessen kann einfach nur begeistern.

      ;) Ich möchte mich nicht zu weit hinauslehnen ( :D das gibt wieder Ärger), aber als ein Meisterwerk des 20.Jhd möchte ich dieses VC schon beurteilen.

      Der absolut aktuelle, im Prinzip audiophil anmutende Klang dieser Aufnahmen, ist einmal mehr ein absoluter Pluspunkt ^^ mit Hörspass, für diese fabelhafte Musik Sallinens.
      Ari Rasilainen und die Staatphilharmonie Rheinland-Pfalz erweisen sich als ausgezeichnete Sachwalter für diese Musik.

      - die Abb der Einzel-CD:
      CPO, 2002-2007, 2005 (VC), DDD
      ______________

      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Danke für die beiden Präsentationen der Violinkonzerte von Michael Daugherty und Aulis Sallinen. Ich werde mir beide Konzerte demnächst gerne wieder aus dem CD-Gestell hervorholen und sie mit neu gewecktem Interesse anhören. Immer wieder spannend, wie verschieden Violinkonzerte sein können... Danke für die beiden Tipps.
      Toni
    • BORIS TISHCHENKO: VIOLINKONZERT NR.1 OP 9

      Wieder eine andere Tradition, Violinkonzerte zu komponieren:

      Boris Tishchenko (auch Tischenko oder Tischtschenko geschrieben) gehörte – zusammen mit André Volkonsky, Edinson Denissow, Alfred Schnittke, Sofia Gubaidulina, Arvo Pärt und Sergej Slonimski - zur Avantgarde der russischen Musik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
      Das Violinkonzert Nr. 1 von Boris Tishchenko stammt aus dem Jahr 1959, als der Komponist noch Student in Leningrad war, und scheint 1964 überarbeitet worden zu sein. Trotzdem ist es mehr als eine Schülerarbeit, es ist ein auffallend originelles und individuelles Werk. Zentral ist der Mittelsatz. Stilistisch sind neoklassizistische Ansätze zu hören, die an den jungen Schostakowitsch der 1. Sinfonie erinnern. Die Violine ist zentral, führt ihre Themen ein und setzt sich originell mit dem Orchester auseinander.
      Hier zu hören:
      1. Satz
      2.+3. Satz

      SATZ 1 (MODERATO)

      Die Geige spielt ihr Thema, allein, einfach, lyrisch und gesanglich, mit einer einprägsamen rhythmischen Eigenheit, die den weiteren Verlauf des Satzes immer wieder prägen wird.
      Das Orchester antwortet zuerst ebenfalls lyrisch mit Themenpartikeln in den Holzbläsern, bevor es mit wilden Einwürfen die Stimmung dramatisiert.
      Aufruhr, die Geige stemmt sich dagegen und findet zuerst langsam, dann aber ganz unvermutet, wieder zurück zur idyllischen Stimmung des einleitenden Themas mit dem auffallenden Rhythmus. Die Musik wird jugendlich süss, als ob sich die Geige verliebt hätte und nicht loskommt von ihrem Thema.
      Das Orchester wirft fast schmunzelnd und ironisch rhythmische Partikel des Themas hinzu. Dann erneut heftige Bewegung und Steigerung hin zur Kadenz der Violine, die sich ganz dem Thema und dessen rhythmischen Partikeln überlässt, ganz auf sich selbst bezogen. Dann Paukenschläge. Heftiger Einspruch des Orchesters. Der Ausklang des Satzes aber wird melodiös und schwärmerisch, die Holzbläser kommen wieder mit ihrer lyrischen Melodie und tragen ihren Teil zu einem süss-schönen Ausklingen des Satzes in der Geige bei.

      SATZ 2 (ALLEGRO MODERATO)

      Sanftes Murmeln in den Klarinetten, sie fliessen in Achteln dahin, darüber beginnt die Geige zu singen, ihr Hauptthema kann aber gegenüber dem zunehmenden Fliessen und Wogen des ganzen Orchesters nicht bestehen. Steigerung des Achtelgemurmels, angetrieben vom heftig auftretenden Schlagzeug, und Ausbruch des ganzen Orchesters. Dissonantes Trompetengeschmetter und Posaunenglissandi, wilde Holzbläser, schliesslich bleibt vom fliessenden Gemurmel nur noch der harte Rhythmus im Schlagzeug übrig. Dann ein plötzlicher Abbruch, die Geige allein, nur unterbrochen vom Schlagzeug, die Geige verliert sich in eine Kadenz mit Sololäufen, Glissandis und ermattet schliesslich immer mehr… das Gemurmel ist vergessen und die Geige leitet einsam verklingend attacca in den dritten Satz über.

      SATZ 3 (ANDANTINO)

      Wieder trägt die Geige wie im ersten Satz ein eigenes nachdenkliches Thema allein vor, melancholisch, betrübt. Die Pauke gibt darauf den Takt an für ein zweites langsam schreitendes tänzerisches Thema in den Streichern des Orchesters. Die Geige tanzt langsam mit.
      Tiefe Klänge des Orchesters mischen sich ein. Die Geige steigert sich in Melodiefiguren und Doppelgriffe. Immer heftigere Einwürfe des Orchesters. Erst etwas später beginnt die hohe Flöte zu singen und findet zurück zur lyrischen Stimmung, die Geige übernimmt die Stimmung zärtlich und führt zum ersten melancholischen Thema zurück, von sanften Klängen der Streicher und von einem Glockenspiel begleitet. Alles endet in einem Cluster der hohen Streicher, versonnen, verliebt, träumerisch, ganz jugendlich schwärmerisch.
      Für mich ein frisches und jugendliches Konzert, lyrisch, etwas selbstverliebt, aber wunderschön melodiös, bis zur Terzenseligkeit sich verlierend. Hier singt sich ein verliebtes und schwärmendes Herz aus. Und all das in einem originellen neoklassizistischen Gewand. Man spürt den Einfluss seiner Lehrer Dimitry Schostakowitsch und Galina Ustvolskaya.

      Gruss Toni

      NB: Es gibt noch ein 2. Violinkonzert von Boris Tishenko: Violinkonzert Nr. 2 opus 84 (mehr darüber findet sich auf der Homepage: Boris Tishchenko: ViolinKonzert Nr.1 op 9 + Violinkonzert Nr.2 op 84 - unbekannte-violinkonzerte Webseite! (jimdofree.com)
    • NORBERT MORET: «EN RÊVE». KONZERT FÜR VIOLINE UND KAMMERORCHESTER (1988)

      Gerne stelle ich ein Violinkonzert zum Kennenlernen, ich denke, es gehört zu Unrecht zu den unbekannten Violinkonzerten des 20. Jahrhunderts:


      NORBERT MORET: «EN RÊVE». KONZERT FÜR VIOLINE UND KAMMERORCHESTER (1988)



      Geboren 1921 und aufgewachsen in einer bäuerlichen Umgebung im Kanton Fribourg (Schweiz), entdeckte Norbert Moret in seiner Collège-Zeit das Musizieren auf Klavier und Orgel. Im Konservatorium von Fribourg begann er mit einem Kompositionsstudium. Nach dem zweiten Weltkrieg, als die Grenzen wieder offen waren, entfloh er dem damals etwas engen geistigen Klima von Fribourg und studierte in Paris bei Olivier Messiaen und René Leibowitz. Einer seiner Kommilitonen war Pierre Boulez, sein Studium schloss er bei Arthur Honegger ab. Um seine Familie zu ernähren, musste er dann in die Schweiz zurückkehren und wurde Lehrer für Gesang und Französisch. Und schliesslich Musiklehrer am kantonalen Lehrerseminar. Er komponierte langezeit nur für sich, ohne mit seiner Musik nach aussen zu gehen, einerseits weil in den Fribourger Musikerkreisen wenig Verständnis für sein zeitgenössisches Komponieren bestand, andererseits, wie er selber sagte, er zu scheu war, mit seinen Kompositionen an die Öffentlichkeit zu gehen. Erst 1974 wurde er am Schweizerischen Tonkünstlerfest in der Deutschschweiz als bedeutender Schweizer Komponist entdeckt und Paul Sacher wurde auf ihn aufmerksam. Seine Musik gilt als klangsinnlich und analytisch sehr durchdacht: obwohl strukturell komplex komponiert (Moret kommt ursprünglich von der Zwölftonmusik, geht dann aber seine eigenen kompositorischen Wege), sind seine Werke stimmungsmässig auch für ein Nicht-Fachpublikum nachvollziehbar. Paul Sacher hat Norbert Moret als Komponisten gefördert und ihm mehrere Aufträge vermittelt. Für Slava Rostropovitch schrieb er ein Cellokonzert und 1988 für die Settimane musicali Ascona und für Anne-Sophie Mutter ein Violinkonzert mit dem die Hörfantasie anregenden Titel «En rêve». Anschaulich sind die Titelüberschriften dieses Träumens, seine Musik aber ist harmonisch, rhythmisch, formal, instrumental raffiniert über alle Sätze durchstrukturiert. Das Konzert ist mit Ann-Sophie Mutter und Seiji Ozawa auch auf CD eingespielt. «En rêve» würde es verdienen, auch unter jüngeren Geigerinnen und Geigern und darüber hinaus bekannt zu werden.
      Hier zu hören:
      Satz 1 Lumière vaporeuse
      Satz 2 Dialogue avec l'Étoile
      Satz 3 Azur fascinant (Sérénade tessinoise)
    • Für Interessierte hier noch eine Höröffner und Hörbegleiter durch das Violinkonzert von Norbert Moret:

      Norbert Moret (1921-1998): «En rêve». Konzert für Violine und Kammerorchester (1988)

      SATZ 1 (LUMIERE VAPOREUSE)


      «En rêve» beginnt mit ersten Klang-Spuren, Melodie-Andeutungen und hellen Celesta-Arpeggien, die leicht in der Luft hängen. Sehr ätherische Stimmung, die Geige fügt sich mit einem langzogenen C in diesen Beginn ein, und erzeugt ein kurzes Erschrecken des Orchesters. Dann wieder diese Stimmung, die wie Lichtspiele oder schwebende Nebelschwaden (lumiere vaporeuse heisst der Satz!) im Raume schweben, die Geige probiert Melodisches und spielt Flageolette-Floskeln, die in diese Stimmung passen.
      Dann aber tritt erstmals in der Geige eine Art dunkle Melodie hervor, die aber schnell abstirbt , das Orchester trägt leise und dann wieder heftig ausbrechende Melodie-Versatzstücke mit ein… Es beginnt ein kontinuierliches Hin und Her schwirrender Klänge, Figuren, heftigen Orchesterausbrüchen, auch die Geige wird mitgerissen, aber entschwirrt immer wieder in flirrende leise, helle und transparente Atmosphären, wie hingepinselt auf helles Glas, oder wie Lichtkegel, die schwirrende Mücken anziehen (wie Moret es selbst einmal selbst beschrieb). Die Geige und verschiedene Orchesterinstrumente und deren Kombination reagieren immer wieder aufeinander, Pizzicatos und Glissandi der Geige mischen sich mit Celestaklängen, dann erhebt sich die Geige zum Ende hin in lichte Höhen, leise Paukenschläge, alles versinkt in Ruhe, die Streicher spielen entrückt nochmals die erste dunkle Geigenmelodie und schliessen diesen formal zwischen diesen Melodien sehr frei wirkenden Satz melodiös ab.

      SATZ 2 (DIALOGUE AVEC L’ETOILE)

      Ein langgezogener Ton D auf der Geige, solo gespielt, eröffnet eine einsame Kadenz der Geige, und erhebt sich zum Fis. Die D-Dur Terz und Terzen überhaupt spielen eine bestimmende Rolle in diesem Satz und könnten das eindrucksvolle Strahlen eines von Moret geliebten Sterns bedeuten, mit dem der Komponist (dafür steht die Tonart F-Dur) in einen mystischen Dialog eintritt. Der Klang eines dazukommenden Vibraphones lässt diesen Dialog noch traumhafter erscheinen. Eine zweite Phase dieses Dialogs beginnt mit dem sanften, fast monotonen Eintritt des Orchesters, das sich auch zur Terz und zum Dreiklang erhebt, der Dialog entwickelt sich weiter und öffnet sich. Ein dritter Abschnitt dieses Dialogs wird elementarer, Geige und Trommel und tiefe Streicher stehen sich heftig gegenüber. Erst langsam tritt wieder eine ruhigere Phase ein, leises Col legno der Streicher. Der Satz endet mit dem stillen Terzen-Leuchten dieses «Etoile» in der Solo-Geige.

      SATZ 3 (AZUR FASCINANT - SÉRÉNADE TESSINOISE)

      Eine Fanfare eröffnet einen von viel Schlagzeug bewegten Schlusssatz, ein Hornmotiv sticht hervor, dann tritt die Geige mit einem tänzerischen eigenen bordunartigen Doppelgriff-Thema dazu. Nochmals erinnern Terzen an den zweiten Satz, aber verschiedene feine Schlaginstrumente eröffnen gleich wieder einen traumartigen Dialog mit der Geige, insbesondere die Celesta stellt in diesem Konzert eine Art kosmische Sphärenharmonie in Azurblau dar. Die traumartige Stimmung bleibt, die Geige kann ihren Zauber spielen lassen, bis das Bordun-Solothema der Geige erneut in einen Tanz mitreisst, diesmal von der Pauke begleitet. Anklänge an Folklore tauchen auf, kurze melodiöse Motive gehen wie im Traum vorbei. Zum Schluss treten wieder die Bordun-Terzen der Geige hervor, das Orchester stösst nochmals mit seiner Anfangs-Fanfare dazu, die Geige sekundiert mit ihren immer wilderen Doppelgriffen, in einer kurzen Coda steigern sich Geige und Orchester in eine begeisternde Klang-Ekstase hinein.

      Falls jemand Lust auf noch mehr Hörbegleiter zu unbekannten Violinkonzerten bekommen hat:
      Hier eine Homepage dazu:
      www.unbekannte-violinkonzerte.jimdofree.com

      Spannende musikalische Entdeckungsreisen wünscht

      Toni
    • Hallo zusammen,

      ich bin etwas erstaunt, dass das meistgespielte Konzert aus dem Zeitraum noch nicht erwähnt worden ist: Schostakowitsch 2. VK cis-moll op. 129 aus dem Jahre 1967. Der Widmungsträger Oistrakh hat viele tolle Einspielungen gemacht, ich mag diese Einspielung:



      Zudem finde ich die Violinkonzerte von Alfred Schnittke sehr gerne, ganz große Musik:



      Und außerdem mag ich das erste Violinkonzert von Sophia Gubaidulina, insbesondere in der Einspielung von Gidon Kremer, dem Widmungsträger:



      Gruß Benno
      Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)
    • Unsuk Chin
      Violinkonzert (2001)
      Viviane Hagner
      Montreal SO
      Kent Nagano

      Das knapp halbstündige Violinkonzert von Unsuk Chin eröffnet eine ganz eigene Klangwelt, die mich an einigen Stellen entfernt an die von John Luther Adams (nicht John Adams) erinnert. Bei ihr steht der Klang im Vordergrund und auch wenn es vier Sätze gibt, hat das Ganze mit einem konventionellen Violinkonzert wenig zu tun. Da schimmert und glimmert es unentwegt und die permanent geforderte Sologeige ist in das Klanggeschehen weitgehend integriert.

      Klanglich eine der besten CDs, die mir je untergekommen ist. Wenn man die Augen schliesst, sitzt man im Konzertsaal 5. Reihe Mitte. Kleines Manko: der Applaus am Ende stört, denn man will die Schlussklänge nachwirken lassen. Insgesamt aber: ganz großes Hörkino.

      FonoForum 10 / 09: »Nicht nur im haarsträubend virtuosen Schlusssatz erweist sich Viviane Hagner als eine herausragende Interpretin, welche die flageolettgespickten Arabesken allerorten in pure Poesie verwandelt. So ein berückend schöner Beginn war lange nicht zu hören, und auch die traumverhangene Melancholie im zweiten Satz ist mit ganz feiner Nadel gestrickt. Und Kent Nagano... lässt die Auftragskomposition der Berliner Symphoniker aus dem Jahr 2001 in fast impressionistischen Farben funkeln.«

    • Giacinto Scelsi: Anahit (1965)

      Ich habe mal in meinem CD Regal geschaut, ob ich zu diesem interessanten Thread was beitragen kann. Dabei bin ich auf dieses wunderbare Stück gestoßen:

      Giacinto Scelsi: Anahit (1965), ein lyrisches Gedicht an Venus gewidmet, für Solovioline und Kammerorchester

      Das Stück lebt von den ungewöhnlichen Klängen und den mikrotonalen Entwicklungen. Es ist zweiteilig mit einer kurzen Solokadenz in der Mitte. Besonders schön finde ich den Moment, wenn das Orchester nach der Solokadenz mit einem unerwarteten Klang wieder einsetzt. Den Schluss mit der aufsteigenden Violinstimme, die wie im Nichts verschwindet, finde ich sehr poetisch.

      Zu meiner Aufnahme habe ich leider kein Bildchen gefunden:
      Polnisches Rundfunkorchester von Krakau unter Jürg Wyttenbach, Solistin: Carmen Fournier

      Viele Grüße

      Pizzicato :wink:

    • (AD: 12. - 20. April 1989, Katherina-von-Alexandria-und-Margarethen-Kirche, Krakau)
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • Andrzej Panufnik Violinkonzert

      Andrzej Panufnik (1914-1991), der polnische Komponist, der die zweite Hälfte seines Lebens im Exil in England verbrachte, schrieb sein einziges Violinkonzert 1971 als Auftragswerk für Yehudi Menuhin. Dieser spielte es auch kurz nach der UA mit dem Komponisten als Dirigent für die EMI ein. Ich glaube nicht, dass ich diese Aufnahme besitze.

      Das Werk ist dreisätzig und nicht allzu lang (22'28). Das Auffälligste ist vielleicht, dass das begleitende Orchester nur aus Streichern besteht. Es gibt bestimmt andere Violinkonzerte, wo das auch so ist, aber mir fällt gerade keins ein. Jedenfalls wirkt das Werk dadurch recht verhalten und wenig auftrumpfend. Stilistisch würde ich es dem Neoklassizismus zuordnen, speziell der letze Satz erinnert auch an Ballettmusik von Stravinsky. Es beginnt mit einer Quasi-Kadenz gleich einer Improvisation über einen Dreiklang, was dann das Orchester aufgreift und weiterführt. Das Adagio ist ein ruhig dahinfliessender Satz mit Misterioso-Effekten. Das Finale rhythmisch sehr bewegt (s.o.).

      Für die letzte 8. Folge der begrüßenswerten Panufnik-Schau des Werbepartners konnte als Solist Alexander Sitkovetsky gewonnen werden, der an der Yehudi-Menuhin-School studiert und das Werk kurz vor dessen Tode mit dem Widmungsträger am Pult aufgeführt hat. Lukas Borowicz dirigiert das KHO Berlin. Die CD enthält noch das Klavierkonzert mit Eva Kupiec und das Cellokonzert mit Raphael Wallfisch als Solisten. Die CD erhält man derzeit als fast kostenlose "Beigabe" bei einer Bestellung beim Werbepartner.